Gerhard Scheit: Tertium (non) datur

Gerhard Scheit

Tertium (non) datur

 

Mit der Intensivierung der Arbeit als Folge von Technisierung und Konkurrenzbeschäftigt sich Marx im dritten Band der »Theorien über den Mehrwert«. Diesogenannte Globalisierungskritik schlussfolgert, dass der Weltmarkt das eigentlicheProblem sei, und fordert, der nationale Souverän solle das Wertgesetz innerhalb desStaats endlich wieder zum Wohl der Arbeiterschaft modifizieren. Die Kritik am Neoliberalismus ignoriert den inneren Zusammenhang, den Marx als Modifizierungdes Wertgesetzes aufgedeckt hat. Keine Souveränität ohne Weltmarkt, kein Weltmarkt ohne Souveränität.

Je mehr sich Marx im »Kapital« und in dessen fortwährenden Über­arbeitungen den Welthandelsbeziehungen zuwendet, desto deutlicher gibt er zu erkennen, auf welche Weise sich in jedem Land ein diesem jeweils eigener Durchschnitt in der zur Produktion einer Ware nötigen Arbeitszeit bildet; und damit wird rückblickend zugleich deutlicher, dass er bei der Bestimmung des Wertgesetzes immer schon einen nationalen Markt in einem bestimmten Staat und Währungsraum voraus­gesetzt hat. Das Wertgesetz als solches gelte »in einer gegebnen nationalen Gesellschaft«. Geht er über diese Gesellschaft hinaus, spricht er davon, dass das Wertgesetz in seiner »internationalen Anwendung« auf dem Weltmarkt modifiziert werde. Diese »Scheidung zwischen den innern oder nationalen Sphären der Waarencirkulation und ihrer allgemeinen Weltmarktsphäre« ist zugleich Bedingung der Möglichkeit nachzuweisen, wie durch das Gesetz der Verwertung des Werts die negative Totalität des Kapitalverhältnisses über jene Scheidung hinweg hergestellt wird. Eben dadurch erschließt sich aber auch die eminente Bedeutung, die der Frage der Souveränität grundsätzlich für die Bildung des Durchschnitts bei der Begriffsbestimmung des Werts und der Wirkungsweise des Wertgesetzes zukommt.

Die Leugnung einer so verstandenen Totalität kennzeichnet umso mehr jede Form von Politik – sie ist ihre raison d’être –, aber insbesondere die inhaltlich bestimmte Propaganda gegen die »Globalisierung«. Objektive Schranken oder sogenannte Sachzwänge gibt es dieser Propaganda gemäß nur dann, wenn man die Logik des Kapitals, möge sie auch wie ein Naturgesetz wirken, auch als Naturgesetz hinnehme. Das als Naturgesetz Geltende werde bloß von der schrankenlosen »Globalisierung« beziehungsweise von den neoliberalen »Globalisten« oktroyiert. Die von der Kritik der politischen Ökonomie herausgearbeitete Einheit zwischen Nationalökonomie und Weltmarkt findet sich auf den Kopf gestellt, damit der Appell an den Souverän vernünftig erscheint: Er soll doch bitteschön das Wertgesetz innerhalb des Staats endlich wieder einmal zum Wohle seiner Bürger modifizieren. So wird beiseitegeschoben, dass die einzige Möglichkeit, die Gesetze des Kapitals nicht hinzunehmen, darin liegt, es abzuschaffen.

