Psychoanalyse als Erfahrungstheorie

Psychoanalyse als Erfahrungstheorie

Ulrich Enderwitz

Die Erfahrungsmodelle, die um die Jahrhundertwende Sigmund Freud im Zuge der Entwicklung der Psychoanalyse entwirft, sind alles andere als ausgefallen oder gar extravagant. In der Tat scheinen sie ebenso stereotyp und geläufig wie die sie motivierenden und bestimmenden Erfahrungen selbst. Daran festzuhalten, ist umso wichtiger, als die gegenteilige Version, die Lesart nämlich von der Außerordentlichkeit der Objekte der Psychoanalyse und von der dementsprechenden Exklusivität der psychoanalytischen Begriffe eine Lebenskraft beweist, die in all ihrer Blindheit schier unerschöpflich und nur durch das übereinstimmende Interesse, das gleichermaßen apologetischer Freund und kritischer Feind an ihr nehmen, überhaupt erklärlich ist. Angesichts einer solchen Lesart, die jeden mit der Psychoanalyse erhobenen Allgemeinheitsanspruch, wenn überhaupt, so höchstens und nur auf einer universalhistorisch-kulturkritisch überhöhten Meta-Ebene zur Geltung kommen läßt, ist es wichtig, auf der platten Anschaulichkeit und handgreiflichen Evidenz des in Sache und Methode repräsentativen Charakters der Psychoanalyse zu bestehen.

Dabei braucht es nicht eben detektivischen Spürsinn, um zu bemerken, wie wenig tatsächlich die Psychoanalyse – sowohl ihren Interpretationen als auch ihren Gegenständen nach – dazu angetan ist, der allgemeinen Interessenlage und den charakteristischen Problemstellungen des Zeitgeistes zuwiderzulaufen, und wie sehr sie vielmehr dazu tendiert, in den für die Reflexion der Epoche zentralen Zusammenhang lebensphilosophisch-phänomenologischer Theoriebildung sich voll und ganz einzufügen. Bereits auf den ersten Blick muß die nicht allein strukturelle, sondern ebensowohl physiognomische Ähnlichkeit der Erscheinungen, die im Rahmen der vom Alltagsleben über den Traum bis zur Neurose reichenden Psychopathologie Freuds vorherrschen, mit den Phänomenen, die im Umkreis eines vom Kierkegaardschen Begriff des »Augenblicks über die Wiederholungskategorie Bergsons bis zu der Lévi-Straussschen Figur von den “Überresten und Bruchstücken” sich erstreckenden Erfahrungsspektrums thematisch werden, ins Auge fallen. Drei Charakterzüge vor allem sind es, die die für Traum und Neurose spezifische psychopathologische Realitätserfahrung einerseits und die für die lebensphilosophische Tradition eigentümliche phänomenologische Wirklichkeitswahrnehmung andererseits als unmittelbar verwandt erscheinen lassen und in der Tat als auf ein und demselben Objektstamm oder Baum der Erkenntnis gewachsen deutlich machen müssen: nämlich 1) die schockierende Diskontinuität, 2) die verfremdende Dinghaftigkeit und schließlich 3) die zurichtende Wiederholungsträchtigkeit der hier wie dort zu machenden Erfahrungen.

1) Wie der in Traum und Neurose gipfelnden psychopathologischen Wahrnehmung der Patienten Freuds präsentiert sich auch der “beobachtenden Vernunft” eines Kierkegaard, Benjamin oder Cassirer die alltägliche und gewöhnlichste Realität vornehmlich und prototypisch in der Form haltloser Diskontinuität, d. h. in Gestalt einer schlecht unendlichen Reihe ebenso unvermittelter wie unverbundener Widerfahrnisse, von denen jedes einzelne dazu neigt, zum einen mit geradezu traumatisierender Nachdrücklichkeit und Ausschließlichkeit den Wahrnehmenden mit Beschlag zu belegen und zum anderen dann mit nicht minder schockierender Leichtfertigkeit und Widerstandslosigkeit sich durch den jeweils nächsten Eindruck aus dem Felde schlagen und ersatzlos streichen zu lassen. So kursorisch in der Tat und bar jeder – als diskursiver Zusammenhang beschreibbaren – verbindlichen Bestimmtheit erscheint hier wie dort die sich ergebende lose Folge traumatisch überwältigender und spurlos passierender Eindrücke, daß angesichts dessen für Erfahrung im überkommenen Verstand einer auf begriffliche Synthesis wesentlich angelegten Sinneswahrnehmung und zur objektiven Einheitsstiftung konstitutionell verhaltenen Anschauungsform eigentlich gar keine sachliche Grundlage mehr besteht und überhaupt jede Realisierungschance fehlt.

2) Wie in den Erlebnisprotokollen der Freudschen Patienten entspricht auch in den Erfahrungsbeschreibungen eines Bergson, Benjamin oder Cassirer dieser charakteristischen Neigung der erscheinenden Realität zur funktionellen Auflösung und Zerstreuung je schon eine nicht minder eigentümliche Tendenz zur substantiellen Verdinglichung und Erstarrung. Was – seiner formalen Funktion nach – zur unverbundenen Mannigfaltigkeit schockierend flüchtiger “Augenblicke” und flüchtig traumatisierender “Eindrücke” auseinanderspringt und zerfällt, das versteinert – seiner materialen Substanz nach – im Zerfallen unmittelbar und zugleich zum starren Stilleben maskenhaft “toter Bilder” (Cassirer) und kristallinisch “toter Materie” (Bergson). Nicht anders als Freuds Patienten registrieren die Phänomenologen und lebensphilosophischen Theoriebildner des 19. und 20. Jahrhunderts diesen Prozeß der Verdinglichung und Entfremdung, dem die schockierend isolierten Momente einer zur Diskontinuität sich zersetzenden Wirklichkeit mit ebenso tödlicher wie zwanghafter Unaufhaltsamkeit erliegen.

3) Genau wie die erstere formiert und reorganisiert sich schließlich auch den letzteren die dergestalt ebensosehr durch momentane Zusammenhanglosigkeit wie durch abstrakte Dinghaftigkeit heimgesuchte Realität zu den im Doppelsinn fixen Anordnungen einer Wiederholungsstruktur. Was – seiner formalen Funktion nach – zu einem jede Erfahrungskontinuität vereitelnden Ensemble fehlleistungshaft monadischer Momentaufnahmen auseinanderzufallen bestimmt ist und was – seiner materialen Substanz nach – zu einem den Erfahrungsverlust besiegelnden Agglomerat regressiv autistischer Einzelobjekte sich niederzuschlagen geneigt scheint, das beweist nun aber auch – seiner kategorialen Struktur nach – hier wie dort die Tendenz, zu einem das verlorene Erfahrungskontinuum ersatzweise vertretenden Arrangement fixiert stereotyper Wiederholungsfiguren sich bereitzufinden und aus dissoziativ und verdinglicht eigenen Stücken neu zu assoziieren. Zwar löst sich den Erfahrungstheoretikern des 19. und 20. Jahrhunderts ebenso wie den Patienten Freuds die erscheinende Realität nur allzu unwiderruflich in die jeder diskursiven Mitteilsamkeit und aller aufhebbaren Erfahrungshaltigkeit spottende, verhältnislose Konkursmasse schockierend momentaner und abstrakt bildlicher Sensationen auf. Aber so gewiß ihnen dies widerfährt, so gewiß tritt nun für die einen wie für die anderen an die Stelle des mitsamt seiner Einheitsstiftungsfunktion in den Konkurs getriebenen diskursiven Erfahrungszusammenhangs nicht etwa einfach nichts, sondern vielmehr die – sei’s bloß als Surrogat, sei’s gar als Substitut für den aufgelösten Zusammenhang unübersehbare – überraschend neue und dauerhafte Verbindung jenes Aggregatszustands, der von den idiomatischen Figuren einer nachbarschaftlich-assoziativen Zwangsläufigkeit, statt von den kategorialen Prinzipien gesellschaftlich-konstruktiver Notwendigkeit beherrscht wird und mit dem die synthetische Einheit empirischer Objektivität der syntaktischen Stereotypie einer habituellen Wiederholung weicht.

