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Jour Fixe Programm Frühjahr/Sommer 2010

Mittwoch, 21. April 2010

Villa Waigner

Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939–45

Mit der Besetzung Prags begann am 15. März 1939 eine sechsjährige deutsche Terrorherrschaft über das “Reichsprotektorat Böhmen und Mähren”. Es wurde dem deutschen Herrschaftsbereich eingegliedert, von deutschen Konzernen und Banken ausgeplündert, das Eigentum seiner 80.000 jüdischen Bürger an deutsche Banken, Konzerne, Gemeinden, Wohlfahrtsverbände und Zehntausende Volksgenossen verteilt. Erich Später schildert den Prozeß der Entrechtung, Enteignung, Deportation und Ermordung der tschechischen Juden. Beispielhaft rekonstruiert er die Enteignung und Ermordung des jüdischen Ehepaares Waigner, dessen Prager Villa ein begehrtes Objekt der Begierde hoher Nazifunktionäre wurde. Den Zuschlag für die “Judenvilla” erhielt schließlich der SS-Offizier Hanns Martin Schleyer. Die Geschichte der Villa Waigner und die in Späters Recherche erstmals publizierten Dokumente über das Schicksal der jüdischen Besitzer sowie über die Nazikarriere der Bewohner ihrer arisierten Villa machen die Erkenntnis unausweichlich: Ohne Männer wie Hanns Martin Schleyer Schleyer wäre weder der Vernichtungskrieg im Osten noch der Holocaust möglich gewesen. – Es spricht Erich Später (Saarbrücken), Autor u.a. von “Kein Friede mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaften” (2005), dessen Buch “Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939–45” im letzten Herbst in der Reihe “Konkret-Texte” (Hamburg) erschienen ist.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Samstag, 24 April

Freiburg in der NS-Zeit

Antifaschistischer Stadtrundgang

An exemplarischen Stationen wird gezeigt, was in Freiburg nach 1933 passierte, wie die Arisierung organisiert wurde, welche Menschen wo gelebt haben, die ihre Wohn- und Arbeitsstätten verlassen mußten. An der Universität wird vom Rektorat Martin Heideggers im Frühjahr 1933 die Rede sein. Der Rundgang endet gegen 17°° am Platz der Alten Synagoge. E. Imbery führt und kommentiert.

Treffpunkt um 14 Uhr “Basler Hof”, Kaiser-Josephstraße (gegenüber Buchhandlung Herder)

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Mittwoch, 5. Mai 2010

Curzio Malaparte: “Kaputt”

Manchmal hilft das Lesen von schöner Literatur: Der erste umfassende Roman zum Vernichtungskrieg nimmt die Ergebnisse der neueren Täterforschung vorweg

“Ja, es ist wahr […]. Sie schlachten die Wehrlosen, sie hängen die Juden an die Bäume auf den Dorfplätzen, sie verbrennen sie lebend in ihren Häusern, wie die Ratten, sie erschießen die Bauern und die Arbeiter auf den Höfen der Kolchosen und Fabriken. Ich habe sie lachen, essen, schlafen sehen im Schatten der Leichen, die an den Ästen der Bäume schaukelten.” Der frühere Faschist Curzio Malaparte, italienischer Kriegsberichterstatter an der Ostfront, schildert in seinem Anfang 1944 im von den Alliierten befreiten Neapel erschienenen Roman “Kaputt” ein facettenreiches Porträt der deutschen Täter im Vernichtungskrieg. Die Akteure sind ihm keine Schreibtischtäter, verführte Landser oder kriminelle Einzeltäter, sondern ein sadistisches Kollektiv von Herrenmenschen, die ihre grausamen Phantasien mit Kalkül und Genuß gleichermaßen ausleben. In seinem Kunstroman konfrontiert Malaparte die Nachwelt mit den Taten der “willigen Vollstrecker” im Sinne des Freudschen Paradigmas “Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten”. Der Roman wirft ein Licht auf die Ergebnisse der neueren Täterforschung ebenso wie auf die allseits anerkannte Behauptung eines “bleiernen Schweigens” (Klaus Berghahn) über den Vernichtungskrieg bis in die sechziger Jahre. “Kaputt” war in den fünfziger Jahren für die kritische Jugend ein Muß und verkaufte sich allein in Deutschland über 100.000 Mal. Warum der erste umfassende Roman zum Vernichtungskrieg dann in Vergessenheit geriet, wird abschließend erörtert. – Es spricht Torsten Liesegang (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 19. Mai 2010

