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ça ira-Verlag

Franziska Krah

Die “Weisen von Zion” als Lehrmeister?

Alexander Steins (1881-1948) Analyse der Hitlerschen Weltanschauung

Daß Antisemitismus zwar nicht mehr so offen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt werden kann, nichtsdestotrotz aber noch immer ein mehr oder minder integrativer Bestandteil europäischer Gesellschaften darstellt, muß nicht lange bewiesen werden. Die jüngst im Stern [ 1 ] abgedruckte Karikatur über den Finanzmarkt hätte so oder so ähnlich auch im Stürmer erscheinen können. Daß es darauf jedoch keinerlei bemerkbare Reaktionen gab, ist allerdings erstaunlich. Ist es doch hierzulande schwieriger geworden, Antisemitismus so einfach und ohne Widerspruch unter die Leute zu bringen – man habe ja schließlich aus der deutschen Vergangenheit gelernt und läßt sich auch nicht mehr ohne Weiteres von Charisma oder schicker Hugo Boss Kleidung täuschen.

Ein richtiger Verkaufsschlager, der den Antisemitismus als Konzept einer jüdischen Weltverschwörung zu vermitteln sucht, sind die seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst im europäischen Raum in Umlauf gebrachten “Protokolle der Weisen von Zion”. Der französische Antisemitismusforscher Henri Rollin behauptet gar, es sei das nach der Bibel am weitesten verbreitete Buch der Welt. Heute wird es vor allem im arabischen und russischen Raum erfolgreich vertrieben. Die Protokolle enthalten viele der seit Jahrhunderten überlieferten bösartigsten Lügen über die Juden, aber auch neue Elemente, wie etwa, daß die Juden für etliche Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts verantwortlich seien. Daß dieses so populäre Büchlein das Werk stümperhaft arbeitender Schreiberlinge ist, die sich vor allem bereits vorhandener Quellen bedienten und diese leicht abgewandelt zusammen setzten, muß ebenso wenig bewiesen werden – bereits etliche Autoren setzten sich in der Vergangenheit damit auseinander. [ 2 ]

Trotzdem erschien im ça ira-Verlag Ende 2011 ein Buch zur Thematik – ein Werk, das bereits im Jahr 1936 erschienen war. Die Gründe für die Neuauflage geben die Herausgeber von Alexander Steins “Adolf Hitler, Schüler der »Weisen von Zion«” selbst an: Lynn Ciminski und Martin Schmitt wollen mit der Herausgabe des Buches nicht zur Entlarvung der Protokolle als Fälschung beitragen, sondern auf andere Aspekte hinweisen. Stein beschäftigte sich nämlich nicht vornehmlich mit der Entlastung der Anklage gegen die Juden, sondern wußte vielmehr nachzuweisen, daß die Protokolle als Lehrbuch und Handlungsanweisung der nationalsozialistischen AntisemitInnen dienten. Damit kann Stein die Begeisterung der Nazis für die Protokolle angesichts des völkisch-germanischen Welteroberungstraums erklären. Daneben schaffte er es, zentrale Aspekte der nationalsozialistischen Weltanschauung faßbar zu machen und das enorme Bedrohungs- und Vernichtungspotential der NS-Ideen von “Lebensraum” und “Endlösung” hervorzuheben, indem er Hitler beim Wort nahm. Mit seiner Analyse deckte Stein die letzten Ziele der NationalsozialistInnen auf, was seine Arbeit von vielen anderen Prognosen der Zeit abhebt. Ein Großteil von Steins Buch macht das Nebeneinanderstellen von Auszügen aus den Protokollen und Hitlers “Mein Kampf” bzw. der nationalistischen Praxis aus. Stein benutzte hierfür verschiedene Dokumente wie Zeitungsartikel, Reden und geheime Instruktionen des deutschen Propagandaministeriums, um seine Hauptthese zu untermauern, daß die Protokolle als Leitfaden für den nach Macht drängenden Nationalsozialismus dienten. Resümee seines Vergleiches ist, daß die NS-Realität sogar schlimmer als die in den Protokollen formulierten Vorstellungen einer neuen Weltordnung ist, was allein die Errichtung von Konzentrationslagern deutlich mache.

Beachtlich ist auch Steins Feststellung, der damals verbreitete Glaube an eine Wandlung der Terrorpolitik aufgrund einer eintretenden Normalisierung des NS-Systems sei ein utopischer: Judenhaß und Terror seien so eng mit dem pathologischen Charakter des gesamten Systems verbunden, daß sie sich selbst preisgeben würden, wenn sie ihr Verhalten änderten. Ciminski und Schmitt haben sehr aufwendig und genau gearbeitet, um Steins Buch aus der Versenkung zu holen. Sie nahmen leichte Veränderungen am Text vor, um ihn lesbarer zu machen, überprüften die Zitate und ergänzten Steins Text um später erschienene Literatur. Sie selbst geben auf knapp einhundert Seiten einen Einblick in die Entstehung, Verbreitung und Bekämpfung der “Protokolle”, und beschreiben die sozialdemokratische Bewegung sowie Steins Verhältnis zu ihr. Außerdem konnten sie Steins Tochter Hanna Papanek, die mit ihm in die USA floh, für ihr Projekt gewinnen. Neben einer Bibliographie von Steins Veröffentlichungen erweitert sie das Buch um einen einführenden Aufsatz, der über den biographischen Hintergrund ihres Vaters aufklärt. So führt sie aus, wie Stein, Sohn einer jüdischen Handwerkerfamilie in Lettland, 1907 nach Berlin ging, wo er von Beginn an in sozialistischen Kreisen verkehrte, sich der USPD anschloß und 1925 als Bildungssekretär der SPD zu arbeiten begann. Ferner geht sie auf seine 1933 erfolgte Flucht in die Tschechoslowakei ein, wo er unter schweren Bedingungen seine Arbeit zu Hitler und den Protokollen anfertigte; und äußert sich zu den schwierigen Bedingungen seiner 1938 begonnenen Auswanderung nach New York, wo er bis zu seinem Tod lebte und publizistisch aktiv war.

Nicht nur Steins Analyse, sondern auch sein biographischer Hintergrund, machen die Lektüre lesenswert. Wer allerdings noch das Urteil einer Koryphäe benötigt, um sich davon überzeugen zu lassen, dem sei gesagt: Auch Hannah Arendt beeindruckte Alexander Steins Arbeit und bedauerte sehr, daß sie lange Zeit kaum Beachtung fand.

Anmerkungen

[ 1 ] Vgl. Stern 50/2011 (08.12.2011), S. 34.

[ 2 ] Als Standardwerke gelten heute Norman Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Zürich 1998; Ben-Itto, Hadaßa: Die Protokolle der Weisen von Zion. Anatomie einer Fälschung, Berlin 1998 und Stephen Eric: Ein Gerücht über die Juden. Die »Protokolle der Weisen von Zion« und der alltägliche Antisemitismus, Berlin 1999

Aus: HUch (Humboldt Universität collected Highlights)

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