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Amerika

Das Unverständnis der Deutschen, aber nicht nur der Deutschen für angelsächsische Traditionen und amerikanische Wirklichkeit ist eine alte Geschichte.“
Hannah Arendt

Seit dem Irakkrieg ist eine Unmenge an Literatur über die USA und speziell über die jetzige US-Administration erschienen. Das Spektrum reicht von der Schundliteratur des schlechten comedian und noch schlechteren Investigativjournalisten Michael Moore über die Betroffenheitsberichterstattung deutscher Auslandskorrespondenten bis hin zu zwei so genannten Schwarzbüchern der USA, die für sich in Anspruch nehmen, alle Verbrechen amerikanischer Regierungen von der Vertreibung der Indianer bis hin zum Irakkrieg aufzudecken. Das synthetisierende Moment dieser prima facie so vielfältigen und pluralen Buchveröffentlichungen ist der zum Ressentiment geronnene Antiamerikanismus, der mehr oder weniger latent zu Tage tritt. Hierdurch findet zugleich eine der Grundthesen des zu rezensierenden Buches seine Bestätigung, nämlich, „daß es sich beim aktuellen Antiamerikanismus mehr als um falsches Bewußtsein längst um eine politische Realität handelt, der mit ein wenig Aufklärung und der heuristischen Trennung in Feindbild und ‘berechtigte Kritik’ nicht beizukommen ist.“ (13)(1)

Der Sammelband Amerika. Der „War on Terror“ und der Aufstand der Alten Welt sollte eigentlich im Konkret Literatur Verlag erscheinen. Hermann L. Gremliza legte jedoch einen Tag vor Drucklegung sein Veto ein und so erschien das Buch mit einiger Verspätung Ende 2003 im Freiburger ca ira-Verlag. Das Buch teilt sich in zwei große Abschnitte: Amerika, Deutschland und der Antiamerikanismus sowie Der „Krieg gegen den Terror“ und der Nahe Osten und ist ein Sammelsurium verschiedener Aufsätze.

In einem einleitenden Aufsatz beschreiben die drei Herausgeber einige konstitutive Elemente des antiamerikanischen Ressentiments und liefern so den theoretischen Rahmen innerhalb dessen sich die folgenden Beiträge bewegen. Der Antiamerikanismus zeichnet sich, wie übrigens jede Ideologie, durch eine Fakten- und Erfahrungsresistenz aus, die dazu führt, daß Ereignisse und Tatsachen nur dann rezipiert werden, wenn sie sich in das bestehende ideologische Wahngebäude mühelos integrieren lassen. „Antiamerikanismus verleiht der Ahnung Gestalt, daß hinter den verwirrenden Erscheinungen einer chaotischen Welt ein stimmiges System walte.“ (9) Die USA werden subjektiv verantwortlich gemacht für objektive Verhältnisse, die fraglos katastrophal sind, allerdings nicht aufgrund des Agierens eines bestimmten Nationalstaates, sondern weil sie Produkt der kapitalistischen Gesellschaftsformation sind.

Was von den heutigen Feinden Amerikas nicht zur Kenntnis genommen wird, ist die völlige Veränderung der Weltlage nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem damit einhergehenden Verlust emanzipatorischer Perspektiven. Während die USA gleich geblieben sind, nämlich ein Nationalstaat, der seine eigenen egoistischen Interessen verfolgt, haben sich deren Gegner gewandelt. Die Gegner der USA sind heutzutage islamfaschistische Bewegungen, deren Sieg die endlose Perpetuierung von Dummheit, Aberglauben und Askese bedeutete, also die Errichtung der Barbarei. Die Veränderung der zunächst isolationistisch orientierten Außenpolitik der Bush-Administration erfolgte nicht deshalb, weil die USA urplötzlich zu einem weltweiten Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten geworden sind, „sondern weil der 11. September der US-Administration die Einsicht aufgezwungen hat, daß nur eine Beseitigung der Diktaturen im Nahen Osten ein Ende des islamischen Terrors (und damit der Sicherung ihrer Interessen) verspricht.“ (15)