Daß die so durch die unheilige Dreieinigkeit von fehlleistungshafter Diskontinuität, regressionsmäßiger Verdinglichung und wiederholungsträchtiger Stereotypie gestiftete und in Szene gesetzte, neue Realität der phänomenologischen Theorie ebenso wie der psychopathologischen Wahrnehmung nun aber natürlich auch ihr für beide gleichermaßen evidentes und verbindliches Gegenstück in einer entsprechend spezifizierten und komplementär veränderten Subjektivität haben muß, hält nicht schwer vorauszusagen. Und in der Tat finden die skizzierten Physiognomika, die auf der Seite der als Objekt firmierenden äußeren Realität nunmehr die prägenden sind, ihre nur allzu exakte Entsprechung in Charakteristika, die nach der Einschätzung eines Bergson oder Cassirer genauso gut wie nach dem Urteil Freuds auf der Subjektseite als die bestimmenden in den Vordergrund treten. So etwa korrespondiert erstens in unvermittelter Zuordnung dem fehlleistungshaft schockierenden Eindruck, den die erscheinende Realität auf das wahrnehmende Subjekt macht, ein Verlangen nach durch und durch bedeutungsvollem Ausdruck, mit dem die Subjektivität der solcherart wahrgenommenen Wirklichkeit auf den Leib rückt. So trifft zweitens die Neigung zur regressionsmäßig isolierenden Verdinglichung, die die diskontinuierlichen Objekte dieser Realität an den Tag legen, mit einer Tendenz zum sinnenfällig triebhaften Fetischismus zusammen, die das Subjekt angesichts einer solchen Objektivität hervorkehrt. Und so hat schließlich drittens die Befähigung zur wiederholungsträchtig stereotypisierenden Assoziation, die die Konkursmasse dieser von Diskontinuität und Verdinglichung heimgesuchten Realität beweist, ihr direktes Pendant in der Bereitschaft zur detailliert gewohnheitsmäßigen Fixierung, mit der das Subjekt auf die dergestalt assoziierten Stereotypen reagiert. Ein pathetisch vorgetragenes Bedürfnis, die ganze erscheinende Realität als höchstpersönliches Ausdrucksorgan in Besitz zu nehmen und mit “geistigem Bedeutungsgehalt” (Cassirer) zu erfüllen; ein unwiderstehlich sich durchsetzender Drang, das derart mit “Energie des Geistes” (ders.) aufgeladene Ausdrucksorgan in die Länge und Breite der Vereinzelung und Partikularität seines sinnlich-leibhaftigen Daseins als ein Bedeutendes anzuerkennen und buchstäblich ernst zu nehmen; zuletzt eine routiniert zur Geltung gebrachte Gewohnheit, das so im ganzen Umfange seines partikular leibhaftigen Daseins für bare Münze genommene und für signifikant erklärte Ausdrucksorgan in eben der akzidentiell ursprünglichen Konstellation, in der es zuerst sich festschreibt, als das authentische anzunehmen und mit unverbrüchlicher Lust sich immer aufs neue reproduzieren zu sehen: dies sind die drei charakterologischen Hauptmerkmale, durch die die veränderte Subjektivität sich definiert und dank deren sie in der Tat in bester Übereinstimmung – um nicht zu sagen: prästabilierter Harmonie – mit der veränderten Realität sich befindet.

Was Wunder, daß unter diesen einschneidend neuen und extrem anderen Ausgangsbedingungen der Erfahrungsprozeß als solcher seine bis dahin erprobte und traditionell bewährte Fasson verliert und als ein gleichermaßen in seinen konstitutiven Momenten und in seinem prozessualen Begriff radikal alteriertes Verhältnis sich darstellt? Auf der einen Seite, der des Erfahrungssubjekts, zeigt sich das bis dato geltende Konzept eines Erfahrung motivierenden, zweckbestimmt initiativen Erkenntnisinteresses durch die nunmehr herrschende Idee eines wesentlich und primär als Selbsterfahrungsmotiv sich erweisenden, bedeutungsschwanger initiierenden Entdeckungstriebs ersetzt. Auf der anderen Seite, der des Objekts der Erfahrung, verschwindet die gewohnte Vorstellung von der Realität als einem Zusammenhang von Erscheinungen, die eindeutig phänomenale Bestimmung haben, ein als der Verstand ihres Daseins sie durchwaltendes funktionelles Gesetz mit exemplarisch verkörperter Konstruktivität zu repräsentieren und darzustellen. Jene überkommene Vorstellung weicht einer neuartigen Imagination der Wirklichkeit als einer Welt von Symbolen, deren phänomenologisch ambivalentes Schicksal es ist, ein als energetisches Zentrum eingefleischtes spirituelles Geheimnis in sinnenfällig leibhaftiger Unmittelbarkeit zugleich zu monstrieren und zu verbergen. Unschwer verständlich, wenn dann auch der diese beiden Seiten ins Verhältnis setzende und als Momente ein und desselben prozessualen Ganzen vereinnahmende Erfahrungsbegriff selbst eine vergleichbar radikale und umstürzlerische Metamorphose durchmacht! An die Stelle des bis dahin verbindlichen empiriologischen Begriffs einer in der dialektischen Gleichzeitigkeit von zielstrebiger Voreingenommenheit und sachwalterischer Aktivität sich entfaltenden, diskursiven Erfahrung tritt das jetzt plötzlich respektheischende gnoseologische Projekt eines im paradoxen Zugleich von triebhafter Spontaneität und objekthöriger Passivität sich er eignenden, intuitiven Erlebens.

Behaupten zu wollen, daß die lebensphilosophisch-phänomenologischen Erfahrungstheoretiker des 19. und 20. Jahrhunderts jener von ihnen registrierten und in den Hauptzügen namhaft gemachten, radikalen Veränderung und grundlegenden Neuformierung des traditionellen Erfahrungszusammenhangs kritiklos oder gar mit der Attitüde rückhaltloser Zustimmung begegneten, hätte angesichts des für sie alle charakteristischen Bemühens, der Diagnose stehenden Fußes eine Therapie folgen und nämlich der diagnostizierten veränderten Empirie quasi im bedingten Reflex das mit durchaus therapeutischem Pathos sich präsentierende Konzept einer wesentlich anderen und alternativen Erfahrung gegenübertreten zu lassen, augenscheinlich wenig Sinn. Wohl aber und mit Sinn läßt sich behaupten, daß diese – für sämtliche Theorien der Gruppe konstitutive – Bereitschaft, jene zur Kenntnis genommene alterierte Empirie sofort in Richtung auf eine ausgemacht alternative Erfahrung, wo nicht substantiell zu durchdringen, so jedenfalls essentiell zu durchschauen, gebunden bleibt an eine materialiter grundlegende Affirmation eben jener alterierten Empirie in der Rolle gleichermaßen einer verbindlichen Grundlage und eines richtungweisenden Ausgangspunkt der sie formaliter transzendierenden Bewegung. So sehr in der Tat zeigen sich hierbei konstitutionelle Bereitschaft zur radikalen Kritik und dispositionelle Nötigung zur fundamentalen Affirmation miteinander verquickt, daß die Frucht dieser affirmativen Kritik oder kritischen Affirmation, eben die als Therapeutikum vorgeschlagene alternative Erfahrung nämlich, den ihr von sämtlichen Theorien zugebilligten Glorienschein unvermittelter Andersartigkeit und rahmensprengender Transzendenz bei näherem Zusehen gleich wieder einbüßt und mit Rücksicht auf jene alterierte Empirie, zu der sie als Alternative sich aufführt, eher wohl den Charakter einer extensiven Auslegung und immanenten “Konsequenzzieherei” verrät, als etwa die Funktion einer bestimmten Negation oder gar absoluten Negativität erfüllt.