»Intensifikation« der Arbeit

Wenn Marx im dritten »Kapital«-Band sagt, es sei »überhaupt bei der ganzen kapitalistischen Produktion immer nur in einer sehr verwickelten und annähernden Weise, als nie festzustellender Durchschnitt ewiger Schwankungen, daß sich das allgemeine Gesetz als die beherrschende Tendenz durchsetzt«, dann hat er im ersten Band bereits gezeigt, dass es das allgemeine Gesetz nur geben kann, weil die Privatarbeiten oder konkreten Arbeiten, indem die verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichgesetzt werden, allesamt in der »ab­strakt menschlichen Arbeit«, der »auf eine reine Abstraktion reduzierten Arbeit« verschwinden; nichts von ihnen übrig bleibt »als dieselbe gespenstische Gegenständlichkeit«, in die »kein Atom Naturstoff« eingehen kann; oder anders gesagt: weil die Synthesis der Gesellschaft darin besteht, dieses Verschwinden und diese gespenstische Gegenständlichkeit in irgendeiner Weise, letztlich aber in Gestalt des Geldes, anzuerkennen, auch ohne sie zu begreifen – also real zu abstrahieren, ohne mit Bewusstsein zu abstrahieren: »Sie wissen das nicht, aber sie tun es.«

So wenig der Durchschnitt der zur Produktion der Ware nötigen Arbeitszeit sich darum anders fixieren lässt als in der Bewegung der Preise – »werdendes Resultat« –, aber als fertiges Resultat genommen werden muss, um das Gesetzmäßige zu erkennen, so sehr verdankt er sich vom Souverän festgesetzter, empirisch möglichst genau fixierter Grenzlinien, auf die jedes Individuum gegebenenfalls mit aller Gewalt hingestoßen wird: als bereits verewigtes ­Resultat. Wenn die Staatsgewalt eines bestimmten Staats die Existenz anderer Staaten voraussetzt, dann das Wertgesetz die von dieser Staatsgewalt geschaffenen Hoheitsgrenzen wie die durch eine bestimmte Währung zueinander ins Verhältnis gesetzten Märkte.

Auf dem Weltmarkt bilden nun diese »nationalen Durchschnitte«, so Marx im 20. Kapitel der zweiten Auf­lage des »Kapital«, eine »Stufenleiter«. Da es keinen Weltsouverän geben kann, erfolgt unter seinen Auspizien letztlich auch keine Durchschnittsbildung: »Die mittlere oder normale Intensivität der Arbeit ist in den verschiednen Ländern nicht dieselbe, ist dort größer, hier kleiner (…) Verglichen mit der weniger intensiven, producirt also die intensivere nationale Arbeit in gleicher Zeit mehr Werth, der sich in mehr Geld ausdrückt.« Soweit es sich um die jeweils verschieden intensiven Arbeiten beziehungsweise verschiedenen organischen ­Zusammensetzungen des Kapitals in jeweils verschiedenen Ländern handelt, ist der Ort dieses Vergleichs der Weltmarkt.

Hier aber kommt es beim Vergleich – anders als innerhalb der Nation – zu keinem Ausgleich, also zu keinem neuen, allen gemeinsamem Durchschnitt der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit (was Marx allerdings noch wenig ausgeführt hat, und darum sind manche seiner Begriffe hier vage oder missverständlich, und dies noch verstärkt durch Engels’ Bearbeitung). Denn dessen Bedingung wäre neben dem totalen Freihandel, der Aufhebung ­aller Zölle, Subventionen, Quoten et cetera für Waren und konstantes Kapital eben auch, dass der Weltmarkt einen Weltarbeitsmarkt beinhaltete. Wenn jedoch Weltmarkt kein Hirngespinst wie der Weltsouverän sein soll, sondern ein Begriff für die Wirklichkeit des Kapitals, dann gehört zu seinem Begriff, dass Arbeitskraft nicht importiert und exportiert wird wie andere Waren – man handelt sie nicht wie Schweinebäuche auf Warenbörsen, und auch der Souverän kann auf sie keinen Zoll erheben, sondern erlässt ein Einwanderungsgesetz, um den nationalen Arbeitsmarkt zu schützen.

