Verlag der Initiative Sozialistisches Forum
Institut für Sozialkritik Freiburg (ISF) e.V.

Programm Winter 2019/20

 

Montag, 18. November 2019

»Joseph Wulf – Ein Schriftsteller in Deutschland«

Dokumentarfilm von Henryk M. Broder, BRD 1977

Die erste Generation der Shoa-Historiker ist in Deutschland immer noch unbekannt, verdrängt und verleugnet. Entgegen dem gängigen und kultivierten Mythos herrschte kein jahrzehntelanges Schweigen: Noch während der millionenfachen Vernichtung begannen jüdische Aktivisten mit der Dokumentation der Verbrechen und publizierten unmittelbar nach der Befreiung erste Quellen und Analysen, die in der Erstausgabe zumeist auf jiddisch verfasst waren und die bezeichnenderweise – zum Teil bis heute – nur einem kleinen Kreis bekannt sind. Zentrale Werke wie Léon Poliakovs »Bréviaire de la Haine« (dt. »Das Brevier des Hasses«) – das erste wissenschaftliche Werk über die Shoa überhaupt – sind bis heute nicht ins Deutsche übersetzt. Den jüdischen Historikern, die den Holocaust untersuchten, bevor Begriffe wie »Holocaust« oder »Shoa« überhaupt geprägt wurden, schlug von Seiten der deutschen Historiografie – geprägt von Altnazis oder jungen »mitlaufenden Historikern« (Nicolas Berg) vor allem Verachtung und Missbilligung entgegen. In Deutschland wurde hingegen leidenschaftlich über Strukturalismus und Intentionalismus diskutiert, aber lange Zeit nicht über die Täter als solche. Die Werke Joseph Wulfs wurden pauschal als unwissenschaftlich abqualifiziert und die jüdischen Verfasser persönlich diffamiert. Wulf griff dem, was später als Täterforschung akademische Kariere machte, in seinen Studien vor. Er blieb zeitlebens als Jude, Staatenloser und Privatgelehrter ein Außenseiter der Geschichtswissenschaft, nach seinem Tod geriet sein Werk weitgehend in Vergessenheit. Erst in jüngerer Zeit wird seine Person wieder wahrgenommen. Der Film von Henryk M. Broder ist eine der ersten Würdigungen des jüdischen Historikers überhaupt.

Zur Einleitung und Diskussion zum Film sprechen die Historiker Alex Carstiuc und Anselm Meyer (Berlin). Um 19.30 Uhr im Kommunalen Kino, Urachstraße 40. In Zusammenarbeit mit STOLPERSTEINE in FREIBURG. Der Eintritt ist frei.

 

Dienstag, 19. November 2019

Buchvorstellung

Léon Poliakov
St. Petersburg – Paris – Berlin

Mémoiren eines Davongekommenen

Léon Poliakov musste als Kind mit seinen Eltern vor der Oktoberevolution fliehen und gelangte über Berlin nach Paris, wo sein Vater das »Pariser Tagblatt« ins Leben rief und zum populären Sprachrohr von Schriftstellern wie Heinrich Mann und Oskar Maria Graf machte. 1940 geriet Poliakov in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Flucht schloss er sich der Résistance an und beteiligte sich an der Rettung von Juden. Noch während der Befreiung Frankreichs begann er mit der Sammlung von Täterdokumenten und war Mitglied der französischen Delegation bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Schon 1951 entstand auf Anregung von Alexandre Kojève und Raymond Aron seine Studie »Le Bréviaire de la haine«, der erste systematische Versuch, den Massenmord an den Juden zu dokumentieren. Poliakov betonte im Gegensatz zu deutschen Historikern schon sehr früh die zentrale Rolle des eliminatorischen Antisemitismus. Aber die um die Deutungshoheit der Shoa ringenden deutschen Geschichtswissenschaftler haben den Résistanceaktivisten und Autodidakten im akademischen Betrieb bis heute ignoriert.

