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Dierk Spreen

Cy kein Borg

Die kulturindustrielle Konstruktion des technischen Subjekts in “Star Trek”

Es gibt sicher noch viel mehr heimliche als bekennende “Trekkies”. Und so prägte die Serie “Star Trek” (“Raumschiff Enterprise”) seit ihrem Start 1966 das Zukunftsbild mehrerer Generationen. Inzwischen sind fünf TV-Serien (zählt man die Zeichentrickserie mit, sind es sechs) und zehn Kinofilme gedreht worden. “Star Trek” ist die Zukunftsvision der amerikanischen Kulturindustrie. In dem soeben erschienenen Buch “GeBorgte Identität” unternimmt Andrea zur Nieden den Versuch, diese Serie dem deutschen Publikum genauer zu erklären. Selbst wenn man alle Folgen kennt, bringt Niedens spannend geschriebener Essay noch interessante Einsichten.

Wie der Untertitel verrät, geht es in erster Linie um die kulturindustrielle Konstruktion des “technischen Subjekts”. “Star Trek” ist Science Fiction und das heißt, daß es um das Leben in hoch artifiziellen Umwelten geht. Die Angehörigen der Zukunftsgesellschaft der Föderation leben in einer sozialen Wirklichkeit, die durch und durch technisch determiniert ist. Kommunikation, Selbstverhältnisse und Naturbeziehungen erscheinen fast vollständig technisiert. Natürlich folgt diese Darstellung nur den Technisierungstendenzen der gegenwärtigen Gesellschaft. Umso interessanter ist es zu verstehen, wie sich Subjektivität unter diesen Bedingungen herausbildet und festigt.

Nieden konstatiert eine tief sitzende Ambivalenz des Subjekts im Angesicht neuer Technologien, insbesondere neuer Körpertechnologien. Am Horizont der Moderne sieht man “den Menschen” verschwinden “wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand” (Foucault). Was an diesem Horizont sichtbar wird, ist das Cyborgkollektiv. In der “Star Trek”-Serie sind das die Borg, ein durch und durch vernetztes Geisteskollektiv, dessen individuelle Körper keine in sich geschlossenen Monaden mehr sind, sondern bloße Organe eines unablässig murmelnden Diskurses. Die Borg sind Mischwesen aus künstlichen und organischen Teilen. Sie sprechen nicht miteinander, sondern sie sind unmittelbar ans Kollektivbewußtsein angeschlossen. Dieses Bewußtsein materialisiert sich wiederum in einer Königin, der Borg-Queen, die man sich aber nicht als Herrscherin vorzustellen hat, sondern als “reine Verkörperung des kollektiven Denkens”.

Die Borg fungieren in der Fiktion als Antipoden des modernen Subjekts. Sie sind einerseits das Bild, von dem man sich zwecks individueller Subjektivierung angsterfüllt absetzt. Andererseits repräsentieren sie genau die Möglichkeit der Hightech-Gesellschaft. “Diese Ambivalenz verweist auf die grundlegende Paradoxie des Subjekts, daß es einerseits nur bestehen kann, wenn es beständig ›fortschreitet‹, was auch die eigene technische Aufrüstung, also Cyborgisierung beinhaltet, es andererseits gerade deswegen ständig in der Angst lebt, als arbeitendes und Rechtssubjekt schließlich überflüssig zu werden. Diese Angst vor der eigenen Überflüssigkeit wird nun an den Borg abgearbeitet.”

Der Krieg der Föderation gegen das weiblich konnotierte Borgkollektiv ist also als Metapher der Wiederaufrichtung männlicher Subjektivität unter den Bedingungen der artifiziellen Gesellschaft zu lesen. Das Menschenbild von “Star Trek”, das Nieden in Anlehnung an Gerburg Treusch-Dieter herausarbeitet, gibt nicht nur aufgrund des in Ambivalenz wurzelnden Abgrenzungszwangs zu denken. Als Alternative zum Cyborgkollektiv entfaltet sich vielmehr eine technoide Barbie-Identität. Der Körper scheint ganz auf den Text reduziert, der im genetischen Code fixiert ist: Körperlichkeit als Verkörperung einer körperlosen Information. Subjektive Erfahrung, die Einzeichnung des Alters in den Leib (Falten!) und der Zyklus von Geburt und Tod verschwinden aus dem Bild des zukünftigen Menschen. Nach der “Star Trek”-Ideologie “besteht eine Person im Wesentlichen aus dem genetischen Programm zuzüglich der im Laufe des Lebens erworbenen Informationen, die im Gehirn abgespeichert werden”. Identität ist genetisch determiniert, weshalb das Umschreiben der DNS, daß die Borgisierung begleitet, abgelehnt und bekämpft wird. Die Vermittlung zwischen Erfahrung und Leben bleibt dabei aber völlig willkürlich, denn im Prinzip könnten die Informationen des Hirnspeichers auch auf einen holografischen oder androiden Körper übertragen werden. Daher bleiben die Menschen der “Star Trek”-Welt auch immer jung und fit. Das Leben schreibt sich in den Code des Körpers nicht mehr ein; dieser Körper bleibt eine abwaschbare Oberfläche. Die subjektive Identität der Föderationsindividualisten bestimmt sich somit paradoxerweise selbst wiederum kollektiv. Nur durch die Unterscheidung zwischen Freund und Feind, nur durch die militante Abgrenzung vom Borgkollektiv können die Werte der Föderation – Selbstbestimmung und Freiheit – letztlich fixiert werden.

