Philip Zahner im Gespräch mit Gerhard Scheit
Der jüdische Souverän
und die Dialektik der Aufklärung
Nach »Suicide Attack – Zur Kritik der politischen Gewalt« (2004) und »Der Wahn vom Weltsouverän – Zur Kritik des Völkerrechts« (2009) legt Gerhard Scheit sein neues Buch »Für Israel. Vier Kapitel über Souveränität als Einführung in negative Urteilskraft« vor, in dem er veränderte Konstellationen in Bezug auf Israel und den Zionismus für die Gegenwart und die Geschichte zu erhellen sucht. Ausgerechnet in einer Zeit, erklärt Scheit im Hinblick auf den 7. Oktober, in der das kritische Bewusstsein darüber, was Souveränität beinhaltet, am dringendsten nötig wird, schwinde es. Wo es verlorengeht, drohe die Solidarität mit dem jüdischen Staat einzubrechen.
Philip Zahner: Bei deinem neuen Buch handelt es sich nach »Mit Marx« (2022) nun um den zweiten Teil eines noch nicht abgeschlossenen Projekts zur »Dialektik der Aufklärung« von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer unter dem Arbeitstitel »Kraft messianischer Schwäche«. In diesem Teil setzt du dich nun mit den unerträglich sich verschärfenden Bedingungen der Existenz Israels vor und nach dem 7. Oktober auseinander. Ein kritischer Begriff von Souveränität und der politischen Gewalt der islamischen Rackets ist dabei unabdingbar, um den veränderten Konstellationen in Bezug auf Israel und den Zionismus für die Gegenwart und die Geschichte gerecht zu werden. Ein solcher Begriff im Geiste der Vernunftkritik von Adorno und Horkheimer wäre allerdings zuerst einmal zu entwickeln, erweist sich der Begriff der Souveränität in der »Dialektik der Aufklärung« sowohl in allgemeiner als auch in spezifischer Hinsicht doch noch als »blinder Fleck«, wie du festhältst. Kannst du diesen Ausgangspunkt deines Buchs noch etwas deutlicher machen?
Gerhard Scheit: Den Ausgangspunkt im ersten Kapitel bilden Walter Benjamin und die politische Theologie, was befremdlich erscheinen mag in einem Buch mit dem Titel »Für Israel«. Aber es geht darum, dass Benjamin an einem ziemlich abgelegenen Ort, nämlich dem barocken Trauerspiel, etwas vorbereitet hat, das einzulösen Adorno und Horkheimer dann in der »Dialektik der Aufklärung« versäumt haben: die Kritik an Carl Schmitt, die sich bei seiner frühen »Politischen Theologie« darauf konzentrieren muss, dass Schmitt – Hobbes genau entgegengesetzt und eben darin mit seinem schärfsten rechtspositivistischen Kritiker Hans Kelsen übereinstimmend – den Primat der Außenpolitik zurücknimmt. Der Ausnahmezustand, von dem er schreibt, ist nämlich eine Abstraktion von dem »state of nature«, in dem sich die Staaten untereinander notwendig befinden und an dem sich seit Hobbes trotz Völkerbund und Uno wenig geändert hat. Es gilt das Recht des Stärkeren. Anders innerhalb eines Rechtsstaats, wo, mit Franz Neumann zu sprechen, »auch den Schwachen wenigstens Chancen eingeräumt werden können«. An dieser Kritik der »Politischen Theologie« lässt sich die Grundlage des Zionismus zeigen. Die poststrukturalistische Philosophie wiederum zeigt sich damit beschäftigt, diese Voraussetzung zum Verschwinden zu bringen, und so fragt sich auch, in welcher Hinsicht sie, soweit sie von Philosophen aus dem Judentum formuliert wird, etwa bei Levinas und Derrida, als Philosophie der Selbstentwaffnung zu interpretieren ist.