Dabei kann die konkret-strukturelle Verbindlichkeit, die jener alterierten Empirie der ihr von sämtlichen Theorien offenbar eingeräumte Status einer universal herrschenden und transzendental verpflichtenden Erfahrungsweise auch und gerade in Ansehung der von sämtlichen Theorien gleichzeitig lauthals propagierten und in abstrakt-funktioneller Transzendenz wahrgenommenen erfahrungstheoretischen Alternativen verschafft, ganz verschiedene Formen annehmen und auf wenigstens dreifache Art sich zur Geltung bringen. So kann jene alterierte Empirie für eine im Verhältnis zu.ihr vorgeblich prinzipiell alternative Erfahrung in dem Sinne Verbindlichkeit haben, daß letztere ihr Bestehen bloß einer Aufspaltung und Absonderung von Charakterzügen verdankt, auf die zur ungeteilten und ungeschmälerten Gänze Anspruch zu erheben, erstere an sich das denkbar beste Recht hat. Das ist z. B. bei Bergson der Fall, bei dem die Gegenüberstellung zweier – nicht allein dem “Grade”, sondern dem “Wesen” nach verschiedener – Erfahrungsmodi nur dadurch zustande kommt, daß die gewöhnliche alterierte Empirie, so wie sie der phänomenologisch-lebensphilosophischen Betrachtung sich darbietet, um den Preis ihrer Reduktion auf nichts als wiederholungsträchtig tote Dinghaftigkeit und fetischistische Fixierung des ihr gleichfalls eigentümlichen, komplementären Charakterzugs augenblickshaft schockierender Eindrücklichkeit und expressiver Triebhaftigkeit beraubt und dieser nun zum Kernstück und Grundstock einer um den “élan vital” und die “Intuition” zentrierten, schlechterdings anderen und aparten Erfahrung erklärt wird. Oder es kann jene alterierte Empirie für die ihr gegenübergestellte alternative Erfahrung dergestalt verbindlich bleiben, daß letztere sich als das einfache Resul tat eines die erstere heimsuchenden unendlichen Sublimierungs- resp. Formalisierungsprozesses zu verstehen gibt. Das geschieht etwa bei Cassirer, bei dem der fast schon als solcher aufgelöste und durch das umständliche Programm teils einer historischen Abfolge von Stufen der Erfahrung, teils einer sphärischen Schichtung von Erfahrungssystemen ersetzte Übergang von der einen, alterierten zur anderen, alternativen Erfahrung in nichts sonst als einerseits der formalisierenden Transformation des das Objekt der Erfahrung bildenden eindrucksvollen Wahrnehmungsmaterials in kulturell gesetzte Zeichen und andererseits der sublimierenden Transfiguration der das Subjekt der Erfahrung darstellenden ausdrucksvollen “Energie des Geistes” aus krud triebhaftem in rein geistigen “Bedeutungsgehalt” besteht. Schließlich und nicht zuletzt kann jene gewöhnliche alterierte Empirie für die ihr abstrakt-funktionell als Alternative entgegengehaltene besondere Erfahrung eine konkret-strukturelle Verbindlichkeit derart behaupten, daß die für letztere in Anspruch genommenen charakteristischen Merkmale sich bei näherem Zusehen oder auch unverhohlen als das Ergebnis einer bloßen reformulierenden Zuspitzung oder extremisierenden Neufassung von Eigenschaften zu erkennen geben, die die erstere auszeichnen. Das gilt beispielsweise für Kierkegaard, dessen theologisch formuliertes Rezept einer alternativen Erfahrung eigentlich nur einer spekulativen Substitution sich verdankt, durch die an die Stelle der gewöhnlichen Erfahrung einer unaufhörlichen Wiederholung der vielen, schockierend homologen Momente der Wirklichkeit das außergewöhnliche Erlebnis einer unaufhaltsamen Wiederholung des einen, christologisch traumatisierenden Augenblicks der Wahrheit tritt. Und es gilt auch und ebensowohl für Benjamin, dessen als der Begriff einer alternativen Erfahrung sich aufdrängende Idee eines festlich gesammelten und auratisch inspirierten, eingedenkenden Gewahrwerdens von nichts sonst als von einer auf kollektive Verbindlichkeit und kultische Totalität zielenden Verklärung eben der durch Schock und Verdinglichung geprägten Wahrnehmungen lebt, die sie zu transzendieren behauptet und denen gegenüber sie sich als förmliches Heilsversprechen aufspielt. Ob als Bergsonsches Spaltprodukt, ob als Cassirersch sublime Reproduktion, ob als “spontanes Nachbild” à la Kierkegaard oder Benjamin: so oder so hält sich jedenfalls diese von sämtlichen existenz- und lebensphilosophisch phänomenologischen Theorien mit therapeutisch tödlichem Ernst bemühte alternative Erfahrung immanentistisch strikt und unentrinnbar gebannt in den Grenzen ausgerechnet der als die herrschende diagnostizierten alterierten Empirie, gegen deren Alleinvertretungsanspruch sie zugleich doch aufgeboten wird und deren totalitären Zwangsrahmen zu durchbrechen und aufzusprengen, ihre beschwörerisch genug erklärte Aufgabe sein soll.

Benjamin ist es, der in seinem Aufsatz “Über einige Motive bei Baudelaire” den Versuch unternommen hat, dieser – wie von der ganzen lebensphilosophisch-phänomenologischen Reflexion, so auch von ihm – als die herrschende wahrgenommenen und in ihren Hauptzügen namhaft gemachten alterierten Empirie den spezifischen gesellschaftlichen Hintergrund und die allgemeinen historischen Bedingungen nachzuweisen. Historisch gesehen, ist es die “Epoche der großen Industrie”, die Benjamin für diese als “unwirtlich” und “blendend” von ihm gekennzeichnete alterierte Empirie verantwortlich machen will; topisch betrachtet, ist es die zum Phänomen “großstädtischer Massen” sich entfaltende “Großstadtmenge”, die er ihr als ihren eigentümlichen Nährboden und prägenden Gegenstand unterstellt. In den anfangs noch als “amorphe Menge der Passanten” halbwegs nüchtern charakterisierten und dann aber schließlich zur vielversprechenden Umfänglichkeit einer “Masse als solcher” mythologisierten “großstädtischen Masse” der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sich konstituierenden hochindustrialisierten Gesellschaften meint Benjamin das realhistorische corpus mysticum ausmachen zu können, angesichts dessen Erfahrung ihre traditionelle Fasson verliert und unter dessen Eindruck sie bis in den strukturellen Kern hinein sich alteriert und neu bestimmt. Dies durch die paradoxe Gleichzeitigkeit von barbarischer “Wildheit” und militärischer “Disziplin” definierte Massenphänomen soll es sein, das die für alle moderne Wahrnehmung grundlegenden beiden Realitätsbestimmungen schockierend unwiderstehlicher Diskontinuität einerseits und erdrückend undurchdringlicher Verdinglichung andererseits in paradigmatischer Objektivität zum Vorschein bringt und das damit zum Ausgangspunkt und zum Anstoß jenes generellen Reiz-Reaktions-Mechanismus wird, von dessen – das traditionelle Subjekt der Erfahrung zugrunde richtenden und einer völlig anderen Disposition überführenden – charakteristischen Konsequenzen bereits die Rede war und als dessen gewissermaßen metaphysische Wahrheit die Umwandlung des aufgeklärten Werktags fortschrittsgläubig planmäßigen Erfahrens in den illuminierten Alltag wiederholungsträchtig ereignishaften Erlebens sich erweist. Am Paradigma des die zweifelhafte Karriere des “Flaneurs” des 19. Jahrhunderts beschließenden “Manns der Menge”, in dem er das Realsubstrat des durch Baudelaire repräsentierten “Manns der Feder” gewahrt und den er in gleichermaßen physiognomischen und funktionellen Zusammenhang mit den beiden Charakteren des “Fechters” und des “Spielers” bringt, sucht Benjamin jenen durch ebenso momentane wie repetitive Reizüberflutung von seiten des Objekts und durch ebenso blinde wie fixe Schockabwehr auf seiten des Subjekts definierten apperzeptionellen Zwangsrahmen zu rekonstruieren, der in praxi die Form und Gestalt eines unendlichen Wechselspiels zwischen schematisch gegebenen Auslösern und triebhaft bedingten Reflexen annimmt und der theoretisch Anspruch auf die Bedeutung und Würde eines schlechthin für alle moderne Erfahrung verbindlichen empirischen Fundamentalverhältnisses erhebt.

