Karl Selent – Der Mufti und der Holocaust

Der Mufti und der Holocaust

Haj Amin al-Hussaini in Deutschland

Karl Selent

“Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet”, forderte Haj Amin al-Hussaini, der Mufti von Jerusalem, in einer Radioansprache für den Berliner Rundfunk am 1. März 1944, “denn das ist im Sinne Gottes, der Geschichte und der Religion”. Wie die Enzyklopädie des Holocaust berichtet, war dem Mufti “schon zu einem frühen Zeitpunkt … bewußt, daß die Juden Europas systematisch ermordet werden sollten. Er versuchte, die Achsenmächte zu überreden, ihr Vernichtungsprogramm noch auszudehnen und die Juden Palästinas, des Nahen Ostens und Nordafrikas einzuschließen. Als Teil des allgemeinen Kampfes gegen das ‘Weltjudentum’ schlug Hussaini mehrfach vor, die Luftwaffe sollte Tel Aviv bombardieren”. Von Ende 1942 bis Frühjahr 1943, “als die Achsenmächte Libyen zu räumen begannen, bat er darum, Tripolis von Juden zu ‘säubern’ und ihren Besitz zu beschlagnahmen” (Jäckel, Bd. II, 629, 631). In der Spätphase des Holocaust, als der Mufti erfuhr, daß Juden in Bulgarien, Rumänien und Ungarn doch noch eine Auswanderungsgenehmigung nach Palästina erhalten sollten, intervenierte er bei den jeweiligen Ministerien. In einem Schreiben an den bulgarischen Außenminister forderte der Mufti, “die Juden an der Auswanderung aus ihrem Land zu hindern und sie dorthin zu schicken, wo sie unter starker Kontrolle stehen, z.B. nach Polen” (Gensicke, 151). “Mit diesem Vorschlag (wollte) der hohe religiöse Würdenträger die Juden in den sicheren Tod treiben” (ebd.). Dann, immer noch während seines Aufenthaltes im Dritten Reich, als Großbritannien einige als “Action Juive” bekannt gewordene Anfragen an das Auswärtige Amt richtete, ob nicht 5000 jüdische Kinder aus Osteuropa nach Palästina auswandern könnten, und Adolf Eichmann wissen wollte, welche Austauschbedingungen die Briten stellten, “verlangte der Mufti die absolute ‘Ablehnung solcher Pläne’”. Legationsrat Melchers, ein Zeuge des Nürnberger Prozesses, beschrieb den Mufti in seinen Aufzeichnungen als einen “Feind der Juden”, der “keinen Hehl daraus machte, daß er sie am liebsten alle umgebracht sähe” (Gensicke, 156). Über die islamischen Hilfstruppen der Wehrmacht an der Ostfront sowie über die bosnisch-muslimische SS-Division “Handjar”, für die er “in Rekordzeit” rund 20.000 Mann rekrutierte, war der Mufti direkt an der Verfolgung der Juden beteiligt. “Husseinis Männer nahmen an Trainingskursen der SS teil und besuchten das Konzentrationslager Sachsenhausen”. Seine Soldaten “schlossen sich freiwillig der Jagd auf Juden in Kroatien an” (Jäckel Bd. II, 631). Daß Haj Amin al-Hussaini nach dem Zweiten Weltkrieg nicht als Kriegsverbrecher angeklagt wurde, verdankte er der Furcht der Alliierten, es sich mit den arabischen Ölstaaten verderben zu können. Die Franzosen ließen den Mufti aus seinem komfortablen Hausarrest nach Ägypten entkommen.

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