Metaphysik der Deutschmark

Initiative Sozialistisches Forum

Metaphysik der Deutschmark

Einladung zum jour fixe Herbst/Winter 1997/98

Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles: Aus diesem abgefeimten Realismus spricht die Mutter aller bürgerlichen Lebensweisheit. Das Geld soll das Wesen aller Dinge sein, das der Menschen sowieso. Es ist der Inbegriff von allem und jedem, aber dieser Inbegriff begreift nichts außer sich selbst, ist er doch nichts als die totale Quantität. Das Geld ist der absolute Demokrat und große Gleichmacher, aber der Maßstab, mit dem es vergleicht, kommt ohne alle moralische Wertung aus, ist vielmehr der Wert selbst. Armut schändet nicht: Wer nichts hat, muß kein schlechter Mensch sein. Daß, wer kein Geld hat, zwar nicht immer, aber immer öfter zu moralisch und juristisch fragwürdigen Handlungen getrieben wird, hat mit dem Geld an und für sich nichts zu schaffen. Eine Mark ist eine Mark, ob für den Bettler oder den Börsianer. Geld ist wertfrei, im Guten wie im Bösen, ganz wie der Beton in der Reklame der Zementindustrie: Es kommt eben darauf an, was man draus macht. Geld ist genug da, nur sein Gebrauch ist gewußt wie. Jeder kann Geld gebrauchen, ohne zu wissen, was Geld ist. Aber wie und wozu man es gebraucht, das soll eine Frage von Anstand und Gesinnung sein. Ein Hammer ist ein Hammer. Was kann der Hammer dafür, wenn unter seinem Schlag der Schädel splittert? Das Geld verlangt nach pfleglichem Umgang, nach Sorge. So wertfrei es auftritt, so drastisch proklamiert es seine Lektion: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist die D-Mark nicht wert. Das ist die moralfreie Moral der Mark.