Es sprechen die Historiker Alex Carstiuc und Anselm Meyer (Berlin). Um 20 Uhr in den Räumen des ça ira-Verlages im Hinterhof (1. OG) der Günterstalstr. 37. In Zusammenarbeit mit dem Referat gegen Faschismus, StuRa Uni Freiburg. Der Eintritt ist frei.

 

Donnerstag, 5. Dezember 2019

Negrophobie

Grundsätzliches zum Rassismus gegen schwarze Menschen

Die stereotypen Ressentiments, die viele weiße Menschen gegen schwarze Menschen hegen, und das Phänomen des anhaltenden, weit verbreiteten Rassismus überhaupt werden heutzutage primär soziologisch und psychologisch gedeutet. In den Vorstellungen, auch linker Antirassistinnen und Antirassisten, erscheint der Rassismus immer wieder als eine Art »toxischer Volksglaube«, als bloße Herrschaftsideologie, die mit engagierter Aufklärung und staatlichen Antidiskriminierungsmaßnahmen aus der Welt geschafft werden könnte. Es reicht jedoch nicht aus, die traurige Don Quijoterie vieler bürgerlich-antirassistischer und linksradikaler Kampagnen zu bejammern und den mangelhaften Interpretationen des Phänomens zu widersprechen. Notwendig ist eine materialistische und historische Untersuchung des negrophoben, bzw. rassistischen Syndroms, das über alle gesellschaftlichen Entwicklungen hinweg, in allen »zivilisierten« Ländern des Westens, mindestens in den letzten 150 Jahren, in seinem Charakter weitgehend gleich geblieben ist. Dabei soll erörtert werden, warum der Rassismus gegen Schwarze seine grundsätzlichen Wesenszüge beibehalten hat, obwohl sich die kapitalistische Gesellschaft immer wieder verändert hat und Schwarze inzwischen alle Rechte innehaben und nahezu alle Bastionen erobert haben, die zuvor häufig nur Weißen vorbehalten blieben. Außerdem ist nach den Grundlagen einer Gesellschaft zu fragen, aus der sich die rassistisch-stereotypen Denkweisen speisen, die sich immer wieder zum mörderischen Hass aufpeitschen.

Es spricht Dennis Schnittler. Zum Vortrag gehört ein ausführlicher Reader (abrufbar hier), der bei der Veranstaltung ausliegen wird. Um 20 Uhr in den Räumen des ça ira-Verlages im Hinterhof (1. OG) der Günterstalstr. 37. Der Eintritt ist frei.

 

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Zur Kritik des »digitalen Kapitalismus«

Gottfried Wilhelm Leibniz schreibt 1697 an seinen Herzog, dass im »Ursprung der Zahlen [...] durch deren Ausdrückung blos und allein mit Eins und mit Nulle oder Nichts alle Zahlen entstehen«, was die Allmacht Gottes beweise, »Alles aus Nichts«, also die Eins aus der Null zu machen. »Theologische Mucken« hat also nicht nur wie bei Marx das Kapital, sondern bereits der von Leibniz beschriebene Binärcode. Code und Wert in ein Verhältnis zu setzen ist die Aufgabe einer Analyse des digitalen Kapitalismus. Das Verhältnis von digitaler Technik und kapitalistischer Vergesellschaftung wird bekanntlich unterschiedlich betrachtet: Während »Transhumanisten« in Selbstabschaffungsfantasien von einer digitalen Beseelung der Materie träumen, die sich in Zukunft ohne den Menschen reproduziert, sehen andere Computer und Internet als Rettungsanker des Liberalismus: als neue unsichtbare Hand, die »Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus« (Viktor Mayer-Schönberger, Thomas Ramge: »Das Digital«) organisiert. Daten sollen an die Stelle des Geldes treten. Man hofft nach dem Motto »Das Kapital bin ich« (Hannes Grassegger) auf eine Hyperökonomisierung auch noch des letzten Informationspartikels. So genannte »Akzelerationisten« und »Postkapitalisten« wie Paul Mason erwarten dagegen einen Fortschritt der Digitaltechnik auf der Basis eines diffusen allgemeinen Wissens, was menschliche Arbeit überflüssig machen soll: Jedem sein eigener 3D-Drucker. Die Commons-Bewegung träumt von der Abschaffung des Staates im Prozess des »Teilens« und der »Gabe« nach dem Vorbild von Open Source-Strukturen. Im Vortrag werden diese Positionen zum Verhältnis von digitaler Technik und Kapital analysiert und eine Kritik von bislang zum Thema erschienenen Texten zur »Kritik der digitalen Ökonomie« von Timo Daum und der »Kritik des digitalen Kapitalismus« von Michel Betancourt formuliert.

