Georg K. Glaser

Die Geschichte des Weh

Erzählung

Herbst 2022, ca. 170 Seiten, ISBN: 978-3-86259-186-2
Herausgegeben von Ralph Schock | Französisch Broschur

20,00 

Nicht vorrätig

978-3-86259-186-2 Kategorie:

Beschreibung

Im Jahr 1968, fünfzehn Jahre nach der Veröffentlichung seines beeindruckenden Berichts Geheimnis und Gewalt, legte der Pariser Schriftsteller und Silberschmied Georg K. Glaser (1910–1995) eine Erzählung vor. Deren Protagonist Weh ist der 1908 in Frankfurt am Main geborene Eugen Weidmann, der am 17. Juni 1939 in Versailles durch die Guillotine hingerichtet wurde.

Eines Nachts treffen in der Pariser Emigration nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten der Ich-Erzähler, unschwer als Glaser selbst zu erkennen, und Weidmann aufeinander, vermittelt über den gemeinsamen Freund Willy Mainzer. Während dieser Weidmann wegen seiner angeblichen wirtschaftlichen Erfolge bewundert und daran zu partizipieren hofft, wird der Erzähler immer misstrauischer. Mit knapper Not entkommen die beiden schließlich einem Anschlag Weidmanns. Wenig später stellt sich heraus, dass Weidmann ein lange gesuchter mehrfacher Mörder ist. Der Autor unternimmt es in seiner Erzählung, dem dunklen Rätsel dieses Mannes auf die Spur zu kommen, der ihm »verwandt« erscheint.

Die Geschichte des Weh handelt von Flucht und Vertreibung, der Ohnmacht vor dem heraufziehenden Krieg wie der Verwandtschaft in der Einsamkeit und davon, wie das Eigentümliche das Allgemeine bestimmt.

Der Band enthält ein Nachwort von Ralph Schock und wird um einen Brief Glasers an Max Horkheimer in der Causa Mainzer, ein Glaser-Porträt Gustav Reglers sowie weitere Dokumente ergänzt.

Stimmen

»Georg Glaser war ein zu tiefst empfindender Mensch, der das in den bürgerlichen und auch in linken Kreisen gepflegte Vorurteil widerlegt, dass Kämpfer keinen Tiefgang haben. Ganz im Gegenteil offenbart er uns durch das Zusammenspiel seiner Erfahrungen und Einsichten das Ganze des Menschen. Er beschönigt nichts an der Lebensrealität der arbeitenden Klasse, er romantisiert nicht. Und er geht, sich selbst und seine Umwelt fragend, voran.« / Martin Veith, syndikalismus.org

Vita

Georg K. Glaser (1910–1995), 1926 als Rebell und Vagabund Einlieferung ins »Westendheim«. Zwei Jahre vor der Volljährigkeit als »unverbesserlich« entlassen, Verbindung zur KPD und Roten Hilfe. 1929 wegen Landfriedensbruch im Gefängnis Preungesheim; dort beginnt Glaser zu schreiben. Gerichtsreporter und Arbeiter u.a. in Farbwerken Höchst. 1923 Veröffentlichung von Schluckebier im KPD-nahen Agis-Verlag. 1933 Flucht ins Saarland, 1934 Aufenthalt in Paris. 1935 Rückkehr ins Saarland, Kampf um die Saarabstimmung, Gefängnis. Emigration nach Frankreich, Paris, Toulouse, Normandie. 1939 französischer Soldat, Sept. 1940 Kriegsgefangener unter falschem Namen »Martin«, Frontstraflager Domfront, 1943 Flucht aus Gefangenenlager Görlitz, bei Straßburg festgenommen, verschiedene Lager. Mai 1945 Rückkehr nach Paris, Fließbandarbeiter bei Renault, 1946 französische Staatsbürgerschaft, ab 1947 Engagement für die deutsch-französische Arbeiterbewegung, die von katholischen Priestern organisiert wird. Manuskript von Geheimnis und Gewalt beendet. 1949 Gründung einer eigenen Werkstatt als Dinandier in St. Germain-de-Prés.