Anhand der Bücher Karl Mays und der Philosophie Hegels zeigt Stefan Ripplinger in seinem Beitrag, daß bei beiden, dem miserablen Schriftsteller und dem großen Philosophen, eine ähnlich gelagerte und tief sitzende Aversion gegen die „Neue Welt“ vorhanden ist. Amerika erscheint als kultur- und traditionslos und lediglich vom Interesse am schnöden Gewinn angetrieben. Als Resümee lässt sich konstatieren: „Der Antiamerikanismus Hegels ist der der herrschenden Klasse, die, zwar noch obenauf, ihre Macht von der Pöbelherrschaft des Kapitalismus bedroht sieht, Mays ist der des deutschen Pöbels, der vor den Anfechtungen des Kapitalismus Zuflucht beim starken Staat sucht.“ (45)

In einem der interessantesten Aufsätze des Buches versucht Gerhard Scheit die Relation von Antiamerikanismus und Antisemitismus genauer zu bestimmen. Er zeigt, daß antisemitische und antiamerikanische Projektionen sich immer weiter angleichen, ohne zu koinzidieren. Das Ressentiment sieht die USA als Land ohne Souverän und damit als unechten, unorganischen Staat und die Juden als Volk ohne Land. Der Autor zeigt die strukturelle Verwandtschaft beider Wahnvorstellungen sowohl in ihrer historischer Entwicklung wie auch immanent aus den Projektionen selbst. Bei Theoretikern wie Carl Schmitt beispielsweise wird die amerikanische Gesellschaft, als Gesellschaft ohne Staat, als unproduktiv halluziniert und die US-amerikanischen Bürger „zu Parasiten der Welt erklärt, globalisierte Schmarotzer [...].“ (90)

Mit dieser Wendung werden antisemitische Projektionen direkt auf US-Bürger übertragen, die als nicht produktiv und doch zugleich mobil erscheinen – „ruhelos und ohne Heimat zieht er [der US-Bürger; seb] umher gleich dem verfluchten ‘ewigen Juden’ in den antisemitischen Phantasien.“ (91) Besonders evident werden die Affinitäten beider Ressentiments im Verhältnis der USA und Israel. Die Unterstützung der USA für den Staat Israel wird als Grund dafür angeführt, daß die USA mit dem universellen Völkerrecht gebrochen hätten. Die Unterstützung der USA sei wiederum nur zu erklären durch den Einfluß der Juden an den Schaltstellen der Macht in der amerikanischen Gesellschaft. Auf diese Weise wird Israel auf die USA und die USA wieder auf die Juden zurückgeführt. So ergibt sich ein Zirkelschluss, eine sich selbst bewahrheitende antisemitischeund antiamerikanische Projektion.In einem kurzen historischen Abriss beleuchtet Christian Knopp die ambivalente Geschichte der amerikanischen Außenpolitik, die immer wieder zwischen Phasen des Isolationismus und des Interventionismus laviert, während Stefan Grigat einen Überblick über die Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen seit der Zerschlagung des Nationalsozialismus präsentiert.

In zwei weiteren Beiträgen gehen Uli Krug/Bernd Volkert resp. Thomas von der Osten-Sacken auf die Konstitution der deutschen Friedenssehnsucht ein. Sie machen deutlich, daß die Motivation der Friedensbewegten, sowohl der intellektuellen Protagonisten à la Habermas wie auch des Straßenmobs, eine antiemanzipatorische ist, wozu im CEE IEH schon genug gesagt worden ist.

Interessant ist der Aufsatz von Elliot Neaman, Associate Professor für neuere europäische Geschichte an der University of San Francisco, der der Frage nachgeht, warum die Irakkrise in Europa und den USA so divergent wahrgenommen wird. Hiermit zusammen hängt auch, so die These Neamans, die unterschiedliche Haltung im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Neaman hält nichts davon, von einem irreparablen Bruch zwischen der „Alten“ und der „Neuen Welt“ auszugehen. Er schreibt: „Das eifersüchtige Gezänk zwischen beiden Welten folgt einem üblichen Muster und ist nichts Neues. Ihr Verhältnis zueinander basiert nicht auf gegenseitigem Misstrauen und Unverständnis, vielmehr kennen sich die beiden sehr gut, und ihr Verhältnis war seit je von einer Mischung aus Abneigung und Bewunderung geprägt.“ (192)