PZ: Im Zentrum deiner Überlegungen steht – in Anlehnung an die Unterscheidung zwischen dem praktischen und dem kategorischen Imperativ bei Immanuel Kant – der »praktische Imperativ nach Auschwitz«, wie du ihn bereits in deinem Buch »Kritik des politischen Engagements« (2016) formuliert hast. Dieser praktische Imperativ erfährt in deinem neuen Buch nun allerdings noch eine weitere Konkretisierung. Kannst du erläutern, inwiefern dieser praktische Imperativ noch über den kategorischen Imperativ von Adorno aus der »Negativen Dialektik« hinausgeht und in welcher Beziehung er zum Begriff der »negativen Urteilskraft« steht, auf die du bereits im Untertitel abhebst?
GS: Ich kann das vielleicht am besten, wenn ich von dem praktischen Problem ausgehe, das alle diejenigen haben (auch wenn sie es gar nicht merken), die sich in postnazistischen Gesellschaften politisch gegen den Antizionismus und Antisemitismus engagieren. Ein solcher praktischer Imperativ erscheint mir nötiger denn je, weil er die Antinomie zum Ausdruck bringt, die darin liegt, unter den Bedingungen des »eigenen« Staats, dessen Verfassung und Souveränität, wie Adorno zu fordern, »Denken und Handeln so einzurichten«, dass »Auschwitz nicht sich wiederhole«. Der ›eigene‹ Staat aber folgt seinen eigenen Gesetzen und denen der internationalen Kräfteverhältnisse, die allesamt, solange es Staaten gibt, wie Naturgesetze wirken.
Der kategorische Imperativ nach Auschwitz verhält sich dazu antinomisch und eben das bringt der praktische Imperativ zum Vorschein, weil er es, wie bei Kant, aber gewissermaßen in umgekehrter Weise, mit Mittel, Zweck und Selbstzweck zu tun hat und etwa folgendermaßen lauten kann: Durchsetzung und Verteidigung der Vermittlungsformen, wie sie allemal dem Kapitalverhältnis Rechnung tragen – bürgerliche Grundrechte, rule of law, Gewaltenteilung … – niemals nur als Zweck zu begreifen, der das Schlimmere barbarischen, vorkapitalistischen Zwangs verhindere, sondern jederzeit zugleich als Mittel, die Antisemiten und an ihrer Spitze die Feinde Israels zu bekämpfen. Als ein bewusst angesichts von Auschwitz formuliertes moralisches Gesetz ist er das Gegenteil des Moralisierens in der Politik.
Dieses Moralisieren droht, sozusagen naturgemäß, auch die Proponenten der Israelsolidarität zu erfassen, wenn sie in staatlichen oder staatsnahen Funktionen tätig sind, im Bildungsbereich, an den Universitäten und so weiter, beziehungsweise in entsprechenden NGOs und Think Tanks. Symptomatisch dafür ist etwa, dass man sich aufs internationale Recht berufen muss, aber nicht bemerkt, dass man dann für die Souveränität Israels auf derselben Grundlage argumentiert wie die Antizionisten gegen die Souveränität Israels, indem man nämlich das internationale Recht mit dem Recht innerhalb des Staats gleichsetzt. Aber das ›Völkerrecht‹ ist insgesamt nur ein chaotisches Aggregat von Verträgen, deren Einhaltung, anders als beim wirklichen Recht, von keinem Souverän garantiert wird, sondern lediglich von bestimmten Kräfteverhältnissen zwischen Staaten fallweise oder für einen gewissen Zeitraum durchgesetzt werden kann.
Wird aber auf der Grundlage argumentiert, dass das ›Völkerrecht‹ wirkliches Recht sei, um damit selbst Institutionen wie die der Uno oder den Internationalen Strafgerichtshof zu kritisieren, handelt es sich bei dem, was subjektiv gut gemeint ist (und in diplomatischen Zusammenhängen naturgemäß notwendig ist), objektiv um die Auflösung der Staatskritik in moralisches Räsonieren, während diese Kritik doch in Wahrheit für den praktischen Imperativ unabdingbar ist (soweit er nicht als ein religiöses Gebot verstanden und formuliert wird). Einer negativen Urteilskraft gemäß, also einer, die auf positive Identifikationen verzichtet, wäre es darum zu sagen, dass für die Einhaltung von Verträgen in diesem chaotischen Aggregat die USA sorgen können, aber nicht müssen, solange sie ihre Eigenschaft als Hegemon, der sich ebenso auf den Weltmarkt stützt, wie er ihn zu schützen sich ›ausersehen‹ fühlt (»God’s own country«!), wahrnehmen und soweit andere Staaten das nolens volens unterstützen. Die USA sind ja weder Weltsouverän noch Weltpolizist. Das wäre schon wieder eine positive Identifikation, der in der Regel Enttäuschung und Verteufelung auf dem Fuß folgen.