Wider die Gesundheitsreligion

Über das Krisenphänomen Gesundheit

Nicht nur metaphorisch läßt sich eine Gesundheitsreligion – wenn auch ohne jede Transzendenz – diagnostizieren: Das Ideal ist unerreichbar, und der Weg führt über Entsagung von Genußmitteln, Selbstkasteiung im Sport und die Beichte beim Hausarzt. An die Stelle der Priesterrobe tritt der Arztkittel, an die des Wissensmonopols mittelalterlicher Kleriker auf dem Weg zum Seelenheil das der Mediziner auf dem zur Gesundheit. Die Unterwürfigkeit des Patienten vor dem weißen Kittel, die Totalisierung der Medizin, die steigende Anzahl verschriebener Psychopharmaka, “ganzheitliche Ernährung”, Diäten, “Nichtraucherschutz” und Fitneßkult sind längst zur Alltagsideologie geworden, von der nicht nur ganze Industriezweige leben, sondern die weitreichende Teile der Lebenszeit der Individuen vereinnahmt. Der den Gesunden eigentümliche “krampfhafte Hang zum Positiven” (Adorno) ist jedoch das Anschmiegen an den Prozeß der Vergesellschaftung selbst, der autoritäre Versuch widerspruchsfreie Identität herzustellen, den Freud verzweifelt als “Todestrieb” auf den Begriff zu bringen, Heidegger affirmativ als “Sein zum Tode” zu ontologisieren suchte. – Es spricht Leo Elser (Redaktion Polemos. Bullarium der AG Kritische Theorie Nürnberg, siehe: http://kritischetheorie.wordpress.com).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 2. Juni 2010

Die Sehnsucht nach dem Weltsouverän

Wenn Marx sagt, der Weltmarkt sei das “Übergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat”, so nennt er damit auch das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft, das eine Weltgesellschaft ohne Souverän im Auge hat – und seine Erkenntnis, daß “keine Art Bankgesetzgebung (…) die Krise beseitigen” könne, ist nur der negative Ausdruck dieses Versprechens. Der Wahn hingegen, der das Glücksversprechen dementiert, verspricht das Übergreifen des Staats über den Weltmarkt. Man sehnt sich also nach dem Weltsouverän und freut sich auf den Ausnahmezustand, der ihn bringen soll: Auf der einen Seite wird dieser Überstaat weltweit die Banken und Börsen sorgsam beaufsichtigen, so daß sie nicht mehr der Gier der “internationalen Managerklasse” (Joachim Hirsch) ausgeliefert sind und verrückt spielen; auf der anderen Seite den Djihad regulieren – sei‘s durch Dialog oder Sanktionen –, damit die Mullahs nicht über die Stränge des Nahen Ostens hauen, statt Tariq Ramadan zu folgen. Das vielberufene Charisma, das Barack Obama im Kampf um die Präsidentschaft der USA erwarb, ist ohne diese Sehnsucht nicht zu erklären: Möge doch dieser Präsident von innen her die gewaltsame Politik des Hegemons, der die anderen Staaten so einseitig dominiert, auf wundersame Weise in die friedl iche Kommunikation einer gerechten “Weltinnenpolitik” (Habermas) verwandeln. Die Reaktionen auf den Gaza-Krieg wurden dann schon durch die Hoffnungen belebt, die man auf Obama setzt. Wie auch immer sie enttäuscht werden: Israel verkörpert im globalen Wahnbild die Weltverschwörung des Judentums. Deshalb gezwungen, seine Souveränität ständig unter Beweis zu stellen, legt die Politik dieses Staates in Wahrheit stets aufs Neue dar, daß es keinen Weltsouverän gibt, ja, daß jeder Versuch, ihn zu realisieren, gegen die Juden gerichtet ist: Er nimmt ihrem Staat die Souveränität, die sie im Ernstfall allein schützt. – Es spricht Gerhard Scheit (Wien, Café Critique), Autor u.a. von Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus”; gerade erschien von ihm Der Wahn vom Weltsouverän. Zur Kritik des Völkerrechts”