Mit Bezug auf Robert Kagan argumentiert er, daß die USA getreu der Maximen der Hobbessianischen Machpolitik agierten (bellum omnium contra omnes) und sich deshalb auch das Recht nähmen, unilateral zu handeln, falls nötig auch mit militärischer Gewalt. Die Europäer präferierten ein kooperatives Vorgehen, welches sich auf Institutionen wie die UN bezieht, und daraus resultiere, daß Europa zwar ökonomisch sehr potent, aber militärisch schwach sei. Die pragmatische Haltung Amerikas hat im Nahen Osten zur Folge, daß die Möglichkeit zur Veränderung der Verhältnisse überhaupt wieder eröffnet wird. Die Strategie der Demokratisierung hat mehr zum Ziel als die Beseitigung eines Tyrannen, nämlich eine Art Dominoeffekt hervorzubringen. Die Etablierung eines demokratischen Staates im Nahen Osten, so die Hoffnung vieler Neocons, werde Auswirkungen auf die ganze Region haben. Die Europäer haben dem nichts entgegenzusetzen und hatten dies auch nie. Neaman formuliert dies folgendermaßen: „Die Befürworter einer Politik der bloßen Kontrolle Saddam Husseins hatten den Ländern des Mittleren Ostens aber nie mehr anzubieten als die Erhaltung des Status quo, also die Fortsetzung des Elends.“ (206)

Im folgenden Beitrag von Thomas Uwer wird noch einmal der Unterschied der europäischen und amerikanischen Außenpolitik an der Haltung zum Mittleren Osten exemplifiziert. Die meisten Menschen in Europa sind davon überzeugt, den USA gehe es lediglich um Öl („Kein Blut für Öl“) und die Implementierung ökonomischer Interessen – und nicht um Demokratie und Menschenrechte. Dies wird auch noch als großartige Erkenntnis ausgegeben, obwohl es realiter banal und falsch zugleich ist. „Niemand“, so Uwer, „und die amerikanische Regierung zuletzt, zieht in Zweifel, daß Politik handfeste Eigeninteressen verfolgt.“ (212) Das Verfolgen dieser egoistischen Staatsinteressen ist nun mal konstitutiv für einen bürgerlichen Nationalstaat und keineswegs ein Spezifikum der USA. Wie Uwer darlegt, zielte die Politik der USA im Nahen Osten in den letzten Dekaden primär auf die Abwehr vermeintlicher Gefahren, der Eindämmung islamischer- und sozialrevolutionärer Bewegungen, sowie die Verhinderung von Kriegen. Die USA waren an einer Stabilisierung der Verhältnisse interessiert und unterstützten grausame Diktaturen, wenn sie nur antikommunistisch und prowestlich waren. Dieses Agieren war der Konstellation des Kalten Krieges geschuldet, die sich komplett gewandelt hat, seitdem die Sowjetunion als regulatives Korrektiv weg gebrochen ist. Seit dem 11. September vollzog sich somit eine fundamentale Veränderung der Außenpolitik der USA hinsichtlich des Nahen Ostens, die nun nicht mehr gewillt sind, die gegebenen Verhältnisse als alternativlos zu akzeptieren. Im Gegensatz zur pragmatischen Herangehensweise der USA war der Nahe Osten für Europa immer eine Projektionsfläche für rassistische exotische Phantasien und Ängste. Durch die Untersuchung von Reisebeschreibungen aus dem 20. Jahrhundert kommt Uwer zu dem Schluß, „wie wenig die Gegenwart im europäischen Blick auf den Orient zählte.“ (226) Diese Haltung zieht sich bis heute durch und führt dazu, daß die Realität der Menschen im Nahen Osten außen vor bleibt und sie nicht als handelnde Subjekte wahrgenommen werden. Die Verbesserung ihrer Lage spielt de facto keine Rolle. Es geht nur um die Projektion der antiamerikanischen Ressentiments wie der eigenen Geschichte auf diese Region. Sei es, daß deutsche Orientexperten einen irakischen „Volkssturm“ herbei schreiben (eigentlich herbeisehnen) oder sei es, daß die Friedensbewegung in Bagdad ein neues Dresden erblickt, es geht um die eigenen Befindlichkeiten. Der Unterschied zwischen der amerikanischen und „alt“-europäischen Außenpolitik ist deshalb zur Zeit einer ums Ganze.

