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Nicolaj Wild

Deutschlands Griff zur Macht

Klaus Thörners Werk Der ganze Südosten ist unser Hinterland befaßt sich mit den Kontinuitäten der deutschen Südosteuropapolitik. Seine These ist, daß die Idee, den Südosten Europas quasi als Lebensraum zu beherrschen, nicht erst mit dem Erscheinen der Nazis aufkam, sondern eher eine fast 100 Jahre andauernde politische Ambition war. Der Titel des Buches geht auf ein Zitat des deutschen Nationalökonomen Friedrich List zurück, der als Erster die Ansicht vertrat, daß der südosteuropäische Raum für das Schicksal des deutschen Volkes von entscheidender Bedeutung sei. Es sollte sich diese wirtschaftlich und kulturell rückständigen Landstriche zu Diensten machen. Thörner erläutert, wie das deutsche Reich sich anschickte, ein kontinentales “informal Empire” zu kreieren, welches wirtschaftlich ungleich bedeutender war als seine Handvoll Kolonien in Übersee. Hierbei kristallisierte sich heraus, daß der Balkan sehr wohl den Knochen eines pommerschen Grenadiers wert war. Obgleich Lists Ansichten anfangs nur bei der Frankfurter Versammlung Begeisterung fanden, wurden sie schon bald vom kleindeutschen Kanzler und “honest Broker” Bismarck ausgeführt. Länder wie Bulgarien und Rumänien wurden durch eine “Penetration Pacifique” gefügig gemacht und in Abhängigkeit von der deutschen Industrie gebracht. Dieser Prozeß wurde durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg lediglich für kurze Zeit unterbrochen.

Während der Weimarer Republik erlangte der neue Begriff “Mitteleuropa” eine ähnliche Bedeutung. So wurde im Sinne der Geopolitik eine Politik vertreten, die nach der Machtergreifung Hitlers in unveränderter Form weitergeführt wurde. 1945 bedeutete eine weitere Zäsur für deutsche Ambitionen, da der Südosten für mehr als vier Dekaden hinter dem Eisernen Vorhang verschwand. Obwohl dieses 2008 erschienene Buch nur bis 1945 reicht, erklärt es dennoch in anschaulicher und gut dokumentierter Art einige der Gründe, warum der Südosten Europas auch heute noch mit den Ergebnissen seiner langen Geschichte externer Einflußnahme zu kämpfen hat.

Aus: Novo-Argumente Nr. 108/109 (September – Dezember 2010), S. 126

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