Dabei bleibt immer vorauszusetzen, dass auch die Bildung des Durchschnitts in einer gegebenen nationalen Gesellschaft insofern nur zum Schein erfolgt, als die konkreten Privatarbeiten ja nur im Tausch – das heißt von der Produktion aus gesehen: an einem anderen »Ort« zu einer anderen »Zeit« – gleichgesetzt werden können. Zentral an dieser Marx’schen Bestimmung der »Intensivität« der Arbeit im Unterschied zu der ungenauen ihrer Produktivität ist nämlich, dass sie ausschließlich auf abstrakte Arbeit, auf die »auf eine reine Abstraktion reduzierte Arbeit« – als alleiniger »Substanz« der Werte – zu beziehen wäre, die der Produktivität indessen, wie Manfred Dahlmann immer betont hat, auf alle Faktoren im Produktionsprozess (wobei gewöhnlich auch nicht unterschieden wird zwischen der schieren Warenmasse, die man produziert, und deren Wert). Die Frage der Intensivität betrifft das konstante Kapital (Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand), das angewandt wird, insofern in ihm »vergangne Arbeit« enthalten ist (was der Unternehmer in Form der Kosten für Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand berappen muss). Erhöhung der Intensivität bedeutet, dass die Arbeitskraft (die selbst dem Arbeitsmittel und dem Arbeitsgegenstand entsprechend ausgebildet sein muss) mit größerem konstanten Kapital produziert: Es wird deshalb in derselben Zeit des aktuellen Produktionsprozesses mehr von dem aus vergangener Arbeit herstammenden Wert »zugesetzt«, das heißt: mehr Mehrwert produziert.

Was Wert ist und was nicht, findet sich allerdings durch den Austausch der Waren bestimmt, die Anerkennung der Messung der durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit und damit der Intensivität der Arbeit erfolgt »nur vermittels des Geldes«. Hierbei – also bei dem, was Marx die Realisierung des Werts nennt – entscheidet sich, ob Wert zugesetzt worden ist, ob der jeweilige Anteil der ­Arbeitszeit »als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit an­erkannt wird« (Michael Heinrich). Dennoch sind private Produktion und nachträgliche beziehungsweise vorangegangene Gesellschaftlichkeit des Warentausches – darin liegt gewissermaßen das Metaphysische des Wertbegriffs und die negative »Idee« gesellschaftlicher Totalität – aufeinander zu beziehen, als ob sie gleichzeitig stattfänden; als ob während der Arbeitsvorgänge schon oder noch getauscht würde. Ist doch die Produktion in Hinsicht darauf, wie viele Arbeitskräfte welcher Qualifi­kation mit wie vielen Arbeitsmitteln und Arbeitsgegenständen welcher Qualität wie lange arbeiten müssen, ausschließlich nach Maßgabe des Tausches geregelt – auch wenn die Produktion der Maßgabe im einzelnen Fall, wenn es zum Austausch kommt, dann doch nicht entsprochen haben wird, insofern das Zeug sich nicht verkauft.

Die Kritik der politischen Ökonomie unternimmt es, den Produktionsprozess, wenn sie von Wertbildung in ihm spricht, mit Bewusstheit durch die Zirkulation hindurch zu betrachten, die ihm notwendig vor­angeht wie folgt. Sie muss zu diesem Zweck mit dem Wertbegriff im zeitlich Getrennten eine (von allen Marktteilnehmern in Gestalt des Geldes geteilte) Projektion sichtbar machen, in der die Prozesse der Produktion und der Zirkulation einander überblenden – ohne sich (wie die Marktteilnehmer) darüber zu täuschen, dass die Trennung in der Wirklichkeit fortbesteht, genau wie die Möglichkeit der Krisen fortbesteht. (Manfred Dahlmann spricht in diesem Zusammenhang von einem notwendigen »Sprung in die Quasi-Metaphysik«.)

