Juden und Araber
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Beschreibung
Albert Memmis einst noch wie selbstverständlich an die antikoloniale Linke adressierte Essaysammlung Juden und Araber, die in Reaktion auf den Jom-Kippur-Krieg erschien, wirkt angesichts der mittlerweile abgeschlossenen Entwicklung der postkolonialen Linken zur Avantgarde des Antizionismus wie aus der Zeit gefallen.
Der einer jüdischen Familie in Tunis entstammende Schriftsteller und Essayist gilt außerhalb Deutschlands – neben Frantz Fanon als dem Ahnherrn des heutigen Postkolonialismus – schon lange als einer der prominentesten theoretischen Begleiter der Dekolonisierung. Memmi hat durch seine Reflexion auf die Dialektik von Kolonisator und Kolonisiertem auch die widersprüchlichen Entwicklungen des Prozesses der Dekolonisierung nie ausgespart und reflektierte in seinen Auseinandersetzungen stets darauf, welche Bedeutung dieser für die Juden der arabischen Welt hatte. Es sollte bald schon deutlich werden, dass der explizit muslimisch-arabische Nationalismus, der sich parallel zur Dekolonisierung in den arabischen Ländern entwickelte, auf die zunehmende Diskriminierung der Juden hinauslief und nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 in offen antisemitischen Übergriffen gipfelte.
Memmi hielt in seinem spannungsreichen Selbstverständnis als »arabischer Jude und linker Zionist« stets am universalen Grundsatz antikolonialer Kritik fest. Er bestreitet keinesfalls die Kolonisierung der Araber durch europäische Mächte, aber insistiert darauf, dass die Juden nie als gleichberechtigter Teil der antikolonialen Emanzipationsbestrebungen anerkannt wurden. In den arabischen Ländern wurden die Juden von den einstigen Kolonialisierten – und das lange vor dem Entstehen der zionistischen Bewegung – beherrscht, gedemütigt und verfolgt. Nicht nur wird dies von der antikolonialen Linken bis heute verdrängt, auch wurde der Zionismus von dieser als Kolonialbewegung gebrandmarkt und bekämpft.
Beim vorliegenden Band handelt es sich um ein Stück schmerzlich »formgewordener Erfahrung« (Jean-Paul Sartre); er versammelt Essays und Streitschriften aus dem Jahrzehnt nach dem Sechstagekrieg erstmals auf Deutsch. Gerade in seiner Unzeitmäßigkeit reflektiert Memmis Juden und Araber auf die verdrängten, inneren Widersprüche der Dekolonisierung, die Selbstzerstörung der Linken und die Notwendigkeit der Parteinahme für Israel.
Viten
Albert Memmi wurde 1920 in Tunis geboren und starb 2020 in Paris. Er entstammte einer armen jüdischen Familie aus dem Viertel La Hara in Tunis; sein Vater war Sattler, seine Mutter hatte berberische Wurzeln. Durch ein Stipendium der jüdischen Gemeinde besuchte er das Lycée Carnot in Tunis. Unterdessen fand Memmi Anschluss an zionistisch-sozialistisch orientierte Gruppierungen. Aufgrund der antisemitischen Gesetze des Vichy-Regimes wurde Memmi 1942 von der Universität Algier verwiesen, wo er zu studieren begonnen hatte. Während der deutschen Besatzung Nordafrikas war Memmi in einem Arbeitslager interniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie an der Pariser Sorbonne. In den 1950er Jahren unterstütze Memmi die Unabhängigkeitsbewegung Tunesiens, die er später wegen der zunehmend arabischen und antijüdisch orientierten politischen Ausrichtung seines dann unabhängig gewordenen Heimatlands kritisierte. 1967 nahm Memmi die französische Staatsbürgerschaft an. Als arabischer Jude, leidenschaftlicher Befürworter arabischer wie jüdischer Emanzipation und bekennender »linker Zionist« wurde er in der Linken zunehmend als »Verräter« betrachtet. Sein Doppelporträt Der Kolonisator und der Kolonisierte (1957) machte ihn zu einem Wegbereiter dessen, was später unter dem Label ›Postkolonialismus‹ firmieren sollte. Auf Deutsch liegen außerdem Die Salzsäule (1953), Die Fremde (1955), Rassismus (1982) und Der Pharao (1988) vor.
Christoph Hesse ist Film- und Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Er ist Privatdozent und Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin sowie am Institut für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften (IKK) der Freien Universität Berlin. Bei ça ira erschien Schiffbruch beim Spagat (gemeinsam mit Drik Braunstein, 2021).
