Klaus Heinrich FU Berlin Festivitäten zum 90. Geburtstag

Klaus Heinrich
Das Gesamtwerk

»Nichts, woran Sie sich erinnern können, ist vorbei.«

Wir freuen uns sehr, dass wir im Sommer 2019 Klaus Heinrich, den Berliner Sokrates, mit seinem Gesamtwerk, auch mit noch unveröffentlichten Vorlesungen, kleinen Schriften, Nachrufen, Gedichten und Zeichnungen, für ça ira gewinnen konnten.

Bis 2018 waren Klaus Heinrichs Schriften bei Stroemfeld erschienen. Ab 2020 werden die dort bereits veröffentlichten Bücher bei ça ira wieder lieferbar sein, insbesondere die Dahlemer Vorlesungen, die Klaus Heinrich, Peripatetiker mit eidetischem Gedächtnis, stets völlig frei und buchstäblich ›in Bewegung‹ gehalten hatte. Hätte er nicht sein zum »Schutz der Würde des gesprochenen Wortes« verhängtes Mitschnittverbot auf dringenden Wunsch seiner Schülerinnen und Schüler irgendwann einmal doch noch aufgehoben, wären seine Vorlesungen wohl für immer eine Berliner Geheimtipp geblieben. So hatten auch Studierende im Westen die leider bis heute viel zu selten genutzte Chance, einen ganz außerordentlichen Denker kennen und schätzen, nicht selten auch lieben zu lernen, der vom Streit der Fakultäten nichts hielt und unter dem Titel einer Religionswissenschaft auf religionsphilosophischer Grundlage eine besondere Art materialistischer Kritik der nicht zu ihrem Bewusstsein erwachten Gattung entwickelte. Diese Kritik schließt Kunst und Architektur ebenso ein wie Philosophie, Religion und vor allem die Psychoanalyse. In deren Stoffen, Figuren und Spuren versucht Klaus Heinrich sich durch Freilegung ihrer verdrängten Gehalte einer Totalität gewachsen zu zeigen, die er als Dialektik von dringender Selbstverständigung und drohender Selbstzerstörung der Gattung begreift. Klaus Heinrichs Arbeiten, die man als eine materialistische Kritik sowohl logischer wie theologischer und ästhetischer Formen begreifen kann, erlauben es, diese Formen noch in ihrer abstraktesten Gestalt zugleich als sedimentierte geschichtliche Inhalte zu lesen, als prekäre Versuche, die Angst vor äußerer Bedrohung und innerer Zerrissenheit durch Verschiebung und Stillstellung abzuwehren und zu bewältigen. Als Leitmotiv dieser Kritik galt ihm der gleichsam axiomatische Befund: »Nichts, woran Sie sich erinnern können, ist vorbei.«


Fotografie: © www.catonbed.de, 2020

Wenn Klaus Heinrich, sich erinnernd, erzählt und rezitiert, assoziiert, entfaltet und verdichtet, dann werden einige der Stationen seines Lebens sichtbar, die in seinem Werk aktuell geblieben und im Sinne seines Leitmotivs nicht »vorbei« sind. Geboren 1927 in Berlin wurde er im Alter von 15 Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen. 1943 überlebte er ein Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung und Defätismus. Ab dem Wintersemester 1945/46 studierte er an der unter sowjetischer Militäradministration stehenden Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden (ab 1948 Humboldt-Universität) Jura und Philosophie, Psychologie und Theologie, Kunst- und Literaturgeschichte. Dort wurde er nach einem improvisierten Vortrag zur Verteidigung Sartres gegen stalinistische Kritik denunziert, was ihn dazu veranlasste, 1948 im Westteil der Stadt als Student an der Gründung der Freien Universität mitzuwirken. Auf die Promotion in Philosophie 1952 folgte auf verschlungenen und hindernisreichen Wegen erst im Jahre 1964 die Habilitation mit dem Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen. 1968 wurde Klaus Heinrich Direktor des Religionswissenschaftlichen Instituts, 1971 ordentlicher Professor für Religionswissenschaften auf religionsphilosophischer Grundlage. Nach seiner Emeritierung im Jahre 1995 wurde er 1998 Ehrenmitglied der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Im Jahre 2002 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Es ist uns unverständlich geblieben, warum das Werk Klaus Heinrichs bis heute nicht nur im – wie Klaus Heinrich sagen würde: enterotisierten – Wissenschaftsbetrieb der Universitäten, sondern auch von Ideologiekritikerinnen und Ideologiekritikern kaum rezipiert wurde. Namentlich seine berühmt gewordenen Dahlemer Vorlesungen zum transzendentalen und zum diesem widerstreitenden und widerstehenden ästhetischen Subjekt berühren unmittelbar wesentliche Fragen des Verhältnisses von Theorie und Kritik, von Ästhetik und Kritik und liefern einem an der Kritik der politischen Ökonomie und der Kritischen Theorie orientierten Materialismus, der auf die Konstellation von Kritik und Krise hofft, unverzichtbare Impulse. Wir sind entschlossen, dieser amnestischen Ignoranz innerhalb und außerhalb des Wissenschaftsbetriebs wie auch der Ideologiekritik mit unseren bescheidenen Mitteln als Verlag abzuhelfen.