Inhalt

  • 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13
  • Anhang
    • Nachwort des Herausgebers
    • Materialien
    • Zur Edition

Leseprobe

Die einzigen Überlebenden, irrten wir in dem nassen, kalten Dunkel, ehe wir, schwarz an den Rinnstein geduckt, eine der Mietdroschken fanden, die einen Pendelverkehr mit den verlorenen Vororten unterhielten. Eine zweite endlos scheinende Fahrt begann. Die Häuser, die wir bislang um uns geahnt hatten, wurden niedrige Schatten. In Kälte, Nässe und Nacht befiel es mich, als drängen wir, schon jenseits der Grenze der Menschengemeinde, in das eisstarre Niemandsland ein, hinter dem der seltsame Unbekannte lebte, unbekannt auch, wenn er der war, den ich vermutete. Aber die Reise bis an ihn war noch weit.

Der Fahrer wollte um keinen Preis, soviel wir auch draufzuschlagen bereit waren, seinen gewohnten Pendelweg verlassen. Es stand ihm auf dem Gesicht zu lesen – er fürchtete sich, uns auf noch einsamere Wege zu folgen. Er setzte uns vor der Straße – die kaum mehr als ein geteerter Feldweg war – nach La Celle Saint Cloud ab. Wir drangen tapfer in die Finsternis ein, hielten uns mitten auf dem Fahrdamm und fühlten uns seltsam klein. Ab und zu beleuchtete der Abschein einer Wolke das gepeinigte Antlitz meines Weggenossen. Allein wie der andere, allein wie ich; jeder in einer anderen Einöde.

Jedes der wütenden Feuer der Liebesleidenschaft, des Hasses und der gewaltsam besitzergreifenden Freundschaften, mit denen Mainzer immer wieder die Grenzen zwischen sich und den anderen hatte wegbrennen wollen, hatte ihn selbst immer tiefer und weiter verwüstet. Er ging, von der geheimnisvollen Eilbotschaft besessen, verbissen wie einen Gang auf Leben und Tod, zu dem, der auf uns wartete.

Und der, war er der, den ich vermutete? Ihm waren die Lebenden immer in Scharen entgegengekommen, so unwiderstehlich angezogen, als sei eine unerreichbare Einsamkeit der Kern, um den seit je Gemeinden sich gebildet hätten. War es diese Kraft, die meinen Erforscher der Gesetze der Gemeinschaft hörig gemacht hatte, als sei er endlich in die unmittelbare Nähe des Geheimnisses gelangt, vor einen Satz der Schöpfung, dem er durch seine Wissenschaften nicht hatte beikommen können?

Die tägliche Hölle des Lagers hatte beide wie mit Hammerschlägen erschüttern müssen. Was hatte sie verändert, zum Guten oder zum Schrecklichen? War das Eis zersplittert, in dem Weh gefangen gewesen, oder hatte er das Erlebte, das Grauen und Schlachten aufgenommen in seinen Alltag – letzte Ausführungsbestimmungen der Ordnung des weltweiten Zuchthauses –, in seine unbeteiligte, kühle Vortrefflichkeit? – Oder hatte es ihn verstümmelt?

 

Wir traten in den Wald ein, der La Celle Saint Cloud umgibt. Es war, als belauerten uns die scheintoten, entlaubten Bäume. Der Weg zog eine Schlaufe, bis hundert Schritte weiter die Buchen uns kreisgeschlossen umringten und mir etwas widerfuhr – meine Sinne sich täuschten, eine Ausgeburt der Furcht sich meiner bemächtigte, ich gebe es auf, das rechte Wort zu finden. Einige Tage später hatte ich es beschrieben, so gut es mir seinerzeit gelungen war – es war mir nicht geglaubt worden, mehr, es war als billige Erfindung verschrien und ich von Freunden verspottet worden.

Ich bestehe aber heute noch darauf, und da es sein muß, will ich gründlicher, geduldiger ausholen und erläutern, was mich darauf vorbereitet hatte, mich also narren zu lassen:

Wohl schon Monate oder gar Jahre zuvor hatte ich mir vorgenommen, aus den Zeitungen die Berichte über all diejenigen Vergehen und Verbrechen auszuschneiden, deren Umstände mir tiefere Gesetze der Zeit und Umwelt anzudeuten schienen. Es war ein Vorhaben, bescheidener, als es sich anhört. Ich wußte es damals schon recht gut – man kann nicht erfahren, wohin eine durchgebrochene Flut sich wenden wird, indem man ihr Wasser prüft. Aber die darin aufgelösten Erden erzählen doch, von woher sie gekommen ist.

