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ça ira-Verlag

Rico Rokitte

Synonyme deutscher Vorherrschaft

Die allgemeine Beschreibung und Kritik deutscher Südosteuropapolitik stellt in der linken Publikationslandschaft der letzten Jahre nicht unbedingt ein Nischenthema dar. Durch den Angriff der Nato auf Jugoslawien im Jahre 1999 wurde das Thema durchaus viel diskutiert. Daher ist es erstaunlich, daß erst jetzt im Freiburger ça ira-Verlag eine Zusammenfassung deutschen Herrschaftsstrebens in Südosteuropa erschienen ist. Klaus Thörner knüpft mit seiner in Buchform publizierten Dissertation Der ganze Südosten ist unser Hinterland an seine bisher veröffentlichten Analysen deutscher Balkanpolitik an und liefert einen 576 Seiten dicken Baustein zur politischen und insbesondere wirtschaftspolitischen Analyse. Die großdeutschen Erweckungsbewegungen samt ihrer Versammlungen in der Frankfurter Paulskirche mit dem sofortigen (jedoch zunächst theoretischen) Griff nach Südosten ab 1840 und der folgende Weg bis hin zur militärischen Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland 1945 legt für Klaus Thörner den zeitlichen Untersuchungsrahmen fest. Innerhalb dieses Zeitraumes sei es vor allem die Person Friedrich List und dessen Werk Das nationale System der Politischen Ökonomie – eine Forderung und Beschreibung der Notwendigkeit deutscher Herrschaft in Südosteuropa, – die sich in allen Phasen bis 1945 auffinden ließe. Lists stetig erweitertes Konzept deutscher Südostexpansion böte ab 1841 von der minimalen Sicherung der Handelsrouten bis hin zur »natürlichen« Assimilation der »slawischen Bauernvölker« durch die »kulturreiche deutsche Nation« jeder deutschen Regierung das notwendige Handwerkszeug. Das deutsche Hinterland lag ab dato klar umrissen zwischen dem schwarzen Meer und der Adria. Der ansässigen Bevölkerung war die Rolle des Lieferanten von Rohstoffen und Agrarprodukten angedacht. Ebenso waren Rußland bzw. Serbien im zukünftig »unvermeidbaren Kriege« zu zerschlagen. Zwischen der Behauptung der perspektivischen »Vernichtung der slawischen Barbaren« durch Friedrich Engels 1849 (80) und der Zuordnung von Slowenien und Kroatien durch die deutsche Presse des Jahres 1991 als traditionell zum deutschen Kulturraum zugehörig, liegt mehr als ein Jahrhundert und eine letztendlich besonders für Serbien unheilvolle Kontinuität deutschen Expansionsdrangs und Antislawismus. Die konzentrierte Konsequenz einer besonders in Ost- und Südosteuropa verwirklichten Vorstellung: »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen«. (63) Diese Kontinuität belegt Thörner in ihren verschiedenen Entwicklungsphasen exemplarisch: Die List'schen Planungen und Legitimationsschriften finden sich in den Debatten der Paulskirchenversammlung als auch seit der Reichsgründung in der Bismarck'schen Politik und dem Ersten Weltkrieg wieder – und nach einem Transformationsschritt in Friedrich Naumanns »Mitteleuropa«-Konzept. Die zugrunde liegende antislawische bzw. antirussische deutsche Mission war schon ausreichend seit dem zehnten Jahrhundert tradiert und verfestigt.(62) Der Nationalsozialismus stellte mit seinen Plänen der »Großraumwirtschaft« und der Südosteuropa darin zugedachten Rolle als Ergänzungsraum bzw. Nahrungsmittel- und Rohstoffbasis des zukünftigen Krieges gegen die Sowjetunion die Vollendung eines bis dahin erfolgreichen Wirtschaftsimperialismus, Rüstungs- und Kolonialstrebens dar. Bei der Beschreibung der erst 1945 unterbrochenen Kontinuität deutscher Südosteuropapläne vermeidet Thörner die Überbewertung von Einzelerscheinungen und Zufälligem. Kontinuität ist nach seiner umfassenden Darlegung sozialgeschichtlicher und wirtschaftlich-materieller Faktoren bzw. außenpolitischer und militärischer Ziele auch ohne diese augenscheinlich.

Als Resultat der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands konnte die Bundesregierung erst 1991, so ein Ausblick Thörners, wieder einen außenpolitischen Alleingang wagen: Nach der Anerkennung der Eigenständigkeit von Slowenien und Kroatien, betrieben von der deutschen Bundesregierung, stand der Zerschlagung Jugoslawiens unter Mithilfe der EU jetzt nichts mehr im Weg. Einer EU, dem bereits der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg in einer Denkschrift zu den Kriegszielen 1914 und dem zugrundeliegenden Naumann'schen Mitteleuropa-Konzept schon bedrohlich nahe zu kommen scheint: Ein solcher, vorwiegend ökonomisch orientierter Zusammenschluß »unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren«. (256) Mit diesem Resümee vernachlässigt Thörner jedoch die ab 1945 zu konstatierenden Brüche in der Praxis von Bundesrepublik und DDR und überträgt die deutsche Kontinuitätsidee sehr zweifelhaft auf eine aktuelle Bündnispolitik von NATO und BRD.

Trotzdem, diese erste Zusammenfassung der Geschichte deutschen Herrschaftsstrebens in Südosteuropa durch Klaus Thörner ist ein notwendiges – und bis 1945 umfassend analysiertes – Basiswerk auf hohem Niveau.

Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität N° 32 (Juni 2009)

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