Auch die bei Stroemfeld vergriffenen Titel werden wir daher im Laufe des ersten Halbjahres 2020 wieder zugänglich machen. Im Herbst des kommenden Jahres wird außerdem der erste neue Band aus der Reihe Reden und Kleine Schriften bei ça ira erscheinen. Für das Folgejahr geplant sind Klaus Heinrichs Heidegger-Vorlesungen, die wir neben Theodor W. Adornos und Hassan Givsans Arbeiten für unverzichtbar halten, was die notwendige Kritik an Heidegger selbst und an einer heideggerisierenden Postmoderne angeht. Und in der Sommerausgabe der sans phrase werden wir den Nachruf auf Luigi Nono veröffentlichen, den Klaus Heinrich am 10. Mai 1990 frei improvisiert hatte. Für diesen Nachruf unterbrach er seine im Henry Ford Bau der Freien Universität Berlin gehaltene Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Nachlass-Manuskript aus den Jahren 1936-38 (Beiträge zur Philosophie / Vom Ereignis, damals herausgegeben anlässlich seines 100. Geburtstags) zu Anfang der dritten Vorlesungsstunde.

Stimmen

»Sein persönlicher Habitus ist von seiner Art, Wissenschaft zu betreiben, nicht zu trennen, und charakteristisch für diese ist die Weise, wie er penetrant die Nähe zum Trauma sucht und hält, eine Nähe ganz ohne Abwehr und Rationalisierung. Ihm gelingt es, wenn ›alles gut geht‹, Assoziationen, die bis ins Unbewußte reichen, zu verknüpfen.« – Caroline Neubaur, Glückliches entspringen – Talismane für Klaus Heinrich

»Heinrich teilt die Skepsis gegenüber dem psychoanalytischen Mythos vom Ödipuskomplex, und zwar gerade dadurch, daß er den Mythos von Ödipus noch einmal ins Zentrum seiner kritischen Aufmerksamkeit rückt. Statt die Figur lauthals fortzujagen wie Deleuze / Guattari in ihrem ›Anti-Ödipus‹, soll sie vielmehr selber zur Mitarbeit aufgerufen sein, die Psychoanalyse ein stück weit über sich selbst aufzuklären.« – Jörg Döring

»Tatsächlich verhandelt Heinrich unter ganz unterschiedlichen Stichworten immer auch die politischen und die sozialen Konflikte der BRD, in denen das wiederkehrende Verdrängte der NS-Herrschaft dominiert. Es treten die Akteure des studentischen Protests, der universitären Organisationsformen und subkulturellen Happenings ebenso auf wie die Werke repräsentativer Künstler der Zeit, zum Beispiel von Peter Huchel, Joseph Beuys oder Luigi Nono, denen er bewegende Nachrufe widmet.« – Manfred Bauschulte, Über das Ende der neolithischen Revolution

»An Horkheimer / Adornos ›Dialektik der Aufklärung‹ muß erinnern, wer den geistigen Ort bestimmen will, von dem aus Klaus Heinrich spricht – Heinrich steht, allegorisierende Verfahren Adornos weitertreibend, positiv zu den Stoffen der Mythologie.« – Die Zeit

»In klassischen Konstellationen der Philosophie geht Heinrich den Operationen der Verdrängung und den Spuren des Wiederauftauchens des Verdrängten nach; beinahe scheint es so, daß, je stringenter eine Theorie versucht, die Systematizität der Welt zu sichern, um so unerbitterlicher die unterdrückte chaotische Mannigfaltigkeit an den Rändern durchbricht.« – Emil Angehrn, Die Überwindung des Chaos

