Verlag der Initiative Sozialistisches Forum
Institut für Sozialkritik Freiburg (ISF) e.V.
Alfred Sohn-Rethel

Frühe Exposés zur materialistischen Kritik der Erkenntnis

Luzern - Paris - Oxford. 1936-1937 und ergänzende Texte

Frühling 2019, 500 Seiten, ISBN: 978-3-86259-131-2
Herausgegeben von Jens Peters | Schriften III

Der dritte Band der Schriften Sohn-Rethels enthält die frühesten Ausarbeitungen seiner Erkenntniskritik, deren Problematik zeitlebens der zentrale Inhalt seines geistigen Schaffens bleiben sollte.

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Beschreibung

Der dritte Band der Schriften Sohn-Rethels enthält die frühesten Ausarbeitungen seiner Erkenntniskritik, deren Problematik zeitlebens der zentrale Inhalt seines geistigen Schaffens bleiben sollte.

Die Grundidee, dass das Kantsche »…Transzendentalsubjekt ein Fetischbegriff der Kapitalfunktion des Geldes…« (Alfred Sohn-Rethel, Schriften I, S. 270) sei, kam Sohn-Rethel bereits in den frühen 1920er Jahren. Oder, anders formuliert: »1921: Postulat: die Warenform begreift das Transzendentalsubjekt in sich (Alfred Sohn-Rethel, Vorwort zu Geistige und körperliche Arbeit; revidierte und ergänzte Neuauflage, 1989; hier den Schriften III und IV vorangestellt)«.

Die Denkform resultiert aus der Warenform: das abstrakte Denken, dem die Sohn-Rethelsche Ideologiekritik als Erweiterung der Marxschen Kritik des Fetischcharakters der Ware gilt, hat seine Wurzel in der Tauschabstraktion.

Diese wird bei der Tauschhandlung von den Tauschenden als Realabstraktion unbewusst mitgetätigt, es handelt sich also nicht um eine gedankliche Abstraktion, sondern um einen Akt, der bei dem Bezug von Waren auf eine allgemeine Ware (das Geld) unbewusst mitvollzogen wird.

Dies ist ein Hinweis auf die Historizität jedweder Art und Weise des Denkens, letztlich darauf, dass der Begriff der objektiven Wahrheit ein je historischer ist.

Die Kantsche Transzendentalphilosophie tritt nicht etwa zufällig in der Folge Newtons auf, auch nicht als die bis dahin entwickeltste Version einer zeitlosen Logik, sondern als Denken, das an der Zeit war (Hegel): als philosophisches Fundament der Newtonschen Physik (Sohn-Rethel verweist dazu auf Hermann Cohen), die ihrerseits am historischen Übergang von der formalen zur realen Subsumtion der Arbeit unters Kapital steht (Marx).

Beim heutigen Stand der (fast vollständigen) Inwertsetzung aller Lebensbereiche sind die Menschen – vermeintlich – Teil einer in sich geschlossenen, ahistorischen Totalität, einer ganzen Fetischwelt, die sich mit ihrer Realität nicht so gerne konfrontieren möchte. Die sich auf das ‘normale’, alltägliche wie auch wissenschaftliche Denken erstreckt: warenförmiges, entfremdetes Denken, in dem allein schon der Begriff der Kritik vergessen wird, korrespondierend mit der zusehends total werdenden Asozialität aller zwischenmenschlichen Verhältnisse. Negation dieser durch das Mittel des Ausschlusses aller von allen und allem: des Geldes – einschließlich des negativen Verhältnisses zur ersten Natur (Lukács), also auch der eigenen in selbstzerstörerischer Tendenz.

Der zentrale Text des dritten Bandes dieser Ausgabe ist das »Exposé zum Plan einer soziologischen Theorie der Erkenntnis«, geschrieben Februar bis August 1936. Diese Schrift ist die erste Gesamtdarstellung der erkenntniskritischen Gedanken Sohn-Rethels. Veröffentlicht wurde dieser Text erst 1985 als »Soziologische Theorie der Erkenntnis«. Sohn-Rethel: »…eigentlich ‘marxistische Theorie der Erkenntnis’…« – noch besser: ‘Materialistische Kritik der Erkenntnis’?

