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ça ira-Verlag

Jérôme Seeburger

Die reale Vollstreckung der antisemitischen Projektion

Mit dem vorliegenden Buch machen die Herausgeber Lynn Ciminski und Martin Schmitt das Hauptwerk Alexander Steins, Adolf Hitler, Schüler der »Weisen von Zion«, aus dem Jahr 1936 wieder zugänglich. Stein weist dort nach, dass sich die politischen Vorstellungen und Handlungen Hitlers an den sogenannten »Protokollen der Weisen von Zion« orientierten. Neben der mit editorischen Anmerkungen versehenen Schrift Steins enthält das Buch einen umfangreichen Materialteil. Dieser umfaßt eine biographische Skizze, einen Lebenslauf und eine Bibliographie Steins, die seine Tochter Hanna Papanek erarbeitet hat, einen Essay der Herausgeber, zwei weitere Aufsätze Steins (1937/39) und einen Aufsatz von Boris Nikolajewsky (1935).

Wegen dieser Materialien ist das Buch mehr als die Dokumentation der ersten Studie, die die doppelte Funktion der »Protokolle der Weisen von Zion« für den nationalsozialistischen Antisemitismus systematisch untersucht hat. Ausgehend von der Biographie des linken jüdischen Sozialdemokraten Alexander Stein, der 1933 aus Deutschland zunächst nach Prag geflüchtet war, ermöglicht das Buch einen Einblick in die Auseinandersetzungen um die Analyse des Antisemitismus und des Nationalsozialismus innerhalb der exilierten Sozialdemokratie. Dem Essay der Herausgeber zufolge bestand die Auseinandersetzung darin, dass große Teile der SoPaDe (die Exil-SPD) sich lange dieser entzogen und nur ein kleiner Teil diese einforderte. Zu letzterem gehörte Nikolajewsky, der in seinem Aufsatz die geschilderte Situation problematisierte, die Notwendigkeit der Analyse des Antisemitismus betonte, dessen zentrale Bedeutung für den Nationalsozialismus erkannte und auch Unterschiede des modernen Antisemitismus zu den bis dahin bekannten Formen zu benennen wußte. Nikolajewsky sah, dass der Antisemitismus in den »Protokollen der Weisen von Zion« einen neuen Inhalt gefunden hatte. Auch er vermutete, dass die Protokolle darüber hinausgehend dem Nationalsozialismus als politische Orientierung dienten (S. 283). Eine Vermutung, die Carl Albert Loosli schon im Berner Prozeß 1934/35 geäußert hatte, jenem ersten Prozeß gegen die Protokolle, der ihre Eigenschaft als Fälschung und Plagiat juristisch feststellte. Alexander Stein, der wie Nikolajewsky die Dringlichkeit der Analyse des nationalsozialistischen Antisemitismus einsah, entwickelte dann ausgehend von jener Vermutung seine Studie.

Diese ist dreigeteilt. Im ersten Teil versucht Stein einmal, die wesentlichen Elemente der nationalsozialistischen Ideologie zu erfassen und zu ihren Ursprüngen zurückzuverfolgen, zweitens, die Geschichte der Protokolle zu skizzieren. Für Steins Analyse ist hier der Umstand von Interesse, dass es sich bei einer der Quellen, die in den Protokollen plagiiert werden, um ein von Maurice Joly 1865 verfaßtes Totengespräch zwischen Machiavelli und Montesquieu handelt, mit dem Joly das autoritäre Regime Napoleons III. kritisierte. Der zweite Teil ist die vergleichende Analyse der Protokolle mit Hitlers Mein Kampf, dessen Reden, den Schriften Alfred Rosenbergs und der nationalsozialistischen Politik. Stein nimmt den Vergleich in Bezug auf Staat, Recht, Gewalt, Propaganda, Erziehung, Verhältnis zwischen Führung und Bevölkerung und Außenpolitik vor. Er weist erstens nach, dass es in diesen Punkten bemerkenswerte Übereinstimmungen gab und die nationalsozialistische Taktik und Wahl der politischen Mittel, vermittelt über die Joly-Versatzstücke der Protokolle, von Machiavelli inspiriert gewesen ist. Zweitens zeigt Stein auf, dass die Politik des Nationalsozialismus auch in einer weiteren Hinsicht an den Protokollen orientiert gewesen ist, insofern ihr ebenjenes Weltherrschaftsstreben zu eigen war, das der imaginierten jüdischen Weltverschwörung zugeschrieben wird. Weil Stein diesen Zusammenhang erkennt und weiß, dass der nationalsozialistische Antisemitismus auf Vernichtung drängte, ist er sich im abschließenden dritten Teil sicher, dass es sich bei dem »permanente[n] kalte[n] Pogrom« (S. 148) im Inland um den »Ausgangspunkt eines Welt-Pogroms« (S. 161) handelte.

Lynn Ciminski und Martin Schmitt räumen in ihrem Essay ein, dass Steins Schriften bis 1940 »nur sehr begrenzt als Beitrag zur Theorie des politischen Antisemitismus zu interpretieren sind« (S. 171) und ihr agitatorischer und interventionistischer Charakter berücksichtigt werden muss. Diesem sei der »Mangel an begrifflicher Präzision und Systematik« (S. 172) geschuldet. Die Herausgeber würdigen aber auch Steins Erkenntnis und Nachweis des projektiven Charakters des nationalsozialistischen Antisemitismus, der, wie sie in ihrem Essay zeigen, in der später entwickelten Kritik des Antisemitismus sowohl Hannah Arendts als auch Theodor W. Adornos und Max Horkheimers eine zentrale Stellung eingenommen hat. Außerdem sei an Steins Arbeit bemerkenswert, dass er sich von sozialistischen ökonomistischen Analysen gelöst und Hitler beim Wort genommen habe (vgl. S. 171 f.). Daß Steins Analyse des Nationalsozialismus und Antisemitismus dennoch stark von sozialistischen Theoremen beeinflußt war, die ihn bei der Erkenntnis seines Gegenstandes behinderten, arbeiten Ciminski und Schmitt leider nicht heraus. Als Beispiele seien der positive Fortschrittsbegriff und die Trennung von Führungsclique und Bevölkerung (vgl. S. 162 f.) angeführt. Wegen letzterer erkannte Stein einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Leitfaden der Protokolle und dem Nationalsozialismus nicht: dass es sich bei diesem um keine geheime Verschwörung gehandelt hat. Immerhin konnte Stein in seiner Analyse die Protokolle mit nationalsozialistischen Schriften und Reden vergleichen, die frei erhältlich und meist weit verbreitet gewesen sind.

Aus: Bulletin des Fritz Bauer-Instituts 8/2012

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