Das Eigentum, hat man’s erst ergattert, verpflichtet. Dienen geht vor Verdienen, sonst rutscht das Gemeinwohl in den Orkus. “Deutschland”, weiß die zeitlose Gräfin Dönhoff zu nölen, “ist von einer Kulturnation zu einer Konsumnation geworden. Alles Metaphysische, jeder transzendente Bezug ist ausgeblendet, das Interesse gilt ausschließlich dem Produzieren, Konsumieren, Geldverdienen”. Kurzum: Wir leben, sagt die Gräfin, in einer “Raff-Gesellschaft”, das darf nicht sein, denn “Geld ist nicht genug”; deshalb ergeht der Aufruf an alle Menschen guten Willens: “Zivilisiert den Kapitalismus!” So wertfrei das Geld, so magnetisch zieht es die konservative und völkische Kulturkritik an. Daß man alles mit ihm anfangen kann, Brot für die Welt und Auftragsmord, das erregt. Wer sich um die Herkunft des Geldes nicht kümmert, sorgt sich um so mehr um seine Zukunft. Denn falscher Geldgebrauch sei das Ergebnis eines “hemmungslosen Materialismus”, des Primats des Habens über das Sein. Was ist geschehen, daß man in Zeiten zu leben hat, in denen selbst Ex-Leutnant Helmut Schmidt davor warnt, “sich einem neuen, ungebändigten, weltweit spekulativen Raubtier-Kapitalismus hinzugeben”? In Zeiten, in denen die überschwengliche Häufung kritischer Prädikate nur zum Zwecke der Apologie geschieht, das heißt der Agitation für den Mutter-Theresa-Kapitalismus, in Zeiten, in denen die Kritik sowohl der staatstragenden Rechten wie der opponierenden Linken den Konsequenzen gilt, nie der Prämisse? Derlei Gequengel dient der Selbstbespiegelung einer Gesellschaft, die sich Selbsterkenntnis nur als Ideologie schaffen kann: Die Forderung, den Kapitalismus vor der Bestie, die er höchstselbst ist, zu beschützen, der Appell, Maß zu halten, die Propaganda für Gemeinnutz vor Eigennutz: All dies ist so wenig kritisch, daß es in ethisch korrektem Investment den Gipfel der Sittlichkeit erklimmt: Teppiche aus Indien – aber mit dem Gütesiegel der Kinderschützer; Öl aus Nigeria – aber nur mit Erlaubnis von Amnesty international; Mahagoni vom Amazonas – wenn Greenpeace zustimmt; Ausbeutung jederzeit – wenn der DGB die Lizenz erteilt. Es scheint, die Gesellschaft der Grausamkeit könne nicht haushalten ohne eine kulturkritische Florence-Nightingale-Fraktion, die ihr das Schlaflied singt, und nicht auskommen ohne Leute, die es sich zur Mission gemacht haben, das gute Gewissen des Staates aufzuführen und seine eigentliche Berufung: die zum Gemeinwohl, in Szene zu setzen. Wenn das Kapital und sein Geld derart von Staats wegen kritisiert werden, ist Vorsicht geboten. Denn Geld tut gut, so gut, wie Habsucht und Egoismus das Niedrigste am Menschen zutage fördern. Das Geld bringt die Not der Selbsterhaltung mit der Sehnsucht der Selbstverwirklichung auf einen Nenner, d.h. die Identität von Sparsamkeit und Reichtum – und so drückt das Sprichwort vom Gelde, zu dem doch alles drängt, nichts anderes aus als die Einheit einer ins Zynische stechenden Gesellschaftserkenntnis mit ihrer rückhaltlos resignativen Anerkennung. Die falsche Behauptung, die Nachfrage sei das alltägliche Plebiszit der Konsumenten, läßt sich daher mit gleichem Recht auch dahingehend formulieren, daß das Angebot das alltägliche Diktat der Produzenten ist. Denn so nüchtern, praktisch und geradezu technisch das Geld als Diener aller Zwecke, die Menschen sich nur setzen können, daherkommt, so metaphysisch wird den Verdienern zumute, wird nur ein Hauch von Krise spürbar. Denn das Geld ist das eine, die Deutschmark das andere. In der Krise zeigt sich, daß es die Wirtschaft, die unser Schicksal sein soll, nicht gibt. Dann demonstriert sich schlagend, daß das Geld die soziale Vereinheitlichung nicht als Geld schlechthin, sondern in seiner nationalen Kleidung und folkloristischen Gestalt, als Währung vollbringt. Es gibt keine Wirtschaft, die nicht zugleich Staat wäre, keine Ökonomie, die nicht zugleich Politik, kein Geld, das nicht zugleich, als Währung, den ökonomischen Ausdruck staatlicher Souveränität darstellte. Die Mark ist, das immerhin weiß die “Frankfurter Allgemeine”, wenn sie auch sonst nichts weiß, “das stärkste nationale Symbol der Deutschen”. Und man dachte, das sei Goethe.

