jour fixe

Der jour fixe steht allen offen und findet seit 1983 während dem Semester alle 14 Tage statt. Wer das Angebot in jedweder Form nutzen möchte, möge sich via E-Mail mit uns in Verbindung setzen. Das gedruckte Folder liegt an allen einschlägig bekannten Orten in Freiburg aus und kann auf Anfrage auch postalisch verschickt werden. In der rechten Spalte finden sich alle für das jour fixe-Programm verfassten Texte sowie das Veranstaltungsprogramm mit den dazugehörigen Vortragsankündigungstexten. Einen Teil der Veranstaltungen haben wir mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet und stellen sie hier zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung.

 

JF-Programm WS 2021/2022

 

Die Farbe der Robe
70 Jahre höchstrichterlicher Rechtsfetischismus

Rechtspräparate im Event-Cube – Ging einer während der spätsommerlichen Feiern zum siebzigjährigen Beste­hen des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG) in Karls­ruhe spazie­ren und gelangte dabei auf den Marktplatz, dann stand er vor einem gläsernem Mehrper­sonen-Sarkophag, der auf der Internetpräsenz des BVerfG ohne Scham und ohne erkennbare Ironie als ›Event-Cube‹ zum 70jähri­gen bewor­ben wurde. Darin schlief nicht Schneewitt­chen alias Justitia einem Königssohn mit Prädi­katsexamen entgegen, sondern dort waren geschlechtslose Bun­desorgane der Rechts­pflege wie im Dornröschenwintergarten in unbenannten justi­ziellen Ver­richtun­gen erstarrt, stumm und lebensgroß, gesichtslos und wie im Stehen auf­gebahrt. Der fachdidak­tische Zweck dieser Inszenierung besteht ersichtlich darin, die Symbolkraft der Richter­robe zum Ausdruck zu bringen, also das verfassungs­geberische Votum für die ver­meintlich reine ›Herr­schaft des Rechts‹ (so der Titel der zum Jubiläum des BVerfG von der Bundes­zentrale für poli­tische Bildung heraus­gegeben Zeit­schrift Aus Politik und Zeit­geschichte), und das heißt nichts anderes als: die sin­gulär post­nazistische und doch schon von Hegel eingeleitete Verdrängung und Verschie­bung von Gewalt und Sou­veränität in die rechtsstaatliche Gebor­genheit, staats­bürgerliche Siche­rungsver­wahrung und schein­bare Immanenz einer zeitlos reinen Rechtslehre, der Kelsen'­schen Grundnorm mit all ihren sub­sump­tions­logischen Deduktionen und begriff­lichen Netz­werken mit­tels eines ganz beson­deren Verfassungsorgans – gleichsam des Kehlkopfs der Souve­rä­nität. [Weiterlesen]

 

Aktuelles Programm

Alle Vorträge finden bis auf Weiteres um 19 Uhr als Zoom-Konferenzen statt.

 

November

 

Donnerstag, 18. November 2021, 19 Uhr

Buchvorstellung Die jüdische Kriegsfront von Wladimir Ze’ev Jabotinsky

1940, in seinem letzten, erst posthum erschienen Buch reflektiert Vladimir Ze’ev Jabotinsky die Situation der europäischen Juden und des Zionismus angesichts der sich anbahnenden Katastrophe. Zwar schon ahnend, dass mit dem Nationalsozialismus der bis dato gegenwärtige Antisemitismus in eine neue, auf systematische Vernichtung abzielende Etappe eingetreten ist, entzieht sich aber auch Jabotinsky, dass man in Deutschland auf totale Vernichtung der Juden aus ist. So kommt er dazu, die Alliierten aufzufordern, das jüdische Schicksal in Europa als weitere Kriegsfront gegen Nazi-Deutschland zu verstehen, erkannte er doch, dass für die Deutschen der Krieg vor allem ein Krieg gegen die Juden war. Jabotinsky setzt sich, wie schon im Ersten Weltkrieg, dafür ein, eine jüdische Legion aufzustellen; vor allem aber organisiert er die massenhafte Evakuierung von Hunderttausenden europäischer Juden nach Palästina. Die Alliierten, so Jabotinsky, müssten die Juden als Partei in diesem Krieg anerkennen, da sie am meisten unter den Deutschen litten. Jabotinskys politische Priorität, die sich aus seiner Zeitzeugenschaft der Pogrome im Zarenreich ergab, war die Rettung und Erhaltung jüdischen Lebens, wofür er die Errichtung eines jüdischen Staats mitsamt schlagfertiger Verteidigungsarmee als unerlässlich erachtete. Die jüdische Kriegsfront bietet die letzte Momentaufnahme der Situation der Juden in Europa und der zionistischen Bewegung vor der Shoah.