Jeweils intensivere Arbeit heißt nichts anderes, als durch Entwicklung der Produktivkräfte (in der Konkurrenz der Unternehmen bei einer vom Staat selbst vorgegebenen Dauer des Arbeitstags) jeweils mehr Wert zu produzieren (Marx bezeichnet es als eine Änderung »im Charakter des relativen Mehrwerts«) – durch dieselbe Entwicklung der Produktivkräfte, die in derselben Konkurrenz der Unternehmen zugleich erzwingt, Arbeitskraft durch Technologie zu ersetzen, und daher wiederum Mehrwert insgesamt verringert.

Soweit nun im »Kapital« im Zusammenhang mit der Zirkulation auf dem Weltmarkt von den internationalen Werten der Waren die Rede ist, wird vorausgesetzt, dass es sich zwar um den Vergleich verschiedener Stufen nationaler Durchschnittsbildung handelt, dies sich jedoch hier »in ­einer unbegrenzten«, das heißt: von einer einzelnen Nation nicht begrenzten »Reihe verschiedner Gebrauchswerte« darstellt – so Marx wie in Anspielung auf Kants »Kritik der reinen Vernunft«. Umgekehrt ist es die durchaus begrenzte Reihe der Gebrauchswerte, in der sich die nationale Arbeitsintensivität innerhalb der Nation selbst darstellt, die gerade den Schein erzeugt, dass die Privatarbeiten der Einzelnen nicht vollständig in jener gespenstischen Gegenständlichkeit des Ganzen verschwinden, vielmehr dieses Abstrakte der Wertsubstanz schon in seiner Voraussetzung, in den mechanischen, zerstückelten, aber doch physiologisch konkret wahrzunehmenden Privatarbeiten liegen müsste und darum mitsamt der Privatarbeiten auch zu bejahen wäre.

Nur im Horizont nationaler Arbeitsintensivität kann also die Illusion aufrechterhalten werden, oder besser: das fetischistische Bewusstsein, es handle sich um keine völlige Verselbständigung des Werts als Kapital. Oder umgekehrt ausgedrückt: Erst die Reflexion auf den Weltmarkt ermöglicht der Kritik der politischen Ökonomie einen radikalen Begriff abstrakter Arbeit, der sich von der ­Illusion befreit hat und dem Fetisch widerspricht, die konkreten Arbeiten könnten als konkrete in der Substanz des Werts irgendwie aufbewahrt und deshalb auf gerechte Weise gegeneinander getauscht werden. Marx selbst schreibt in den sogenannten »Theorien über den Mehrwert«, allein »der auswärtige trade« entwickelt »die wahre Natur« des Werts »als Wert, indem er die in ihm enthaltne Arbeit als gesellschaftliche entwickelt, die sich in einer unbegrenzten Reihe verschiedner Gebrauchswerte darstellt, und in der Tat dem abstrakten Reichtum Sinn gibt«. Stellte sich hingegen »die surplus labour oder value bloß in nationalem surplus produce dar, so fände die Vermehrung des Werts um des Werts willen (…) eine Grenze an der Borniertheit, dem engen Kreis von Gebrauchswerten, worin sich der Wert der Arbeit darstellte«.

Entscheidend ist nicht, dass man auf dem nationalen Markt und auf dem Weltmarkt für dieselbe Ware zwei verschieden große Quanta durchschnittlich nötiger Arbeitszeit in Rechnung stellen mag – denn damit wird etwa nur eruiert, inwiefern dieselbe Ware in der Nation mit der derzeit höchsten Intensivität der Arbeit (bei gleichen sonstigen Kostenfaktoren) billiger hätte produziert werden können –, vielmehr dass die Einheit, die das ermessen lässt, eben die Ware beziehungsweise ein bestimmtes Quantum von ihr, auf dem Weltmarkt deshalb noch keinen Durchschnitt der nationalen Durchschnitte konstituiert, stellt sich doch die Arbeit hier in einer von keinem Souverän eingeschränkten, insofern potentiell unendlichen und prinzipiell »unbegrenzten Reihe verschiedner Gebrauchswerte dar«. Die nationalen Durchschnitte ihrer Intensivität werden – so müsste es demnach heißen – bei der Realisierung der internationalen Werte ins Verhältnis zueinander gesetzt, aber nicht aufgehoben.

