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Frank Illing

Rezension zu: Andrea zur Nieden. Geborgte Identität

Der Erfolg von Fernsehserien verrät stets etwas über die Gesellschaft, es fragt sich nur, was. Andrea zur Nieden untersucht in GeBorgte Identität, wie in den »Star Trek«-Serien »Next Generation« und »Voyager« die Verunsicherung des sprichwörtlichen bürgerlichen, kapitalistischen, männlichen Subjekts angesichts der heute sich abzeichnenden biotechnologischen »Barbieisierung« der Körper aufgefangen wird. Einerseits verkünden die »Star Trek«-Crews, allen voran Captain Picard, immer wieder die alten »humanistischen Werte«, die, obwohl Individualität zugleich auf einen Effekt des längst beherrschten Gencodes reduziert wird, immer den Glauben an eine moralische Verbesserung des Menschen durch technischen Fortschritt beinhalten. Andererseits wird diese paradoxe Individualität durch das zum Feindbild stilisierte Kollektivsubjekt der biotechnologisch hochentwickelten »Borg« bedroht, die alle anderen Lebensformen zu assimilieren in der Lage sind und damit die alte bürgerliche Angst vor der Vermassung heraufbeschwören. Überzeugend legt zur Nieden diese Problematik in ausführlichen Analysen einzelner Episoden und Handlungsstränge dar, und zeigt überdies akribisch die Widersprüche auf, die zwischen dem angeblichen gesellschaftlichen Fortschritt in der interstellaren Föderation und den dortigen, oft nur an Details ablesbaren, tatsächlichen Verhältnissen bestehen.

Die dezidiert ideologiekritische, allerdings rein inhaltsanalytische Perspektive der Autorin läßt aber manche Frage offen: Zum Beispiel wird mit Adorno konstatiert, daß bei »Star Trek« wie beim Fernsehen überhaupt die Zuschauer »nochmals zu dem, was sie ohnehin sind«, gemacht werden, also zu dem sich angesichts neuer Herausforderungen behauptenden bürgerlichen Subjekt. Wenn aber in »Star Trek« die hiermit verbundenen Widersprüche explizit vorgeführt und verhandelt werden (Picard wird treffend als Repräsentant »kommunikativen Handelns« bezeichnet), so läßt sich ohne die Analyse der tatsächlichen Rezeption nicht umstandslos eine eindimensionale Wirkung der in den Serien nahegelegten ideologiekonformen Lösungen auf das Publikum ableiten. Schon die enorme Popularität der nicht- bzw. halb-menschlichen Figuren Spock, Data und Seven O Nine deutet darauf hin, daß gerade die Faszination durch andere Subjektivitäten und nicht die letztliche Bestätigung des bürgerlichen Subjekts das Symptomatische am »Star Trek«-Phänomen sein könnte.

Aus: Konkret 07/2003

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