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Jörg Kronauer

Gedeih und Verderb

Es gibt Legenden, die jede Widerlegung überstehen. Dazu gehört die Behauptung, das Deutsche Reich habe zu Bismarcks Amtszeit keine besonderen Interessen in Südosteuropa verfolgt. Er meine, daß der »Balkan nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert« sei, hatte der Reichskanzler einst gesagt, und daraus wird bis heute der Kurzschluß gezogen, Südosteuropa sei der deutschen Regierung damals reichlich egal gewesen.

Offenbar fallt der Gedanke schwer, daß Berlin Interessen verfolgt, ohne gleich Soldaten zu schicken. Genau dies war jedoch in den Siebzigern und Achtzigern des 19. Jahrhunderts der Fall. Der Beginn der ökonomischen Durchdringung Südosteuropas durch deutsches Kapital wurde noch nicht militärisch, sehr wohl aber politisch flankiert, etwa durch die Einsetzung deutscher Fürsten als Regenten in Rumänien und Bulgarien sowie durch die Ausrichtung des Berliner Kongresses. Der »ehrliche Makler« Otto von Bismarck makelte 1878 so ehrlich, daß das Deutsche Reich in den folgenden Jahren in Südosteuropa immer stärker wurde und Rußland erkennbar an Einfluß verlor. Nicht zuletzt degradierte sein Maklertum die Länder von Serbien bis Bulgarien quasi zu Halbkolonien, was den deutschen Machtgewinn beschleunigte.

In der Tat begann die wirtschaftliche Aneignung und politische Anbindung Südosteuropas durch das Deutsche Reich »bereits in der Regierungszeit Bismarcks«, schreibt Klaus Thörner in seinem Buch über die deutschen Südosteuropapläne von 1840 bis 1945. Die Pläne, denen zufolge die Gebiete an der unteren Donau zu deutschen Kolonien werden sollten – als Rohstoffquellen und Absatzmärkte –, gehen bis zu Überlegungen von Friedrich List in den 1840er Jahren zurück. In den Paulskirchen-Debatten spielten sie ebenso eine Rolle wie später, als sie im »Mitteleuropa«-Konzept von Friedrich Naumann (1915) und in der Weimarer Republik, etwa beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag, aufgenommen wurden. Hermann Gross von der IG Farben nannte Südosteuropa 1937 »eines der größten und wichtigsten Rohstoffgebiete der alten Welt«.

»Von den 1840er Jahren bis 1945 zieht sich eine Linie deutscher Südosteuropaplanungen, in. Denen ... das wesentliche Ziel kontinuierlich verfolgt wurde«, schreibt Thörner: »Südosteuropa sollte als ein auf niedriger Entwicklungsstufe gehaltenes Wirtschaftsgebiet zum deutschen Rohstoff- und Agrarproduktelieferanten und zum Absatzmarkt deutscher Industriegüter werden.« Der Nachweis ist dem Autor im Detail und überzeugend gelungen. Wer verstehen will, warum Südosteuropa nun »als ökonomisches, politisches und militärisches Hinterland auf Gedeih und Verderb an Deutschland gekettet ist«, kommt um die materialreiche Analyse von Thörner nicht herum.

Aus: Konkret N° 7/2009, S. 20

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