Wer die Mark nicht ehrt, ist den Staat nicht wert: Was sie zu Subjekten macht, die Individuen, das wissen sie nicht, was sie zu Deutschen macht, das allerdings wissen sie genau: die Stabilität der Deutschmark, um die uns ein Planet beneidet. So vehement über das Geld als Inkarnation des schnöden Mammon hergezogen wird, so andächtig wird es, hat es nur die Gestalt der deutschen Währung, als Inkarnation nationaler Schaffenskraft angestaunt. Das macht: Das Individuum als Subjekt des bürgerlichen Rechts ist real fiction, nichts als der imaginäre Punkt, in dem sich die Transaktionen des Marktes in eins setzen, die halluzinierte Kreuzung, auf der das Kaufen und Verkaufen, das Aneignen und Übereignen geschieht, nur der juristische Zurechnungsort, in dem sich die parallelen Bahnen der Privateigentümer schneiden. Identität, der ganze Stolz des Subjekts, ist so das Selbstbewußtsein der Waren in ihrem Austausch, das Bewußtsein ihrer Identifikation als gleicher Werte, der bestimmte Instinkt ihrer Äquivalenz. Im Subjekt denkt sich die Ware. Die Ware denkt sich ein Subjekt aus, als dessen fleischliches Podest und stofflicher Träger das Individuum herhält. Unterm Diktat der Selbsterhaltung glaubt das Individuum – nichts als bedürftiger Körper –, in Form des Subjekts mit den Dingen als Gebrauchswerten sich zu vermitteln: Indem sich das Individuum mit den Gebrauchswerten ins Verhältnis setzt, wird es tatsächlich als Subjekt mit den Waren ins Verhältnis gesetzt. Diese Identifikation der Gebrauchswerte als Waren erscheint, wie als Erkenntnisleistung des Subjekts, so als Vergesellschaftungsleistung des Werts. Wie sich die Ware im Fleisch des Individuums ein Subjekt ausdenkt, so schöpft sie sich im Stoff des Gebrauchswerts ein Objekt. Was die Dinge material sind, das sind sie nicht funktional: Sie täuschen über sich selbst. Die Dinge sind sie selbst, und sie sind es zugleich nicht. Das Sinnliche, das Materielle des Dings ist nur gegeben durch das Übersinnliche, das Metaphysische seiner Funktion. Nur das vermag gesellschaftlich als Materie, sei es als Körper, sei es als Gebrauchswert sich zu bewähren, was durch das Nadelöhr seiner Funktionalisierung schlüpft. Eben darin besteht das Paradox der bürgerlichen Gesellschaft, daß, auf dem Markt der Subjekte, jeder jeden durch das Privateigentum ausschließt, und daß dieses System des wechselseitigen und totalen Ausschlusses doch zur Einheit der Gesellschaft führt: absolute Einheit durch totalen Ausschluß. Synthesis durch Spaltung also: Aber dies Paradox beläßt es nicht dabei, als himmelschreiender Gegensatz und haarsträubender Widerspruch zu existieren, sondern es wirft sich in die sachliche, dingliche Form des Geldes. Der Widerspruch löst sich, indem er sich eine Bewegungsform schafft. Das Paradox wird handgreiflich. Die Identität der Gesellschaft mit den von ihr abgespaltenen Subjekten erscheint in der unmittelbaren Allgemeinheit des Geldes. Das Geld ist die Gesellschaft in der Hosentasche. Im Geld wird die Qualität der Gesellschaft als einer antagonistischen zum quantifizierbaren Ding und transformiert sich der gesellschaftliche Charakter der Relation der Menschen aufeinander, d.h. ihre wesentliche Eigenschaft als ausbeutbare und beherrschbare, in ein Verhältnis von Sachen, die Subjektform annehmen.

Das ist natürlich die pure Metaphysik, aber die wirkliche, die gesellschaftspraktische Metaphysik. An dieser Stelle nimmt auch die Metaphysik der Deutschmark ihren Anfang. Denn es gibt keine Ökonomie, es gibt nur politische Ökonomie: Nationalökonomie. Die Individuen können im ökonomischen Sinn nur Subjekte sein, wenn sie es auch im politischen sind. Subjektform ist Rechtsform: das impliziert den gewaltmonopolistischen Souverän. Das Individuum, das unter der Form des Subjekts die zur Selbsterhaltung unvermeidliche Identität annimmt, hat sie nur als juristischen Schein, als bloße Form, die sich erst durch die Potenz der Leiblichkeit, die Arbeitskraft, hindurch zu bewähren hat; diese Bewährung allerdings hängt, anders als im Recht, nicht davon ab, was man tut oder läßt. Ob die Kapitalisierung der Arbeitskraft gelingt oder nicht, liegt nicht in der Kompetenz des Subjekts. Ist sie jedoch kapitalisiert, stellt sie sich als Besitz von und Verfügung über Geld dar. Die Identität des Geldbesitzers beharrt auf der Stabilität der Währung. Jetzt kehrt das Geld die Rückseite der Medaille heraus: Eichenlaub und Bundesadler. Wußte man zuvor nicht, was eigentlich die Zahl auf der Vorderseite bezeichnen soll, von was sie Hundert ist, und was die Einheit ist, in der sie so exakt mißt wie der Meter den langen Marsch und das Kilo die Schwerkraft der Verhältnisse, so erscheint nun als Maß der Souverän selbst, d.h. die politische Inkarnation der Gesellschaft. Zehn Mark sind zehn Anteile an der Gesamtgesellschaft, zehn von einer Totalität, deren Summe ungewiß ist, zehn Mark von einem Ganzen, das keinen Preis hat, das vielmehr die Bedingung der Möglichkeit von Preisen nur überhaupt ist; sicher ist nur, wie die “Frankfurter Allgemeine” ermittelt hat, “daß der Wert Deutschlands an der Börse der Nationen zurückfällt”. Wer den Staat nicht ehrt, ist seine Mark nicht wert.