Wie um solchen Anspruch auf universale Verbindlichkeit zu untermauern, beschließt Benjamin seine der Herausarbeitung dieses neuen empirischen Grundverhältnisses dienenden Charakterskizzen moderner Subjektivität mit einem kurzgefaßten Porträt des “Arbeiters am Fließband” und also mit einem Charakterbild aus einer von der Sphäre jener großstädtisch massenhaften Öffentlichkeit, in der er die prototypische Wirklichkeit aller zeitgenössisch alterierten Empirie erkennt, gänzlich verschiedenen und tatsächlich strikt abgesonderten Bereich, dem “privaten” Bereich nämlich der fabrikmäßig organisierten, industriellen Arbeit. Wie bedeutend indes auch immer der Zuwachs an Geltung und Verbindlichkeit sein mag, den dem diagnostizierten empirischen Grundverhältnis moderner Erfahrung der abschließende charakterologische Gewaltstreich einer Ausdehnung und Übertragung des solchem Grundverhältnis entsprechenden Subjektbegriffs auf die Figur auch und sogar des “Arbeiters am Fließband” verschafft -: Über das düpierend Sprunghafte und zutiefst Fragwürdige dieser Übertragung kann und darf kein noch so großer Gewinn hinwegtäuschen. Denn nicht nur beinhaltet ja dieser Schluß vom “Mann der Menge” auf den Fließband-Arbeiter einen Wechsel der gesellschaftlichen Sphäre, der von der Straße direkten Wegs in die Fabrik führt; er impliziert darüber hinaus auch und mehr noch einen veritablen Wechsel des realen Objekts, wobei – mit offenbar unverändert gleichen Konsequenzen für das Erfahrungssubjekt – an die Stelle der in aller Öffentlichkeit ihre schockierenden Reize entfaltenden personalen Großstadtmasse die in aller Abgeschlossenheit ihrer gewohnheitsmäßigen Bedienung harrende automatisierte Produktionsmaschinerie tritt. Dieser Objektwechsel stellt – zumal angesichts der Unbedenklichkeit und Unreflektiertheit, mit der ihn Benjamin vollzieht! – in der Tat ein so krasses Vorgehen und auffälliges Verhalten dar, daß es legitim und nötig scheint, ihn entweder als u nsinnigen Fehlgriff zu verwerfen oder aber als symptomatischen Fehltritt ernst zu nehmen. D. h. entweder bedeutet dieser Objektwechsel ein ebenso unmotiviertes wie unvermitteltes Herausspringen aus dem bis dahin verbindlichen objektiven Kontext, oder aber er wird zum Motiv und Vermittlungspunkt einer kritischen Neueinschätzung jenes bis dahin verbindlichen objektiven Kontextes.Was, als symptomatischer Reflexionspunkt akzeptiert, der mit dem Übergang vom “Mann der Menge” zum Arbeiter am Fließband vollzogene vermeintliche Objektwechsel von der personalen Großstadtmasse zur sächlichen Produktionsmaschinerie revidierend anzunehmen zwingt, ist dies, daß es mit der personalen Verfassung des für den “Mann der Menge” geltend gemachten großstädtisch massenhaften Ambiente am Ende nicht gar so weit her sei. Um jenen als disparater Sprung in der Gattung andernfalls drohenden Objektwechsel zu vermeiden und in die Verhältnismäßigkeit eines Durchgangs durch vergleichbare gesellschaftliche Sphären zurückzubringen, bleibt gar nichts anderes übrig als zu vermuten, daß das, was Benjamin in der besonderen Figur großstädtisch massenhaften Verkehrs und reizüberflutet reflexhafter Kommunikation als die paradigmatische Realität moderner Erfahrung beschwört, tatsächlich wohl nur eine biologistisch überhöhte Allegorie oder ethologisch überspannte Personifizierung einer umfassenderen, politisch-ökonomischen Realität ist. Nämlich der Realität, die ihr ebenso handgreifliches wie problematisches Bestehen der Intervention einer komplementär zur Entwicklung des Produktionsbereichs zunehmend sich entfaltenden und, wie mehr und mehr die wirkliche Produktion aus dem Gesichtskreis der Öffentlichkeit verdrängenden, so denn auch zunehmend die Produkte gesellschaftlicher Arbeit als ihr unmittelbar eigenes Werk reklamierenden und setzenden, totalisierten Austauschbewegung oder universalisierten Zirkulation verdankt; die in einem von Marx selber noch gar nicht absehbaren Ausmaß und Sinn dazu führt, daß der “Reichtum” unserer Gesellschaften und, insofern unsere Gesellschaften sich in diesem ihrem “Reichtum” vorzugsweise repräsentiert finden, auch die letzteren selbst als eine “ungeheure Warensammlung” erscheinen; und die mit der Aufdringlichkeit ihrer unvermittelten Massiertheit und anschaulichen Evidenz unseren in der “Epoche der großen Industrie” heimischen Gesellschaften als deren ebenso spezifische wie hauptsächliche Wirklichkeit sich suggeriert. Demnach wäre denn also davon auszugehen, daß der harte und prosaische Kern der von Benjamin als zentrale Reizquelle beschworenen “Masse Mensch” die von der Zirkulation einer planlos fruchtbaren Produktion abgenommene und in die planvoll wechselnden Arrangements eines als Strategie der Wertrealisierung wirksamen, systematischen Absatzes überführte, allgegenwärtige Menge der Waren ist; daß hinter dem das ganze Sensorium schockierenden, Benjaminschen Straßengewühl der alle Sinne mit Beschlag belegende Super-Markt sich verbirgt; und daß, kurz, die die äußerste persönliche Aufmerksamkeit provozierende großstädtische Massengesellschaft Benjamins als ein Pseudonym für jene, alles nur denkbare private Interesse reklamierende großindustrielle Warengesellschaft der hoch- und spätbürgerlichen Epoche gelten kann, die eine den unbedingten Primat der Wertrealisierungsrücksicht zu verschleiern geneigte und deshalb den zirkulativen Schein für die bare Münze des erscheinenden Genusses ausgebende einverständige Interpretation als “Konsumgesellschaft” apostrophiert.

Wenn dergestalt aber die vom großstädtischen Verkehr schockweise in Bewegung gesetzten und dem “Mann der Menge” zum unaufhörlich letzten Gefecht entgegengeworfenen Menschenmassen Benjamins als ein bloßes Sinnbild für die von der großindustriellen Zirkulation reizvoll arrangierten und dem Käufer zum stets wieder reißenden Absatz vorgeführten Warenmengen gelten müssen, so hat das natürlich Konsequenzen für den auf eben jenes Sinnbild als auf seine fundamentale Realität sich berufenden Benjaminschen Erfahrungsbegriff. Von der Ware und der durch sie repräsentierten Wertform wissen wir spätestens seit der Marxschen Analyse, daß sie nicht erst ihrer praktisch-ästhetischen Verkörperung, sondern bereits ihrer politisch-ökonomischen Konstitution nach wesentlich das Ergebnis der systematischen Herstellung falscher Unmittelbarkeit und das Produkt nämlich einer zielstrebig organisierten Verschleierung ihrer eigenen Entstehungsbedingungen oder produktiven Voraussetzungen ist. Zwar ist diese, für die Wertform der Ware konstitutive Verschleierungs- und Unterdrückungsleistung an sich nur und primär auf die im Mißkredit eines Ausbeutungs- und Entfremdungsverhältnisses stehende gesellschaftliche Form jener Entstehungsbedingungen gerichtet. Aber sowenig die gesellschaftliche Form der Entstehung der Ware sich von den inhaltlichen Bestimmungen ihrer Hervorbringung, ihrem konkreten Produktionsprozeß, absondern und gesondert dingfest machen läßt, so sehr sind die konkreten Funktionen des Arbeitsprozesses von solcher Verschleierung der gesellschaftlichen Form der Entstehungsbedingungen immer schon notwendig und zur Gänze mitbetroffen. An dieser Verschleierungs- und Unterdrückungsfunktion, die mit dem Resultat einer als falsche Unmittelbarkeit präsenten permanenten Scheinerzeugung die Ware rücksichtlich ihres eigenen Werdens konstitutionell wahrnimmt und professionell ausübt, ändert auch jene im Benjaminschen “Massen”-Begriff registrierte qualitative Ausweitung des Warenverhältnisses nichts, die einer in eskalierenden Zyklen blinden Entfaltung der Produktivkräfte sich verdankt und durch die der Zirkulationssphäre wie einerseits die Bedeutung eines mit Prokura versehenen Organisators und eigenmächtigen Impresarios der zum Problem des Warenabsatzes verselbständigten Wertrealisierung, so andererseits die quasi “produktive” Rolle der Provokation warenspezifisch neuer Bedürfnisse und der Schaffung einer in den Waren höchstens und nur noch das Rohmaterial für ihre vernichtende Arbeit erblickenden “industrialisierten” Konsumtion zufällt. Zwar löst sich unter diesen neuen Umständen der abstrakte Schleier strenger Unmittelbarkeit und asketischer Gediegenheit, in den die Wertform die eben dadurch als Waren ausgezeichneten Arbeitsprodukte hüllt, nur zu rasch und nachdrücklich in den supranaturalen Scheinleib ausgelassenster Fleischesfülle und ostentativster Sinnenfälligkeit auf. Aber so gewiß dieser Scheinleib nichts anderes ist als eine Epiphanie der ihren Appell an den substantiellen Verstand zu einer Reklamation der akzidentiellen Sinne totalisierenden und also auch und sogar noch die Naturaleigenschaften des Produkts in dienstbare Symbole der einen durchgängigen, zirkulativen Wertrealisierungsrücksicht transformierenden Wertform selber, so gewiß ist er von einer Wiedergutmachung dessen, was in ihrer falschen Unmittelbarkeit die Ware zugrunde richtet, weit entfernt und ist der wertbewußt blaue Dunst sinnenfällig faszinierender Reize, der ihn als seine Aura umgibt, stets nur eine das Unterdrückungsverhältnis in die Potenz erhebende Verschleierung der Verschleierung.

