Das Freiburger jour fixe Programm ist online

Das Freiburger jour fixe-Programm für das kommende Sommersemester steht nun fest.

Weitere Informationen zum Programm und Link zu den Onlineveranstaltungen auf unserer Website.

Programm Sommer 2026

Mai

Donnerstag, 21.5.2026
Bildung als unerfülltes Versprechen. Zur Kritik der Kritischen Pädagogik

»Daß Halbbildung aller Aufklärung und verbreiteten Information zum Trotz und mit ihrer Hilfe zur herrschenden Form des gegenwärtigen Bewußtseins wird – eben das erheischt weiter ausgreifende Theorie«, schrieb Theodor W. Adorno 1959 zu Beginn seiner Theorie der Halbbildung. Im Vortrag wird dargestellt, wie diese Notwenigkeit von einer ›Kritischen Erziehungswissenschaft/Pädagogik‹ aufgenommen und zugleich verfehlt wurde. Das systematische Festhalten vieler Vertreter dieser Strömung an der Vorstellung von Pädagogik als ›Theorie einer Praxis‹ mit ungebrochen utopisch-emanzipatorischem Potential führt – zum Zeitpunkt ihrer Entstehung wie heute – dazu, dass Halbbildung nicht nur gesellschaftlich unbewusst reproduziert, sondern durch Pädagogik aktiv hervorgebracht wird.

Es spricht Sebastian Gräber (Trier), der im Bereich Erziehungswissenschaften arbeitet. Er ist Mitherausgeber des 2025 erschienen Sammelbands Halbbildung. Kritische Theorie der Pädagogik. Um 19 Uhr im Büro des ça ira-Verlags, Günterstalstr. 37, im Hinterhof im 1. OG.

Juni

Donnerstag, 18.6.2026
Antisemitismus und die Lust am Wahn

Max Horkheimer hält den Antisemitismus »trotz der ungeheuren Bedeutung wirtschaftlicher und sozialer Tendenzen […] für ein im Wesentlichen psychologisches Phänomen« und betont damit dessen zutiefst irrationalen Charakter. Daran anknüpfend argumentiert der Vortrag, dass der Antisemitismus eine zentrale Funktion im psychischen Haushalt von Antisemiten erfüllt, ihnen einen psychischen Gewinn verschafft, auf den sie keinesfalls verzichten wollen und der sie gegen jede Kritik immunisiert. Dieser psychische Gewinn kann auch so beschaffen sein, dass er sich geradezu lustvoll manifestiert.

Die Berichte über die Lust der Angreifer beim Foltern, Verstümmeln und Morden am 7. Oktober 2023 werfen solche Fragen erneut in dringender Weise auf, insbesondere angesichts der massiven sexuellen Gewaltakte, die an diesem Tag begangen wurden. Erleben die Angreifer dabei eine Form sexueller Lust? Und in welchem konkreten Sinne wird die sexuelle Gewalt durch Antisemitismus stimuliert? Unter Rückgriff auf psychoanalytische Überlegungen versucht der Vortrag die Frage der Lust am antisemitischen Wahn zu ergründen.

Es spricht Thorsten Fuchshuber (Brüssel), Autor von Rackets. Kritische Theorie der Bandenherrschaft (ça ira 2019). Jüngste Veröffentlichungen zum Vortragsthema: Der Genuss am Judenhass: Über den Zusammenhang von Antisemitismus und Narzissmus. In: Stephan Grigat (Hg.): Kritik des Antisemitismus in der Gegenwart. Erscheinungsformen – Theorien – Bekämpfung, 2023; Pogrom und eliminatorischer Antisemitismus: Über sexuelle Gewalt, Lust und Aggression am 7. Oktober. In: sans phrase, Heft 24, Sommer 2024; The Role of Sexual Violence on October 7. In: The ISCA Beinner Family Research Series on Antisemitism, März 2025. Um 20 Uhr im Hörsaal 1009 im KGI der Universität Freiburg.

