Verlag der Initiative Sozialistisches Forum
Institut für Sozialkritik Freiburg (ISF) e.V.

Buchbesprechung: »Das Ideal des Kaputten«

Christina Wessely und Christian Voller

Neapolitanische Moderne

Der »letzte Marxist« Alfred Sohn-Rethel besuchte in den zwanziger Jahren Neapel und lernte dort einen ehrfurchtlosen Gebrauch von Technik kennen.

In den Sommermonaten 1926 unternahm Alfred Sohn-Rethel, der gut zwei Jahre zuvor mit seiner Frau Tilla und der gemeinsamen Tochter nach Süditalien gezogen war, ausgedehnte Streifzüge durch Neapel. Die Stadt am Mittelmeer übte eine starke Faszination auf den jungen Kommunisten aus, der er in einigen Essays nachspürte. Diese sind jüngst im Rahmen der im Ça-ira-Verlag von Oliver Schlaudt und Carl Freytag betreuten textkritischen Edition der Schriften Sohn-Rethels neu aufgelegt worden. Das besonders hübsch gestaltete Bändchen sei nicht nur Neapelreisenden als Vademecum ans Herz gelegt, sondern auch all jenen empfohlen, die daran interessiert sind, die Entwicklung der Theoriebildung Sohn-Rethels, wie überhaupt der Kritischen Theorie, zu der er sich zählte, in ihrer Frühphase nachzuvoll­ziehen. Denn die drei Abhandlungen, die gemeinsam mit zwei weiteren Kurzgeschichten unter dem Titel »Das Ideal des Kaputten« zusammengefasst und instruktiv kommentiert wurden, fügen sich in den Zusammenhang einer ganzen Reihe von Neapel-Texten, die Ernst Bloch, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin / Asja Lācis, Theodor W. Adorno und andere zur selben Zeit verfassten, und die zusammengenommen von aufschließender Bedeutung für die Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie sind.

Neapel wird in diesen Texten durchweg als ein eigentümlich undefinierter Ort beschrieben, in dem sich die für die bürgerliche Moderne konstitutiven Scheidungen zwischen Privatem und Öffentlichem, verwaltender Rationalität, Religion und Mythos, bürgerlichem Geschäftsgebaren, Staat und Kriminalität, Natur und Kultur noch nicht, oder doch in ­einer anderen Form etablierten, als man es, von Norden anreisend, ­gewohnt war. Zumindest zum Teil ist das der geographischen Lage der Stadt geschuldet, denn die Zivilisation besteht in Neapel immer schon auf Widerruf. Die unmittelbare Nähe zum Vesuv etwa lässt den Triumph der Menschen über die Natur als reversibel erscheinen, wie Sohn-Rethel im Text »Vesuvbesteigung 1926« bemerkt. Auch der Mythos ist in Neapel stets gegenwärtig – oder liegt zumindest so nah wie das Tor zur Unterwelt auf den Phlegräischen Feldern, das per S-Bahn zu erreichen ist, oder das Grab des Vergil unweit des Stadtzentrums. Und nicht einmal die Trennlinie zwischen Land und Wasser scheinen die Neapolitaner verlässlich gezogen zu haben. Asja Lācis und Walter Benjamin sprachen deshalb von der spezifischen Porosität einer Stadt, in der die Elemente und Zeitschichten einander ebenso »organisch« durchdringen, wie die gesellschaftlichen Sphären, die sich zu ­einer stabilen bürgerlichen Ordnung nie gefügt haben. Gemeint ist damit allerdings mehr und anderes als das sprichwörtlich chaotische Treiben in den neapolitanischen Gassen, das schon seinerzeit eine Phrase für Reiseführer war, deren Plausibilität mit jener biedermeierlichen Ordnung verloren gegangen war, zu der sie einmal kontrastieren sollte. Auch waren es nicht einfach Deutsche, die Neapel zum Anlass ihrer ­Reflexionen nahmen, sondern junge Intellektuelle, die in die russische ­Revolution die beträchtliche Hoffnung gesetzt hatten, sie möge einer menschenwürdigeren Modernität als der des Kapitalismus zum Durchbruch verhelfen.

