Russell Jacoby

Der tendenzielle Fall der Vernunftrate

Über den Niedergang der Linken und das Ende der Utopie

September 2026, ca. 304 Seiten, ISBN: 978-3-86259-193-0
Aus dem Englischen von Marlene Gallner, Lisa Herbst und Martina Leutloff | Französische Broschur

28,00 

Nicht vorrätig

978-3-86259-193-0 Kategorie:

Beschreibung

»Das Gesetz des tendenziellen Falls der Vernunftrate ist noch schwerer zu fassen als das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate bei Marx. Denn anders als dieses macht es auch vor sich selbst nicht halt und untergräbt so noch die Möglichkeiten seiner eigenen Erkenntnis. Es handelt sich um eine Tendenz, die nur im Voraus erkannt werden kann – dann, wenn sie noch nicht vollständig Wirklichkeit geworden ist.«

Seit den 1970er Jahren schreibt Russell Jacoby mit spitzer Feder gegen die ideologischen Identifikationsangebote der falschen Gesellschaft, die auch Linke in ihren Bann zu ziehen vermögen, sobald sie nur im Gewand von Kritik und Emanzipation oder individueller Selbstverwirklichung daherkommen. Bei seinen Essays handelt es sich um eine Auseinandersetzung mit den Vorläufern der damals noch im Entstehen begriffenen »Identitätspolitik« und der sich abzeichnenden Assimilation der Gesellschaftskritiker an den akademischen Betrieb.

Schon früh bemerkt Jacoby, dass der um sich greifende Subjektivitätskult eine direkte Reaktion auf den gesellschaftlichen Niedergang der Subjektivität darstellt: die Linke kompensiert ihre Unfähigkeit zur Trauer über den Verlust des bürgerlichen Individuums und das Ausbleiben der Revolution ohne weiteres Federlesen durch die Adaption von Individualismus, Pluralismus, Multikulturalismus und »Diversity«. »Die Rede von der revolutionären ›Gegenkultur‹«, so Jacoby, »bleibt so lange das Geschwafel der Kulturindustrie selbst, wie die Linke nicht begreift, dass sie eins mit der vorherrschenden Kultur ist. Was immer der Linken als einzigartige und bahnbrechende rebellische Praxis erscheint, im Establishment ist diese schon gang und gäbe, zumindest in der Avantgarde.«

Am Ende des Projekts radikaler Kritik wartet darum eine Überraschung, die das Ende der Utopie besiegelt: Im selben Maß, in dem die Hoffnungen auf Sozialismus und Revolution verschwinden und das utopische Denken vergeht, definieren auch linke Intellektuelle ihre Rolle neu; sie begreifen sich selbst als das, was sie sind, nämlich als Hochschull­ehrer, Wissenschaftler und »Kulturschaffende«, die sich und ihre »Identität« im »Diskurs« zu vermarkten haben. Indem sie heute den akademischen Betrieb oder ihre (Gegen-) Kultur verteidigen und das eigene Mitmachen so mit höheren Weihen versehen, sind diese Intellektuellen keine Radikalen mehr, sondern Ideologen, Apologeten ihrer selbst, ihrer Institutionen und der falschen Gesellschaft.

Die hier erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Aufsätze präsentieren eine Auswahl von Jacobys wohl pointiertesten Thesen aus über fünf Jahrzehnten.

Vita

Russell Jacoby lehrt an der University of California, Los Angeles (UCLA), vermochte es allerdings nie, zum ordentlichen Professor ernannt zu werden. Geboren 1945 in New York, studierte er an der University of Chicago und der University of Wisconsin-Madison, die 1968 eines der Zentren der amerikanischen Studentenbewegung und der Neuen Linken war. Seine ersten gesellschaftskritischen Texte erschienen Anfang der 1970er Jahre. Seitdem publizierte er eine Vielzahl von Artikeln, Essays und Büchern, zuletzt On Diversity. The Eclipse of the Individual in a Global Era (2020). Über die Einflüsse, die sein Denken geprägt haben, hielt er einmal fest: »Ich glaube, man könnte sagen, dass ich ein entfernter oder distanzierter Schüler der Frankfurter Schule bin. Ich wollte nie nur ein Gefolgsmann oder nur ein Historiker der Frankfurter Schule sein. Vielmehr wollte ich im Geiste der kritischen Theorie schreiben.«