Im nächsten Beitrag räumt Barry Rubin, Herausgeber der Middle East Review of International Affairs, mit dem Mythos auf, die amerikanische Außenpolitik sei traditionell antiarabisch. Dies ist die Grundlüge vieler Verschwörungstheorien. „Richtig ist vielmehr, daß führende US-Politiker zur Wahrung amerikanischer Interessen ihre Nahostpolitik so ausrichteten, daß sie eine größtmögliche Akzeptanz bei der größtmöglichen Gruppe von Arabern und Moslems fanden.“ (248) Rubin nennt vier Strategien, die benutzt werden, um die amerikanische Politik im arabischen Raum verzerrt darzustellen: Ignoranz gegenüber der faktischen Politik, Tatsachenfälschung, das Ignorieren von Bedrohungen der Region durch andere Faktoren und Kräfte, sowie die Reduktion der amerikanischen Politik auf die Unterstützung Israels. Als nächsten stellt Rubin die Frage des cui bono, wem nutzt der Antiamerikanismus?

Einerseits profitieren davon (islamistische) Oppositionelle, die damit die Massen agitieren, andererseits nutzen die Machthaber den Antiamerikanismus, um von eigenen Fehlern und von internen Problemen abzulenken. Die Masse der Bevölkerung hingegen sieht sich bestätigt, indem das beständig repetiert wird, was sie bereits in der Schule gelernt hat, was in den staatlichen Medien berichtet wird und was die Prediger in den Moscheen von sich geben.

Der Antiamerikanismus erfüllt also mehrere Funktionen in der arabischen Welt. Er trägt zur Konsolidierung der Zustände bei, verhindert eine rationale Diskussion über die Gründe und Ursachen des inakzeptablen status quo und fungiert als Mittel der Ablenkung. Abschließend resümiert Rubin: „Denn wenn die Wurzeln dieses Antiamerikanismus in der Befindlichkeit von Arabern und Moslems selbst liegen, so hängt seine Entwicklung von deren Bedürfnissen und von den Kräfteverhältnissen innerhalb ihrer Staaten ab und nicht davon, was die USA tun oder lassen. [...] Äußere Kräfte für alles und jedes verantwortlich zu machen, verhindert jeden ernsthaften Ansatz, sich mit den schwerwiegenden inneren Problemen und Missständen zu beschäftigen, die der wahre Grund für den Fortbestand von Diktaturen, Gewalt und Instabilität, einer relativ langsamen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung sind.“ (272)

Stephen Schwartz nimmt die Zustände in Saudi Arabien in Augenschein, die Zustände in einem Land „das schlicht die korrupteste und reaktionärste absolute Monarchie der Moderne [ist; seb], deren Herrscher weder begreifen, in was für einer tiefen Krise sich ihr Land befindet, noch Ideen haben, wie man diese Krise bewältigen kann.“ (273) Die Staatsideologie in Saudi Arabien, der Wahhabismus, ist eine besonders rigide Auslegung des islamischen Aberglaubens, die jede Pluralität und Toleranz a priori negiert. Schwartz plädiert für ein Ende der amerikanischen Unterstützung für diesen Staat und fordert einen grundlegenden Wandel in den saudisch-amerikanischen Beziehungen. Zur Initiierung dessen postuliert er unter anderem eine lückenlose Aufklärung über die saudische Verwicklung in die Anschläge am 11. September. Er hofft, daß eine Befreiung des Irak zu einer Welle der Demokratisierung im Iran führen werde, die letztlich auch das saudische Königshaus nicht unberührt lasse. Im letzten Beitrag des Buches behandelt Ayelet Banai-Miller die Auswirkungen des war on terror auf Israel. Es wird konstatiert, daß sowohl Islamfaschisten als auch Pan-Arabisten und die Majorität der Linken einen engen Konnex zwischen dem Konflikt im Irak und dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern sehen. Durch diese Überideologisierung erscheint Israel als die Wurzel allen Übels in der arabischen Welt und der Konflikt wird nicht als das gesehen, was er eigentlich ist: „ein Regionalkonflikt um Land, Grenzen und politischen Einfluß, der nur als solcher gelöst werden kann.“ (288) Die omnipräsente Dämonisierung Israels, die aus einer metaphysischen Betrachtung und nicht aus einer Analyse des realen sozialen und politischen Lebens resultiert, führt, wie Banai-Miller feststellt, zu phantastischen Bündnissen „zwischen den vermeintlich progressivsten Kräften Europas und Amerikas und den reaktionärsten Kräften der moslemischen Welt gegen den gemeinsamen Feind Israel und Amerika.“ (290) Hierdurch wird auch Herbert Marcuse widerlegt, der in einem Brief an Adorno schrieb, daß die Linken aufgrund ihrer immanenten Antinomien nie zu Rechten werden könnten. Wenn sich heute einige Verlautbarungen der Friedensbewegung wie Stellungnahmen von Al Qaida lesen, Antiimperialisten ganz offen mit Islamfaschisten paktieren und Linksnazis in Stockholm ein Pogrom gegen Juden veranstalten wollen, ist es evident, daß die Linke häufig die Avantgarde der Reaktion bildet.