Weshalb einer sich an Leib und Gut des Nächsten vergeht, welche Wege und Waffen er wählt, und denn auch, wie Richter und Volk die Tat bewerten und die Sühne bemessen – all das gehört zu Herkommen und Brauch. Heimisch bleibt, wenn jeder andere, in die Lage des Täters geraten, ähnlich gehandelt hätte. Das Landfremde stört – aus allem, was sich seit Wochen zugetragen hatte, waren zwei sich verwandte Begebenheiten unverdaut übriggeblieben: An zwei weit voneinander entfernten Orten waren durch Genickschüsse Ermordete aufgefunden worden.

Aber es war doch zu voreilig, den Unbekannten im Walde zu verdächtigen, nur weil er im Lager hatte erlernen können, wie rasch und sicher es sich auf solche Weise morden ließ. Ich wehrte mich – je ungeheuerlicher eine Vermutung, desto eindringlicher auch die Furcht vor den Folgen eines Irrtums –, aber es war der Verdacht, der mich nicht freigab; ich fragte behutsam an:

»Hast du das gelesen: Seit Wochen versuchen sie, zwei sich ähnliche Morde aufzuklären. Vergeblich, sie haben keine Spur, sie wissen nicht, warum –«

»Du weißt doch seit langem, daß ich solches Zeug nicht lese –«

Ich wußte es. Er beschränkte sich immer noch darauf, aus den Börsenkursen, wie aus der Flugrichtung emporgeworfener Tauben, die Zukunft zu lesen. Alles andere Geschehen, das Gemenge der Leidenschaften, der Lust und der Begier, verachtete er wie Ausscheidungen. Er glich jenen seiner Genossen, die, nachdem sie gesiegt, verboten hatten, ein Irrenhaus Irrenhaus zu nennen, da ja Geisteskrankheiten, hervorgerufen durch die Mißstände der beseitigten Welt, in der neuen, sauberen nicht mehr entstehen konnten.

Gemeinhin argwöhnen wir im Freunde des Freundes nicht gerne Schlimmes. Aber Mainzer war blindgläubig – sein Freund zu sein, war keine Bürgschaft.
Hier also, während wir immer tiefer in die Nacht eindrangen und der Verdacht ungehemmt wuchs, geschah es: Ich hielt vor einem widerlichen Geruch an, so plötzlich angenagelt, als habe ich im Dunkel ein stinkendes Untier berührt, und blökte:

»Was – was ist das, Mainzer, was stinkt hier –«

und wir standen im Augenblick lautlos und starr und lauschten mit den Nüstern in den Wind. Wir versuchten angestrengt, das uns umgebende Dunkel zu durchdringen, um den Nasen mit den Augen zu helfen, und ich mußte hellauf lachen, befreit und beschämt: Schlaglöcher der Straße waren, wohl erst einige Stunden zuvor, mit geteertem Kies aufgefüllt worden.

Wohl war ich nicht stolz auf meinen Anfall, übertrieb leichtsinnig heiter und gab Mainzer recht, der mich belehrte, nicht ohne Erfahrungen aus dem Schützengraben zu verwenden, daß es meist mehrerer, einander bestätigender Sinne bedurfte, um einer Erscheinung gewiß zu werden, aber einige Atemzüge später umfing die Nacht uns wieder wie ein erstickend zähflüssiges, schweres, schwarzes Öl.

Kaum sichtbar, nur einige schwarze, geradlinige Wuchten inmitten der ineinanderlaufenden hochstrebenden Schatten der Bäume, verbargen sich etliche Bauten zu beiden Seiten der Straße, die seit einigen Schritten verkümmerte Randsteine aufwies. Mainzer begann nach einem richtungweisenden Zeichen, einem Zaun, einem Tor, zu spähen. Wir zauderten an einer Kreuzung. Wir tasteten nach einem Pfosten mit Straßenschildern, dessen sich mein Freund erinnerte. Zündhölzer abbrennend, entzifferten wir mühselig die Namen, Mainzer drehte sich wie eine Wetterfahne mit halb ausgestrecktem Arm nach links und nach rechts und bestimmte:

»Hier, das ist das Haus.«

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