Klaus Heinrich

ursprung in actu

Zur Rekultifizierung des Denkens in Martin Heideggers »Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)«

November 2022, ca. 350 Seiten, ISBN: 978-3-86259-177-0
Dahlemer Vorlesungen – Neue Folge 1 | Hrsg. von Wolfgang Albrecht und Rüdiger Hentschel | Hardcover mit zwei Lesebändchen

31,00 

Nicht vorrätig

978-3-86259-177-0 Kategorien: ,

Beschreibung

Klaus Heinrichs Beschäftigung mit Heidegger reicht bis in seine Studentenzeit zurück. Wie viele aus der sogenannten Flakhelfer-Generation stand er in der Nachkriegszeit unter dem Bann des französischen Existentialismus und war von Heidegger so fasziniert wie schockiert. Noch seine Habilitationsarbeit »Über die Schwierigkeit nein zu sagen« ist nicht zuletzt eine durchgeführte Heidegger-Kritik.

Die Vorlesung – eine kritische Auseinandersetzung mit den ein Jahr zuvor aus dem Nachlaß herausgegebenen und als Fortsetzung von »Sein und Zeit«, wenn nicht als Hauptwerk geltenden »Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)« (1936–1939) – versteht sich zugleich als Vivisektion einer postmodernen, vor allem französisch inspirierten Heidegger- und Ereignisfaszination.

Schon lange vor Erscheinen der »Schwarzen Hefte« (2014–2018) setzt Heinrich der Suggestion eines Schnitts zwischen dem politisch bekennenden Heidegger von 1933 (Rektoratsrede, Wahlaufruf) und dem seinsgeschichtlich ›andenkenden‹ Heidegger von 1936ff. die These einer inneren Kontinuität entgegen. Bekanntlich hatte sich Heidegger, der in seiner Aspiration als Philosophenführer des NS von Konkurrenten ausgebremst worden war, ab 1934 enttäuscht aus der Politik zurückgezogen – nur um in der ›inneren Emigration‹ die Fundamente des NS tiefer zu legen und mit Hölderlin und Nietzsche die eigentliche ›Bewegung‹ zu beschwören, ja auszuagieren – als ›Ereignis‹.

Als eine Philosophie, die vom Pathos des ständigen Unterwegsseins, der Übertrumpfung und Übertreibung, des Subjektwechsels lebt (Heinrich: »Was vorher die zitternde Existenz war – jetzt ist es die ›Erzitterung des Seyns‹«), ist ihre seinsgeschichtliche Kehre schon lange vor der Kehre angelegt. Heinrich verfolgt sie bis auf den Begriff der ontologischen Differenz zurück. Deren Charakter als »aufbrechender Unterschied« (so Heidegger in »Vom Wesen des Grundes«, 1928) wird von Heinrich als ›Ursprung in actu‹ interpretiert. Gemeint ist damit der entscheidende Schritt über Ontologie als abstraktem Ursprungsmythos (P. Tillich) hinaus – eine aktiv-opferkultische Wende, die später ihre unmißverständliche Formulierung findet: »Im anderen Anfang wird alles Seiende dem Seyn geopfert, und erst von da aus erhält das Seiende als solches seine Wahrheit« (»Vom Ereignis«).

Heideggers späte Philosophie läßt sich mit Heinrich als eine unendliche Initiation in dieses Opfer lesen – als Rekultifizierung des Denkens, ein Amalgam aus Katastrophe und Heilserwartung, Opferkult und Prophetismus, Mysterien- und Bürokratensprache, darin zugleich in tiefster Eintracht mit dem Veranstaltungskult des NS selbst.

Heinrich operiert auf mehreren Ebenen. So verfährt er nicht nur philologisch-werkimmanent, sondern auch philosophiehistorisch. In Exkursen zu Kant, den Neukantianern, E. Husserl, N. Hartmann, K. Jaspers geht er auf die Vorgeschichte der ontologischen Differenz ein, wobei sich insbesondere der Rückgang auf W. Windelbands Rektoratsrede von 1900 als fruchtbar erweist. Zum Verständnis der ›ontologischen Differenz‹ trägt auch Heinrichs Hinweis auf Heideggers umgekehrte Lesart der kantischen Antinomientafel bei.

Mindestens ebenso wichtig ist die sprachtopographische Ebene. War schon für Adorno die Ideologie »in die Sprache gerutscht« (»Jargon der Eigentlichkeit«), arbeitet Heinrich ihre zugleich epiphanische Suggestion heraus. Diese besteht nicht zuletzt in einem so archaisierenden wie koketten Rückgang hinter den klassischen Wahrheitsbegriff: als eine Wahrheit, die sich nur in ihrer Verbergung entbirgt, läßt sie sich für Heinrich als eine Zentralfigur für die »Nichtbewältigung unserer eigenen Vergangenheit« entschlüsseln.