PZ: Joachim Bruhn, dessen Andenken dein Buch gewidmet ist, hat in einem Vortrag über »Die Einsamkeit Theodor Herzls« angesichts der anhaltenden antisemitischen Bedrohung und der Schwierigkeiten der israelischen Staatsgründung versucht, den besonderen »Doppelcharakter« des jüdischen Staats, der im Verhältnis zur Diaspora und der israelischen Fassung des Rückkehrgesetzes besonders plastisch wird, durch den Rückgriff auf die Figur des »Gestors« aus dem römischen Recht zu bestimmen; der Begriff bezeichnet einen »Geschäftsführer ohne Auftrag«, jemanden, der fremde Geschäfte besorgt, ohne dazu ermächtigt worden zu sein. Nicht erst seit dem 7. Oktober zeigt sich allerdings in aller Drastik, wie sehr die Möglichkeit Israels, sich gegen die antisemitische Bedrohung zu verteidigen und zu behaupten, zugleich abhängig ist vom Weltmarkt, den internationalen Beziehungen und der Schutzmacht der USA. Inwiefern wären also die Kritik des Politischen und der Begriff des »zionistischen Gestors« zu konkretisieren durch die Reflexion auf den kapitalistischen Weltmarkt und auf einen westlichen Hegemon?
GS: Joachim Bruhn hat, als er sich mit Herzl zu beschäftigen begann, sofort begriffen, welche Bedeutung unter dem Druck von Verhältnissen, die auf den Tod der Juden zielen, diese Figur des Gestors hat, die schon Herzl selbst aus dem römischen Recht heranzog, um sie umzudeuten. Denn anders als im römischen Recht geht es um die Verhältnisse des modernen, vom Kapital geschaffenen und aufrechterhaltenen Weltmarkts. Sie ermöglichten die ursprüngliche politische Akkumulation des jüdischen Staats, also aus der Diaspora heraus einen neuen Staat zu schaffen, um sich der Antisemiten zu erwehren, so wie er heute, nach Auschwitz, als Voraussetzung gesehen werden muss, dass dieser Staat erhalten bleibt. Wenn heute so viele Linke und Liberale die religiösen Zionisten als eine Gefahr für Israel betrachten und sie mittels der unreflektierten Universalie Rechtsextremismus mit Antisemiten in einem x-beliebigen anderen Land gleichsetzen, so ist dem entgegenzuhalten: Solange sie sich der Grundlage bewusst sind, dass Israel sich dem Weltmarkt nicht verschließen darf, bleiben sie im vollen Wortsinn, einschließlich der säkularen Bedeutung, Zionisten.
Zusammen mit dieser Grundlage des Weltmarkts tritt der besondere Doppelcharakter des jüdischen Staats hervor: Das moderne Israel ist ebenso ›christlichen‹ Ursprungs wie auch gegen ihn oder besser: gegen eine von dessen Ingredienzien gerichtet. Christlichen Ursprungs heißt hier, es übernahm von den Staaten, die der sogenannten ursprünglichen Akkumulation des Kapitals entstammen, die Prinzipien der Gewaltenteilung als etwas den Formen einer nicht mehr ›ursprünglichen‹ Akkumulation Unabdingbares. Sie kann aber nicht nur wie die Souveränität anderer Staaten als Mittel zum allgegenwärtigen Zweck der »Verwertung des Werts« (Marx) verstanden werden. Was demgegenüber als ihr partikularer Zweck erscheint, nämlich den antisemitischen Hass abzuwehren, ist in Wahrheit universell, weil dieser Hass »annihilation for the sake of annihilation, murder for the sake of murder« im Auge hat (wie es als erster der Rabbiner und Philosoph Emil L. Fackenheim so prägnant formulierte): hinreichende Bedingung dafür, dass unter denselben Bedingungen des Weltmarkts, die Israel möglich machten und machen, Auschwitz sich wiederholen kann. Allerdings unter weitgehend veränderten politischen Voraussetzungen, wofür heute die islamischen Rackets stehen, die sich eben den Vermittlungsformen des Weltmarkts widersetzen beziehungsweise sie unterlaufen. Eben dadurch machen sie sich den unaufhebbaren Krisencharakter des Kapitals zu eigen, dem gegenüber der Weltmarkt immer nur als ein Aufschub fungieren kann.
