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gpf - Klaus Thörner

Ohne Eigenständigkeit

german-foreign-policy.com: Sie arbeiten in Ihrem Buch über die deutschen Südosteuropapläne von 1840 bis 1945 deren Kontinuitäten heraus. Worin liegt der Kern?

Dr. Klaus Thörner: Der Kern dieser Kontinuitäten liegt darin, dass deutsche Politiker, Ökonomen und Wissenschaftler - angefangen bei Friedrich List, dem Vater der deutschen Na­­tio­­­nal­­­­ökonomie – Südosteuropa zum deutschen Hinterland herabstufen und damit seine eigen­­­ständige Entwicklung verhindern wollten. Man hatte vor, Südosteuropa zu einem Gebiet machen, das Deutschland Rohstoffe und Agrarprodukte liefert und in das Deutschland seine Indu­­­striegüter exportieren kann.

gfp.com: Serbien hat den deutschen Planungen bald im Wege gestanden. Warum?

Thörner: Serbien wurde 1878 auf dem Berliner Kongress von den Großmächten als eigener Staat anerkannt. In dieser Zeit, in den 1870er Jahren - der deutsche Nationalstaat war gerade gegründet worden - begannen die Eisenbahnbauten in Richtung Südosteuropa und Nahost, die unter der Bezeichnung “Bagdad-Bahn” bekannt geworden sind. Das Bagdadbahnprojekt unter Führung der Deutschen Bank war ausgerichtet auf eine ökonomische Durchdringung Südosteuropas und des Nahen Ostens durch die deutsche Wirtschaft. Das Deutsche Reich wollte sich mit ihm gegenüber den anderen Großmächten, die starke Seemächte waren – Groß­­britannien, Frankreich, später auch die USA -, ein eigenes Hinterland aufbauen, das man über eine Landbrücke, nämlich den Balkan, erreichen konnte. Serbien hat versucht, diese Bahn­­strecke, soweit sie über sein Territorium verlief, zu verstaatlichen. Damit wäre die Expan­­sions­­linie von Berlin an den Persischen Golf - sie sollte bis Basra führen – durch­­schnitten worden. Deutsche Wissenschaftler, unter anderem Friedrich Naumann, das große Vorbild der FDP und der Namensgeber ihrer Parteistiftung, haben ab 1913 ausdrücklich vom “serbischen Riegel” gesprochen, der der unter dem Schlagwort “Mitteleuropa” geplanten deutschen Expansion ein Hindernis entgegensetze. Dies war, wie ich in meinem Buch darlege, der wesentliche Hinter­­grund für den deutsch-österreichischen Angriff auf Serbien 1914 und damit für den Ersten Weltkrieg.

gfp.com: Welche Rolle spielte Russland damals?

Thörner: Serbien und Russland hatten seit den 1870er Jahren das gemeinsame Ziel, einen Zugang zum Mittelmeer zu bekommen. Das war eines der Motive für das Bündnis zwischen Serbien und Russland. Alle anderen Handelswege verliefen über Österreich-Ungarn und über das Deutsche Reich und waren damit von diesen Staaten abhängig. Ein eigener Hafen an der Adria hätte es Serbien und Russland ermöglicht, via Mittelmeer eine jeweils eigenständige europäische Wirtschaftspolitik zu betreiben. Genau dies wollten das Deutsche Reich und Öster­­reich-Ungarn aber von Anfang an verhindern. Sie erreichten das unter anderem durch die zuvor von ihnen geforderte Ausrufung des Staates Albanien auf der Londoner Konferenz vom De­zem­­ber 1912. Als einziges Zugeständnis wurde dem russischen Bündnispartner Serbien dort das Kosovo zugesprochen.

gfp.com: Die deutsche Aggression gegen Belgrad setzte sich auch nach dem Ersten Weltkrieg fort...

Thörner: Eine wesentliche Schlussfolgerung der deutschen Militärs aus dem Ersten Weltkrieg war es, dass man in einem künftigen Krieg Hungersnöte im Deutschen Reich unbedingt ver­mei­­den müsse, da der Hunger große Unzufriedenheit hervorgerufen hatte und letztlich ein Motiv für die Novemberrevolution 1918 gewesen war. Damit rückte Südosteuropa als Ernährungsbasis, als “Ergänzungsraum”, wie es in den Großraumplänen immer wieder hieß, auch kriegsstrategisch stärker in den Mittelpunkt. Die deutschen Planer waren überzeugt, sie könn­ten einen Angriff auf die Sowjetunion nur führen, wenn sie sich Südosteuropa als Ernährungsbasis gesichert hätten. Rumänien und Bulgarien wurden Ende 1940, Anfang 1941 über den erzwungenen Beitritt zum Dreimächtepakt unter deutsche Kontrolle gebracht. Auch Jugoslawien hatte den Pakt im März 1941 zunächst unterschrieben. Damit meinte Berlin die Gewähr zu haben, die Sowjetunion noch im Frühjahr 1941 angreifen und in einem Blitzkrieg be­siegen zu können. Die jugoslawische Bevölkerung jedoch protestierte gegen den Pakt, was zum Sturz der Regierung und zur Rücknahme der Unterschrift führte. Daraufhin setzte Berlin den Angriff auf Jugoslawien in Gang, bombardierte Belgrad und zerschlug Jugoslawien in mehrere Teile.

gfp.com: Sie beschreiben in Ihrem Buch Kontinuitäten von 1840 bis 1945. Brach die Tradi­tionslinie 1945 ab?