Es spricht Anselm Meyer (Berlin), der zusammen mit Renate Göllner und Gerhard Scheit den von Lars Fischer übersetzten Band von Jabotinsky im ça ira-Verlag herausgegeben hat. Er ist Historiker und arbeitet derzeit zum Verhältnis von Ernährungs- und nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.

 

Dezember

 

Montag, 6. Dezember 2021, 19 Uhr

Buchvorstellung Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand

Die gegenwärtige Israel-Boykottbewegung behauptet, 2005 als Reaktion auf einen Aufruf der »palästinensischen Zivilgesellschaft« entstanden zu sein. Sie wolle für Menschenrechte eintreten und sei nicht antisemitisch. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Bewegung vernebelt durch die Berufung auf die Zivilgesellschaft ihre tatsächlichen Wurzeln. Es geht ihr nicht um vermeintliche ›Rechte‹ von Palästinensern, sondern um die Dämonisierung und Delegitimierung Israels. Sie vertritt alten Hass in neuem Gewand. In ihrer Propaganda wird Israel auf grotesk verzerrte Art und Weise diffamiert, ausgesondert und nicht nach den gleichen Maßstäben behandelt wie alle anderen Länder der Welt. Hieß es früher ›Kauft nicht bei Juden!‹, so lautet die Parole heute: ›Boykottiert Israel!‹

Es sprechen Alex Feuerherdt, Publizist und Betreiber des Blogs Lizas Welt, und Florian Markl, der für den unabhängigen Nahost-Think-Tank Mena-Watch arbeitet. Sie sind Autoren des bei Hentrich & Hentrich 2020 erschienenen Bandes Die Israel-Boykottbewegung: Alter Hass in neuem Gewand.

 

 

Donnerstag, 16. Dezember 2021, 19 Uhr

Die »Verschwörung der Asche von Zion«. Zum postkolonialen Angriff auf die Singularität des Holocaust

Das Gedenken an den Holocaust wird seit einigen Jahren von antirassistischen und postkolonialen Theoretikern radikal in Frage gestellt. Insbesondere Michael Rothbergs auch in Deutschland gefeierte Theorie einer »multidirektionalen Erinnerung« stellt die ›Verflechtung‹ von Gewaltgeschichten in den Vordergrund, um einer, wie er meint, gefährlichen ›Opferkonkurrenz‹ vorzubeugen und von Rassismus betroffene Menschen in den sogenannten westlichen Erinnerungsdiskurs zu integrieren. Zu diesem Zweck wird es als produktiv erachtet, die Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden in kolonialen Termini zu erzählen und die Geschichte von Kolonialverbrechen auf den Holocaust zu beziehen, um damit eine Solidarität der Opfer von Massenverbrechen herzustellen. Der Vortrag kritisiert diese erinnerungspolitische Strategie, indem gezeigt wird, dass durch sie der Holocaust und der Antisemitismus ihrer Spezifik beraubt werden und an ihre Stelle ein »universell drapierter moralisierender Diskurs über unterschiedslose Opferschaft« (Dan Diner) tritt. Die volkspädagogischen Dogmen und die in der politischen Praxis vertretene Agenda dieses ›Diskurses‹ sind israelfeindlich und verharmlosen den Antisemitismus der ›Subalternen‹ oder ›Anderen‹.

Es spricht Ingo Elbe, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. Von ihm erschien zuletzt: Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne.

 

Januar

 

Donnerstag, 13. Januar 2022, 19 Uhr

Rappers Deutsch – Zwischen Warenform und Rebellion

Als Thomas Gottschalk 1980 gemeinsam mit seinen beiden damaligen Fernsehkollegen als Teil von GLS United beschloss, den Song Rappers Delight der amerikanischen Sugarhill Gang um eine deutsche Version zu ergänzen, konnte er nicht ahnen, was er damit lostreten sollte. Über 40 Jahre später ist Deutschrap zu einer der wichtigsten sogenannten Jugendkulturen der deutschsprachigen Staaten geworden, deren Protagonisten ihr Image mittlerweile auch über Shisha-Tabak, Eistee und Tiefkühlkost vermittelt zum Konsum anbieten, stets gewürzt mit einer gehörigen Prise Verachtung für diejenigen, die Hans Meyer in seinem gleichnamigen Buch als Außenseiter auf den Begriff brachte. Obwohl die Inszenierung eines Großteils der Protagonisten der Szene jeden abstoßen müsste, dem es im Entferntesten um Kritik und die Abschaffung von Ausbeutung und Herrschaft zu tun ist, erfreut sich das Genre nicht nur großer Beliebtheit innerhalb der linken Szene, sondern besitzt seit fast 20 Jahren eine eigene Forschungsrichtung, die fleißig die intersektionale Ideologie zum kritischen Konsum liefert. Dabei können die akademischen Apologeten sich ein Spiegelspiel mit den konservativen Kritikern des Genres liefern, in dem beide Seiten stets gegeneinander Recht haben.