Innerhalb eines Staats jedoch findet sich das, was ebenfalls als Stufenleiter verschiedener seiner Regionen erscheinen mag, immer schon in dem Resultat eines neuen Durchschnitts der durchschnittlich nötigen Arbeitszeit aufgelöst. Hier lässt sich also nicht nur eruieren, in welcher Region etwa die Ware profitabler hätte produziert werden können, sondern es resultiert aus zwei verschieden großen Quanta verschiedenenorts jeweils nötiger Arbeitszeit automatisch beziehungsweise der unmodifizierten Anwendung des Wertgesetzes gemäß ein Quantum mittlerer Größe überall nötiger ­Arbeitszeit, das sich unmittelbar im Wert der Ware ausdrückt, wie er sich auf nationalen Märkten realisiert – also in deren vom jeweiligen Staat selbst durch Zölle, Quoten, Steuern et cetera begrenztem, »engen Kreis von Gebrauchswerten«, worin sich eben in diesem Fall der Wert der ­Arbeit darstellt und der einzelne Staat an jedes einzelne Unternehmen, das die Waren hervorbringt und verkauft, seine Steuerforderungen richten kann. Auf dem Weltmarkt jedoch ist die Reihe der Gebrauchswerte insofern unbegrenzt, als vom einzelnen Staat aus betrachtet diese Reihe keinen Zugriff des eigenen Gewaltmonopols auf Produktion und Zirkulation seiner Waren gewährt.

Auf dem Weltmarkt existiert deshalb die »Stufenleiter« fort, so wandelbar sie in der Anordnung der Stufen auch ist; so groß der Druck sich auch erweist, der von den Weltmarktpreisen ausgeht, die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit zu senken. Sie perenniert, weil das Kapitalverhältnis die Existenz einander entgegengesetzter Staaten zur Bedingung hat. Jeder von ihnen kann mit Zöllen und Einfuhrquoten, Subventionen und Steuern, schließlich auch geld- und währungspolitischen Maßnahmen (Leitzins, Auf- und Abwertungen, Anleihekäufe et cetera) jenen Druck in einem gewissen Maß ab­federn und so versuchen, einen bestimmten Rang in der Rangordnung der nationalen Durchschnitte relativ abzusichern (die Probleme, die sich daraus für Staaten innerhalb einer Währungsunion ergeben, sind evident und werden von der Europäischen Union laufend exponiert).

»Nullzeit« des Kapitals

Gilt demnach, dass sich im Verhältnis der Staaten keine neue Durchschnittsbildung zwischen den Stufen durchzusetzen vermag, dann erweist sich erst, welcher »nationale Arbeitstag«, also welcher Arbeitstag in welcher Nation, der intensivere und produktivere ist, wenn Zölle, Subven­tionen und Steuern der einzelnen Staaten sowie das Verhältnis ihrer Währungen zueinander jeweils berücksichtigt werden. Daraus ergibt sich von vornherein weder die Unumkehrbarkeit einmal entstandener nationaler Gefälle in der Arbeitsintensivität noch die Aussicht, ihre unterschiedlichen Niveaus durch internationalen Handel in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen. Vielmehr folgt aus der Marx’schen Auffassung des Weltmarkts, dass keine »nationale Gesellschaft«, so viele Zollbarrieren und Handelshemmnisse sie auch errichten, so viel sie die Produktion auch subventionieren und ihre Währung abwerten mag, auf ihrer Stufe der Intensivität wirklich verharren könnte, während die Stufen der an­deren sich angehoben finden, um der in den Weltmarktpreisen sich niederschlagenden stets wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals gerecht zu werden. Denn in diesem Fall würden ihre Unternehmen auf dem Weltmarkt bald überhaupt keinen Wert mehr realisieren können und hätten darum auch kein Geld mehr, auf ihm einzukaufen.

