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Marvin Chlada

Hat »nie ein Mensch zuvor gesehen«

Dekonstruiertes »Star Trek«-Universum

Gestus der frühen DDR-Science-fiction. Das Raumschiff Enterprise gleiche einem »Mikro-Utopia«, einem Ort, an dem jeder auf seinem Platz für die Gesellschaft leistet, was er vermag, und jeder von dieser erhält, wessen er bedarf. Allerdings schränkt Steinmüller sein Urteil ein: Trotz allem handle es sich bei »Star Trek« keineswegs um eine sozialistische Utopie. Dagegen spreche das »urkapitalistische Laster«, dem Captain Kirk und seine Crew frönen: sie pokern.

Kritik am »Star Trek«-Universum ist nicht neu. Schon früh wurden die Klingonen als »Russen« identifiziert oder, in den Fortsetzungen der Serie, die Ferengi als »Juden« geoutet, an denen man sämtliche Register und Stereotypen des Antisemitismus studieren könne. Auf der anderen Seite hat keine Serie die Politik ihrer Epoche so konsequent diskutiert und kommentiert wie eben »Star Trek«, auch wenn diese in der fernen Zukunft des 23. Jahrhunderts verhandelt wurde (und wird). Gene Roddenberry, der Schöpfer von »Star Trek«, hat sein Kind ins Korsett des klassischen Humanismus gepreßt: die Todesstrafe wird aufs äußerste verdammt, Ausbeutung ist unbekannt. Ganz anders die Gegenwart: »Es wird immer die eine oder andere Form von Sklaverei geben«, so Roddenberry. »Es ist nur so, daß die Ketten und die Peitschen fehlen. In unserer komplexen Gesellschaft gibt es viel bessere Methoden, die Arbeiterklasse unter Kontrolle zu halten und sie zu bestrafen, wenn jemand aus der Reihe tanzt.«

In ihrer Studie »GeBorgte Identitäten« rückt Andrea zur Nieden der Utopie Roddenberrys ein weiteres mal auf den Leib. Der Blick auf die Feindbilder, die »Star Trek« propagiert, verrate einiges über die Dummheit der bürgerlichen Ideologie. Bereits im Vorwort spricht zur Nieden über die »Ambivalenz von Faszination und Ekel«, die den kritischen Serienkonsumenten überkommt. Diese Ambivalenz ist das Produkt eines Paradox. Kaum sind die Klingonen auf der Seite der Guten angekommen, taucht ein neuer, freilich viel gefährlicher Feind auf: die Borg. Diese »Spezies«, ein totalitäres Kollektiv von Menschmaschinen, ist ständig dabei, ganze Völker und ihre Technologie zu assimilieren. Individualität ist ihnen fremd. Die Gesellschaft der Borg gleicht einem Bienenstaat, in deren Mitte eine Königin regiert. Dieses weiblich codierte Böse, das drauf und dran ist, die Menschheit seinem Gesellschaftskörper einzuverleiben, ist aber nur ein Teil der radikal-feministischen Kritik an Roddenberrys Universum. Vielmehr ist es das Bild der Technik und dessen Bezug zum bürgerlichen Subjekt, das zur Nieden zum Ausgangspunkt ihrer Analyse macht. Der hochtechnologischen Welt der Borg, deren einziges Interesse die »Vervollkommnung« der Gattung ist, wird in »Star Trek« der »Mensch«, das »freie« Individuum entgegengesetzt. Daß dieses Konstrukt nicht mehr ist als ein weiteres Stück bürgerlicher Ideologie, zeichnet zur Nieden an den technischen Errungenschaften der Menschheit im 23. Jahrhundert nach. Diese nämlich ist bereits selbst Anhängsel der Maschine geworden. In »Star Trek« begegnen uns Leute, deren Augen künstlich, und Androiden, deren Handlungen und Motivationen »menschlich« sind. Den gegenwärtigen »Individuen«, die sich durch das Aufkommen der Biotechnologie langsam aber stetig in Cyborgs verwandeln, wird über »Star Trek« suggeriert, auch in Zukunft weiterhin »Herr« ihrer Lage zu sein: »Die Verunsicherung des Subjekts wird durch die Bekämpfung der Borg abgearbeitet – und inszeniert als Bekämpfung der Femme fatale«. Insofern ist fraglich, ob »Star Trek« tatsächlich in Galaxien vorgedrungen ist, »die nie ein Mensch zuvor gesehen hat«, oder ob es sich um Welten handelt, die nur von Cyborgs »erobert« werden können.

junge Welt vom 28.05.2004

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