Verlag der Initiative Sozialistisches Forum
Institut für Sozialkritik Freiburg (ISF) e.V.
ASR-2

Alfred Sohn-Rethel

Gesammelte Schriften & Biographie
4. Januar 1899 – 6. April 1990

Biographisches

Alfred Sohn-Rethels Vater entstammte einer weitverzweigten erfolgreichen Künstlerdynastie aus dem Raum Düsseldorf. Er lebte um die Jahrhundertwende mit seiner Frau in Barbizon, wo sich damals viele „Paysagisten“ zur Pleinair-Malerei aufhielten. So kam es, dass Alfred Sohn-Rethel am 4. Januar 1899 in Neuilly-sur-Seine in Frankreich zur Welt kam. Als er in die Schule musste, gaben ihn die Eltern ins Haus des Industriellen Ernst Poensgen, einem guten Freund der Familie. Poensgen, der später Mitgründer der Vereinigten Stahlwerke wurde, nahm Alfred gern auf, der bis zur Rückkehr der Eltern nach Deutschland (1912) zusammen mit seinem Sohn Georg aufwuchs. Beim Gang durch die Werke mit „Vater Poensgen“ kam Sohn-Rethel zum ersten Mal mit Arbeit und Kapital in Berührung.

Der Traum der Eltern, dass ihr Sohn einen „ordentlichen“ Beruf lernen sollte, erfüllte sich nicht: Er studierte ab 1917 in Heidelberg bei dem Austromarxisten Emil Lederer Nationalökonomie und in Berlin bei Ernst Cassirer Philosophie. Marx und Kant standen dann auch im Hintergrund seiner ersten Arbeiten für eine Theorie der im gesellschaftlichen Sein wurzelnden Formen des abstrakten Denkens, mit der den Marxschen ökonomischen Analysen eine materialistische Erkenntnistheorie zur Seite gestellt werden konnte und der Kantsche Apriorismus „liquidiert“ wurde.

In Heidelberg lernte Sohn-Rethel Benjamin und Bloch kennen, und dann, während eines Aufenthalts auf Capri und in Positano in den Jahren 1924–1927 Adorno und Kracauer, die ihm auch Nachricht vom 1923 gegründeten Institut für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt brachten.

 

1926–1931

In Positano arbeitete Sohn-Rethel erste Exposés über seine Heidelberger Entdeckung aus, dass das Transzendentalsubjekt im Warentausch zu finden sei. Ein Exposé Zum Kommentar der Marxschen Gesellschaftslehre sollte den Weg zu einem Stipendium bahnen, zum Anschluss an das IfS führen und eine akademische Karriere vorbereiten. Die Initiative scheiterte, und Sohn-Rethel war als Außenseiter abgestempelt. Er setzte zunächst sein Studium fort und promovierte 1928 bei Lederer in Heidelberg mit der Dissertation Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft über Schumpeters Grenznutzenlehre. Ein weiterer Versuch mit einem überarbeiteten Konzept unter dem Titel Zur Kritik der subjektivistischen Ökonomie führte dann tatsächlich zu einem Stipendium, das es Sohn-Rethel ermöglichen sollte, seine Forschungen weiterzuführen.

1929 nahm Sohn-Rethel an den Zweiten Internationalen Hochschulkursen in Davos teil, die durch die Disputation zwischen Cassirer und Heidegger berühmt wurden. In Davos brach bei ihm aber auch eine abgekapselte Tuberkulose auf und erforderte einen mehrjährigen Kuraufenthalt – mit der Folge, dass die Forschungsarbeit liegen bleiben musste. Alle Versuche, nach dem Davosaufenthalt 1931 im akademischen Bereich unterzukommen scheiterten.

1931–1936

Sohn-Rethel, der inzwischen verheiratet war und eine Tochter zu versorgen hatte, musste auf ein schon lange bestehendes Angebot Poensgens zurückgreifen, ihm eine Stelle in der deutschen Schwerindustrie zu besorgen. Im Oktober 1931 trat er in Berlin als akademische Hilfskraft in den Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT) ein, eine Lobbyorganisation der Rheinischen Schwerindustrie zum Ankurbeln eines Handelskreislaufes mit Südosteuropa (deutsche Maschinen gegen landwirtschaftliche Produkte aus dem Südosten). Für Sohn-Rethel bot sich die Gelegenheit, als „Marxist in der Höhle der Kapitalisten“ (Berkholz) von einem Beobachtungsposten „so etwa zweiter Rang Mitte“ (Sohn-Rethel an Benjamin) die Strategien und Machenschaften der Wirtschaftsführer vor und nach 1933 zu analysieren und journalistisch aufzuarbeiten − und Informationen an sozialistische und kommunistische Untergrundgruppen weiterzugeben, mit denen er in Verbindung stand.