Dergestalt ist die »Stufenleiter« selbst nur als eine sich stets verändernde, in diesem Sinn als ein unendlicher Prozess ohne Resultat zu begreifen, der denn auch der un­begrenzten Reihe von Gebrauchswerten entspricht, in denen der Wert sich auf dem Weltmarkt darstellt. Dass ihre Maßeinheit ausgemittelt werden könnte, beruht auf der doppelseitigen Annahme, die Reihe der Gebrauchswerte auf dem Weltmarkt sei begrenzt und die Arbeitskraft aller Länder gehöre zu ihr wie jeder andere Gebrauchswert auch. Diese Annahme ist von derselben Art wie die, dass der US-Dollar keine Leitwährung, sondern unmittelbar Weltgeld sei.

Um welche Himmelsleiter es sich hier aber handelt, hat Marx schon in den »Grundrissen« klargemacht, wo es heißt, die Zirkulationszeit sei das die Produktionszeit bestimmende Moment – aber »Zirkulation ohne Zirkulationszeit« ist zugleich »die notwendige Tendenz des Kapitals«, unter deren Gesichtspunkt jede Zirkulationszeit als überflüssig betrachtet, jeder Umstand, der sie kostet, zu den faux frais gerechnet werden muss. Joachim Bruhn schreibt mit Hinweisen auf diese Stelle und mit einem Zitat aus dem zweiten Band des »Kapital«: »Jede Zeit, die vergeht, ist jedenfalls zuviel Zeit gewesen (…) Alle Akkumulation kann sich nur in der Zeit vollziehen, aber jede Stunde, die sie braucht, wird eine Stunde zuviel gewesen sein. Das ist das grund­legende Dilemma, weswegen Marx im zweiten Band des ›Kapital‹ sagt, daß die Zeit des Kapitals ihrem Begriffe nach die Nullzeit ist, das heißt die Aufhebung und die Vernichtung jedweder Zeit: ›Je mehr die Zirkulationsmetamorphosen des Kapitals nur ideell sind, das heißt je mehr die Umlaufszeit = 0 wird oder sich Null nähert, um so mehr fungiert Kapital, um so größer wird seine Produktivität und Selbstverwertung.‹«

So kann auch die »Stufenleiter« nationaler Arbeitsintensivität nicht auf eine »Durchschnittseinheit der universellen Arbeit« zurückgeführt werden (wie Marx selber an einer Stelle in der französischen Übersetzung des »Kapital« nahelegt), sie lässt sich aber auf die Nullzeit beziehen, auf die sie ausgerichtet ist. Von dieser Ausrichtung weiß im Grunde jeder, nur spricht man heute mit feuilletonistischem Gehabe lieber davon, dass die Algorithmen die Herrschaft übernehmen. Tatsächlich sind die auf dem Weltmarkt erfolgreichsten Unternehmen und damit überhaupt die erfolgreichsten Unternehmen heute eben jene, die sich aufgrund ganz bestimmter Gebrauchswerte die notwendige Tendenz des Kapitals, Zirkulation ohne Zirkulationszeit, unmittelbarer als alle anderen Kapitalgruppen zu eigen machen können (Amazon, Microsoft, Apple, Google, Facebook et cetera) – was allerdings auch für sie nur mittelbar, auf der Grundlage anderer Gebrauchswerte, und das heißt umso mehr: auf der Grundlage einer bestimmten Arbeitsintensivität einer »gegebnen nationalen Gesellschaft« möglich ist.