Daß ein Erfahrungsbegriff, der sich auf ein solcherart potenziertes Verschleierungsverhältnis als auf seine fundamentale und maßgebende Realität stützt, nolens volens der Begriff einer konstitutionell beeinträchtigten und intentional reduzierten Erfahrung sein muß, liegt auf der Hand. In genau dem Maß, wie die von einer “produktiven” Zirkulation zur unausweichlichen Breitwandperspektive des Super-Markts ausgeweitete und totalisierte “ungeheure Warensammlung”, für die die Benjaminsche “Masse als solche” sinnbildlich einsteht, einerseits dazu bestimmt ist, nicht bloß über ihre eigenen Entstehungsbedingungen hinwegzutäuschen, sondern mehr noch dieses ihr Täuschungsmanöver durch eine ausgefeilte Technik der sinnverwirrend starken Reize zu vertuschen, so gewiß ist sie andererseits dazu angetan, jede an sie als an die paradigmatische Realität sich haltende Erf ahrung hinters Licht zu führen und in der Rolle der um das, was zu erfahren überhaupt nur sich lohnte, systematisch Geprellten sich wiederfinden zu lassen. Was diese allgegenwärtig zirkulative Realität der durch sie von Grund auf alterierten Empirie zusammen mit ihrem Entstehungsprozeß vorenthält und verschlägt, ist eben die Perspektive eines konstruktiv-aktiven Engagements, die – im Bewußtsein des historischen Mißverhältnisses von Genese und Geltung und im Interesse der Überführung und Aufhebung zwanghaften Generierens in freies Gelten – die theoretische Erkenntnis oder prospektive Realisierung der Dinge von einer praktischen Bewältigung oder projektiven Bestimmung ihrer Bedingungen abhängig macht und die deshalb Empirie als modellhaft repräsentiert durchs Experiment oder Erfahrung als schlankweg synonym mit dem Machen von Erfahrung begreift. Und was diese Realität der durch sie alterierten Empirie stattdessen beschert und aufdrängt, ist jene in der Unform assoziativ-passiver Faszination organisierte Erfahrungslosigkeit, mit der die letztere auf die von ersterer als systematische Schocktherapie eingeführte Technik der starken Reize reagiert und die ihren empiriologisch zureichenden Grund darin hat, daß jeder Eindruck und Reiz, den in ihrer falschen Unmittelbarkeit die erstere der letzteren vermittelt, im Widerspruch zu seiner formaliter informativen Qualität materialiter immer und zugleich die Funktion einer im Blick auf andere und wesentlichere Mitteilungen gezielten Obstruktion und veritablen Nachrichtensperre erfüllt.

Es ist dieser Makel einer als effektive Fehlleistung historisch bestimmten, weil ebenso zielstrebig verschuldeten wie dynamisch erzeugten Erfahrungslosigkeit, von dem die Benjaminsche Allegorisierung der zirkulativen Warenmenge zur großstädtischen Menschenmasse die unter dem Eindruck jener “ungeheuren Warensammlung” von Grund auf alterierte Empirie zu befreien verspricht. Was die biologisierend-personalisierende Versinnbildlichung des zirkulativen Großmarkts durch den großstädtischen Verkehr und der “ungeheuren Warensammlung” durch die menschliche “Masse als solche” ermöglicht, ist die Wahrnehmung der jener alterierten Empirie zugrunde liegenden Realität in einer Figur und Gestalt, in der sie aufhört das zu falscher Unmittelbarkeit erstarrte Resultat eines konstitutionell oder dynamisch-funktionell auf die Verschleierung seiner eigenen Entstehungsbedingungen gerichteten Entstellungsprozesses und gegründeten Schwindelunternehmens zu sein und sich stattdessen dazu bequemt, als das aus seinem historischen Werden quasi natürlich hervorgegangene Datum eines dispositionell oder umständehalber-strukturell deformierten Daseins und exaltierten Bestands zu erscheinen. D. h. die Benjaminsche Versinnbildlichung, die das politisch-ökonomische Faktum des gesellschaftlichen Reichtums an Waren in das bevölkerungspolitisch-ökologische Phänomen großstädtischer Massen von Menschen verzaubert, verwandelt damit jene, für alle moderne Erfahrung grundlegende Realität aus einer nichts geringeres als die Dissimulation ihres eigenen Inhalts und Wesens betreibenden, privativ-partikularen Oberfläche und Maske in ein höchstens und nur die Darstellung seiner selbst als natürlicher Mangelerscheinung im Schilde führendes, imperfekt-komplettes corpus und Sein. Und wie sie denn aber einerseits jene für die alterierte Empirie der Moderne maßgebende Realität vom Verdacht eines auf Kosten und à fond perdu des Allgemeinen subsistierenden Besonderen befreit und in der Stellung einer, wie sehr auch immer in Partikularitäten sich verlierenden, ursprünglichen Totalität rehabilitiert, so befreit sie damit nun auch nolens volens andererseits die auf eben jene Realität bauende alterierte Empirie selbst vom Makel einer – durch ihr eigenes Fundament und Objekt verratenen und in die Irre planer Erfahrungslosigkeit geführten – fehlleistungshaften Existenz, um ihr stattdessen den Kredit eines – wenn schon durch die Mängel ihres Fundaments und Objekts als defizienter Modus dessen, was sie darzustellen imstande wäre, verhaltenen – unzweideutigen Bestehens einzuräumen. Indem die Benjaminsche Versinnbildlichung es gestattet, von jener die alterierte Empirie beherrschenden Realität das “Blendende” abstrakt von dem, wogegen es blind macht, oder den Schein abgehoben von dem, was er zudeckt, ins Auge zu fassen und wahrzunehmen, konsolidiert sie zugleich die alterierte Empirie selbst in der Position und Geltung eines wenn schon nicht de jure gegründeten, so jedenfalls doch de facto gesicherten Erkenntnisverfahrens und erlaubt sie ihr nämlich, wenn schon nicht frei von Sorge über Inkonsistenz und Verwirrung, so immerhin doch frei von Furcht vor Betrug und Irreführung ihren, wie immer auch durch den Schematismus eines methodisch repulsiven Reagierens auf schockhaft aggressive Objektreize determinierten Recherchen nachzugehen.

