Rezension zu Sohn-Rethels »Ideal des Kaputten«

In der 68. Ausgabe der Zeitschrift Zibaldone. Zeitschrift für italienische Kultur der Gegenwart erschien eine Rezension zu Alfred Sohn-Rethels Erzählband Das Ideal des Kaputten von Thomas Bremer:

»Vor wenigen Jahren ist eine hoch erfolgreiche Studie zur Philosophiegeschichte erschienen, die darstellte (so der Untertitel:), ›wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt‹ (Martin Mittelmeier, Adorno in Neapel, München 2013; vgl. Zibaldone 56/2013, S. 167f.). Dabei ging es um die Bucht von Neapel und die Rolle, die sie (und die Sommeraufenthalte ihrer philosophischen Protagonisten dort in den mittleren 20er Jahren) vor allem bei Adorno, Ernst Bloch und Walter Benjamin einnahm. Ohne näheren Untertitel oder entsprechende Erläuterung (selbst die angehängte Bibliografie wurde nur äußerst spärlich aktualisiert) sind nunmehr im Nachdruck längst vergriffener Kleinausgaben drei einschlägige Feuilletontexte von Alfred Sohn-Rethel aus dieser Zeit erschienen. Der Sozialphilosoph und Wirtschaftstheoretiker aus der Malerfamilie (1899-1990; der Verlag ediert gerade eine erste Werkausgabe) war mit Benjamin und Bloch befreundet und lebte von 1924 bis 1927 im Haus eines Onkels bei Neapel; der Feuilleton-Text ›Das Ideal des Kaputten. Über neapolitanische Technik‹ wurde von Siegfried Kracauer – auch er war in Neapel – 1926 in der Frankfurter Zeitung erstgedruckt. Sprachlich leichtfügig, geht es Sohn-Rethel um die sozialpsychologische Beobachtung, wie in Neapel Dinge, die in ihrer ursprünglichen Bestimmung nicht mehr funktionieren, in veränderten Funktionen eingesetzt werden: ›zu der unfreiwilligen Stiftung solchen Nutzens sind sie vollkommen umgemodelt, zu ihren eigentlichen Zwecken versagen sie konsequent‹. Historisch aufschlussreich ist die Reiseskizze ›Vesuvbesteigung 1926‹; in ›Eine Verkehrsstockung in der Via Chiaia‹, dem dritten der relativ kurzen Texte, schildert Sohn-Rethel die Reaktionen der neapolitanischen städtischen Umwelt, als ein Esel jedwedes Fortkommen blockiert, bis ein Gassenjunge, ein scugnizzo, der noch über bäuerliches Wissen verfügt, plötzlich die Situation löst. Es sind ›Denkbilder‹ im Sinne Benjamins und eine schöne Ergänzung zu den Texten der Älteren aus dem Umkreis der sich formierenden Frankfurter Schule; ein kluges Nachwort situiert sie im historischen Kontext. – TB«