Friedrich Pollock
Schriften zu Planwirtschaft und Krise

 

Friedrich Pollocks Arbeit über die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 19171927 wurde 1928 an der Universität Frankfurt als Habilitationsschrift eingereicht und erschien 1929 im Verlag C. L. Hirschfeldd in Leipzig als zweiter Band der von Carl Grünberg herausgegebenen Schriften des Instituts für Sozialforschung. 1971, ein Jahr nach Pollocks Tod, wurde das Buch vom Verlag Neue Kritik, Frankfurt, im Archiv sozialistischer Literatur, Band 21, mit einer sozialhistorischen Einleitung von Renate Schmucker als Nachdruck wiederaufgelegt. Nun ist, neu gesetzt, die Arbeit als zweiter Band der von Johannes Gleixner und Philipp Lenhard auf sechs Bände angelegten Gesammelten Schriften Pollocks unter dem Titel Schriften zu Planwirtschaft und Krise wieder veröffentlicht worden.

Dieser Band enthält noch verschiedene Rezensionen aus Pollocks Hand sowie zwei Texte über Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus und die Aussichten einer planwirtschaftlichen Neuordnung und über Bemerkungen zur Wirtschaftskrise, die 1932 und 1933 in der Zeitschrift für Sozialforschung erschienen. Im letztgenannten Aufsatz verweist Pollock vor dem Hintergrund von Weltwirtschaftskrise und Krisenbewältigung auf die Gefahren kriegerischer Auseinandersetzungen mit ihren unvorstellbaren Verwüstungen. Zur Niederhaltung des inneren Feindes und zum Kampf gegen den äußeren muss eine Kriegsapparatur geschaffen werden, die einen wachsenden Teil des Sozialproduktes für sich in Anspruch nimmt und der Versorgung der Menschen großenteils entzieht. ... Am vorläufigen Ende dieser Prozesse zeichnen sich die Umrisse neuer Kriege ab (522).

Die Quellen zu seiner Untersuchung über die Anfänge der sowjetischen Planwirtschaft sammelte Pollock vor allem im Oktober/November 1927, als er zum zehnjährigen Jubiläum der Oktoberrevolution vom Moskauer Marx-Engels-Institut und seinem Leiter David Rjazanov (18701938) zu einem Forschungsaufenthalt eingeladen war. In Moskau sammelte Pollock umfangreiche gedruckte und unveröffentlichte Materialien zu Theorie und Praxis der Planarbeit und sprach mit zahlreichen führenden Planökonomen. Pollocks Buch analysiert die planwirtschaftlichen Versuche vor dem Hintergrund der realwirtschaftlichen Entwicklungen. Ausführlich werden die ökonomische Ausgangslage vor dem Weltkrieg und der Revolution, der wirtschaftliche Verfall während des Bürgerkriegs und der ausländischen Intervention (19181920), die schwere Versorgungskrise der Städte (1920/1921), der wirtschaftliche Wiederaufstieg im Rahmen der Neuen Ökonomischen Politik nach 1921 beschrieben. Diese produzierte neue Widersprüche und Krisen, etwa die Schere zwischen hohen Industrie- und niedrigen Agrarpreisen, die Unterversorgung der bäuerlichen Bevölkerung mit Industriegütern (Warenhunger), die soziale Differenzierung des Dorfes, die unzureichenden bäuerlichen Getreidelieferungen für die rasch wachsenden Städte, die sich etwa 1925 und 1927 zeigten.

Der erste Versuch eines langfristigen Wirtschaftsplans fällt in die Periode des Kriegskommunismus und einer proletarischen Naturalwirtschaft: der Elektrifizierungsplan von 1920 sollte die gesamte Wirtschaft langfristig auf eine neue energetische Grundlage stellen. Er wurde von Lenin als ein zweites Parteiprogramm (116) angesehen und war auf 1015 Jahre konzipiert (auf S. 116 steht irrtümlich: 115 Jahre).

Die Anfang 1921 eingeleitete Neue Ökonomische Politik war eine auf lange Frist angelegte Strategie des sozialistischen Aufbaus und neuer Bündnisbeziehungen zwischen Stadt und Land. Die Sowjetmacht behielt die politischen und ökonomischen Kommandohöhen: die Staatsgewalt sowie die Kontrolle über die nationalisierte Großindustrie, die Eisenbahnen, die Energiewirtschaft, die staatlichen Großbanken, das Außenhandelsmonopol, das staatliche Eigentum an Grund und Boden, wohingegen die über 20 Millionen Bauernwirtschaften, das Kleingewerbe, der Klein- und Regionalhandel im Rahmen der wieder zugelassenen Ware-Geld-Beziehungen operieren konnten, um sich perspektivisch über ein weites Netz von Genossenschaften in den Staatssektor zu integrieren.