Daß dieser, durch die Extreme eines objektiv schockierenden Treibens und einer subjektiv triebhaften Schockabwehr definierte Schematismus, in dessen Zwangsrahmen sich der gesamte moderne Erfahrungsprozeß arretiert findet, ebensosehr die ihm zugrunde liegende Realität in Verruf bringen, wie dem in ihm befangenen Erfahrungsprozeß selbst zum Schaden gereichen muß, steht auch für Benjamin, nicht anders als für seine lebensphilosophisch-phänomenologischen Kollegen, außer Frage. Auch für Benjamin ist die per Versinnbildlichung erwirkte Totalisierung und Stabilisierung jener die alterierte Empirie beherrschenden Realität, die es der ersteren ermöglicht, den Makel einer der Tücke des Objekts erliegenden nachrichtendienstlichen Fehlhandlung loszuwerden, mitnichten gleichbedeutend mit einer förmlichen Rehabilitierung und Sanktionierung eben jener Realität, die es der Empirie nun gleich auch erlaubte, das sie zu defizienter Modalität degradierende Ungenügen ihres durch die Deformationen des Objekts überforderten informationstechnischen Funktionierens vergessen zu machen. Auch für Benjamin sind deshalb teils die Kritik der Bedingungen der Wirklichkeit der solcherart alterierten Empirie, teils die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit einer zu solch alterierter Empirie vorhandenen empiriologischen Alternative ein unabdingbarer und selbstverständlicher Bestandteil einer jeden Erfahrungstheorie. Aber wie für seine Kollegen, so ist nun dank der ethologischen, um nicht zu sagen “humanistischen” Wendung, die Benjamin mit der Figur der “Masse” seiner gesellschaftstheoretischen Ursachenforschung gibt, am Ende auch für ihn jene Kritik immer schon alles andere als Kritik von – die Wirklichkeit, die sich aus ihnen ergibt, mit Irrealisierung bedrohenden – konstitutiven Bedingungen und stets schon höchstens und nur Kritik von – die Wirklichkeit, die in ihnen besteht, als solche erst einmal reaffirmierenden – immanenten Strukturen. Und wie für seine philosophischen Kollegen, so ist folglich auch für ihn die Frage nach möglichen empiriologischen Alternativen mitnichten die Frage nach einer Möglichkeit, deren Bedingung eine wesentliche Veränderung der Bedingungen wäre, die für die Irrealität jener die alterierte Empirie beherrschenden Realität verantwortlich zeichnen, sondern durchaus nur die Frage nach einer Möglichkeit, deren strukturelle Voraussetzungen allemal noch im Umkreis resp. in der Verlängerung eben jener, die alterierte Empirie beherrschenden und als Wirklichkeit vorbehaltlos akzeptierten Realität sich finden lassen. Was immer mit seiner Idee eines “auratischen” Erinnerns Benjamin an alternativer Empirie heraufbeschwören und gegen den bestehenden empirischen Kontext ins Feld führen mag; – dank der allegorisierenden Wendung, die er der von ihm selber als Grundlage solch empirischen Kontexts thematisierten politisch-ökonomischen Realität gibt, ist diese seine Idee am Ende nicht weniger gut gegen jeden qualitativen Rücksprung in medias res der konstitutionellen Widersprüche jener Realität und der an ihnen zu machenden Erfahrungen geschützt und ist sie zuletzt nicht weniger sicher dazu verurteilt, jegliches subversive Machen von Erfahrung auszuschließen und durch ein – sein Aufbruchspathos mit einer widerspruchslosen Affirmation jener Realität verräterisch kombinierendes – sublimes Erleben von Ereignissen zu ersetzen als sämtliche alternativen Erfahrungskonzepte der lebensphilosophisch-phänomenologischen Kollegen.

Es ist das auszeichnende Charakteristikum der Psychoanalyse Freuds, daß sie – ganz anders als die Tradition lebensphilosophisch-phänomenologischer Erfahrungstherorien, in die sie allem Anschein nach selber hineingehört – sich von Anfang an über die konstitutionell widersprüchliche Natur und dynamisch verschleiernde Funktion der Objektivität, in der die alterierte Empirie der “Epoche der großen Industrie” ihre eigentümliche und maßgebende Wirklichkeit hat, im klaren gewesen ist. Und es ist das spezifische Verdienst der durch Freud bestimmten Psychoanalyse, daß sie diese ihre Einsichten in die Dynamik und Arbeitsweise jener maßgebenden Realität und der von ihr beherrschten alterierten Empirie von Anfang an als die Grundlage ihrer Analytik und funktionellen Theoriebildung hat gelten lassen. In der Tat ist es nichts sonst als diese ungetrübte Einsicht gleichermaßen in den konstitutionellen Verschleierungsmechanismus jener die moderne Empirie dominierenden Realität und in den habituellen Fehlleistungscharakter der durch jene Realität dominierten modernen Empirie, was den dynamisch-funktionellen Begriffen der Psychoanalyse ihre Relevanz und ihre Reichweite verleiht.

Daß die im Sinne eines förmlichen Demaskierungsverfahrens analytisch-kritische Qualität, durch die sich die psychoanalytische Diagnose des modernen Erfahrungszusammenhangs von den empiriologischen Befunden der übrigen lebensphilosophisch-phänomenologischen Theorien prinzipiell unterscheidet, auch eine vergleichbar grundsätzliche Differenz in therapeutischer Hinsicht als nämlich im Hinblick auf die hier wie dort gemachten erfahrungstheoretischen Sanierungsvorschläge nach sich ziehen muß, liegt auf der Hand. So gewiß die Psychoanalyse sich des objektiv-konstitutionellen Scheinerzeugungsmechanismus und des subjektiv-funktionellen Fehlleistungscharakters dieses, zwischen den Extremen dinghaft eindrücklicher, wiederholungsträchtiger Reize und fetischistisch-ausdrücklicher, triebhafter Reaktionen etablierten modernen Erfahrungszusammenhangs bewußt ist, so gewiß kann das von ihr in Vorschlag gebrachte empiriologische Therapeutikum keine – den existenten Erfahrungszusammenhang im Sinn einer topischen Exaltation und Erhöhung strukturell ebensosehr fortsetzende wie emotional transzendierende – positive Alternative nach Art der geläufigen lebenphilosophisch-phänomenologischen Rezepturen sein. Vielmehr muß nach Maßgabe jenes der Psychoanalyse eigenen Bewußtseins dies Therapeutikum sich unabweislich auf die von aller alternativen Positivität himmelweit entfernte, rein negative Aufgabe einer Kritik und Auflösung dessen beschränkt finden, was als empirisch vorherrschende Realität solch diagnostizierten Erfahrungszusammenhang überhaupt nur stiftet und nämlich ebensosehr in seinem auf der Subjektseite reaktiven Fehlleistungscharakter bestimmt, wie in seinem von der Objektseite her aufreizenden Verschleierungsmechanismus verkörpert. Wie sonst aber soll eine Auflösung jener, die alterierte Empirie beherrschenden, kritikwürdigen Realität möglich sein, wenn nicht mittels der theoretischen Analyse und praktischen Veränderung der eigentümlichen Entstehungsbedingungen, denen jene Realität sich verdankt und deren oben bereits skizzierte, ebenso unbeirrbar zielstrebige wie haltlos widersprüchliche Besonderheit es ist, daß sie das, was sie in der Gestalt jener Realität als die ihnen gemäße Äußerung und Erscheinung materialiter konstituieren, in aller Form zugleich zu dem unerklärt einzigen Zweck der Verschleierung ihrer selbst als konstitutiver Faktoren hervorbringen?

