jour fixe

Der jour fixe steht allen offen und findet seit 1983 während dem Semester alle 14 Tage statt. Wer das Angebot in jedweder Form nutzen möchte, möge sich via E-Mail mit uns in Verbindung setzen. Das gedruckte Folder liegt an allen einschlägig bekannten Orten in Freiburg aus und kann auf Anfrage auch postalisch verschickt werden. In der rechten Spalte finden sich alle für das jour fixe-Programm verfassten Texte sowie das Veranstaltungsprogramm mit den dazugehörigen Vortragsankündigungstexten. Einen Teil der Veranstaltungen haben wir mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet und stellen sie hier zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung.

 

Programm Sommer 2021

Ein Lichtlein für die Toten
Bemerkungen zur Pandemie

Keine Naturkatastrophe. – Die weltweite, nach dem Corona-Virus SARS-CoV-2 benannte Pandemie ist keine unvermittelte Naturkatastrophe, sondern eine aus der permanenten Krise des Kapitalverhältnisses resultierende Kollateralkrise. Die Ausbreitung des Virus und seine zerstörerischen Wirkungen auf die Lungen, Gefäße und Nerven von Millionen Menschen hätten auf dem erreichten Stand der Technik und des medizinischen Repertoires zumindest vorausgesehen und verhindert werden können. Mit Pandemien war spätestens seit der SARS-Pandemie 2002/2003, der ebenfalls pandemischen Schweinegrippe 2009/2010 und den Ebolafieber-Epidemien der Jahre 2014 bis 2020 in Westafrika, der Demokratischen Republik Kongo und Uganda ständig und überall zu rechnen. Aber so wenig, wie unter den Bedingungen des Kapitalverhältnisses Hunger ein Grund für Produktion ist, so wenig war die Gefahr durch Pandemien Anlass für die gesellschaftliche Produktion von Sicherheit, obwohl die entsprechenden Katastrophenschutz- und Pandemiepläne seit langem bereitliegen. Denn die Konkurrenz der einzelnen Kapitale und der Staaten lässt systematisch keinen Raum für den schonend ›nachhaltigen‹ Verbrauch kostenloser Natur und kostspielige globale Vorsorge. Dass der Einzelne irgendwann in die Natur, aus der er kommt, mit oder ohne Hoffnung auf Auferstehung zurücksterben muss, kann die Einsicht nicht relativieren: dass der Tod wegen oder auch mit Corona ebenso wie Hunger und Armut vermeidbar wäre. In vernünftigen Verhältnissen, von denen wir wenig aber genug wissen, müssten ›wir‹ also entgegen der Auffassung des Virusverstehers Hendrik Streeck (Hotspot. Leben mit dem neuen Corona-Virus. München 2021) mit dem Virus weder leben noch sterben. [Weiterlesen]

 

Aktuelles Programm

Alle Vorträge finden als Zoom-Konferenzen statt.
Link: https://zoom.us/j/98711594284?pwd=Mk5jVFhKUXRwcHRyekxhdDlpVFNVUT09

 

Mai

 

Donnerstag, 27. Mai 2021

Pangermanismus
Edvard Beneš und die Kritik des Nationalsozialismus

Für eine Diskussion des Verhältnisses von westlicher Staatsidee und völkischem Staat ist ein Blick auf die Gedankenwelt von Edvard Beneš, des Mitbegründers, langjährigen Außenministers und zwei­ten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik von Interesse, war er doch nicht nur als aktiver Politiker, sondern auch als die gesellschaftlichen Verhältnisse reflektierender Denker mit völki­schem Nationalismus konfrontiert. Auch wenn Beneš besonders in der heutigen deutschen Rezeption oft selbst als völkischer Politiker dargestellt wird, wurde er von seinen völkischen Zeitgenossen als Vertreter des westlichen, antisemitisch konnotierten Staates ver­dammt, da er einem westlichen, am Individuum orientierten Be­griff des Staates folgte, den er allerdings ab Mitte der zwanziger Jahre im Rückzug und die Demokratie in einer Krise sah. Auf diese Bedrohung reagierend, entwickelte Beneš in seinen Schriften eine deutliche Unterscheidung der Rolle des Staates im faschistischen und im nationalsozialistischen System. Ist für ihn der Faschismus eine Reaktion auf den liberalen Staat, nähre sich der Nationalsozia­lismus auch aus anderen, eben völkischen Quellen, die ihn noch gefährlicher machten.