Als eine wesentliche Kommandohöhe wurden auch die Planinstitutionen angesehen, in deren Zentrum die Ende Februar 1921 gegründete Staatliche Plankommission (GOSPLAN) stand, welche dem Rat für Arbeit und Verteidigung (STO), der obersten Wirtschaftsbehörde, unterstand. Die Anfänge von GOSPLAN waren sehr bescheiden es war eine kleine Institution von etwa 40 Spezialisten, viele von ihnen Ingenieure, Ökonomen oder Agrarfachleute; sieben oder acht waren Mitglieder der Kommunistischen Partei. 1926/1927 aber hatte GOSPLAN allein auf dem Gebiet der Russischen Sowjetrepublik (RSFSR) bereits etwa tausend Angestellte (539). Die ersten Arbeiten von GOSPLAN bestanden in Ernteschätzungen, in der Ausarbeitung von Wirtschaftsprognosen und Teilplänen für einzelne Industriebranchen; in Bemühungen zur Schaffung einer stabilen Währung, in der Aufsicht über die Realisierungsschritte des Elektrifizierungsplans. Allmählich wurden verbesserte Methoden für eine gesamtwirtschaftliche Planung geschaffen, die von Pollock im Detail untersucht werden: die Erarbeitung zuverlässiger Wirtschaftsstatistiken und statistischer Reihen; die Methode der statischen und dynamischen Koeffizienten (342348); die Sachverständigengutachten; die Vergleiche mit den Vorkriegsdaten; die Erstellung von Bilanzen für einzelne Branchen, von Verflechtungsbilanzen und volkswirtschaftlichen Bilanzen; die Festlegung von zeitlichen Planungsrahmen (Jahrespläne Fünfjahrpläne längerfristige Perspektivpläne); die Festlegung der Grenzen von Planungsrayons, die nicht identisch waren mit den überkommenen administrativen Grenzen; die Planung von volkswirtschaftlichen Reserven zum Manövrieren; die Erstellung von Planvarianten (Ausgangsvarianten oder optimistischeren Optimalvarianten). Von zentraler Bedeutung waren die Diskussionen über das Wechselverhältnis von (ökonomischen) Prognosen und (politischen) Direktiven. Die teilweise erbittert geführten politischen Kontroversen innerhalb der Kommunistischen Partei über Planungsprioritäten, Industrialisierungsstrategien und Wachstumstempi werden von Pollock nur angedeutet. Wesentliche Faktoren konnten von GOSPLAN nicht geplant werden etwa die Höhe der Ernten, die Marktreaktionen der Bauernwirtschaften, die Möglichkeit ausländischer Kredite, das außenpolitische Gefährdungspotential (die Gefahr einer erneuten Intervention).

Im August 1925 konnte der Versuch eines ersten volkswirtschaftlichen Jahresplans vorgelegt werden: ein schmaler Band 104 Seiten mit dem Titel Kontrollziffern der Volkswirtschaft der UdSSR für das Jahr 1925/26, der für die praktische Wirtschaftstätigkeit aber noch keine große Bedeutung hatte (manche Wirtschaftsbehörden nahmen ihn kaum zur Kenntnis), aber trotzdem als ein Durchbruch galt. L. D. Trotzki schrieb begeistert: Die Zahlen der Staatsplankommission ziehen das wenn auch skizzenhaft, vorläufig so doch das erste Fazit aus dem ersten Kapitel des großen Versuchs: die bürgerliche Gesellschaft in die sozialistische umzuwandeln. ... Von der Übersichtstabelle der Staatsplankommission führen unlösbare Fäden nach rückwärts, zum 1847er Marx-Engels‘schen Kommunistischen Manifest, und nach vorwärts der sozialistischen Zukunft der Menschheit entgegen. Der Geist Lenins webt in diesen trockenen Zahlen weiter (301) (L. Trotzki, Kapitalismus oder Sozialismus, Berlin 1925, S. 38 f.). Die in den kommenden Jahren von GOSPLAN ausgearbeiteten Planentwürfe enthielten sehr viel genaueres statistisches Material, das von Pollock ausführlich zitiert wird. Er war von der riesenhaften Arbeit(542) der sowjetischen Planungsspezialisten auf dem Neuland der Volkswirtschaftsplanung beeindruckt, hielt sich aber, als strenger Wissenschaftler, mit Gesamturteilen über die Planungsergebnisse zurück. Er betrachtete die GOSPLAN-Arbeit als Versuch, Laboratorium, Experiment, Vorwärtstasten mit offenem Ausgang. Die Position liberaler Wirtschaftswissenschaftler, wie Ludwig von Mises, eine sozialistische Wirtschaftsplanung sei von vornherein zum Scheitern verurteilt, weist Pollock zurück (39). Die Herausgeber des Bandes schreiben über Pollocks Einstellung recht dezidiert: Mit kritischem Blick wägte er ab, ob der russische Weg zum Kommunismus erfolgreich sein konnte oder nicht. Seine Antwort fiel negativ aus(11). Dieser Interpretation wird man nach der Gesamtlektüre dieses Werkes nicht unbedingt folgen.