Zitate
»Warum gleitet man so schamhaft über die unsrigen hinweg? Ich weiß es sehr wohl: In einer manichäischen Welt scheinen sie denen der muslimischen Araber im Wege zu stehen. Aber weil die muslimischen Araber die Opfer der europäischen Kolonisatoren waren – sollen wir uns deshalb ewig damit abfinden, auch ihre Opfer zu sein? Sollen wir die Verfolgungen in Bagdad, die Gefängnisse und die Brandanschläge in Kairo, die Plünderungen und die wirtschaftliche Erdrosselung des Maghreb und, nicht zuletzt, den Exodus hinnehmen?« / Albert Memmi, Die Juden und die Araber
»Er ist Jude (Sohn einer berberischen Mutter, wodurch die Sache nicht einfacher wird) und tunesischer Untertan, das heißt Untertan des Beys von Tunis. Und doch ist er kein echter Tunesier, der erste Pogrom, bei dem die arabische Bevölkerung die Juden ermordet, zeigt es ihm deutlich. Er wächst in der französischen Kultur auf und ist aus seiner ganzen Klasse der Einzige, der Racine wirklich versteht. Und doch liefert das Frankreich von Vichy ihn den Deutschen aus, und an dem Tag, an dem er für es kämpfen will, verlang das befreite Frankreich von ihm, er solle seinen jüdisch klingenden Namen ändern. Es bliebe ihm also nichts weiter übrig, als wirklich Jude zu sein, müsste er nicht, um es zu sein, einen Glauben teilen, den er nicht hat, und Traditionen annehmen, die ihm unsinnig erscheinen.« / Albert Camus, Vorwort zu Albert Memmis Die Salzsäule
»Jenseits der Solidarität mit allen Menschen gibt es eine bescheidenere und oft weniger bequeme Pflicht: Und das ist, sich direkt mit seinem besonderen Schicksal auseinanderzusetzen, ohne sich allzu sehr darum zu kümmern, von irgendjemandem als Verräter bezeichnet zu werden.« / Albert Memmi, Bin ich ein Verräter?
»Einer der im 20. Jahrhundert bedeutendsten jüdischen Schriftsteller und Wissenschaftler«. / Karl Pfeifer, Erinnerungen an Albert Memmi
»Während der Bizerta-Krise im Jahr 1961 überkommt ein Ausbruch von Antisemitismus die Gemüter. Die jüdische Gemeinschaft sieht sich der Anschuldigung gegenüber, mit Paris zu sympathisieren. Die daraus resultierenden Spannungen regen den Emigrationsstrom an. Überdies wird das Unbehagen verschärft durch die in den 1960er Jahren grassierende Wirtschaftskrise, was zu mehreren Gerichtsverfahren gegen jüdische Geschäftsleute führt, die als absichtsvoll erniedrigend empfunden werden. Nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 – der in Tunesien, wie in der gesamten arabischen Welt, eine Welle von Solidarität mit den Staaten hervorruft, die sich im Krieg mit Israel befinden –, wird die Emigration zum Exodus, nachdem eine Menge von Demonstranten, die sich zuvor mit Benzinkanistern und Eisenstangen ausgerüstet hatten, die Große Synagoge in Brand setzt, dabei vierzig Torahrollen zerreißt und verbrennt und gezielt jüdische Einrichtungen plündert und anschließend in Brand steckt. ›Die in Angst und Schrecken versetzten Juden verkrochen sich bei sich zuhause, und manche wurden von muslimischen Nachbarn und Freunden aufgenommen und beschützt; es wäre ungerecht, das nicht anzuerkennen.‹ Und auf der Straße werden die Juden von muslimischen Kindern belästigt und beleidigt. Reagieren sie? Dann empört man sich. Lassen sie es sich gefallen? Dann ziehen sie sich die Bemerkung zu, dass sie ›keine Männer sind‹.« / Nathan Weinstock, Der zerrissene Faden
Aus dem Inhalt
- Nach dem Jom-Kippur-Krieg
- Was bedeutet es, ein Zionist zu sein?
- Was bedeutet es, ein jüdischer Araber zu sein?
- Ein paar Fragen an Oberst Gaddafi
- Die Juden kolonisieren
- Königreich der Armen
- Eine alltägliche Tragödie
- Die arabische Nation und der israelische Staat
- Eine neapolitanische Farce oder ein tragischer Mord. Gerechtigkeit und Nation
- Israel, die Araber und die Dritte Welt. Plädoyer für die Anerkennung der nationalen Realität
- Plädoyer für eine sozialistische Lösung
- Editorische Notiz des Übersetzers
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