Die traditionelle Gesellschaftskritik der Linken, die sich, mit Bert Brecht, um den gerechten Lohn geprellt fühlte und klassenkämpferisch auf Nachzahlung beharrte – “Das ist der Pfennig, aber wo ist die Mark?” –, übersah, daß, wer Geld gebraucht, stets die Währung gebraucht, daß daher die Ökonomie und das ökonomische Interesse (des Proletariats) nicht nur nicht in einen oppositionellen Gegensatz zum Staat zu bringen sind, sondern den politischen Souverän geradezu implizieren. Wer Geld verdient, dient dem Staat; kein ökonomisches Subjekt ohne nationale Identität. Der Staat steckt im Geld wie die Nation in der Währung. Die Metaphysik der Deutschmark läßt glauben, die staatlichen Installation des Papiergeldes als nationaler Währung habe ihre durch den Goldschatz der Bundesbank beglaubigte Garantie, ihr Fundament im “Realwert”. Geld sei Geld und mehr als buntes Papier, weil es, trotz ausgeschlossenem Umtausch, auf Gold als dem objektiven Wert basiere. Der vollendete Widersinn einer pluralistischen Gesellschaft von Relativisten findet sein Pendant in der Vorstellung vom absoluten und objektiven Wert und findet seine Konsequenz in der fixen Idee, der Staat sei der Wächter darüber, daß die Lücke zwischen Wert und Geld nicht zum inflationären Abgrund sich vertiefe. Denn das Geld ist die Deutschmark, und der Staat daher mehr und anderes als der Notar der Währung: nämlich ihr bewaffneter Leibwächter. Nicht das Gold bürgt für den Wert und die Geltung des deutschen Geldes, sondern, in letzter Instanz, das Gewaltmonopol.

Das typisch Deutsche an der Deutschmark ist, daß der Staat im Kampf für ihre Stabilität nichts anderes zu bekämpfen meint als die chronische Neigung der Deutschen zum Faschismus. Die “wehrhafte Demokratie” ist der Antifaschismus des Staates, auch auf ökonomischem Terrain. Denn es soll die Inflation von Weimar gewesen sein, das säkulare Auseinanderdriften von Wert und Geld (d.h. von Staatlichkeit und Parlamentarismus), das den Führer möglich machte, die Aufblähung der Zirkulation mit bunten Zetteln, die die Deutschen auf die Wahnidee verfallen ließ, das nazistische Bündnis für Arbeit und die Volksfront aller Schaffenden gegen die Raffenden schließen. Allerdings ist dieser Antifaschismus ein Teil der Krankheit, als dessen Medizin er sich ausgibt: Denn indem der Staat, ob neoliberal-monetaristisch oder sozialliberal-keynesianisch, daran arbeitet, die Lücke zwischen Wert und Geld zu schließen, glaubt er doch tatsächlich selbst an ihre Existenz, d.h. glaubt er allen Ernstes daran, der Wert an und für sich existiere und sei fix und fertig schon ohne das Geld. So verfällt der Staat darauf, daß das Geld den Wert gewissermaßen nur technisch ausdrücke, und darauf, daß das Geld einzig die subjektive Wertschätzung derer widerspiegele, die es gebrauchen. Alles Gold hilft nichts, wenn niemand an die Mark glaubt. Um die Lücke zu schließen, bedürfe es des resoluten Konsenses der wehrhaften Nation, und es sei, wie Wolfgang Schäuble der “Frankfurter Allgemeinen anvertraute”, “Stabilitätsbewußtsein” von nöten: “Vertrauen ist die Grundlage für den Erfolg der Währungsunion”, Vertrauen, das allein der “Angst vor dem Verlust der Sicherheit symbolisierenden Mark” wehren kann.