1936-1945

1936 musste sich Sohn-Rethel dann doch entschließen, Deutschland zu verlassen, da er ohne eigenes Zutun in eine Kontroverse im Umkreis des MWT verwickelt wurde, bei der es um die Handelsbeziehungen zwischen Ägypten und Deutschland ging, deren Ausgestaltung der „Gau Ausland“ der NSDAP der Ägyptischen Handelskammer, einem „Kind“ des MWT, streitig machen wollte.

Über Luzern gelangte Sohn-Rethel nach Frankreich und schließlich 1938 nach England. Im Exil begann er neben der Ausarbeitung seiner Analysen aus dem Umkreis des MWT auch wieder mit der Überarbeitung seiner Erkenntnistheorie. Der Adressat seines „Luzerner Exposés“ von 1936 und des „Pariser Exposés“ von 1937 war Adorno, der Horkheimer gewinnen und die Wege zum IfS ebnen sollte. Letzten Endes scheiterte aber auch dieser Versuch einer Annäherung an das inzwischen in die USA verlagerte Institut. Weitere Entwürfe, Fortführungen und Ergänzungen, die Sohn-Rethel bis in die 1940er Jahre in England verfasste und an Adorno in die USA schickte, fanden keine Beachtung mehr.

Sohn-Rethel lebte zunächst in London und dann nach einem halben Jahr Internierung auf der Isle of Man (1940/41) in Birmingham, wo er nach dem Tod seiner ersten Ehefrau ein zweites Mal heiratete. Wieder mussten er die Arbeiten an seiner Theorie unterbrechen, und auch der Versuch ein englisches Manuskript mit dem Titel Intellectual and manual labour zu veröffentlichen, scheiterte. Schließlich verdingte sich Sohn-Rethel in Birmingham als Lehrer an einer Preparatory School.

 

1945–1990

Nach Kriegende versuchte er, den Kontakt mit Adorno wieder aufzunehmen. Es kam immerhin 1965 zu einem Treffen in Frankfurt und zum Austausch von Freundlichkeiten in einem Briefwechsel, aber wieder zu keinerlei engerer Zusammenarbeit, selbst der Wunsch in Frankfurt vorzutragen wurde nicht erfüllt.

Erst nach dem Tod Adornos 1969 wurde man in der BRD auf Sohn-Rethel aufmerksam: 1970 erschien bei Suhrkamp sein Hauptwerk Geistige und körperliche Arbeit, 1971 folgte Warenform und Denkform (unter anderem mit dem „Pariser Exposé“ und in einer Neuausgabe 1978 mit der Dissertation), und schließlich wurden 1973 unter dem Titel Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus seine ökonomischen Aufzeichnungen veröffentlicht. Sohn-Rethels Außenseiterdasein war beendet, und sein „Siegeszug durch die nichtrevisionistische Linke“ (Bischoff) begann. Seine erkenntnistheoretischen Ansätze, die von ihm entwickelte Zukunftsperspektive der Aufhebung der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit und seine materialistische Kritik der naturwissenschaftlichen Denkformen fanden besonders in maoistisch orientierten linken Kreisen und unter Naturwissenschaftlern großen Anklang.

1972 wurde er als Gastprofessor an die „Reformuniversität“ Bremen eingeladen, wo er schließlich 1978 – also im Alter von 79 Jahren – eine unbefristete Anstellung als Professor erhielt. Sohn-Rethel zog von Birmingham nach Bremen und heiratete 1984 Bettina Wassmann, Verlegerin und Buchhändlerin. Sohn-Rethel starb am 6. April 1990 in Bremen.

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Tagungen in Neapel (1991), Berlin (1994) und Nancy (2018) und zahlreiche Veröffentlichungen halten die Diskussion der Arbeiten Sohn-Rethels wach. Die Schriften, die seit 2012 von Carl Freytag, Jens Peters, Oliver Schlaudt und Françoise Willmann herausgegeben werden, spiegeln in vier Bänden die genannten vier Schaffensperioden Sohn-Rethels wider:

Band 1 (2012) mit dem Titel Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft umfasst seine Dissertation, frühe Entwürfe und weiterführende Arbeiten aus den Jahren 1926–1931.

In Band 2 (2016) mit dem Titel Die deutsche Wirtschaftspolitik im Übergang zum Nazifaschismus sind seine Arbeiten für den Deutschen Volkswirt und die Deutschen Führerbriefe aus der Zeit am MWT (1931–1936) versammelt sowie spätere Texte zu dieser Thematik. Eine DVD mit dem Film Zwischen zwei Kriegen (1978) von Harun Farocki ergänzt die ökonomischen Analysen Sohn-Rethels.

Band 3 (2020) mit dem Titel Exposés zur materialistischen Erkenntniskritik ist den erkenntnistheoretischen Arbeiten gewidmet, die 1936–1945 im Exil entstanden, unter anderem dem „Luzerner Exposé“ und dem „Pariser Exposé“ und einem ausführlichen Brief, den Sohn-Rethel 1936 an Adorno schrieb.