Und in der Tat entspricht, was die Psychoanalyse unter dem Titel eines durcharbeitenden “Erinnerns” als Alternative zu der gängigen Erfahrungspraxis einer reagierenden Fixierung auf wiederholungsträchtige Reize propagiert, in aller Form den Erfordernissen dieses bestimmt negativen Konzepts einer Reflexion und kritischen Bestandsaufnahme partout nur jener Realität, die der gängigen Erfahrungspraxis zugrunde liegt und sie beherrscht. Als Alternative zu der durch jene herrschende Realität verschuldeten alterierten Empirie beschränkt sich das psychoanalytische “Erinnern” auf den Versuch einer Auseinandersetzung und Abrechnung mit den für eben jene herrschende Realität verantwortlichen Entstehungsbedingungen und konstitutiven Faktoren. Anders als die übrigen lebensphilosophisch-phänomenologischen Theoriebildungen, die die von ihnen avisierten alternativen Erfahrungsmodelle als das Ergebnis einer unmittelbaren Transzendierung der herrschenden Realität und der durch sie beherrschten alterierten Empirie ins Werk setzen wollen und die mit solcher Positivität am Ende nichts anderes bewirken als die Bestätigung jener die Empirie alterierenden, herrschenden Realität in der Rolle eines unverbrüchlichen Realfundaments auch und gerade für die alternativen Erfahrungsmodelle, zielt die Psychoanalyse mit ihrem qua Erinnerungsbegriff in Vorschlag gebrachten alternativen Erfahrungsmodell auf nichts weiter als auf eine Revision und Neubestimmung des gewöhnlichen, immanenten Verhältnisses zu eben jener herrschenden Realität. Und zwar auf eine Neubestimmung, die es endlich erlaubt, jene Realität als den spekulativen Ausgangspunkt für Bewegungen, die mit groteskem Aufbruchspathos unter den unverändert erfahrungsfeindlichen, alten Bedingungen stets schon unbedingt anderen, neuen Erfahrungen auf der Spur sind, außer Kraft zu setzen, um sie stattdessen als das symptomatische Resultat eben dieser unverändert alten Bedingungen, deren systematisch erfahrungsfeindliche Verfassung als solche in Erfahrung zu bringen vielmehr und vordringlich nottut, thematisch werden zu lassen.

Anders als die übrigen, mehr oder minder mit dem Scheinerzeugungsmechanismus des modernen Erfahrungszusammenhangs kollaborierenden, lebensphilosophisch-phänomenologischen Erfahrungstheorien genügt also die Psychoanalyse in begrifflich-methodischer Hinsicht durchaus dem Erfordernis einer nichts sonst als eben diesem Scheinerzeugungsmechanismus zu Leibe rückenden Kontitutionsanalyse und Grundlagenkritik. Umso mehr muß nun allerdings die eigentümliche Wendung überraschen, die in historisch-sachlicher Hinsicht die Psychoanalyse ihrem dergestalt ausgemachten konstitutionsanalytischen Vorhaben gibt. Was sie nämlich als die historische Konstitution und sachliche Grundlage dieses, in der herrschenden Realität des modernen Erfahrungszusammenhangs verkörperten Scheinerzeugungsmedianismus hiernach zu analysieren und zu kritisieren unternimmt, kann aus der Perspektive der bisherigen Erkenntnis eigentlich nur und im Gegenteil als ein durch eben diesen Scheinerzeugungsmechanismus, den es begründen soll, vermitteltes und gesetztes Entmischungsprodukt und fundamentales Alibi gelten. Wie zu zeigen war, ist es die – diskursive Erfahrung in intuitives Erleben transformierende – Eigentümlichkeit der die moderne Empirie beherrschenden Realität, daß sie das, was sie dem Erfahrungssubjekt an verständiger Erkenntnis und aktivem Begriff verschleiert und vorenthält, durch einen in concreto des Schleiers erscheinenden Appell an das zu falscher Eigenständigkeit und Spontaneität versprengte Triebmoment einer reizbaren Anschauung und pathetischen Fasziniertheit kompensiert und nach Maßgabe der solcherart partikularen Ersatzleistung recht eigentlich verdrängt. Exakt dieses, durch den ebenso sensationell wie schockierend schönen Schein, hinter dem als der Realität der Betrug sich verbirgt, provozierte Triebmoment ist es nun aber, was in vollständiger Umkehrung der angenommenen Grund-Folge-Beziehung die Psychoanalyse zum konstitutionellen Ausgangspunkt und zur dynamischen Grundlage der die moderne Empirie beherrschenden, betrügerisch scheinhaften Realität erklärt.

Diese, die subjektiv e Folge an die Stelle des objektiven Grunds jener Realität treten lassende und zur konstitutiven Bedingung des ganzen Prozesses erklärende Vorgehensweise der Psychoanalyse bedeutet nicht nur einen erkenntnistheoretischen Umbruch und eine reflexive Verwandlung des prozessualen Verhältnisses insofern, als damit auf Kosten ihres zum ausgeschlossenen Dritten degradierten objektiven Grunds jene Realität zum Umschlagsplatz und zur Projektionsebene für eine Kreisbewegung wird, bei der ein und dieselbe subjektive Instanz, die einerseits als das Opfer der den Zweck der Veranstaltung bildenden fehlleistungshaften Irreführung figuriert, andererseits als der Träger eines fürs Grundmotiv des gesamten Prozesses genommenen triebhaften Ausgangskonflikts herhalten muß. Diese Vorgehensweise der Psychoanalyse macht darüber hinaus auch klar, daß und warum in der psychoanalytischen Perspektive tatsächlich die Erkenntnis und Diagnose dessen, was Erfahrung hintertreibt, mit seiner Therapie und Veränderung tendenziell zusammenfallen und im idealtypischen Grundsatz synonym sein kann. Was die psychoanalytische Erhebung der reaktiv entmischten Folge zum konstitutiv entscheidenden Grund überhaupt nur ermöglicht und als im Resultat vertretbar erscheinen läßt, ist der Umstand, daß der aus allem konkreten Arbeits- und Handlungszusammenhang evakuierte Trieb, den jene scheinhafte Realität der modernen Empirie umwirbt und den sie mit ihrem im Doppelsinn blendenden Appell an die kopflos reizbaren Sinne und eine haltlos pathetische Irritation provoziert, in Reaktion auf solche Inanspruchnahme bestrebt ist, jene provokative Realität im Modus ihrer Verwandlung in ein privatgeschichtliches Szenarium sich zu assimilieren und der ihm als Triebschicksal eigenen, individualhistorischen Entwicklung nachträglich einzuverleiben. Von jener ebenso betrügerisch scheinhaften wie provokativ blendenden Realität moderner Empirie auf den Plan gerufen, läßt es der beim Portepee seiner motivationalen Richtlinienkompetenz gefaßte, privatpersonal abstrakte Trieb sich angelegen sein, in einer Art und Weise, die der normalen Praxis einer Aneignung von Realität durch Arbeit materialiter ebensosehr Hohn spricht wie formaliter nachgebildet ist und deren in diesem zweideutigen Sinn praxishomologem Duktus die Psychoanalyse mit Begriffen wie “Symptomproduktion” und “Traumarbeit” Rechnung zu tragen sucht, die Reizmomente jener Realität seinem eigenen Werdegang nachträglich einzugliedern und nämlich seinen spezifischen Reaktionsmechanismen in aller Spezialität und charakterologischen Bestimmtheit zuzuordnen und anzupassen. Dies nun aber vorausgesetzt, so ist klar, was eine Konstitutionsanalyse à la Psychoanalyse ist und bewirkt. Das, was die Psychoanalyse zu ihrem konstitutionsanalytischen Rekurs auf den entmischten Trieb als motivationalen Grund jener betrügerisch scheinhaften Realität der modernen Empirie berechtigt, ist die mit der Konsequenz einer retrospektiven Assimilation und im Modus einer sekundären Bearbeitung jener Realität vom entmischten Trieb übergestülpte Form und erscheinende Fasson eines gleichermaßen durch Triebgeschichte gezeitigten und vom Triebschicksal geprägten Erzeugnisses. Und demgemäß ist denn aber das, wozu solch konstitutionsanalytischer Rekurs die Psychoanalyse befähigt, eine Aufklärungsleistung, die ineins die jener Realität zuteil gewordene triebgeschichtliche “Bearbeitung” als Rationalisierung entlarvt und den durch diese Rationalisierung – jener Realität aufgesetzten charakterologischen Schein als die – wie immer auch subjektiv verhärtete und um des mit ihr verknüpften sekundären Lustgewinns willen ihrer Auflösung widerstrebende – Formalität und Äußerlichkeit, die sie objektiv ist, durchschaubar macht und vernichtet.