Was das »intellektuelle Wanderproletariat« (Benjamin), das sich in den zwanziger Jahren in und um Neapel tummelte, bestaunte, waren also weder mediterranes laissez faire noch schlichte Zurückgebliebenheit, sondern eher schon eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Sinne Blochs. Denn an Neapel faszinierte nicht, dass es nie modern gewesen wäre, sondern dass es einen eigenen, ­chaotischen Weg in eine eigene, ­chaotische Moderne zurückgelegt zu haben schien, der sich an der ­geschichteten Architektur der Stadt buchstäblich ablesen ließ und in vielerlei Hinsicht als Kontrast zu jenem Erfahrungsraum dienen konnte, dem man seinerzeit zu entfliehen suchte. Sohn-Rethels »Filosofia del rotto«, also eine Philosophie des ­Gebrochenen, ist jedenfalls getragen von dem Wunsch, eine andere, menschliche Modernität auf den Begriff zu bringen, die er vor allem in jenem gleichermaßen listigen wie ehrfurchtlosen Umgang mit moderner Technik am Werke sieht, den er als charakteristisch für Neapel wertet und in einer Reihe von Anekdoten vor Augen führt. In dem Text »Eine Verkehrsstockung in der Via Chiaia« beobachtet Sohn-Rethel etwa, dass das schon jahrelange Nichtfunktionieren der Eisenbahn, für das es keinen plausiblen Grund zu geben scheint, von den Einwohnern der Stadt offenbar als ein großes Glück erfahren wird, denn wo sonst als in den kühlen Schächten sollten sie sommerliche Mußestunden verbringen. Auch der überhitzte Motor eines Ausflugsbootes gibt den Einheimischen trotz der bangen Blicke ausländischer Passagiere keineswegs Anlass zur Sorge, sondern wird vom Steuermann genutzt, um darauf eine mitgeführte »Cafeteria« zu platzieren und »bald darauf die ganze Reisegesellschaft mit Kaffee« zu bedienen. Ein anderer Neapolitaner, ungeheuer stolz darauf, den Motor eines abgewrackten Motorrads wieder in Gang gesetzt zu haben, hatte an dessen Nabe »exzentrisch eine lange Gabel angebracht, mit der er die Schlagsahne schlug«, um nun hinter seiner Theke zu stehen, »als ob er die Elemente des Universums beherrschte«, und Eis zu verkaufen.

Was diese Beobachtungen eint, ist ein Begriff von Technik, der »im Funktionieren des Kaputten« gründet, denn das Intakte sei dem Neapolitaner »im Grunde unheimlich«, so Sohn-Rethel. »Grade weil es von selber geht, kann man letztlich nie wissen, wie und wohin es gehen wird.« Neapoletanische Technik beginnt also eigentlich erst da, »wo der Mensch sein Veto gegen den feindlichen und verschlossenen Automatismus der Maschinenwesen einlegt und selber in ihre Welt einspringt«. Das Entfremdungsproblem wird so auf handgreifliche Weise gelöst, denn es entsteht ein »neapoletanisches Glücks­arsenal des Kaputten«, dessen Zauber vor allem darin besteht, dass der Mensch »sich die Führung der ­Maschinen nicht so sehr dadurch aneignet, daß er ihre vorschriftsmäßige Handhabung erlernt, als indem er den eigenen Leib darin entdeckt. Zerstört er dazu zwar zunächst die menschenfeindliche falsche Magie intakten maschinellen Funktionierens, so installiert er sich jedoch alsdann souverän in des entlarvten Unge­heuers einfältiger Seele und freut sich des wahrhaft einverleibten ­Besitzes zum unumschränkten ­Herrentum utopischer Daseins-Allmacht.«

Ist die Geschichte der Moderne im Norden nach einem Wort Benjamins vor allem durch eine »verunglückte Rezeption der Technik« charakterisiert, die den Umstand zu »überspringen suchte, dass dieser Gesellschaft die Technik nur zur Erzeugung von Waren dient«, so bietet Neapel ein Schauspiel verunglückter Bedienung von Technik, die den Menschen zum Herren einer mutilierten Technik macht, die seiner Freiheit dient, anstatt ihn zu knechten. Technik wird auf ein menschliches Maß zurück­gestutzt und lässt so erahnen, dass sie auch der »Freiheit dieses Lebens« dienen könnte.

 

Aus: Jungle World 44/2018

 

Das Ideal des Kaputten