PZ: In deinen an diesen »Doppelcharakter« Israels anknüpfenden Ausführungen zur Geschichte und Gegenwart des Zionismus, die unter anderem von Moses Hess und Theodor Herzl über Vladimir Jabotinsky bis zur aktuellen Konstellation reichen, rückst du durch den Verweis auf »die messianischen Obertöne« (Gershom Scholem), die dem israelischen Staat auf besondere Weise eigen seien, außerdem das spannungsreiche Verhältnis von Messianismus und Politik in den Fokus, das den Zionismus bis heute begleitet – und in entfernter Wahlverwandtschaft auch die Begriffe der Kritischen Theorie bestimmt. Die besondere Perfidie des linken und gebildeten Antizionismus mit Hochschulreife besteht indessen darin, den Messianismus oder den diasporischen Charakter des Judentums durch eine Art politische Inversion an die deutsche Ideologie à la Martin Heidegger und Carl Schmitt zu assimilieren, um ihn poststrukturalistisch gewendet so in eine Waffe gegen den »Partikularismus« des Zionismus zu verwandeln. Dafür steht nicht nur Judith Butlers »Dekonstruktion der Souveränität«, sondern mit Giorgio Agamben, Jacques Derrida und Jean-François Lyotard stehen auch weitere Granden des Poststrukturalismus dafür. Du näherst dich diesem von Grund auf verkehrten Zusammenhang nun wiederum, indem du eine Formulierung von Scholem aufgreifst, der mit Blick auf Heideggers Seinsdenken und die Pervertierung des Messianismus in politische Theologie einmal von »deutschtümelnder Kabbalistik« gesprochen hat. Kannst du zu dieser unterschiedlichen Bedeutung des ›Messianismus‹ jeweils noch etwas sagen?
GS: Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Buchs ist Gershom Scholem gewidmet, seinen verschiedenen Schriften im Lauf der Jahrzehnte und auch dem Briefwechsel mit Hannah Arendt. All das im Zusammenhang mit der »Dialektik der Aufklärung«. Das heißt, ich versuche, bei Scholem die Fortführung von Benjamins Auseinandersetzung mit der politischen Theologie herauszuarbeiten, und diese Fortführung ist ihm möglich, je mehr er die Schwächen des Kulturzionismus, dem er ursprünglich engstens verbunden war, begriff und die Ablehnung von Herzls und Jabotinskys Zionismus direkt oder indirekt zurücknahm – all das vor allem unter dem direkten Eindruck der Angriffe der islamischen Rackets auf die Juden in Palästina, später der arabischen Staaten auf Israel (aus deren Niederlagen ja dann wiederum neue islamische Rackets hervorgingen).
Scholems Formulierung von den messianischen Obertönen, die den Zionismus begleiten, ist die Folge dieser Zurücknahme und sozusagen der Ausdruck des Doppelcharakters des jüdischen Staats, betrachtet von alten jüdischen Traditionen aus, die immer schon mit der Todesdrohung gegen den Juden zu tun hatten. Obertöne machen bekanntlich die Klangfarbe eines Tons aus. Und die kann den Spielenden und Hörenden fühlbar machen, dass die Töne nicht nur unter dem Gesichtspunkt einer Logik musikalischer Prozesse gehört werden wollen.
