Verlag der Initiative Sozialistisches Forum
Institut für Sozialkritik Freiburg (ISF) e.V.

Jörg Später: »Hinter dem Geldschleier«. Der Mann im Schatten von Max Horkheimer: Friedrich Pollock bekommt eine Gesamtausgabe

Jörg Später

»Hinter dem Geldschleier«

Der Mann im Schatten von Max Horkheimer: Friedrich Pollock bekommt eine Gesamtausgabe

Um 1930 herum traten sie, so der junge Theodor Wiesengrund Adorno, als das verschworene „Freundespaar Lenin und Trotzkij“ auf, Max Horkheimer und Friedrich Pollock, beides Unternehmersöhne, um die 35 Jahre alt, die gegen das System rebellierten, das ihre Familien wohlhabend gemacht und ihnen, als deutsche Juden, den sozialen Aufstieg ermöglicht hatte. Sie lebten seit Beginn der zwanziger Jahre zusammen in Kronberg im Taunus in einer Wohngemeinschaft, waren Teilnehmer an der legendären „Ersten Marxistischen Arbeitswoche“ am Pfingstwochenende 1923 in Jena mit Karl Korsch und Georg Lukács, zudem an der Gründung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung beteiligt. Während die Weimarer Republik nun ihre Dämmerung erlebte, wurde Horkheimer Direktor des ersten marxistischen Forschungsinstituts in Deutschland, und zwar als Nachfolger des schwer erkrankten Carl Grünberg, den sein Assistent Pollock zuvor interimsmäßig vertreten hatte.

Nach der Flucht vor den Nationalsozialisten wurde Pollock neben Horkheimer geschäftsführender Direktor des zuvor evakuierten Instituts und versuchte, „das Goldschiff behutsam an allen bedrohlichen Klippen“ vorbei zu lotsen, wie der argwöhnische Siegfried Kracauer kommentierte. Was nicht immer gelang, denn Pollock verspekulierte in New York einen großen Teil des von Hermann Weil gestifteten Institutsvermögens. Aber nicht nur viel Geld, sondern auch der kämpferische Marxismus blieb angesichts der Erfahrungen von Flucht, Krieg und nicht zuletzt des Judenmords auf der Stecke. Pollock kehrte mit Horkheimer 1950 nach Frankfurt zurück, wo sie das Institut in der Senckenberganlage wiedereröffneten, und zog sich ein knappes Jahrzehnt später mit dem Freund ins Tessin zurück, wo er 1970 starb. Immer stand Pollock im Schatten Horkheimers, der ihm zusammen mit Adorno die „Dialektik der Aufklärung“ gewidmet hatte – beteiligt war Pollock an dem Buch eben nicht, außer natürlich als Zeitzeuge in Sachen beschädigter Lebenserfahrung.

Doch der Ökonom mit politischem Hintergrund war nicht nur Geschäftsführer, sondern selbst Wissenschaftler. 1923 reichte er seine Dissertation zum Marxschen Geldbegriff an der Universität Frankfurt am Main ein. Sie stand unter der Prämisse, dass die politische Ökonomie die einzige „universale Grundwissenschaft“ sei, weil die „Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens“ aller Kultur und allem Denken vorausgehe. Die Differenz von Wesen und Erscheinung, verdinglicht im Phänomen des Geldes, das die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse verschleiere, war für Pollock der Ausgangspunkt kritischer Wissenschaft, ähnlich wie bei anderen materialistischen Ideologiekritikern wie Korsch und Lukács. In dieser Zeit bildete sich im deutschen Sprachraum heraus, was man später den „westlichen Marxismus“ (Maurice Merleau-Ponty) nennen sollte.

Jetzt werden Pollocks Schriften geborgen. Philipp Lenhard, wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München hat diese Aufgabe in Angriff genommen. Er selbst wird im nächsten Jahr eine Biographie Pollocks veröffentlichen. Die „Gesammelten Schriften“, die in einem kleinen und linken Freiburger Verlag ohne große mäzenatische Unterstützung erscheinen, sind auf sechs Bände angelegt, von denen der erste nun erschienen ist, nämlich die „Marxistischen Schriften“ aus jenen zwanziger Jahren, in denen das Freundespaar sogar die Aufmerksamkeit des Frankfurter Polizeipräsidenten auf sich zog, der sie einwandfrei als Kommunisten identifizierte. Zu dem Band gehört neben der erwähnten Dissertation auch eine Streitschrift gegen Werner Sombart, der einem Ständestaat das Wort geredet und dabei nicht nur die Grundlagen des Marxismus attackiert, sondern auch die Juden zu Hauptakteuren des Kapitalismus stilisiert hatte. Lenhard meint, die Sombart-Kritik von 1926 könne man als die erste faschismustheoretische Studie des Instituts lesen.

Pollock galt vielen als „die graue Eminenz“ des Instituts für Sozialforschung. Nun wird ein, wenn auch kleiner, Scheinwerfer auf ihn gerichtet, der ihn als Autor zeigt. Gespannt darf man auch auf Lenhards Biographie sein, die Auskünfte über die Ursprünge des westlichen Marxismus, die Vertreibung der jüdischen Intelligenz aus Deutschland, ihr Wirken im Exilland Amerika und die Rückkehr nach Deutschland geben wird.

Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. August 2018, Nr. 196, S. 10