Es spricht Florian Ruttner, Autor des bei ça ira erschienen Bu­ches. Momentan arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Außenstelle des Münchner Collegium Carolinum in Prag und beschäftigt sich mit tschech(oslowak)ischer Geschichte, der Kritik völkischer Bewegungen, der Kulturindustrie sowie deutscher und österreichischer Erinnerungspolitik.

 

Juni

 

Donnerstag, 10. Juni 2021

Buchvorstellung

Schriften zu Planwirtschaft und Krise
Friedrich Pollock, Gesammelte Schriften II

Die Russische Oktoberrevolution wirkte auf die Linke weltweit wie ein Fanal. Wie auch immer man zum jakobinischen Marxismus der Bolschewiki stehen mochte, so waren sie doch die ersten, die die gesamte Gesellschaft nach kommunistischen Ideen umzugestal­ten versuchten. Dazu gehörten allen voran die Verstaatlichung des Privateigentums an Produktionsmitteln und die Einführung der Planwirtschaft. Auch in Deutschland blickten Linke mit großem Interesse auf das sowjetische Experiment. Einer von ihnen, Fried­rich Pollock (1894­1970), Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, machte sich 1927 sogar auf eine Forschungsreise nach Moskau, um die Fortschritte der Planwirtschaft aus der Nähe zu begutachten. Er war überzeugt davon, dass der liberale Kapitalis­mus in einer tiefgreifenden Krise steckte, die er mit den ihm eigenen Funktionen nicht mehr lösen konnte. Sein Resümee fiel eher nüch­tern aus – und doch glaubte er, aus dem russischen Beispiel lernen zu können, wie es in Zukunft besser gemacht werden könnte. Die Haltung Pollocks zur Sowjetunion wurde nach dem Tod Lenins im­mer kritischer und schließlich offen feindselig, aber an der Notwen­digkeit der Planwirtschaft hielt er bis zuletzt fest.

Ein Gespräch mit Philipp Lenhard (München), Herausgeber der Gesammelten Schriften Pollocks, anlässlich des Erscheinens des zweiten Bandes im ça ira Verlag.

 

 

Donnerstag, 24. Juni 2021

Vom Neinsagen, Katastrophen­sehnsucht und Bündnissen
Einführung in das Werk Klaus Heinrichs

Klaus Heinrich, der 2020 verstorbene Religionswissenschaftler und Mitbegründer der Freien Universität Berlin, war nicht nur im wis­senschaftlichen Betrieb des Nachkriegsdeutschland eine Ausnah­meerscheinung. Seine stets in Bewegung und frei vorgetragenen Vorlesungen, die nebst Vorträgen und kleineren Schriften zuerst bei Stroemfeld und seit 2019 im ça ira-Verlag erscheinen, bieten auch für die Konflikte der Gegenwart eine große Fülle an Anknüpfungs­punkten. Seine Religionswissenschaft auf religionsphilosophischer Grundlage unternimmt den unermüdlichen Versuch, auf der Basis von Freuds Psychoanalyse und Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung und in der Auseinandersetzung mit den spannungsrei­chen Stoffen der Religionen und Mythen, der durch ihre Geschich­te hindurch stets von Selbstzerstörung bedrohten menschlichen Gattung »ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben.« Klaus Heinrichs Arbeiten, die man auch als eine materialistische Kritik sowohl lo­gischer wie theologischer und ästhetischer Denkformen begreifen kann, erlauben es, diese noch in ihrer abstraktesten Gestalt zugleich als sedimentierte geschichtliche Inhalte zu lesen, als prekäre Ver­suche, die Angst vor äußerer Bedrohung und innerer Zerrissenheit durch Verschiebung und Stillstellung zu bewältigen oder zu ver­drängen. Der Vortrag gibt eine erste Einführung in Heinrichs Den­ken, das seinen zeitlosen und doch sehr genau an die Erfahrung des Nationalsozialismus gebundenen Ausgangspunkt in folgender Frage hat: »Ist die verdrängungsfreie Realität nur zu erkaufen durch Aufgabe der auf Verdrängungen aufgebauten Zivilisation, oder gibt es Formen der ebenfalls zivilisatorischen Sublimierung, die dennoch nicht verdrängend sind?«

Es spricht Rolf Bossart, Publizist und Lehrbeauftragter für Reli­gionswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit dem Werk von Klaus Heinrich.