In die Vorlesung eingefügt ist ein spontaner Nachruf auf den gerade verstorbenen Komponisten Luigi Nono, mit dem Klaus Heinrich Mitte der 80er Jahre eine lange Unterhaltung über den Prometheusstoff geführt hatte. Dabei wird Nonos Œuvre als Antidot zu Heidegger vorgestellt.

Ein Anmerkungsapparat, stichwortartiges Inhaltsverzeichnis, Personenregister und editorisches Nachwort schließen den Band ab.

Inhalt

  • Erste Vorlesung, Zweite Vorlesung, Dritte Vorlesung, Vierte Vorlesung, Fünfte Vorlesung,  Sechste Vorlesung, Siebte Vorlesung, Achte Vorlesung, Neunte Vorlesung, Zehnte Vorlesung, Elfte Vorlesung, Zwölfte Vorlesung
  • Anmerkungen
  • Stichwortartige Übersicht
  • Personenregister
  • Editorische Notiz

Leseprobe

Ich muß sagen, warum ich dieses Buch für eine nun doch Einführungsvorlesung gewählt habe. Der äußere Anlaß: daß es zu dem hundertsten Geburtstag erschienen ist, demonstriert schon, daß die Herausgeber sich von ihm eine gewisse aktuelle Wirkung versprachen. Und tatsächlich ist es nicht nur die gegenwärtige, auf Heidegger fußende, vornehmlich französische Ereignisphilosophie, sondern es ist auch jener Trend, von dem ich in einer anderen Vorlesung über die Abschaffung der Subjektivität vor mehreren Semestern schon gehandelt hatte, jener Trend, die Realität in Ereignisketten zu zerlegen, mit Ereignissen zu faszinieren, um vorzubereiten auf jeweils das Ereignis, das es immer noch nicht ist, das, wenn es denn wäre und wirklich alle übertrumpfte, identisch wäre mit einer letalen Katastrophe. Also: seit den ersten Atombombenwürfen hat die Ereignisphilosophie diesen apokalyptischen Touch bekommen und nicht wieder verloren, die Katastrophe selber zu etwas zu machen, was Erlösungscharakter hat – so jedenfalls das Faszinosum in diesem großgeschriebenen Begriff »EREIGNIS«, auf das die kleinen Ereignisse samt und sonders anspielen. Die Katastrophe wird auf diese Weise, um es mit dem Wort von Günther Anders zu sagen, ›verbiedert‹. Ereignis ist dann ein Nickname für Katastrophe. Das ist ein erster äußerer Anlaß. Und im Augenblick sind es ja nicht so sehr die Großereignisse, die inszeniert werden von dafür von den Kommunen bestellten Regisseuren, im Augenblick haben sich noch viele mehr in Regisseure verwandelt, sind die Inszenierungen viel nähergerückt. Aber wie gesagt, ich will nicht von den aktuellen völkischen Ereignissen reden.

Wenn Sie das Heideggersche Buch aufschlagen, wenn Sie nur reingucken, wenn Sie nur die erste Seite lesen, beginnt sich für Sie bereits der Titel zu drehen. Das heißt, Sie kriegen bereits in der Einführung, auf der ersten Seite, also in der knappsten Vorbemerkung, die es hat, noch vor dem ersten Absatz, wenn Sie so wollen, das Ganze, die Figur des Ganzen mit. Wenn Sie hörten: ›Vom Ereignis‹, würden Sie höchstwahrscheinlich diesen Titel so interpretieren, daß Ereignis in dem Titel die Sache ist, die verhandelt wird, und das ›von‹, wenn Sie es denn ins Lateinische zurückübersetzen wollten, die Funktion des ›de‹ hat, also ›de stultitia‹ oder ›de ira‹, oder wie immer (das sind geläufige Titel), und so auch hier: »Vom Ereignis«. Etwas kommt schon dazu, was im Deutschen eine gewisse Spannung erzeugt, nicht: ›Von dem Ereignis‹ – Sie fragen: welchem? –, sondern: »Vom Ereignis«. Diese Zusammenziehung von Präposition und Artikel macht das einzelne nicht mehr zum einzelnen Separaten, sondern zum einzelnen Einzigen, also singulär: »Vom Ereignis«. Das heißt, wenn man es denn im Deutschen wiedergeben sollte: vom Ereignis schlechthin und nicht von dem Ereignis, bei dem man erst nachfragen muß, um welches es sich handelt. Sie sehen gleich, wir werden sehr, sehr viel auf Sprache eingehen müssen, es geht nicht anders. Gerade wenn Sie den Offenbarungsanspruch von Sprache, den Heidegger uns vorsetzt, nicht mitmachen wollen, müssen Sie sich bis in die sprachlichen Zellen hinein, auf die er sich gründet, sozusagen in den ›Umkreis der Stärke‹ dessen stellen, mit dem Sie sich auseinandersetzen. – Aus der ersten Vorlesungseinheit.

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