Die Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern hält auch Banai-Miller für unumgänglich, jedoch aus anderen Gründen als die Linke. Unter anderem wachse in Israel beständig die Angst vor einer Verschlimmerung der Gewalt, was eine große Beeinträchtigung des Alltagsleben mit sich bringe. Als Prämissen für die unausweichliche Lösung ist zunächst eine Überwindung der obsessiven Züge, die die Beschäftigung mit dem Konflikt häufig trägt, sowie eine Entideologisierung zu bewerkstelligen. Trotz des ganzen Pathos in den letzten Jahren, der Theorien und Diskussionen über den Konflikt, der unzähligen Romane, Gedichte und wissenschaftlichen Abhandlungen, die ihm gewidmet sind, haben sich die realen Probleme nicht geändert: „Grenzen müssen gezogen werden, ein normales Leben muß ermöglicht werden. Dazu braucht man unter anderem gute Schulen und Universitäten, Arbeitsplätze, an denen Menschen möglichst ohne brutale Ausbeutung ihren Lebensunterhalt verdienen, Vergnügungsstätten und Krankenhäuser – dafür weniger Selbstaufopferung, weniger Rache und vor allem weniger heilige Vernichtungskriege um einer göttlichen Gerechtigkeit oder Erlösung willen. Jeder Schritt, der weg führt von der Verdichtung aller Konflikte im scheinbar manichäischen Kampf zwischen Israel und den Palästinensern, ist ein Schritt zur Lösung.“ (305)

Zusammenfassend lässt sich festhalten, daß das Buch, obwohl bereits vor einiger Zeit erschienen, nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Die Beschäftigung mit der Thematik ist keine voluntaristische Entscheidung des Kritikers, sondern wird ihm von der aktuellen globalen Situation aufgezwungen, was nicht zuletzt die mörderischen Anschläge in Madrid in brutaler Weise erneut unter Beweis gestellt haben. Die Lektüre des Buches sei hiermit anempfohlen und der grundlegenden Einschätzung zugestimmt, daß, wenn „das ‘Telos des Kapitals’ seine eigene Aufhebung in der Barbarei ist, dann, so lautet gegenwärtig die verwirrende Erkenntnis, stellen gerade diejenigen, die sich der Verbreitung des Kapitalismus verschrieben haben und in oft ans Zynische grenzender Naivität erklären, mehr Markt löse die Probleme der Menschheit, sich entschlossener der Barbarei – die heute im radikalen Islam ihren zeitgemäßen Ausdruck findet – entgegen als diejenigen, die in vermeintlich antikapitalistischer Manier zum Kampf gegen die USA mobilisieren. Der Skandal, daß Woche für Woche Tausende Kinder verhungern und Millionen Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag ihr Leben zu fristen gezwungen sind, wird zur Basis einer Lüge und zu Ideologie, wenn der Hinweise auf ihn zur Legitimation der suicide bombings verwendet wird.“

Aus: Conne Island Flyer CEE IEH N° 111/ 2004 (Leipzig)

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