Was die Psychoanalyse mit ihrem im Begriff des “Erinnerns” kodifizierten Heilverfahren einer triebgeschichtlich orientierten Konstitutionsanalyse und Selbstbesinnung schließlich erreicht, ist die Befreiung der die moderne Erfahrung beherrschenden Realität von der ihr kraft sekundärer Bearbeitung aufgesetzten Maske triebdynamischer Vermitteltheit und charakterologischer Gesetztheit und ihre Wiederherstellung in statu quo ante einer noch nicht vom privaten Triebschicksal heimgesuchten und mit Beschlag belegten Unmittelbarkeit und Normalität. D. h. aber Wiederherstellung der Realität in einem Zustand, der als normal nur unter der Voraussetzung der seit dem 19. Jahrhundert etablierten spezifischen politisch-ökonomischen Bedingungen und als unmittelbar nur aus dem Blickwinkel einer durch diese Bedingungen bereits alterierten Empirie gelten kann und der, wie er einerseits das Resultat eines die Wahrnehmung eben dieser Bedingungen betreffenden, ebenso systematischen wie objektiven Verschleierungsprozesses darstellt, so andererseits den Ausgangspunkt für den – den Verlust an diskursiver Erfahrung zu kompensieren bestimmten – Rückgriff auf jenes intuitiv erlebnishungrige, entmischte Triebsubjekt bildet, dessen reaktionsbildnerischer, triebgeschichtlich privatisierender Vereinnahmung er dann im Einzelfall selber zum Opfer fällt. Dabei ist der Psychoanalyse nicht etwa anzukreiden, daß demnach ihr konstitutionsanalytisches Verfahren objektiv nichts weiter vollbringt, als eben nur diesen unveränderten Ausgangs- und identischen Quellpunkt der psychopathologischen Erkrankungen, die es analysierend heilt, von den Spuren triebgeschichtlich sekundärer Bearbeitung zu befreien und in der Reinkultur seiner politisch-ökonomisch gesetzten falschen Unmittelbarkeit wieder erscheinen zu lassen. Zum Vorwurf ist dem psychoanalytischen Verfahren vielmehr zu machen, daß es diesen objektiven Ausgangspunkt gerade nicht als den in seiner falschen Unmittelbarkeit identischen und unveränderten wiederherzustellen imstande ist und zurückzugewinnen erlaubt. Weil nämlich und insofern es eine zum Triebgrund fundamental entstellte Konstitution ist, mit Rücksicht auf die und in deren transzendentalem Rahmen die Psychoanalyse die diesen objektiven Ausgangspunkt bildende Realität der modernen Empirie kritisch wahrnimmt und analytisch realisiert, ist das, was sie auf solchem Weg zu guter Letzt wahrnimmt und realisiert, auch allemal etwas, das – theoretisch ebensosehr wie praktisch – noch strikt in Begriffen und in Funktion jenes für konstitutionell erklärten Triebgrunds erscheint. D. h. die betrügerisch falsche Unmittelbarkeit und symptomatisch brüchige Normalität, in der die Psychoanalyse ihren Patienten die das A und O ihrer anamnestischen Klärungsbemühungen bildende Realität moderner Empirie am Ende heilsam zurückerstattet, ist dank der vorausgegangenen konstitutionsanalytisch entscheidenden Verdrängung des in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen bestehenden objektiven Grinds jener Realität durch ihre zum privaten Triebgrund verschlagene subjektive Folge stets noch prädisponiert, dem Bannkreis und Kräftefeld einer triebdynamisch bornierten Fragerichtung eingeschrieben zu bleiben. Das aber bedeutet, daß eben die Momente der in ihrer Unmittelbarkeit und Normalität wiederhergestellten Realität, die durch ihre verräterische Falschheit und symptomatische Brüchigkeit Anlaß sein könnten und müßten, einen grundlegenden Wechsel der erkenntnistheoretischen Perspektive anzustreben und die im Verstand einer politisch-ökonomischen Grundlagenkritik wirkliche Konstitutionsanlayse jener Realität und ihres in objektiver Genese produzierten Verschleierungsmechanismus zu unternehmen, der Psychoanalyse höchstens und nur als Beweis der relativen Unfertigkeit oder der vorläufigen Erfolglosigkeit der bis dahin von ihr im triebgeschichtlichen Aufklärungsprozeß jener Realität angetragenen restitutio in integrum, mithin aber auch einzig und bloß als ein Ansporn gelten kann, durch eine Wiederaufnahme und Erneuerung ihrer um den Triebgrund und seine Geschichte kreisenden Konstitutionsanalyse jene symptomatisch scheinhafte Realität am Ende doch noch in der durch den Schein nur verhohlenen Objektivität und Gediegenheit eines als autonome Selbstdarstellung funktionierenden realistischen Ersch einens auszumachen. Durch ihr im grundlagenkritischen Ansatz bereits irreführend kompensatorisches Vorgehen perfekt abgedichtet ist also die Psychoanalyse gegen alle im Zuge der therapeutischen Wiederherstellung jener Realität in der Reinkultur falscher Unmittelbarkeit und verräterischer Normalität objektiv sich ergebende Forderung nach einer erkenntnistheoretisch entscheidenden Revision und konstitutionsanalytisch prinzipiellen Neuorientierung des Verfahren. So perfekt abgedichtet in der Tat, daß, eher als solch objektiven Revisionsverlangen stattzugeben, sie mit der Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit leidgeprüfter Routine den Passionsweg eines das therapeutische Ergebnis unaufhörlich rekonstruierenden lebenslänglichen Nachbesserns und Durcharbeitens beschreitet, d. h. eine Richtung einschlägt, die das sachliche Soll des ins Zentrum der symptomatisch scheinproduktiven Unerschöpflichkeit jener Realität zielenden endlichen Begreifens der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft unaufhaltsam in das methodische Haben der in die Länge und Breite der unerschöpflich symptomatischen Scheinproduktion jener Realität sich verlierenden “unendlichen Analyse” der Psychologie bürgerlicher Individuen auflöst und eskamotiert.

Nicht weniger als Benjamin ist so zuletzt auch Freud disponiert, seine gesellschaftskritische Analyse der Bedingungen moderner Erfahrungslosigkeit in die Schranken einer mit der konstitutionellen Selbstverschleierungsstrategie jener Bedingungen zumindest nicht unvereinbaren Obliquität und vielmehr Abseitigkeit zu weisen. Wie ersterem gelingt auch letzterem solche – einer wenigstens objektiven Konspiration mit dem Gegenstand der Kritik verdächtige – Diversion vom Tugendpfad grundlagenkritischer Direktheit und konstitutionsanalytischer Unbestechlichkeit mittels einer Manipulation, der die zugleich den paradigmatischen Inhalt und das symptomatische Objekt der Analyse bildende politisch-ökonomische Realität moderner Empirie zum Opfer fällt. Benjamin entdynamisiert diese Realität, indem er sie in Person des als allegorisches Substitut ihr untergeschobenen Wechselbalgs “Großstadtmasse” von ihren à fond perdu zu recherchierenden Entstehungsbedingungen rechtzeitig ablöst und emanzipiert. Freud hingegen rationalisiert diese Realität, indem er sie im Reflexionspunkt einer ihre partikular subjektive Folge zum generellen Triebgrund erklärenden Umzentrierung frühzeitig anderen Entstehungsbedingungen unterwirft und zueignet. Mögen Freud und Benjamin der lebensphilosophisch-phänomenologischen Tradition, in der sie stehen, noch so sehr die Bereitschaft zur Wissenschaft als zur decouvrierenden Einsicht ätiologischer Erkenntnis voraushaben! So gewiß diese Wissenschaft ihren Erkenntniseifer durch jene – als Verwandlung von Realgeschichte in Triebgeschichte sich präsentierende und die objektiv geforderte eine Grundlagenkritik mittels einer methodisch betriebenen anderen Grundlegung der Kritik hintertreibende – Entdynamisierung respective Umzentrierung des Objekts der Erkenntnis selber in Zaum hält und eigenhändig vereitelt, so gewiß ist ihre Funktion die eines erfahrungstheoretischen Alibis und reiht sie sich am Ende doch wieder in eben den lebensphilosophisch-phänomenologischen Kontext ein, dem Lebensphilosophie und Phänomenologie von Anfang an gleichbedeutend sind mit betrügerischer Vitalisierung der politischen Wirklichkeit und verräterischer Sanktionierung des ökonomischen Scheins.

Erstveröffentlichung: Horst Kurnitzky (Hrsg.), Notizbuch 1 [Psychoanalyse und Theorie der Gesellschaft], Berlin 1979

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