Thörner: Nein, keineswegs. Natürlich wurde dem deutschen Expansionsdrang durch die Grün­dung Jugoslawiens wieder ein Riegel vorgeschoben - ein ähnlicher Riegel, wie ihn die Pariser Frie­densverträge bereits nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen hatten, nämlich mit der Gründung Jugoslawiens und der Tschechoslowakei. Jugoslawien war nach dem Zweiten Welt­krieg sogar noch stärker als nach dem Ersten. Auf der Planungsebene in der Bundesrepublik Deutschland jedoch gab es keinen Bruch. Wesentliche Planer, etwa Wissenschaftler wie Her­mann Gross, der während des Zweiten Weltkriegs für die IG Farben gearbeitet hatte, waren weiter aktiv, zum Beispiel beim Südosteuropa-Institut in München. Sie haben in führenden Po­si­tionen weiterhin die Ansicht vertreten, Südosteuropa könne nicht eigenständig wirtschaften, sei nur in Abhängigkeit zur deutschen Wirtschaft zu begreifen. Solche Ansichten werden bis in die Gegenwart vertreten. Spätestens seit den 1960er Jahren wurde auch wieder versucht, Jugoslawien zu zerschlagen und die ökonomisch für Deutschland lukrativen Gebiete, Kroatien und Slowenien, aus Jugoslawien herauszubrechen. Das hat man nicht nur mit der Gast­arbeiteranwerbung versucht, sondern vor allem auch mit Geheimdienstaktivitäten unter Nut­zung alter Kontakte zu früheren Ustascha-Verbündeten. Der “Kroatische Frühling”, die ersten großen Proteste gegen den Fortbestand Jugoslawiens Ende der 1960er Jahre, wurde beispiels­weise vom deutschen Auslandsgeheimdienst gefördert.

gfp.com: Sehen Sie in der aktuellen deutschen Südosteuropa-Politik Parallelen zu früheren Pha­sen deutscher Expansion?

Thörner: Auf jeden Fall. Selbstverständlich gibt es Unterschiede: Südosteuropa hat heute si­cher­­lich eine andere Funktion als früher, ist weniger Ernährungsbasis als Zulieferer für die deutsche Industrie, wobei konkurrenzfähige Betriebe gezielt ausgeschaltet wurden - man denke etwa an die ehemalige jugoslawische Rüstungsindustrie, die während der Kriege in den 1990er Jahren zerschlagen wurde, oder an die Zerstörung des Zastava-Werkes durch die NATO-Bom­­bar­­­dierung im Jahr 1999, durch die der Versuch, eine eigenständige südosteuropäische Automobilindustrie zu erhalten, beendet wurde. Aber die Parallelen sind stark. So hat es Deutsch­­land erreicht, Jugoslawien zu zerschlagen, angefangen mit seinem ersten politischen Alleingang nach dem Zweiten Weltkrieg, der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens im Dezember 1991, bis zur Sezession des Kosovo im Februar 2008. Damit zielte die deutsche Poli­tik übrigens, wie schon mit dem Vertrag von Brest-Litowsk im Frühjahr 1918, auch darauf ab, das im internationalen Recht bisher vorrangige Prinzip der Achtung der territorialen Integrität von Staaten durch das deutsche Separierungs-Prinzip vom Selbstbestimmungsrecht der Völker” auszuhöhlen - ein gefährlicher Präzendenzfall.

Womöglich ist die Zerschlagung des Landes noch nicht zu Ende: Eine Spaltung Bosnien-Herzegowinas kann ebensowenig ausgeschlossen werden wie eine Abtrennung der Vojvodina. Damit hat Deutschland das Ziel erreicht, das es schon im Ersten und vor allem im Zweiten Weltkrieg verfolgte: die vollständige Filetierung Jugoslawiens. Wenn man so will, ist auch das Kriegszielprogramm vom September 1914 mehr oder weniger Realität geworden. Darin war als wesentliches Ziel die Errichtung eines “mitteleuropäischen Großwirtschafts­­raumes” genannt worden – formell unter Gleichberechtigung sämtlicher Mitglieder, informell aber unter deutscher Führung. Das ist nicht weit von den Verhältnissen entfernt, die wir heute in der EU haben: ein zollfreier Raum, in dem abhängige Staaten zusammengeschlossen sind, offiziell auf gleicher Augenhöhe, faktisch aber strikt unter deutscher Wirtschaftskontrolle.

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