Welche »nationale Gesellschaft« aber das Vernichtungspotential in die Tat umsetzt, das durch den Fluchtpunkt der Nullzeit prinzipiell, das heißt: ganz abstrakt, vorhanden ist, lässt sich indessen keineswegs davon ableiten, wie nahe sie ihm jeweils auf jener »Stufenleiter« kommt. Vielmehr wäre die Antwort dort zu suchen, wo politische Aktion aus der ökonomisch vermittelten Rangordnung überhaupt auszubrechen, ihr wie aus einem Gefängnis zu entspringen sucht, indem sie die Trennung von Zirkulation und Produktion schlechthin aufhebt, um unmit­telbare Herrschaftsformen an ihre Stelle zu setzen – womit im übrigen auch den Grenzen einer gegebenen nationalen Gesellschaft keine Funk­tion mehr zukommen kann. »Rein« ökonomisch gilt darum: entweder Weltmarkt oder Weltkrieg. Das tertium datur hieß einmal Kommunismus und heißt – weil es auf die Bedingung der Möglichkeit ankommt – noch immer: »Associa­tion, worin die freie Entwicklung eines Jeden die Bedingung für die freie Entwicklung Aller ist«.

»Souveränisten« gegen »Globalisten«

Von der Trennung her, die Marx zwischen den inneren oder nationalen Sphären der Warenzirkulation und deren allgemeiner Weltmarktsphäre vorgenommen hat, kann auch der Gegensatz der Theorien von John May­nard Keynes und Friedrich August von Hayek in den Blick genommen werden: Beide abstrahieren auf ihre Weise von der Besonderheit der Ware Arbeitskraft, indem sie mit dem Wertbegriff von Marx auch das Problem, das er mit der Intensivität der Arbeit und ihrer Durchschnittsbildung aufwarf, ignorieren – pointiert ausgedrückt: der eine betrachtet sie wie Truppenkontingente, der andere wie Schweinebäuche.
Keynesianische Reformen müssen deshalb auf den Bedingungen der Autarkiepolitik beziehungsweise des von ihr beförderten Kriegs aufbauen, was Keynes selbst zu erkennen sich genötigt sah, Keynesianer aber gewöhnlich verdrängen. Der Fluchtpunkt der »Österreichischen Schule« ist umgekehrt, den Nationalstaat im Weltmarkt aufzuheben: So schlug Hayek die »Abschaffung der Zentralbanken« vor (einschließlich der »Fed«): »Nationale Währungen sind weder unvermeidlich noch wünschenswert«; schon von Mises schrieb, wenn »überall auf Erden das Programm des Liberalismus durchgeführt wird, ist der Weltstaat (…) eine Realität«. Weder die keynesianische Auffassung noch ihr liberaler Gegenspieler vermag an sich Nationalstaat und Weltmarkt in ihrem Verhältnis zueinander zu bestimmen. (Dem­gemäß konnte Keynes die Wirtschaftspolitik des Hitler-Regimes, wenn auch nur für kurze Zeit, als Durchsetzung der Souveränität gutheißen und Hayek, allerdings mit großem Vorbehalt, die des Pinochet-Regimes als Durchsetzung des Weltmarkts billigen.)