Interessanterweise wird genau diese Leere der Föderationswerte in der Serie thematisiert. Als Captain Janeway in “Voyager” gewaltsam versucht, die aufgegriffene Borgdrohne Seven of Nine zum Menschentum zu bekehren, wird sie von Seven auf die Paradoxie hingewiesen, daß die Erziehung zur Selbstbestimmung letztlich auf Entmündigung und Disziplinierung aufbaut. Schließlich gelingt es Janeway sich durchzusetzen. Produziert wird eine Barbie-Borg-Sexbombe mit deutlich erkennbarem Gender, aber ohne sexuelles Geschlecht. Wofür, fragt Nieden, bürgen die Borg? Als Feindbild tragen sie zur Herausbildung der selbst durch und durch künstlichen Identität des modernen Menschen bei, wobei sie zugleich auch helfen, diese Künstlichkeit zu verschleiern.

Nieden leitet ihren Essay mit einem saftigen Adorno-Zitat zur Kulturindustrie ein. Aber daß sich die Ideologie der Massenkultur den passiven Konsumenten quasi automatisch einpresse und ihnen daher auf unterhaltsame Art und Weise gesellschaftliche Anpassungsleistungen abringt – diese adornitisch-kulturpessimistische Weisheit legt sie vorsichtig zu den Akten. Ganz zu Recht weist sie auf die Rezeptionsforschung der Cultural Studies hin und distanziert sich damit dezent von Horkheimers und Adornos theoretischer Kriegserklärung an die Massenkultur.

Dennoch geht die Autorin grundsätzlich davon aus, daß “kulturindustrielle Produkte Ausdruck ideologischen also notwendig falschen Bewußtseins sind”. Aber sind die Beschwörungsrituale der Ideologiekritik nicht langsam verbraucht? Was soll “notwendig falsch” in einer Kultur noch heißen, die sich mit guten Gründen von der Wahrheit und der Ästhetik abgewendet hat und unhintergehbar pluralistisch geworden ist? Ist es im Rahmen der Globalisierung nicht viel interessanter, kulturelle Formen und Inhalte miteinander zu vergleichen? Interessant wäre es etwa gewesen, die Differenzen zwischen der amerikanischen “Star Trek”-Saga und ihrem deutschen Gegenstück herauszuarbeiten. Etwas früher als “Star Trek” kam in der Bundesrepublik die Perry Rhodan-Serie auf den Markt, nämlich 1961. Zwar nicht im TV, sondern im Heftchenformat begleitet diese SF-Serie die Zeitgeschichte ebenfalls seit vier Jahrzehnten. Auch hier geht es u.a. um die Konstitution des technischen Subjekts. Perry Rhodan ist als Träger eines Zellaktivatorchips nicht nur relativ unsterblich, sondern im Prinzip auch ein Cyborg. Aber eine “Barbiesierung” der Subjektivität kann zumindest bisher nicht festgestellt werden. PR folgt einem klassisch-reflexiven Bildungsmodell. Das zeigt sich schon auf den Titelseiten. Die Zellaktivatorträger werden älter dargestellt, als sie sind. Die Angst vor einer Verwandlung des Menschen in ein Cyborgkollektiv, wie sie für “Star Trek” konstitutiv ist, taucht bei Perry Rhodan gar nicht auf. Ein Vergleich enthüllt, daß das “notwendig Falsche” in der Weltanschauung der SF-Serie – die Konstitution des Barbie-Subjekts – gar nicht notwendig ist, sondern mehr über kulturelle Spezifika unter Globalisierungsbedingungen aussagen könnte.

Aus: Jungle World N° 32 / 2003

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