Mehr noch als in der späteren Schrift ‘Geistige und körperliche Arbeit’ wird die real-historische Perspektive seiner Argumentation offensichtlich.

Sohn-Rethel sandte Durchschläge seiner Schrift außer an das Institut für Sozialforschung (IfS) auch an Ernst Bloch und Georg Lukács, von denen jedoch keine Rückmeldung bekannt ist. Um so bemerkenswerter die konträren Reaktionen innerhalb des IfS: Adorno geradezu euphorisch in seiner Antwort auf Sohn-Rethels »Nottinghamer Brief«, dem »Exposé zur Theorie der funktionalen Vergesellschaftung«; Horkheimer hingegen generell ablehnend. Adorno bemühte sich Sohn-Rethel eine Anstellung am IfS zu verschaffen, die Schrift »Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus« (1937) sollte als Zusammenfassung seines ersten frühen Hauptwerkes von Walter Benjamin begutachtet werden.

Spätere, ergänzende Texte sowohl Sohn-Rethels anlässlich der Veröffentlichung der Haupttexte als auch Diskussionsbeiträge aus jüngerer Zeit schließen den Band ab.

Inhalt

  • Vorwort zur Ausgabe von ‘Geistige und körperliche Arbeit – Zur Epistemologie der abendländischen Geschichte’, (August 1989)
  • Einleitung des Herausgebers
    • Alfred Sohn-Rethels frühe Entwürfe und das Institut für Sozialforschung
    • Editorische Anmerkungen
  • Frühe Exposés zur Kritik der Erkenntnistheorie
    • Exposé zum Plan einer soziologischen Theorie der Erkenntnis »Luzerner Exposé«
      • Der Begriff der funktionalen Vergesellschaftung
      • Die Genesis der funktionalen Vergesellschaftung
        • Das primäre gesellschaftliche Ausbeutungsverhältnis
        • (Ägypten)
        • Die reflektierte Reichtumsbildung (Antike)
        • Das reflektierte Ausbeutungsverhältnis (Abendland)
          • Die Dialektik und Auflösung der Naturalausbeutung
          • Die Epoche des Handelskapitalismus
          • Die kapitalistische Warenproduktion
      • Das Konstitutionsproblem des gesellschaftlichen Seins
      • Die dialektische Wahrheitskritik der Erkenntnis
        • Vorbemerkung über die Sinn der geschichtsdialektischen Wahrheitsfrage
        • Das Erkenntnisproblem
      • Die Geschichtsdialektik und der Begriff der Materie
      • Das Problem der Methode
    • Nachwort 1985 (zur »Soziologischen Theorie der Erkenntnis«)
    • Brief von W. Benjamin an A. Sohn-Rethel vom 19.8.1936. Überarbeitete Fassung eines Briefes an Theodor W. Adorno, »Nottinghamer Brief«
    • Exposé zur Theorie der funktionalen Vergesellschaftung
    • Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus. Eine materialistische Untersuchung, (»Pariser Exposé«)
      • Die Absicht der Untersuchung
      • Analogie oder Begründungszusammenhang?
      • Die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen der rationalen Erkenntnis
      • Zur Analyse der Warenform
      • Warentausch und Ausbeutung
      • Die Ausbeutung als Ursprung der Verdinglichung
      • Das Geld und die Subjektivität
    • Nachwort zu »Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus« 1970
  • Diskussion
    • Fußnote zu Notizen…
    • Diskussionsbeitrag: Alfred Sohn-Rethel zu: Die »Frankfurter Schule« im Lichte des Marxismus
    • Ein Brief an den Leviathan
  • Anhang
    • Literatur
    • Zitierte Texte von Alfred Sohn-Rethel
    • Textauswahl und Nachweise

Rezension

Bruno Latour: Wer hat das Sagen? Kant in den Fängen von Marx. Rezension der franzöischen Übersetzung von Das Geld, die bare Münze des Apriori von Francoise Willmann (La Tempte, 2017), in: Le Monde des livres, 1. Februar 2018

 

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