 

 

Juli

 

Donnerstag, 8. Juli 2021

Speerspitze des postkolonialen Antisemitismus
Achille Mbembes ›Nekropolitik‹ als Handreichung für deutsche Erinnerungskultur

Die Frage, die Mbembe schon in seinem Essay Israel, die Juden und wir von 1992 stellte – wie aus den ›Opfern von gestern‹ die ›Verfol­ger von heute‹ geworden sein können, die den »krankhaften Wil­len zum Nichts« des Holocaust verinnerlicht und so den »Platz der Mörder« eingenommen hätten –, findet hier eine Antwort. Insofern das »Transzendente« der von Israel instituierten ›Opferreligion‹ – anders als im palästinensischen Märtyrertum – niemals im »eige­nen Tode gegründet ist, muss es der Opfertod von jemand anderem sein, durch welches das Heilige sich etabliert.« In der Behauptung, die Israelis würden die Palästinenser ihrem vergöttlichten Allge­meinwesen zum Opfer bringen, unterstellt Mbembe dem jüdischen Staat nicht nur die Wiedereinführung des Menschenopfers, welches das Judentum historisch abgeschafft hatte, sondern liefert auch eine Neuauflage der klassischen Ritualmordlegenden. Wie schon in Necropolitics nimmt Mbembe auch hier wieder die Unterscheidung zwischen Südafrika und Israel vor: Während es ersterem mit der Einrichtung einer Versöhnungskommission nach der Überwindung der Apartheid gelungen sei, der Gefahr der Errichtung eines solchen Opferfetischs zu entgehen, habe letzteres – von der Erfahrung der Judenvernichtung getrieben, die es zu seinem nationalen und damit partikularen Narrativ gemacht habe – solch eine Opferreligion, die zugleich auch eine Opferökonomie darstelle, aufgerichtet: »Jene Staaten«, so beschließt Mbembe den Gedanken, »die sich haupt­sächlich als Opfersubjekte definieren, erweisen sich allzu oft als von Hass erfüllte Subjekte, das heißt als Subjekte, die niemals aufhören können, den Tod zu mimen, indem sie andere opfern und ihnen all jene Grausamkeiten zufügen, welche sie einst selbst als Sühneopfer zu erleiden hatten.«

Es spricht Alex Gruber (Wien), der als freier Autor in Wien lebt und Redakteur der sans phrase – Zeitschrift für Ideologiekritik ist.

 

 

Donnerstag, 22. Juli 2021

Vom Elend der Flüchtlinge und derer, die ihnen helfen wollen

Die Genfer Flüchtlingskonvention wurde 1956 verabschiedet, um Flüchtlinge mit einem starken Rechtstitel auszustatten und zu schützen. Davon ist heute in Europa wenig gebelieben: Menschen, die in Europa Asyl beantragen, erscheinen den einen als Bedrohung, die mit quasi militärischen Mittel von den Außengrenzen fernge­halten werden sollen, den anderen als beklagenswerte Hilfsemp­fänger. »Moria­Wahnsinn« betitelt Thomas von der Osten­Sacken daher seine kurzen Kolumnen, mit denen er luzide und angemessen verzweifelt über die Lage der Flüchtlinge auf Lesbos und anderswo berichtet. Mit seinen Texten macht er nicht nur auf das nicht enden wollende Elend aufmerksam, sondern analysiert auch, warum die­ses im Rahmen der Flüchtlingspolitik der europäischen Länder so geduldet und gewollt wird. Das betrifft auch diverse NGOs, denen es mit ihren aufwändigen und Barmherzigkeit erheischenden Kam­pagnen gelingt, Geld­ und Sachspenden einzufahren, die vor Ort weder gebraucht werden noch einen anderen Nutzen haben, als die Gutherzigkeit der Geber in den Mittelpunkt zu stellen.

Es spricht Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer der Hilfs organisation Wadi e.V. und als solcher seit über 20 Jahren re­gelmäßig im Nahen Osten unterwegs. Er ist freier Publizist und schreibt u.a. für die Jungle World und Die Welt. Seit drei Jahren un­terstützt und berät er zudem Stand by me Lesvos, eine lokale Hilfs­organisation, die unterschiedliche Selbsthilfeprojekte von Flücht­lingen unterstützt.

Audiodateien

Dankenswerterweise hat sich das Audioarchiv bereitgefunden, diese Audio-Dateien zu hosten.

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