Als Obertöne des Zionismus metaphorisch aufgefasst, bewahrt das messianische Element davor, den Staat Israel als einen Staat wie jeden anderen auch zu sehen, eine Sackgasse des Zionismus, die sich manchmal auch bei Herzl und Jabotinsky zeigte, und führt zugleich im selben Sinn wie der Utopiebegriff bei Adorno und Horkheimer über die Dialektik der Aufklärung hinaus – dorthin, von ›wo‹ aus diese Dialektik kritisiert werden muss. Diese ›Position‹ ist allerdings, wenigstens für die Kritische Theorie, eine bewusst gesetzte petitio principii, ein Anspruch, der auf einer Prämisse beruht, die in der Wirklichkeit erst noch zu beweisen ist, und lässt sich darum ihrerseits nur negativ, durch eine allerdings bestimmte und präzise Negation der bestehenden Verhältnisse einnehmen.
Was die Staatskritik betrifft, ist hier insbesondere auf die Analysen zum Nationalsozialismus von Otto Kirchheimer, Franz Neumann und Alfred Sohn-Rethel zu verweisen: Gerade durch ihre Bestimmtheit und Präzision konnten sie mit Carl Schmitt und Heidegger brechen. Als ob sie solche Negation verhöhnen wollte, hat dann die poststrukturalistische Philosophie, die du eben erwähnt hast, die »Dekonstruktion« des Souveränitätsbegriffs betrieben, um sich schließlich indirekt oder direkt gegen die Existenz des jüdischen Staats zu wenden, und es ist also überaus symptomatisch für dieses Unternehmen, wenn sie dabei die messianischen Traditionen als Obertöne der Heidegger’schen Seinsgeschichte intonierte. Darin liegt ihre Komplizität mit den islamischen Rackets und deren »Unstaat«, der Racket-Republik Iran: statt Selbsterhaltung »Freiheit zum Opfer« (Heidegger); statt in den Vermittlungsformen des Weltmarkts auf die Möglichkeiten der Selbsterhaltung und des Überlebens zu setzen, macht man sich das Vernichtungspotential im Krisencharakter des Kapitals zu eigen.
PZ: Wenn du von »islamischen Rackets und deren Unstaat Iran« sprichst, wie bestimmst du dann dieses Verhältnis?
GS: Zum einen durch eine Art Quasi-Autarkie dieses Unstaats gegenüber dem Weltmarkt, die er nicht zuletzt durch die besondere Bedeutung des Erdölhandels erreicht hat. Sie beruht darauf, dass die USA eben kein Weltsouverän sein können, sondern nur als Hegemon des Weltmarkts agieren. So scheitert etwa der Westen, selbst wenn er entschlossener wäre, immer daran, dass umfassende Sanktionen den beiden großen Abnehmerländer Russland und China nicht aufgezwungen werden können.
Zum anderen bestimmt sich das Verhältnis durch eine bestimmte Monopolstellung der Revolutionsgarden gegenüber den anderen Rackets des Landes, die mit der Quasi-Autarkie zusammenhängt. Des Weiteren aber durch die spezielle Stellung, die im Iran die schiitische Geistlichkeit einnimmt. So gelingt es, die Rivalität der Rackets, die anderswo immer wieder in unmittelbar selbstzerstörerischen Bandenkriegen übereinander herfallen, unter Kontrolle zu bringen und Stabilität und Kontinuität im permanenten Krieg gegen den jüdischen Staat herzustellen, dem auch das Freund-Feind-Verhältnis zu den Sunniten untergeordnet wird, um etwa die Beziehungen zur Hamas auszubauen. Im Gaza-Streifen wiederholt sich allerdings etwas von diesem Unterschied: Die Hamas, die ihre Wurzeln in der Muslimbruderschaft hat, und der Islamische Jihad, der direkt als einer der iranischen Proxys fungiert, verfolgen eine langfristige Strategie, während andere unter den mehr als 15 verschiedenen Rackets – und zwar die außerhalb des politischen Raums, in dem man sich jeweils mit der Hamas abspricht – in ihrem Glauben an den unmittelbar zuschlagenden Jihad solcher strategischen Überlegungen ermangeln.
