Heidegger, Scharlatan und Denker
Eine Innensicht
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Beschreibung
Die im Jahr 1975 begonnene und einhundertundfünf Bände umfassende Gesamtausgabe Martin Heideggers liegt bald abgeschlossen vor, und damit ist erst jetzt, 50 Jahre nach seinem Tod, eine umfassende Betrachtung von dessen Denken möglich.
Bisher hat die Außensicht auf Heideggers Schriften mittels irrtümlicher oder auch zu Zwecken der Verklärung oder Verherrlichung erstellten Etiketten und Paradigmen sichergestellt, dass die Selbstdarstellung des rätselhaften und nur einem eingeweihten Zirkel zugänglichen Grüblers bewahrt bleibt. Und auch schon Heidegger hat durch seine obsessiv-auftrumpfende Schaumsprache den Nimbus gepflegt, unverständlich, dunkel oder gar mystisch zu sein.
Im modus der phänomenologischen Introspektion lässt Kaveh Nassirin das heideggersche Denken ex novo in einem Licht erscheinen, in dem es in seinen konstituierenden Intentionen und fundamentalen konzeptionellen Formationen transparent wird. Dabei werden ehrfurchtserheischende Dogmen der Forschung – allen voran die von Otto Friedrich Bollnow geschaffene Forscherlegende der ›Kehre‹ die Heidegger auf seinem »Denkweg« vorgenommen habe – selbst als Verkehrungen erkennbar und erweisen sich, wenn nicht als unhaltbar, so doch als revisionsbedürftig.
In der phänomenologischen Innensicht zeigt sich dagegen, dass die Aporien und scheinbaren Auswege, auf die Heidegger gerät, zu dessen frühem Verlangen führen, eine subjektive Verkündungsherrschaft zu begründen und ein Erleben der Wahrheit festzuschreiben, für das es notwendig war, die Begriffe zu verflüssigen, zu verfremden oder schlicht zu verfälschen: Der stets auf Neue gezogene magische Kreis der Behauptungswelt Heideggers gründet auf einem assertorischen Fundament. So ist die »Gewaltsamkeit, die bei vielen Heideggerschen Interpretationen auftritt«, mitnichten ein »produktiver Mißbrauch«, durch den die »Analyse des Verstehens« aber nicht vermindert werde, wie Hans-Georg Gadamer meinte. Vielmehr wird deutlich, dass tatsächlich das akkurate Gegenteil dieses verklärenden Diktums gilt: Die Umkehr der Begriffe ist der fundamentale und unverzichtbare modus von Heideggers Mission, ein unbegriffliches Erleben durch Begriffe zu überhöhen.
Dadurch erhält auch der alte Disput um den nazistischen Denker Heidegger eine neue Bedeutung: war ein philosophischer Reflexionsraum, der in ein nationalsozialistisches Bekenntnis führte, nur durch den modus der Umdeutungen, Verflüssigungen und Entstellungen, nur durch Verfälschungen griechischer, scholastischer und moderner philosophischer Lehren abzuheben und wird dieses Verfahren bis heute gerechtfertigt und akzeptiert, so steht der Scharlatanismus vor allen protonazistischen, antisemitischen und rassistischen Überzeugungen und Ressentiments als der Grund infrage, auf dem ein solches Denken seine erste Möglichkeit erhält.
Vita
Kaveh Nassirin, geboren 1965 in Hamburg, studierte dort seit 1988 Philosophie und betätigte sich zunächst literarisch für den Hunzinger Bühnenverlag. Für das Stück »Warte, warte nur ein Weilchen. Bilder einer Karriere in Deutschland« verlieh ihm die Stadt Hamburg 1990 den Stipendiumspreis für Literatur. Seit 1992 war Nassirin als Reporter tätig und verfasste mehr als 200 Reportagen, unter anderem für Hamburger Abendblatt, Berliner Zeitung, Die Woche, taz, Süddeutsche Zeitung, Spiegel Special und Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2004 zog sich Nassirin aufs Land in Latium, Italien, zurück und widmete sich – nach ›years of upheavel‹ – wieder der Semiotik, der Epistemologe und der Ontologie. Zu Heidegger publizierte er bei Philotheos/ΦΙΛΟΘΕΟΣ, sans phrase und FORVM. Bei ça ira erscheint nun mit Heidegger, Scharlatan und Denker. Eine Innensicht eine phänomenologisch-methodische Umsetzung der Erkenntnisse aus seinen Studien.
Aus dem Inhalt
- Einleitung: Vom interessierten und uninteressierten Zuschauer
- Die Form, die lebend sich entwickelt: Das Prinzip il est dedans
- Vom Verstehen durch Zeit
- Die Umkehr der Freiheit
- Das Sein im Selbst oder Die Sprengung der Ichheit
- Das Wort des Seins
- Sachregister
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