Die Volkswirtschaft schwitzt Wirtschaftspsychologie aus, der Bundesgeschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrates appelliert: “Wir sind gefordert, uns geistig zu versammeln”, die harten Fakten brüten deutsche Seele aus, und die Mark erweist sich als überaus gefühliger Gegenstand. Zwar kann jeder das Geld gebrauchen, ohne zu wissen, was das ist, aber niemand die Mark, ohne sich die abenteuerlichsten Vorstellungen davon zu machen. Und so kommt im Kampf gegen die Lücke nicht nur die vollendete Bewußtlosigkeit der bürgerlichen Gesellschaft über ihre sozialökonomische Konstitution zum Vorschein – genauer gesagt: kommt ihr notorischer Infantilismus zum Vorschein, denn, was Schäuble aufsagt, ist nur ein Kindermärchen: Kinder wissen noch nicht, “was Geld mit Wertvorstellungen zu tun hat”, liest man in einem Bändchen mit dem Titel “Weil Geld nicht auf Bäumen wächst. Kinder lernen den richtigen Umgang mit Geld. Ein Ratgeber für Eltern” aus dem linksliberalen Campus-Verlag, und also “kann Geld dabei als Lehrwerkzeug eingesetzt werden” – , sondern überdies jene typisch deutsche Kulturkritik, die den Faschismus mit der Gretchenfrage vorbereitet: Haben oder Sein? Das Haben soll aufs blöd nüchterne Geld zielen, das Sein dagegen dem beseelten Wert gelten und seinem treuen Repräsentanten, der Deutschmark. Die Mark ist der Wert: Daraus speist sich der durchaus völkische Affekt gegen das spekulative Finanzkapital, dem es nur ums schnelle Geld zu tun ist. Umrubeln ist wesensfremd. Die Mark verkörpere die Einheit aller produktiven Staatsbürger gegen die Absahner und Abzocker. “Stabilitätsbewußtsein” ist das Bewußtsein vom Wert des Staates, und ein Wunder ist es daher nicht, daß die Kulturkritik am Geld im Kult us der Souveränität mündet. Hatte schon die präfaschistische Lebensphilosophie der zwanziger Jahre bemängelt, daß “die Entwertung des allgemeinen Wertmessers ein Programmpunkt im System der kapitalistischen Idee” sei, und daß “eine internationale Börsenclique das Geld zu einem imaginären Begriff entartet” habe, so begegnet diese Ideologie heute vorzugsweise von links, in Postillen wie dem “Freitag” oder den “Blättern für deutsche und internationale Politik”, in denen der Wirtschaftsprofessor Hankel verlautbart: “Ein Volk, das man von seinem eigenen, selbst ersparten Produktivvermögen fernhält, hält auch am alten, im modernen Volkskapitalismus obsoleten Gegensatz von Kapital und Arbeit fest.” Die Volksaktie sei das probate Mittel zur Demokratisierung der Wirtschaft: “Ein realwertgesicherter Mittelstand wäre Hitler nicht nachgelaufen.” Umgekehrt: Die Jagd auf den “Realwert” war es und der Wahn, es könne einen Kapitalismus geben ohne die Krise, was zuerst auf das Programm der “Brechung der Zinsknechtschaft” führte, dann auf die antisemitische Volksgemeinschaft der Produktiven, schließlich auf die Massenliquidation der als unproduktiv, spekulativ Denunzierten. Wären die Waren tatsächlich nur Gebrauchswerte, dann würden sie ganz ohne Geld mit den Bedürfnissen sich vermitteln; weil aber die Gebrauchswerte als herrschaftlich und ausbeuterisch produzierte mit Notwendigkeit Warenform annehmen, kann es kein Geld geben, das ihren Austausch einfach so vermittelten könnte als sei es ein Werkzeug zwischenmenschlicher Kommunikation, eine Sprache: Die Vermittlung vielmehr ist selbst die Krise. In der Idee vom “Realwert” findet die Metaphysik der Deutschmark ihren letzten Ausdruck. Das nazistische Projekt, die Lücke zwischen Geld und Wert zu schließen, war es, das den “Volkskapitalismus” alias die Volksgemeinschaft schuf und damit, wie Professor Hankel sagt, allerdings “den fast unzerstörbaren Kern deutschen Nationalgefühls”.

Nicht das Schlechteste, was eines Tages über den Kommunismus als durchgeführte gesellschaftliche Realität zu sagen sein wird, wird sein, daß er diesem Spuk gefühlskalt und vollendet herzlos das gerechte Ende gesetzt hat.

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