Der Anhang des Bandes enthält auch zahlreiche biographische Daten über die von Pollock angeführten sowjetischen Autoren. Wir lesen viele dieser Angaben mit Entsetzen und Trauer, denn sie verweisen darauf, dass zahlreiche führende Planfachleute in den 1930er Jahren den Stalinschen Repressionen zum Opfer fielen. Diese Personen waren nicht so bekannt wie die von Pollock wiederholt zitierten führenden Bolschewiki, die in den Moskauer Prozessen 19361938 zum Tode verurteilt wurden (L. B. Kamenev, G. E. Zinov‘ev, A. I. Rykov, N. I. Bucharin). Namen und Arbeiten dieser Planungswissenschaftler sind später von sowjetischen/russischen wie westlichen Historikern oft vergessen worden, und so soll hier an einige von ihnen erinnert werden.

Der Agrarexperte Ja. Jakovlev (18961938) war führend in der Arbeiter- und Bauerninspektion sowie im Landwirtschaftskommissariat tätig und wurde 1938 zum Tode verurteilt. M. Bronskij (18821938) hatte an der Akademie der Wissenschaften sowie im Finanzkommissariat gearbeitet. M. L. Ruchimovič (1889–1938) war 1926 Stellvertretender Leiter des Obersten Volkswirtschaftsrats. A. I. Gajster (18991937) hatte als Stellvertretender Landwirtschaftskommissar gearbeitet. A. A. Rybnikov (18771938) war als Ökonom und Wirtschaftsgeograph tätig. Der Ökonom M. I. Kubanin (18981941) hatte u.a. am Internationalen Agrarinstitut in Moskau gearbeitet. Der lettische Revolutionär I. T. Smilga (18921937), ein führender GOSPLAN-Mitarbeiter, wurde ohne Prozess im Gefängnis hingerichtet. Der GOSPLAN-Ökonom V. G. Groman (18741940) starb in einem Arbeitslager. V. A. Bazarov (18741939) war u.a. Redakteur der von Pollock häufig zitierten Fachzeitschrift Planwirtschaft und wurde 1930 verhaftet. N. Osinskij-Obolenskij (18871938) war führendes Mitglied des Obersten Volkswirtschaftsrats und ein bekannter Publizist. A. M. Ginzburg (18781937) war früher ebenfalls im Obersten Volkswirtschaftsrat tätig. L. N. Kricman (18901938), nach Pollock einer der bedeutendsten sowjetrussischen Wirtschaftstheoretiker (356), war in führenden Positionen des Obersten Volkswirtschaftsrats, der Staatlichen Plankommission und der Statistischen Zentralverwaltung tätig und starb in Haft. Er ist der Verfasser eines Werkes über den Kriegskommunismus (Die heroische Periode der großen russischen Revolution, Nachdruck Frankfurt am Main 1971). G. L. Pjatakov (18901937) hatte in der Staatsbank, im Obersten Volkswirtschaftsrat und in der Staatlichen Plankommission gearbeitet; zeitweilig war er Anhänger der Linken Opposition gewesen. Der Ökonom N. D. Kondrat‘ev (1892–1938), bekannt durch seine Theorie der langen Wellen der Konjunktur, wurde im September 1938 erschossen.

Nicht viele Planungsfachleute konnten auf eine lange Lebenszeit zurückblicken. Zu ihnen zählten der Agrarwissenschaftler N. P. Makarov (1886-1980), der Arbeitsstatistiker S. G. Strumilin (18771974) und der Ingenieur und langjährige GOSPLAN-Leiter G. M. Kržižanovskij (18721959), der seit 1894 mit Lenin bekannt war und der 1920 den Elektrifizierungsplan konzipiert und ausgearbeitet hatte. Schlussbemerkung: Pollocks Studie ist bis heute nicht nur für Historiker aufschlussreich, sondern kann vielleicht auch das Interesse derer wecken, die davon ausgehen, dass für die Lösung der wichtigen Zukunftsaufgaben nicht nur Abrüstung, Frieden und internationale Zusammenarbeit notwendig sind, sondern auch Volkswirtschaftsplanungen jenseits kapitalistischer Regulierungen. Dem Verlag und den Herausgebern ist gutes Gelingen bei der weiteren Edition der Gesammelten Schriften Friedrich Pollocks zu wünschen.


Gert Meyer

Aus: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 130, Juni 2022