Juli

Donnerstag, 9.7.2026
Antizionismus statt Staatskritik, Antisemitismus statt Kritik der politischen Ökonomie

Von einigen linksradikalen Gruppen abgesehen, die Ende der 60er Jahre Anschläge auf jüdische Einrichtungen verübten, war der Aufruf zum Mord an Juden nach 1945 vornehmlich der extremen Rechten vorbehalten. Diese Zeiten sind vorbei, neuerdings imaginieren gerade Linksradikale mit Parolen wie »Death, Death to the IDF« und »Kill Zios« lustvoll antisemitische Gewaltfantasien. Der Wandel vom Entsetzen über den nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus hin zum Beklatschen der Massaker des 7. Oktobers und zu Mordfantasien erfolgt mit bestem Gewissen – schließlich wollen die Täterurenkel von heute mit dem Judenmord ihrer Vorfahren nichts zu tun haben. Wie es sein kann, dass sich Gruppen, die sich als staats- und kapitalismuskritisch geben, im antisemitischen Ressentiment beim Volksstaat und mörderischen Antizionismus landen, soll exemplarisch anhand der Schweizer Gruppe Lotta und einigen Freiburger Beispielen gezeigt werden.

Es spricht Torsten Liesegang (Freiburg) vom Bündnis gegen Antisemitismus. Um 19 Uhr im Büro des ça ira-Verlags, Günterstalstr. 37, im Hinterhof im 1. OG.

Donnerstag, 30.7.2026
Über die intellektuelle Quintessenz der gesellschaftlichen Totalität.
Alfred Sohn-Rethels Entdeckung der »geheimen Identität von Warenform und Denkform«

Bekanntlich vollzieht Karl Marx im Kapital nach, dass der Reichtum gezwungen ist in der »Elementarform« der Ware zu erscheinen. Alfred Sohn-Rethel zeigt, dass Marx damit auch rekonstruiert, dass das Ökonomische, um überhaupt das Ökonomische sein zu können, unmittelbar zugleich auch als das Ideologische, als »Denkform« gegeben sein muss: Keine Warenform ohne Denkform. Hinter diese Einsicht Sohn-Rethels kann es für die Ideologiekritik als Subversion der Denkform, die dem mit dem Kapital erreichten Stand der materialistischen Kritik gerecht werden will, kein Zurück mehr geben. Sohn-Rethel denunziert die notorische Hybris des theoretisierenden Subjekts, das in völliger Verkennung der materiellen Basis der herrschenden Realität in genau den Formen dieser Realität denkt. Darin liegt die Warenförmigkeit des Denkens und das Ideologische der Theorie. Weil die Herrschaftstauglichkeit der – nicht zuletzt marxistischen – Intellektuellen nicht ohne Rückversicherungsvertrag mit der Ideologie zu begründen ist, tun sie alles Mögliche, um sich mit Sohn-Rethels ideologiekritische Entdeckung der »geheimen Identität von Warenform und Denkform« nicht näher befassen zu müssen. So war – wie Sohn-Rethel einst prognostizierte – »die Abdankung des Marxismus als Denkstandpunkt eine bloße Frage der Zeit«. Doch entströmt dem Grundgedanken Sohn-Rethels auch nicht jene reinigende Kraft, die Paulus einst dem Gotteswort zusprach und das der Teufel sprichwörtlich scheut wie die Intellektuellen den Materialismus. Daher soll es um jenen Grundgedanken, seine Bedeutung für die Ideologiekritik und dessen Grenzen gehen.

Es spricht Felix Brandner (Wien/Ligurien), Redakteur der Zeitschrift sans phrase und Herausgeber des Briefwechsels zwischen Alfred Sohn-Rethel und Max Horkheimer, der im Herbst 2026 bei ça ira erscheint. Um 19 Uhr im Büro des ça ira-Verlags, Günterstalstr. 37, im Hinterhof im 1. OG.