Band 4 (2018) mit dem Titel Geistige und körperliche Arbeit umfasst sein 1970 zuerst veröffentlichte Hauptwerk und die ihm zuzuordnenden Artikel und Entwürfe aus der Nachkriegszeit.

 

Ergänzend zu den theoretischen Arbeiten in den vier Bänden der Werkausgabe wurde
2018 von Carl Freytag Sohn-Rethels erzählerisches Werk unter dem Titel Das Ideal des
Kaputten mit Essays aus der Zeit in Italien (1924–1927) und dem Londoner Exil neu
herausgegeben.

2020 erscheint bei ça ira die Biographie Sohn-Rethels von Carl Freytag.

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Notiz des Verlags: Wir möchten an dieser Stelle weitere Materialien über und von Alfred Sohn-Rethel sammeln und fortlaufend aktualisieren. Dafür bitten wir Sie, uns Literaturhinweise digital per E-Mail zukommen zu lassen.

 

Schriften Alfred Sohn-Rethels bei ça ira

  • Carl Freytag

    Alfred Sohn-Rethel

    Philosoph, Ökonom, Marxist

    Herbst 2020, ca. 500 Seiten, ISBN: 978-3-86259-130-5
    Hardcover
    28,00 

    Alfred Sohn-Rethel kam am 4. Januar 1899 in Neuilly-sur-Seine zur Welt. Sein Vater entstammte einer weitverzweigten erfolgreichen Düsseldorfer Künstlerdynastie, die…

  • Alfred Sohn-Rethel

    Geistige und körperliche Arbeit

    Theoretische Schriften 1947-1990

    September 2018, 1018 Seiten, ISBN: 978-3-86259-121-3
    Herausgegeben von Carl Freytag, Oliver Schlaudt und Françoise Willmann | Schriften IV | In zwei Teilbänden
    42,00 

    »Während die Kritik des Intellekts die Frage beantwortet, wie das Bewußtsein der bewußtlosen Gesellschaft beschaffen ist, erklärt die Kritik der Ökonomie, wie der Lebensprozeß der bewußtlosen Gesellschaft gelingen kann.«

  • Alfred Sohn-Rethel

    Das Ideal des Kaputten

    Juni 2018, 98 Seiten, ISBN: 978-3-86259-144-2
    Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Carl Freytag, Hardcover, mit 7 Abbildungen
    12,00 

    In dem vorliegenden Band, der als erläuterndes Nachwort einen Essay von Carl Freytag enthält, finden sich fünf Erzählungen von Alfred Sohn-Rethel, die sich der Konfrontation des Menschen mit der Natur verdanken: in Gestalt nicht völlig domestizierter Tiere (ein Esel, zwei Ratten, ein Elefant), der Urgewalt des Vesuvs und der sanften, aber unaufhaltsamen Verrottung der Dinge, die von der synthetischen Gesellschaft als Waren hervorgebracht wurden.

  • Alfred Sohn-Rethel

    Die deutsche Wirtschaftspolitik im Übergang zum Nazifaschismus

    Analysen 1932-1948

    2015, 512 Seiten, ISBN: 978-3-86259-120-6
    Herausgegeben von Carl Freytag und Oliver Schlaudt | Schriften II
    26,00 

    Schriften II umfasst die in dieser Zeit entstandenen Analysen, die vor allem im Deutschen Volkswirt und den Deutschen Führerbriefen veröffentlicht wurden. Ergänzt werden sie durch die Texte, mit denen Sohn-Rethel nach 1937 den Kontakt zu dem englischen Politiker und Journalisten Wickham Steed herstellte.

  • Alfred Sohn-Rethel

    Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft

    Frühe Schriften

    Sommer 2012, 300 Seiten, ISBN: 978-3-86259-109-1
    Herausgegeben von Carl Freytag und Oliver Schlaudt | Schriften I
    20,00 

    Dieser Band versammelt erstmals Alfred Sohn-Rethels frühe theoretischen Schriften. Im Zentrum steht die Heidelberger Dissertation von 1928, vermehrt um bisher unveröffentlichte Dokumente, die ihre Entstehung im Zusammenhang seiner Arbeiten während der 1920er Jahre in Positano, Heidelberg und Davos nachzeichnen.

  • Alfred Sohn-Rethel

    Exposés zur materialistischen Kritik der Erkenntnis

    Luzern - Paris - Oxford. 1936-1937 und ergänzende Texte

    In Vorbereitung, ca. 500 Seiten, ISBN: 978-3-86259-131-2
    Herausgegeben von Carl Freytag, Agnès Grivaux und Oliver Schlaudt | Schriften III

    Der dritte Band der Schriften Sohn-Rethels enthält die frühesten Ausarbeitungen seiner Erkenntniskritik, deren Problematik zeitlebens der zentrale Inhalt seines geistigen Schaffens bleiben sollte.

Materialien

 

Faltblatt (DIN A5, 2018)