»Theorie ist durchschaute Wirklichkeit«
Alfred Sohn-Rethel. Eine Biographie
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Beschreibung
Alfred Sohn-Rethel kam am 4. Januar 1899 in Neuilly-sur-Seine zur Welt. Sein Vater entstammte einer weitverzweigten erfolgreichen Düsseldorfer Künstlerdynastie, die Mutter einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Hannover. Der Traum der Eltern, ihr Sohn solle einen ›ordentlichen‹ Beruf lernen, erfüllte sich nicht: Zu Weihnachten des Jahres 1915 wünschte sich Sohn-Rethel die drei Bände des Marxschen Kapitals, mit denen er sich fortan gründlich auseinandersetze. Ab 1917 begann er in Heidelberg bei dem Austromarxisten Emil Lederer Nationalökonomie und in Berlin bei dem Neukantianer Ernst Cassirer Philosophie zu studieren.
Schon während seiner Studienjahre bemühte sich Sohn-Rethel in der kritischen Auseinandersetzung mit der subjektiven Wertlehre der Grenznutzentheorie und dem kantianischen Transzendentalismus um die Ausarbeitung eines kritischen Materialismus. Es war dann auch die Auseinandersetzung mit Marx und Kant, die Sohn-Rethel zu jener folgenreichen ideologiekritischen Entdeckung führte, die ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen und fortan seine geistigen Anstrengungen bestimmen sollte: der Versuch, der »geheimen Identität von Warenform und Denkform« auf die Schliche zu kommen. Denn sollte es dem Marxismus nicht gelingen, wie er es später formulierte, der scheinbaren Geschichtsenthobenheit der bürgerlichen Wahrheitstheorien den Boden zu entziehen, dann sei die Abdankung des Materialismus eine bloße Frage der Zeit.
Theodor W. Adorno registrierte nach der Lektüre von Sohn-Rethels Überlegungen eine »geistige Erschütterung«. Beide lernten sich 1925 in Positano kennen und sollten bis zum Tod Adornos im Jahr 1969 in Kontakt bleiben. So nahm Sohn-Rethel indirekt und im Verborgenen stetigen Einfluss auf die Entwicklung des Materialismus der Kritischen Theorie, auch wenn er offiziell, theoretisch wie institutionell, immer ein Außenseiter gegenüber dem Institut für Sozialforschung blieb.
Ab 1931 fand Sohn-Rethel Anstellung am Mitteleuropäischen Wirtschaftstag und arbeitete an Analysen der deutschen Wirtschaftspolitik der Zwischenkriegszeit und der Ökonomie des Nationalsozialismus. 1936 sah er sich wegen seiner Kontakte zu antifaschistischen Untergrundgruppen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und nicht zuletzt, als Sohn einer jüdischen Mutter, wegen der Nürnberger Gesetze gezwungen, ins Exil zu gehen, das ihn über Luzern, Paris und London 1938 nach Birmingham führte, wo er als Lehrer arbeiten konnte. Die Arbeit an seiner Erkenntnis- und Ökonomiekritik und der Analyse des Nazifaschismus konnte Sohn-Rethel im Exil nur unter widrigsten Umständen fortsetzen.
Die 1970er Jahre schließlich können als Sohn-Rethels ›produktives Jahrzehnt‹ gelten: 1970 erschien Geistige und körperliche Arbeit, das als sein Hauptwerk auch über die marxistischen Diskussionen im engeren Sinne hinaus Berühmtheit erlangte. 1973 folgte die Edition von Sohn-Rethels faschismusanalytischen Schriften unter dem Titel Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus. In den späten 1970er Jahren kehrte er im hohen Alter nach Deutschland zurück, forschte, publizierte rege und lehrte an der Bremer »Reformuniversität«, wo er mit den marxistischen Ausläufern der studentischen Protestbewegung von 1968 in Berührung kam. Am 6. April 1990 starb Sohn-Rethel in Bremen.
Carl Freytags, auf umfassenden Archivrecherchen und unveröffentlichten Materialien beruhende Biographie ist die erste Gesamtdarstellung von Alfred Sohn-Rethels Leben und Werk. Indem die Biographie einen Überblick über die Rezeption und Kritik von Sohn-Rethels Arbeiten gibt, liefert sie en passant zugleich auch Einblicke in die Geschichte des kritischen Materialismus im 20. Jahrhundert.