Es spricht Torsten Liesegang (Freiburg). Um 20 Uhr in den Räumen des ça ira-Verlages im Hinterhof (1. OG) der Günterstalstr. 37. Der Eintritt ist frei.

 

Donnerstag, 9. Januar 2020

Buchvorstellung

Friedrich Pollock

Die graue Eminenz der Frankfurter Schule

Friedrich Pollock (1894–1970) steht als bedeutendster Ökonom des Instituts für Sozialforschung zu Unrecht im Schatten der großen Denker der Kritischen Theorie. Sein Werk hat zwar das Denken Adornos, Horkheimers, Neumanns oder Marcuses in vielerlei Hinsicht mitgeprägt, es harrt aber immer noch der Anerkennung als originärer Beitrag zur »Frankfurter Schule«. Die soeben erschienene erste Biographie »Friedrich Pollock: Die graue Eminenz der Frankfurter Schule« (Jüdischer Verlag/Suhrkamp) sowie die im ça ira-Verlag erscheinende Edition der auf sechs Bände angelegten Gesammelten Schriften sollen Pollock endlich ins Blickfeld all derer rücken, die Kritische Theorie nicht als abgeschlossene Denkschule betrachten, sondern als stets neu an der Gegenwart auszurichtendes kritisches Bewusstsein des falschen Ganzen.

Es spricht Philipp Lenhard (München), der Herausgeber der Werkausgabe von Friedrich Pollock im ça ira-Verlag. Um 20 Uhr in den Räumen des ça ira-Verlages im Hinterhof (1. OG) der Günterstalstr. 37. Der Eintritt ist frei.

 

Donnerstag, 23. Januar 2020

Zwischen Resonanz und Entfremdung: Heil Versprochen

Anmerkungen zu Hartmut Rosas »Soziologie der Weltbeziehungen«

Resonanzerfahrungen, so schreibt Hartmut Rosa in »Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung« (2016), sind erfüllt von Sehnsucht und »bergen das Versprechen auf eine andere Form der Weltbeziehung – in gewisser Weise lässt sich vielleicht sogar sagen: ein Heilsversprechen«. So soll die Theorie der Resonanz einen »Ausweg« weisen aus einer die Spätmoderne beherrschenden »Eskalationstendenz«: »Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung«. Der Vortrag begibt sich auf die Spur dieses Heilsversprechens – mit Augenmerk allerdings gerade auf Paradoxien und Brüche der Theoriekonzeption, d.h. auf Textstellen, wo das Heilsversprechen der Resonanz sich gleichsam verspricht und nicht ungebrochen formuliert wird. Rosas Theorie impliziert ein »Ideal der Positivität«, welches mit Adorno als ein postnazistisches theoretisches Symptom gedeutet werden kann und in dem sich – mit Freud gedacht – ein »Unbehagen in der Kultur« spezifisch darstellt. Gerade die unbeabsichtigten Widersprüche der Resonanztheorie werfen so gesehen nicht zuletzt die Frage auf, welche Rolle Schuld(gefühl) derzeit in Wünschen nach gesellschaftlicher Veränderung und einem zukünftig besseren Leben spielen können.
Es spricht Sonja Witte (Berlin). Ihre Dissertation zum Unbewussten in der Kulturindustrie erschien 2018 im transcript Verlag unter dem Titel Symptome der Kulturindustrie. Politisch aktiv ist sie bei den les madeleines (www.lesmadeleines.wordpress.com/) und der Zeitschrift Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles (www.extrablatt-online.net/). Um 20 Uhr in den Räumen des ça ira-Verlages im Hinterhof (1. OG) der Günterstalstr. 37. Der Eintritt ist frei.