»Doch zugleich wird in der Person Klaus Heinrich auch eine produktive Seelenverwandtschaft geehrt: Denn sein Denken setzt die Zivilisationsarbeit von Freud fort. Seine Sprachmacht, seine Kraft des Zur-Sprache-Bringens folgt jenen Imperativ der Vernunft, die nicht ablässt, Verdrängtes bewusst zu machen.« – Klaus Hartung, Die Zeit

Zeichnung von Klaus Heinrich

Schriften Klaus Heinrichs bei ça ira

  • Klaus Heinrich

    Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen

    1964, 218 Seiten, ISBN: 978-3-86259-161-9
    23,00 

    Neinsagen ist die Formel des Protestes. In einer Welt, die zu Protesten Anlaß bietet, scheint es nicht überflüssig, diese Formel…

  • Klaus Heinrich

    dämonen beschwören – katastrophen auslachen

    Reden und kleine Schriften 3

    2013, 84 Seiten, ISBN: 978-3-86259-164-0
    Mit einer CD-Beilage: Rundfunkessay »Musik und Religion« (1989) und Tonbeispielen
    14,00 

    dämonen beschwören – katastrophen auslachen – diese lange angekündigte dritte Folge meiner Reden und kleinen Schriften befaßt sich vorzugsweise mit Musik…

  • Klaus Heinrich

    der gesellschaft ein bewußtsein ihrer selbst zu geben

    Reden und kleine Schriften 2

    1998, 100 Seiten, ISBN: 978-3-86259-163-3
    14,00 

    Was jeden Angehörigen meiner Generation verblüfft, ist die totale Enterotisierung dieser Beziehung. Die Universität ist nicht mehr Haß- und Liebesobjekt,…

  • Klaus Heinrich

    Floß der Medusa

    Drei Studien zur Faszinationsgeschichte

    2014, 208 Seiten, ISBN: 978-3-86259-159-6
    Mit 106 Farbabbildungen, Beilagen und einem Anhang
    25,00 

    ›Floß der Medusa‹ ist nur ein anderer Name für das von Katastrophen bedrohte Vehikel der Zivilisation, das die Geschlechterspannung, dank…

  • Klaus Heinrich

    Karl Friedrich Schinkel / Albert Speer

    Dahlemer Vorlesungen: Zum Verhältnis von ästhetischem und transzendentalen Subjekt

    2014, 224 Seiten, ISBN: 978-3-86259-172-5
    Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS. 8 Vorlesungen über Schinkel und 4 Vorlesungen über Speer. 443 Abbildungen, durchgängig SW mit Sonderfarbe
    35,00 

    Architektur ist für mich sozusagen die leibhaftige Verkörperung der Gattungsgeschichte. Gattungsgeschichtlich sind wir den Höhlen entstiegen, einmal draußen bauen wir…

  • Klaus Heinrich

    Parmenides und Jona

    Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie

    1982, 222 Seiten, ISBN: 978-3-86259-160-2
    23,00 

    Ein Buch nicht der Re-Mythisierung, sondern der Mythoskritik, allerdings einer Kritik, die den Mythos ernst nimmt. Daher: »Mein Thema lautet:…

  • Klaus Heinrich

    arbeiten mit herakles

    Zur Figur und zum Problem des Heros / Antike und moderne Formen seiner Interpretation und Instrumentalisierung

    2006, 428 Seiten, ISBN: 978-3-86259-158-9
    Dahlemer Vorlesungen 9 | Hrsg. von Hans-Albrecht Kücken
    31,00 

    Warum Heros? Warum gerade Herakles? Warum arbeiten mit ihm? – Ich hatte ein paar unbequeme Ziele, als ich diese Vorlesung…

  • Klaus Heinrich

    gesellschaftlich vermitteltes naturverhältnis

    Begriff der Aufklärung in den Religionen und der Religionswissenschaft

    2007, 344 Seiten, ISBN: 978-3-86259-157-2
    Dahlemer Vorlesungen 8 | Hrsg. von Hans-Albrecht Kücken
    29,00 

    Aufklärung war so alt wie die Gattung Mensch und so bedroht wie diese. Prometheus, einem älteren Göttergeschlecht zugehörend, hatte den…