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Dienstag, 8. Juni 2010

Feindbild Israel – der ewige Sündenbock

Über keinen Staat gibt es so viele Gerüchte wie über Israel

Über keinen Staat gibt es so viele Gerüchte wie über Israel. Tilman Tarach zeigt, daß die deutschen Medien, aber auch Organisationen wie die Uno und jede Menge »Israelkritiker« den Stoff liefern, aus dem diese diffamierenden Legenden gestrickt werden. Die alte Parole »Die Juden sind schuld« wird heute in weiten Teilen der Gesellschaft begierig auf den jüdischen Staat angewendet, und zwar reichlich unabhängig davon, wie er sich verhält. – Vortrag und Diskussion mit Tilman Tarach Tilman Tarach (Freiburg), Autor des Buches »Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die &sdquo;Protokolle der Weisen von Zion” und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt« (Edition Telok, 2010). Mehr Infos: http://tilmantarach.blogspot.com. Eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Freiburg (http://www. deutsch-israelische-gesellschaft-freiburg.de/in Zusammenarbeit mit der ISF.

Um 20 Uhr im Bürgerhaus Seepark (Straßenbahnlinie 1 Richtung Landwasser, Ausstieg Betzenhauser Torplatz).

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Mittwoch, 16. Juni 2010

“Nichts gelernt und nichts vergessen”

Geschichte und Zukunft des Antizionismus in Deutschland

Irgendwann zwischen der Wannsee-Konferenz und der Gründung Israels verliert der Hass auf die Juden jedwede Geschichte. Danach gab es keine Antisemiten mehr: weil alle es sind. Der Antisemitismus wird zum logischen wie zum historischen Apriori, zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins der Deutschen. Was immer sich seitdem auch ereignet hat – es spiegelt den prinzipiellen Stillstand der Geschichte, den Bann, die Angstlust der erpreßten Versöhnung. So findet auch der Hass auf die Juden, egal, ob antisemitisch oder antizionistisch ausgebrüllt, keine neuen Worte mehr, sondern gehorcht einem manischen Wiederholungszwang, dessen Vokabular in den Werken Adolf Hitlers gesammelt vorliegt. Es ist sein “Politisches Testament” vom 29. April 1945, das seitdem abgearbeitet wird, sein letzter Wille, dem “internationalen Judentum und seinen Helfern” den totalen Krieg zu erklären und dafür immer wieder aufs Neue im deutschen Staat die so klassenübergreifende wie die Klassen in sich aufhebende Volksgemeinschaft zu verschweißen, d.h. das Mordkollektiv, das in erlogener präventiver Notwehr dagegen sich erheben solle, daß “die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden”. 1989, als die Wiedervereinigung der Antisemiten (BRD), die genötigt worden waren, mit Israel sich zu arrangieren, mit den Antizionisten (DDR), denen es nur erlaubt war, die Juden in Form der ›Zionisten‹ zu hassen, unvermeidlich wurde, waren alle formellen Bedingungen der deutschen Souveränität wiederhergestellt, die es möglich machen, Hitlers Testament doch noch zu vollstrecken, d.h. die HaShoah durch ihre Vollendung, Überbietung und restlose Vollstreckung an Israel ungeschehen zu machen: Der Rechtsnachfolger rüstet sich auf, der Gesellschaftsnachfolger zu sein. Denn erst der Tag, an dem es die Juden, außer in Geschichtsbüchern, niemals gegeben haben wird, wird der Tag der vollendeten “Deutschen Revolution” (Goebbels) gewesen sein. So trifft das paradoxe Resümee jetzt erst zu, das Eric Voegelin 1964 aus dem Verhältnis der Deutschen zu Hitler zog: “Nichts gelernt und nichts vergessen.” Es ist diese irrsinnig redundante, penetrante Permanenz des Nullpunkts materialistischer Aufklärung, in dem der Wiederholungszwang sich breitmacht. – Es spricht Joachim Bruhn (Freiburg), Co-Autor u.a. des Buches der Initiative Sozialistisches Forum “Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Israel und die linksdeutsche Ideologie”