 

Donnerstag, 6. Februar 2020

Podiumsdiskussion

Geld, Maß und Zeit

Die Bedeutung des Geldes wurde ausgerechnet dort zum blinden Fleck, wo die Gesellschaftskritik, wie etwa bei Lukács, Adorno und Sohn-Rethel, auf die Wert- und Warenförmigkeit gesellschaftlicher Vermittlung zielte. Wo dagegen das Geld zum Gegenstand der Kritik wurde, ist es Rätsel geblieben. Die Rätselhaftigkeit gilt vor allem für den Zusammenhang von Geld und Zeit, und das umso mehr, als in der Zeit die Lösung des Geldrätsels zu liegen scheint: »Zeit ist Geld«. Doch der Zusammenhang von Zeit und Geld wurde, der Identität des »ist« entgegen, stets nur exoterisch aufgefasst, so nämlich, als sei die Zeit wie eine physikalische Größe unabhängig und außerhalb des Geldes von Natur aus da, und wenn man sie produktiv nutzt, dann zahlt sich das in Geld aus. Dagegen wird zu zeigen sein, dass die einzelnen Geldfunktionen die Technik ergeben, durch das Quantifizieren gesellschaftlicher Verhältnisse mit der Identität der Zeit zu rechnen. Unmittelbarer noch, das Geld identifiziert sich mit der derselben Zeit, die es auf quantitative Weise wie eine zweite Natur mit sich bringt. Entscheidend sowohl für jene Identifikation von Geld und Zeit wie für diese Kritik einer zweiten Natur ist aber, beides über die Technik des Messens und des Quantifizierens zu entwickeln – und nicht, wie Lukács, Adorno und Sohn-Rethel, aber auch noch die Neue Marx-Lektüre das versucht haben, über den Zusammenhang von Warentausch, Abstraktion und das Geld als Tauschmittel.

Auf den Vortrag von Frank Engster antwortet Christian Thalmaier: Dass das Geld sich mit einer Zeit identifiziere, die es zugleich mit sich bringe – das wird nur einer sagen können, der seine Liebe zu Hegel im zweiten Frühling einer nochmals neuen Neuen Marxlektüre erneuern will. Frank Engster empfiehlt sich mit einer Kehre der Neuen Marxlektüre. Diese lässt Hegel in Heidegger und vice versa diesen in jenen übergehen und erweist sich am Ende als in gewisser Weise meisterhaft dialektisch dynamisierte Existenzialontologie. Weil aber der Tod der wahre Meister aus Deutschland ist, überspringt Frank Engster das Heideggersche Dasein, als ob ihn jede Spur des quälbar Lebendigen beim Philosophieren stören würde. Bei ihm wird nicht nur Leiden niemals beredt – es kommt vielmehr ebenso wie der Nationalsozialismus in den 750 Seiten seiner Dissertation gar nicht vor. Der Anschluss an Heidegger vollzieht sich daher gleich im menschenleer gewordenen Raum einer Seinsgeschichte, die Frank Engster in eine von »Geld und Zeit« transponiert. In diesem Raum absoluter Immanenz vermag, was vom dort eingeschlossenen Individuum übrig blieb, nur noch die devote Frage zu stellen: Warum das Geld uns den Kommunismus vorenthält.

Vortrag und Podiumsdiskussion mit Frank Engster (Berlin) und Christian Thalmaier (Freiburg). Um 20 Uhr in den Räumen des ça ira-Verlages im Hinterhof (1. OG) der Günterstalstr. 37. Der Eintritt ist frei.