Nach der weitverbreiteten Ideologie der Globalisierungsgegner bliebe den Nationen angesichts der weltmarktunmittelbaren Konkurrenz der Monopole, die bereits jenseits des Prinzips einer Rangordnung nationaler Durchschnittsbildung stattfinde, praktisch nichts anderes übrig, als vom Weltmarkt sich möglichst abzuschotten und, soweit man doch an ihm partizipieren möchte, nach Erdölquellen und anderen Rohstoffen zu graben oder mit jenen sich zu verbrüdern, die solches »Kapital« ihr Eigen nennen können. So wie das Finanzkapital aufgrund seiner schieren Größe und der damit verbundenen Möglichkeit des Aufschubs der Krise als eine Macht phantasiert werden kann, die mit dem Verwertungsprozess des industriellen Kapitals nichts mehr zu tun hätte, so werden nun auch jene Unternehmen, die auf der Basis einer bestimmten nationalen Arbeitsintensivität, nämlich der der USA, die Tendenz des Kapitals zur Zirkulation ohne Zirkulationszeit unmittelbarer als alle anderen forcieren, in einer Weise dämonisiert, als ob in ihrer Welt den Profiten nicht mehr die jeweilige nationale Durchschnittsbildung und damit das Wertgesetz, wie Marx es verstanden hat, zugrunde läge; als ob sie vielmehr Raubbau an einem weltweit vorhandenen digitalen Rohstoff betreiben könnten, den sie sich aneignen würden, ohne auch nur Steuern zu bezahlen. Für die Tendenz der Nullzeit, auf die alles hinausläuft, werden sie verantwortlich gemacht. Hieß es einmal bei der Komintern, der Faschismus sei die Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals, so heißt es heute bei den in der Wolle gefärbten Stalinisten, der neue Faschismus gehe von Silicon Valley aus oder wo immer man die am meisten digitalen Elemente des Kapitals beheimatet sehen will.

Statt Kritik der politischen Ökonomie übt man also Kritik am »Neoli­beralismus« oder – was dasselbe ist – an einem »postmodernen Kapitalismus«: Namen, die dem Weltmarkt gegeben werden, damit er zum moralisch und ideologisch unverfänglichen Feindbild taugt, wenigstens vorläufig. Denn nicht nur, dass man allgemeine Gesetze, die Marx analysiert hat, verballhornt als vorsätzliche Anwendung bestimmter Theorien, eben der von den alten neoliberalen Ökonomen oder den neuen postmodernen Philosophen, denen die dummen oder korrupten Politiker zu folgen sich berufen fühlten; nicht nur, dass mithin die Gesetze als eine Neuschöpfung ausgegeben werden, die dem »Wirtschaftswunder« der Nachkriegsjahre, bei dem der Reichtum so schön verteilt worden sei, ein Ende bereitete – es wird zugleich, ganz ähnlich wie in jenen Theorien, der Unterschied zwischen ihrer natio­nalen und internationalen Geltung, den Marx noch zu machen wusste, mehr oder weniger verdrängt. Anders gesagt: Souveränität und Weltmarkt werden nicht mehr als die zwei notwendigen Seiten ein und derselben »Sache«, nämlich des Kapitals, begriffen. Wen wundert es also, dass eine fetischisierte Souveränität als Deckbild für den Wahn der Autarkie dienen kann, in dem befangen Linke und Rechte gegen den Weltmarkt mobilisieren wollen: »Souveränisten« gegen »Globalisten«.

Damit aber kehrt etwas von der ideologischen Vorgeschichte von Auschwitz wieder. Je nach Laune – mehr antikapitalistisch-deutsch oder mehr antiimperialistisch-international – können entweder die »Globalisten«, soweit sie als ökonomische Bedrohung der deutschen Souveränität ausgegeben werden, oder die »Souveränisten«, soweit diese militärisch mit den USA – also mit dem Hegemon des Weltmarkts – im Bunde sind, dann doch wahnhaft wie eh und je im Judentum verkörpert werden. Eintracht herrscht sonst nur darin, dass man die praktische Vorbereitung, Auschwitz im Nahen Osten zu wiederholen, der Islamischen Racket-Republik Iran überlässt, die auf diese Weise ihre eigene Vorstellung von Autarkie präsentieren kann.

Der Originaltext enthält Fußnoten mit Quellenangaben. Der Auszug ist an vielen Stellen gekürzt. Es fehlt auch die im Buch ausgeführte Kritik linker und rechter Theorien beziehungsweise ideologischer ­Deckbilder des Weltmarkts (Nancy Friday, Ernest Mandel, Klaus Busch, Christian Girschner, Robert Kurz, Thomas Piketty, David Graeber und so weiter).

Der Auszug erschien zuerst in der jungle world.