PZ: »Gegengestor«, das ist dein Begriff für die Banden um Hamas, Islamischer Jihad, Fatah und wie sie alle heißen mögen, die sich als Gestor nur verkleiden und deren Vorstellung von Erlösung in Wahrheit letztlich einzig in der Vernichtung des Judenstaats statt in ökonomischer und politischer Selbsterhaltung besteht. Die Racket-Theorie der Kritischen Theorie, die deinen Überlegungen zur politischen Gewalt zugrunde liegt, sollte zur Zeit ihres Entstehens nichts Geringeres leisten als den Umschlag von Selbsterhaltung in Vernichtung und Selbstzerstörung, der in der »Dialektik der Aufklärung« im Vordergrund steht, innerhalb der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie und des Staats zu fundieren. An dieser begrifflichen Vermittlung ist die Kritische Theorie historisch letztlich allerdings gescheitert. Du nimmst diesen Faden wieder auf und entwickelst angesichts der »Katastrophenpolitik« (Adorno) der Palästinenser und der Islamischen Republik Iran die These, dass erst der Einbezug von Sigmund Freuds spekulativer Theorie des Todestriebs – die in der »Dialektik der Aufklärung« seltsamerweise ebenfalls keine Rolle spielt, obwohl die »Grenzen der Aufklärung« kaum irgendwo deutlicher hervortreten – es ermöglicht, den zentralen Gegensatz von Selbsterhaltung und Selbstvernichtung im Racket aufzuschließen. Was bedeutet das mit Blick auf die islamischen Rackets im Nahen Osten
GS: Ja, diese sozusagen verspätete Einführung des Todestriebs in die kritische Racket-Theorie bleibt ungefähr so spekulativ wie der Begriff bei Freud selber: Auch hier bezeichnet er die Grenzen der Aufklärung, soweit sie nur hypothetisch überschritten werden können. Gerade damit richtet er sich aber gegen die meistenteils verbreitete Ansicht: Was auch immer als Todestrieb bezeichnet werde, sei abzuleiten von einem unbewussten Wunsch, der sich auf die wirklichen Triebe zurückführen ließe, und es gehe nur darum, den Wunsch bewusst zu machen. Im Grunde ist das eine Allmachtsphantasie psychotherapeutischer Arbeit, vor der sich Freud selber immer, aber nicht zuletzt eben durch die Einführung des Todestriebs nach dem Ersten Weltkrieg, zu hüten wusste. Seine Überlegungen dazu wären zunächst als Erkenntniskritik zu lesen, die unmittelbaren Bezüge auf die Biologie als eine Art regulatives Prinzip, sonst droht eine Substantialisierung, eine psychologische Variante des Heidegger’schen Seins zum Tode. (Das Problem ist in dieser Hinsicht mit dem vieldiskutierten des Marx’schen Arbeitsbegriffs verwandt.) Sie bezeichnen den Punkt, an dem bestimmte Strebungen und Verhaltensweisen nicht mehr anders, das heißt nicht mehr mit dem ganzen bis zum Beginn der deutschen Katastrophenpolitik entwickelten psychoanalytischen Instrumentarium begreifbar sind.
Freud betont, dass dieser Trieb selten, vielleicht niemals, isoliert auftritt, sondern legiert. So erklärt sich, warum er ihn auch als »stumm« bezeichnet: Man kann seine Befriedigung gar nicht ›genießen‹, sondern nur die der Libido, die mit ihm legiert ist. Das wirft Licht auch auf die massenpsychologischen Zusammenhänge der Rackets: Einerseits ist davon auszugehen, dass der Todestrieb in der Legierung unkenntlich bleibt, andererseits gibt es die Erfahrung, dass die Identifikationsmechanismen wie im Fall der nationalsozialistischen und jihadistischen Rackets über die libidinöse Besetzung der absolut narzisstischen Herrennatur des Führers (von der Freud in »Massenpsychologie und Ich-Analyse« spricht) hinausreichen, insofern die Massenindividuen, jedes für sich, die Vernichtung der Juden als des totalen, nicht austauschbaren Feinds wirklich wollen. Und genau darin wäre der nichtlibidinöse Anteil bei der Besetzung der Führerfigur zu sehen; wie hätte sonst diese Figur in Gestalt von Hitler zum »unmittelbar allgemeinen Deutschen« (Joachim Bruhn) werden können? Anders gesagt: Während ein Selbstmörder, soweit sich bei ihm die Legierung mit narzisstischen Strebungen verflüchtigt, den Todestrieb um seiner selbst willen bejaht, weil er nämlich das Leben ›einfach satt hat‹ (nach Kurt R. Eissler einer der seltenen Fälle, in denen er isoliert auftreten kann), bejaht ihn der jihadistische Selbstmordattentäter, bei dem die Legierung sich nicht verflüchtigt, um eines anderen Selbstzwecks willen.