Es spricht Valentin Goldbach (Berlin), der an einem Buch zum Antisemitismus im Deutschrap arbeitet.

 

 

Donnerstag, 27. Januar 2022, 19 Uhr

Buchvorstellung: Ein Lichtlein für die Toten. Flüchtlingsabwehr, Klimaschutz und Corona

In den letzten sechs Jahren, aus denen die Beiträge des Bandes stammen, trieb, wie es scheint, die Gesellschaft des Kapitals von einer Krise in die nächste. Schon die sogenannte Flüchtlingskrise galt als ›Jahrhundertkrise‹, dicht gefolgt von der ›Klimakrise‹, die den nahen Untergang verhieß, sollte kein ›radikales Umdenken‹ erfolgen. Seit Anfang 2020 bedroht nun auch noch ein Virus nicht nur die Gesellschaft des Kapitals, sondern unmittelbar Leib und Leben der Individuen auch in den Metropolen. So verlockend es sein mag, alle diese Krisen ›ideologiekritisch‹ aufeinander zu beziehen, womöglich gar unter einem einzigen Begriff zu fassen, so falsch wäre es, die ideologischen Reaktionen auf diese Krisen allzu schnell unter eine autoritäre, postmoderne oder neoliberale Subjektverfassung zu subsumieren, so als ob es die Sachen selbst (etwa den Krieg in Syrien, den Wandel des Klimas oder ein tödliches Virus) gar nicht gäbe oder man vom Leiden der Flüchtenden, Verarmten und Kranken einfach abstrahieren dürfe. Dennoch haben die Krisen der vergangenen Jahre etwas gemein. So wie sich die Gesellschaft des Kapitals unter dem ökonomischen Zwang, sich permanent selbst zu revolutionieren, nur durch beständige Krisen hindurch erhält, so pendeln auch die Subjekte in jeder als Krise wahrgenommenen Situation antinomisch zwischen dem Zynismus, die ›Krise als Chance‹ verstehen zu müssen, und Untergangsfantasien, die zumeist auf sadistische Lust an Entsagung, Abschottung und Zerstörung zielen.

Es tragen vor, denken laut und streiten Autoren des bei ça ira erscheinenden Sammelbandes; Co-Autor Christian Thalmaier (Freiburg) wird moderieren.

 

Februar

 

Donnerstag, 10. Februar 2022, 19 Uhr

Der gewöhnliche und der außergewöhnliche Deutsche. Anmerkungen zu Joseph Beuys

Beuys polarisierte und polarisiert: Als Bürgerschreck genoss er zu Lebzeiten die Sympathie der Linken, die sich von den Schwingungen nicht irritieren ließ, in denen jene Elemente nationalsozialistischer Ideologie nachklangen, die von ihr selbst verdrängt werden mussten. Zum 100. Geburtstag von Beuys im Jahr 2021 wurde in den Museen gefeiert und zugleich mit Bedenken zurückgeblickt. So erscheint die Figur Beuys heute zum einen als politischer Künstler, dessen künstlerische Strategien in der zeitgenössischen Praxis vorbildlich sind und dessen Themen nun zur Grundausstattung künstlerischer Haltung gehören, zum anderen als Gestalt aus dunklen Zeiten, deren Welt man nicht recht entziffern möchte. Man kontextualisiert ihn, wie es im Fachjargon heißt, um ihm posthum den Weg heraus ans Licht zu weisen: Er sei noch zu gebrauchen. Gegen diese Trennung in den kritischen und den problematischen Beuys aber ginge es darum, den Zusammenhang zu rekonstruieren, den sowohl Rezeption als auch künstlerische Produktion beständig zerschneiden möchten. Beuys ist im psychoanalytischen Doppelsinn des Wortes unheimlich. Als Künstler, dessen Werk im Leben aufgehen sollte, verwirklichte er die postnazistische Transformation zugleich in der Intimität des Materials als auch geistig: aus der Perspektive des außergewöhnlichen Deutschen.

Es spricht Till Gathmann (Berlin), Redakteur der Zeitschrift sans phrase und Typograf, der neuerdings die Publikationen des ça ira-Verlags mitgestaltet.

Audiodateien

Dankenswerterweise hat sich das Audioarchiv bereitgefunden, diese Audio-Dateien zu hosten.

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