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 30. Juni 2010

Der deutsch-europäische Antiimperialismus, die “junge Welt” und die Islamische Republik Iran

Das geistige Echo der Tendenz kapitaler Herrschaft, die Verschweißung der kriselnden Subjekte zu individuumsentleerten Produktionsautomaten im regressiven Kollektiv, erhallt auch aus dem nationalbolschewistischen Ideologen: Daß der stumme Zwang zur ersten Natur werde, zur absoluten Identität des vereinzelt Einzelnen mit Volk und authentischer Herrschaft. Die ideologische Aufspaltung des Kapitalverhältnisses in eine parasitäre Spekulationssphäre und eine naturhafte Produktionssphäre wird von jenem Antiimperialismus geopolitisch reproduziert: die Herrschaft geteilt in eine, die den Beherrschten als auswärts und wesensfremd, d.h. als imperialistische zukommt, und in eine authentische, d.h. in die autochthone Herrschaft über die lsquo;Eigenen‘, die in dem antiimperialistischen Schwulst von der lsquo;nationalen Souveränität‘ zum Fetisch wird. So wird mit Inbrunst das antisemitische Brosamen-Wohlfahrtsregime der Islamischen Republik Iran verteidigt, das mit dem Wahn von der Tugend die Massen zu formieren strebt. Und so lobt Werner Pirker, verhinderter Geopolitiker der “jungen Welt, die Islamische Revolution als “Emanzipationsprozeß der Volksklassen”, der jedoch von jenen kassiert werde, die sich dem Tugendterrorismus erwehren und den staatlich verordneten Antizionismus zu blamieren drohen. Über die antiimperialistische Apologie der Islamischen Republik und die Denunziation der Revolte gegen dieses Regime als “asoziale Revolution” wird Danyal (Hamburg) vom Blog “Cosmoproletarian Solidarity” (http://cosmoproletarian-solidarity.blogspot.com/) sprechen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Mittwoch, 14. Juli 2010

Sex, Djihad und Despotie

Zur Kritik des Phallozentrismus

Seit dem 11. September 2001 wird in der westlichen Öffentlichkeit die Frage diskutiert, was der Islam mit dem weltweit agierenden Suizid- und Tugendterror zu tun hat, der in seinem Namen zuförderst gegen Juden, Frauen und Homosexuelle sich richtet. Die kritis che Analyse des klassisch-schariatischen Geschlechterverhältnisses und der ihm entsprechenden Sexualpolitik im Spannungsfeld von Religion (Eschatologie, Ritualpraxis) und Gesellschaft (Patriarchalismus, orientalische Despotie, Djihad-Doktrin) erweist die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma) als wesenhaft durch einen Phallozentrismus konstituiert, der in der Moderne notwendig in eine Krise gerät. Die gegenwärtige barbarische Gewalt des Kollektivs ist damit nichts anderes denn eine anachronistisch-pathologische Verteidigung der in Verfall begriffenen Tradition und gilt in letzter Instanz immer dem (sexuell) selbstbestimmten Individuum. – Es spricht Thomas Maul (Berlin), dessen Buch “Sex, Djihad und Despotie” gerade bei ça ira erschienen ist; außerdem bei ça ira: Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger (2006).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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