  • Klaus Heinrich

    psychoanalyse

    Sigmund Freud und das Problem des konkreten gesellschaftlichen Allgemeinen

    2001, 400 Seiten, ISBN: 978-3-86259-156-5
    Dahlemer Vorlesungen 7 | Hrsg. von Hans-Albrecht Kücken
    31,00 

    Nachrichten aus einer anderen Welt – das war mein erster Eindruck, als diese Vorlesung, fertig gesetzt, zur Zeremonie des Wiedererkennens…

  • Klaus Heinrich

    vom bündnis denken

    Religionsphilosophie

    2000, 288 Seiten, ISBN: 978-3-86259-155-8
    Dahlemer Vorlesungen 4 | Hrsg. von Hans-Albrecht Kücken
    29,00 

    Meine Hörer hatten mich gebeten, eine Vorlesung über Religionskritik zu halten. Ich habe ihnen entgegnet: Diese Kritik ist nicht zu…

  • Klaus Heinrich

    arbeiten mit ödipus

    Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft

    1993, 304 Seiten, ISBN: 978-3-86259-154-1
    Dahlemer Vorlesungen 3 | Hrsg. von Wolfgang Albrecht, Hans-Albrecht Kücken, Irene Tobben
    29,00 

    Arbeiten mit Ödipus heißt mit Verdrängung zu arbeiten. Aber arbeiten mit Ödipus heißt auch Verdrängung in seine Arbeit einbeziehen. In…

  • Klaus Heinrich

    anthropomorphe

    Zum Problem des Anthropomorphismus in der Religionsphilosophie

    1986, 344 Seiten, ISBN: 978-3-86259-153-4
    Dahlemer Vorlesungen 2 | Hrsg. von Wolfgang Albrecht, Rüdiger Hentschel, Hans-Albrecht Kücken, Peter Lux, Ursula Panhans-Bühler, Jürgen Strutz, Irene Tobben
    29,00 

    Die Vorlesung setzte auf den Reiz eines damals als ebenso exotisch wie überholt geltenden Stoffs: den der mythologischen Figuren, und…

  • Klaus Heinrich

    tertium datur

    Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik

    1981, 232 Seiten, ISBN: 978-3-86259-152-7
    Dahlemer Vorlesungen 1 | Hrsg. von Wolfgang Albrecht, Rüdiger Hentschel, Hans-Albrecht Kücken, Peter Lux, Ursula Panhans-Bühler, Jürgen Strutz, Irene Tobben
    29,00 

    Ich erschrak, als ich von dem Unternehmen erfuhr: ausgegraben die alten Vorlesungen, zehn Jahre und länger her, nicht zum Bleiben…

  • Klaus Heinrich

    Kinder der Nibelungen

    Klaus Heinrich und Heiner Müller im Gespräch mit Peter Kammerer und Wolfgang Storch

    2009, 88 Seiten, ISBN: 978-3-86259-167-1
    Hrsg. v. Günther Heerg, Stefan Schnabel und KD Wolff
    14,00 

    Die beiden Gespräche, die Klaus Heinrich mit Heiner Müller und über ihn geführt hat und mit deren Veröffentlichung wir Klaus…

  • Klaus Heinrich

    Festhalten an Freud

    Eine Heine-Freud-Miniatur zur noch immer aktuellen Rolle des Aufklärers Freud

    2007, 38 Seiten, ISBN: 978-3-86259-166-4
    Sonderdruck aus Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, Jg. XXII, Heft 3 (2007)
    5,00 

    »Festhalten an Freud« – Festhalten hat einen apologetischen Zug und in der Tat: Hirnforschung, Traumforschung, Verhaltensforschung scheinen über Freud hinweggegangen,…

  • Klaus Heinrich

    der staub und das denken

    Reden und kleine Schriften 4

    2009, 128 Seiten, ISBN: 978-3-86259-165-7
    14,00 

    Die drei hier vorgelegten Studien zur Faszinationsgeschichte haben ein gemeinsames Thema: den geheimen Todeswunsch in der Geschichte der Gattung Mensch,…

  • Klaus Heinrich

    anfangen mit freud

    Reden und kleine Schriften 1

    1997, 100 Seiten, ISBN: 978-3-86259-162-6
    14,00 

    Anfangen mit Freud – ein Appell, der Aussperrung bis 1945 nicht eine zweite folgen zu lassen, die einer Provinzialisierung gleichkäme.…

Materialien

Besprechungen
(Auswahl)

Faltblatt, A5