Hier stößt man in neuer Weise auf das altbekannte philosophische Problem, dass zwar über die Voraussetzungen dieses bewussten Wunschs etwa mit massenpsychologischer Racket-Theorie und Kritik der politischen Ökonomie (das Feindbild der Juden als wahnhafte Verkörperung der abstrakten Seite des Kapitals, wie Moishe Postone es dargelegt hat) im Sinne negativer Urteilskraft aufgeklärt werden kann und muss, nicht aber darüber, warum ein bestimmtes konkretes Individuum für sich genommen diesen Wunsch wirklich hat. Hier endet jede Form des Verstehens, sonst wird sie zum Einverständnis. Auch die Annahme des Todestriebs zaubert da keine Erklärung herbei, sie deutet nur darauf hin, warum es keine geben kann.
Jedenfalls handelt es sich bei jenen Rackets nicht mehr um die instrumentelle Funktion eines gemeinsamen Feinds für die Selbsterhaltung im Kollektiv (von der aus Horkheimer den Racket-Begriff bestimmt hat) – eine Funktion, die innerhalb eines Rackets für besseren Zusammenhalt sorgt, und in diesem Fall kann der konkrete Feind auch durch einen anderen ersetzt werden. Vielmehr wird darüber hinaus – das ist die Gemeinsamkeit von nationalsozialistischer und jihadistischer Ideologie – der Zusammenhalt der verschiedenen Rackets, der an die Stelle der Vermittlungsformen in der bürgerlichen Gesellschaft tritt, letztlich nur zu dem Zweck hergestellt, die Vernichtung der Juden als Vernichtung um ihrer selbst willen in die Tat umzusetzen. Auf diesen Selbstzweck, dessen Totalität der des Kapitalverhältnisses, mit Joachim Bruhn gesprochen, im doppelten Wortsinn »entsprungen« ist, verweist indirekt der Todestrieb, ohne dass eines aus dem anderen deduziert werden könnte. Mit ihm lässt sich die Stelle bezeichnen, die der Wunsch nach Vernichtung um ihrer selbst willen am Gegenstand der Psychoanalyse einnimmt und wo zugleich deren Ohnmacht beginnt.
Das klingt jetzt alles ein wenig abstrakt, soweit diese Abstraktheit nicht vom Gegenstand erzwungen wird, verschwindet sie hoffentlich bei der Lektüre meines Buchs durch die Engführung von Freuds und Eisslers Gedanken mit denen von Horkheimer und Adorno, Kirchheimer und Neumann.
PZ: Wie beurteilst du die aktuelle Situation nach dem israelisch-iranischen Krieg im Juni, insbesondere die Beteiligung der USA?
GS: Ich habe das Buch vor dem 13. Juni abgeschlossen, also vor den Angriffen auf die iranischen Atomanlagen. Vielleicht hilft bei der Beurteilung der aktuellen Situation das regulative Prinzip, das ich darin einer negativen Urteilskraft im Politischen zuschreibe: Es ist der Primat der Außenpolitik, und als praktischer Imperativ nach Auschwitz formuliert, ist er identisch mit dem Primat der Existenz des jüdischen Staats. Ich denke, dass durch dieses Prinzip auch einer Unterscheidung, die in den diversen Diskussionen über die heutigen USA immer wieder angesprochen wird, größere Bestimmtheit verliehen werden kann, nämlich der Unterscheidung zwischen dem, was Trump wirklich tut, und dem, was er ständig auf Social Media ebenso wie in Reden und Diskussionen so raushaut. Hier herrscht ja die größte Verwirrung. Bei dem, was unter der Regierung Trump wirklich in die Tat umgesetzt wird und nicht mehr so ohne weiteres zurückgenommen werden kann (wie etwa Zölle oder Sanktionen), wäre dann das Bestimmende die zunächst getrennte Betrachtung von militärischen Einsätzen beziehungsweise Truppenstationierungen, Rüstungskapazitäten et cetera – und von allem anderen. Von dieser getrennten Betrachtung auf eine Einheit, im Guten oder im Bösen, zu schließen und den Zusammenhang herzustellen zwischen der Außenpolitik, primär der Frage militärischer Unterstützung, und den Verhältnissen im Inneren des Staats, das ist nicht umsonst schwierig, aber der einzige Weg.