Inhalt

  • Vorwort der Übersetzerinnen
  • Die Politik der Subjektivität. Anmerkungen über Marxismus, die Linke und die bürgerliche Gesellschaft (1971)
  • Der tendenzielle Fall der Vernunftrate (1976)
  • Journalisten, Zyniker und Cheerleader (1993)
  • Was ist konformistischer Marxismus? (1980)
  • Der Mythos des Multikulturalismus (1994)
  • Die Austreibung der Utopie (2005)
  • Nachwort
  • Nachweise

Weitere Bücher

  • Jan Gerber

    Nie wieder Deutschland?

    Die Linke im Zusammenbruch des »realen Sozialismus«

    Herbst 2010, 352 Seiten, ISBN: 978-3-86259-100-8
    32,00 

    »Nie wieder Deutschland!« – Unter diesem Motto mobilisierte die außerparlamentarische Linke im Mai 1990 nahezu strömungsübergreifend auf den Frankfurter Opernplatz,…

  • Emile Marenssin

    Stadtguerilla und soziale Revolution

    Über den bewaffneten Kampf der Roten Armee Fraktion

    1998, 140 Seiten, ISBN: 978-3-924627-55-3
    Aus dem Französischen übersetzt von Gabriela Walterspiel und Joachim Bruhn | Mit einem Vorwort von Joachim Bruhn | 4. durchgesehene Aufl. von 2021
    20,00 

     

     

  • Jörg Finkenberger

    Staat oder Revolution II

    Zur Konstitution der modernen Gesellschaft

    Dezember 2026, ca. 500 Seiten, ISBN: 978-3-86259-198-5
    Französische Broschur
    31,00 

    Die materialistische Untersuchung von Staat und Recht, die im ersten Band von Staat oder Revolution (2015) versucht wurde, ist in…

  • Johannes Agnoli

    1968 und die Folgen

    1998, 288 Seiten, ISBN: 978-3-924627-59-2
    vergriffen
    15,00 

    Nachdem zuletzt die Bände »Subversive Theorie« und »Faschismus ohne Revision« als Bände 3 und 4 der auf acht Bände angelegten…

  • Devi Dumbadze, Christoph Hesse (Hg.) (Hg.)

    Unreglementierte Erfahrung

    2015, 292 Seiten, ISBN: 978-3-86259-110-7
    26,00 

    Es ist, als ob man vergebens aus nächster Nähe zu betrachten suchte, was in weitester Ferne liegt – und dennoch…

  • Magnus Klaue

    Verschenkte Gelegenheiten

    Polemiken, Glossen, Essays

    Februar 2014, 232 Seiten, ISBN: 978-3-86259-118-3
    22,00 

    Je tiefer der Kritiker in der eigenen Bedeutungslosigkeit versinkt, desto stärker wird sein Bedürfnis, sich durch Gesten der Grundsätzlichkeit und…

  • Les mauvais jours finiront

    Das Ende der Gleichgültigkeit

    Über die französische Schüler- und Studentenbewegung des Dezember 1986

    1987, 116 Seiten, ISBN: 978-3-924627-16-9
    Herausgegeben von der Initiative Sozialistisches Forum
    15,00 

    »Die Naivität und die unglaublichen Schwächen, die der Bewegung durchwegs eigen waren, ebenso wie ihre traumwandlerische Leichtigkeit zeigen auf ihre…

  • Joachim Bruhn, Jan Gerber (Hg.) (Hg.)

    Rote Armee Fiktion

    2007, 152 Seiten, ISBN: 978-3-924627-98-3
    22,00 

     

     

  • Jens Benicke

    Von Adorno zu Mao

    Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung

    Frühjahr 2010, 268 Seiten, ISBN: 978-3-924627-83-6
    26,00 

    Die darauf folgende schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung und die Konstitution der mao-stalinistischen K-Gruppen bedeutet dann die endgültige Abkehr eines großen Teils der Protestbewegung von der Kritischen Theorie.