Vita
Carl Freytag lebt in Deutschland und Griechenland, ist Mitherausgeber der Schriften Sohn-Rethels, Herausgeber seiner Erzählungen und hat sich in Essays und Radiosendungen mit Sohn-Rethels Leben und Werk auseinandergesetzt. In seiner Monografie Deutschlands ›Drang nach Südosten‹ beleuchtet Carl Freytag Sohn-Rethels Rolle in den Jahren 1931 bis 1936 im Umkreis des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages (MWT). Außerdem ist Carl Freytag der Biograph von Tilo von Wilmowsky, dem Gründer des MWT.
Aus dem Inhalt
- Das bürgerliche Individuum und seine Welt
- Eine »große europäische Familie von Rang«
- Lernprozesse
- Flucht in den Süden (1924–1927)
- »Capri, c’est fini«
- Mühen der Ebene: Berlin und der MWT (1931–1936)
- Sohn-Rethels Doppelleben in Berlin
- »Deutschland für immer verlassen …« (1936)
- Von Berlin nach Luzern (Februar 1936)
- Von Luzern nach Paris (Oktober 1936)
- Von Paris nach London (Oktober 1937)
- Von London nach Birmingham (1938)
- Der Krieg ist vorbei
- Rückkehr nach Deutschland
- Rezeption Sohn-Rethels
- Spätes Glück in Deutschland
- Anhang
Weitere Bücher…
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Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft
Frühe Schriften
Sommer 2012, 300 Seiten, ISBN: 978-3-86259-109-1Herausgegeben von Carl Freytag und Oliver Schlaudt | Schriften I29,00 €Dieser Band versammelt erstmals Alfred Sohn-Rethels frühe theoretischen Schriften. Im Zentrum steht die Heidelberger Dissertation von 1928, vermehrt um bisher unveröffentlichte Dokumente, die ihre Entstehung im Zusammenhang seiner Arbeiten während der 1920er Jahre in Positano, Heidelberg und Davos nachzeichnen.
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Das Ideal des Kaputten
Juni 2018, 98 Seiten, ISBN: 978-3-86259-144-2Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Carl Freytag, Hardcover, mit 7 Abbildungen19,00 €In dem vorliegenden Band, der als erläuterndes Nachwort einen Essay von Carl Freytag enthält, finden sich fünf Erzählungen von Alfred Sohn-Rethel, die sich der Konfrontation des Menschen mit der Natur verdanken: in Gestalt nicht völlig domestizierter Tiere (ein Esel, zwei Ratten, ein Elefant), der Urgewalt des Vesuvs und der sanften, aber unaufhaltsamen Verrottung der Dinge, die von der synthetischen Gesellschaft als Waren hervorgebracht wurden.
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Exposés zur materialistischen Kritik der Erkenntnis
Positano – Luzern – Paris – Birmingham. 1926–1951
April 2026, 1246 Seiten, ISBN: 978-3-86259-131-2Herausgegeben von Daniel Burnfin, Carl Freytag, Agnès Grivaux und Oliver Schlaudt | Schriften III | In zwei Teilbänden46,00 €Der dritte Band der Schriften Sohn-Rethels enthält die frühesten Ausarbeitungen seiner Erkenntniskritik, deren Problematik zeitlebens der zentrale Inhalt seines geistigen Schaffens bleiben sollte.
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Die deutsche Wirtschaftspolitik im Übergang zum Nazifaschismus
Analysen 1932–1948
2015, 512 Seiten, ISBN: 978-3-86259-120-6Schriften II | Hrsg. von Carl Freytag und Oliver Schlaudt34,00 €Schriften II umfasst die in dieser Zeit entstandenen Analysen, die vor allem im Deutschen Volkswirt und den Deutschen Führerbriefen veröffentlicht wurden. Ergänzt werden sie durch die Texte, mit denen Sohn-Rethel nach 1937 den Kontakt zu dem englischen Politiker und Journalisten Wickham Steed herstellte.
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Geistige und körperliche Arbeit
Theoretische Schriften 1947–1990
September 2018, 1018 Seiten, ISBN: 978-3-86259-121-3Herausgegeben von Carl Freytag, Oliver Schlaudt und Françoise Willmann | Schriften IV | In zwei Teilbänden45,00 €»Während die Kritik des Intellekts die Frage beantwortet, wie das Bewußtsein der bewußtlosen Gesellschaft beschaffen ist, erklärt die Kritik der Ökonomie, wie der Lebensprozeß der bewußtlosen Gesellschaft gelingen kann.«