Man kann immer nur von einer von zwei Annahmen ausgehen: Entweder der Souverän – und damit ist eben nicht nur die Person des Präsidenten gemeint, sondern diese so schwer zu bestimmende Einheit – hat weiterhin das Interesse, als Hegemon beziehungsweise Schutzmacht des Weltmarkts zu agieren; oder aber, er ist nicht mehr dazu bereit. Zwischen beiden Annahmen steht die Frage, was dieser Souverän etwa als eine Überdehnung der Hegemonie ›verstehen‹ und wie vollständig darum die Abkehr von ihr sein könnte, ohne die Hauptquelle des Reichtums in den USA zu verstopfen (also die ganze Diskussion über Isolationismus). Dabei wird die Entscheidung virulent, wo die Unterstützung zurückgefahren wird; konkret im Hinblick auf die vorhandenen Rüstungskapazitäten hat Jonathan Tobin das aus israelischer Perspektive schon vor dem 7. Oktober 2023 ausgesprochen: Ukraine oder Israel. Theoretisch kann man sich jedenfalls auch einen US-Hegemon vorstellen, der sie bei Israel zurückfährt. Améry hatte manchmal diese Angstvision.
Das ist die eine Ausgangsfrage, die andere lautet: Unter der Annahme, das Interesse des Souveräns, weiterhin als Hegemon zu agieren, sei vorhanden, bleibt die kniffligste, weil volatilste Bestimmung, immer wieder herauszufinden, welchen Entscheidungen längerfristige Bedeutung zukommt und wie diese Frist einzuschätzen wäre, weil dadurch so viele Informationen, die berühmten ›empirischen data‹, zu eruieren sind. Aber sie ist insofern von großer Wichtigkeit, da ja alles, was der US-Hegemon im besten Fall tun kann, Krise hin oder her, immer nur auf den Aufschub der Katastrophenpolitik hinausläuft, deren gefährlichste Ausprägung heute eben die islamischen Rackets und der Unstaat Iran bilden. Dem grundlegenden Dilemma, dass dieser Hegemon es immer nur zum Schutz des Weltmarkts und seiner Vermittlungsformen tut, eben darin seine Grenzen hat und somit indirekt beziehungsweise auf längere Sicht das Vernichtungspotential der Rackets und des Unstaats auch wieder fördert, weil etwa eine komplette Isolierung des Iran durch Sanktionen (angesichts solcher Länder wie China, die in den Weltmarkt eingebunden sind) unmöglich ist – diesem Dilemma entkommt man auch damit natürlich nicht.
Die Unterstützung Israels bei den Angriffen auf die iranischen Atomanlagen im Juni hat nun hier – also in den beiden aufgeworfenen Fragen – wenigstens vorläufig einige Klarheit geschaffen, jedenfalls mehr als ich je erwartet hatte. Oder anders gesagt: So sehr man sich eine größere Unterstützung gewünscht hat und weiterhin erhofft, sie hat de facto einen Aufschub bewirkt, der unbedingt hervorzuheben wäre – mag er nun kleiner oder größer sein, da kommen dann wieder die ›empirischen data‹ ins Spiel, die in diesem Fall aus bekannten Gründen besonders schwer zu eruieren sind, vorläufig selbst für die besten Geheimdienste.
Das Gespräch erschien am 31. Juli 2025 in der jungle world.
