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Dirk Farke

Die Quellen des Antisemitismus


Vor 75 Jahren erschien ein Buch, das die anti-jüdische Propaganda der Nationialsozialisten demaskierte. Damals fand es wenig Beachtung. Jetzt wurde es neu aufgelegt

Antisemitismus ist bis heute eines der zentralen ideologischen Elemente im Rechtsextremismus. Dies ist eins der wichtigsten Ergebnisse des ersten deutschen Antisemitismusberichts, der im Auftrag des Deutschen Bundestags erstellt und am 23. Januar in Berlin vorgestellt wurde. Das damit verbundene Feindbild verberge sich dabei häufig hinter anderen Agitationsthemen wie “Globalisierung”, “Systemkritik”, “Überfremdung” und “Israelkritik”.

Im Unterschied zur Weimarer Republik, so die Studie, existiere heute allerdings ein “anti-antisemitischer Konsens” in Medien und Politik, und rechtsextremistische Organisationen seien vor dem Hintergrund der Geschichte des Dritten Reiches weitgehend isoliert. Dass hier jedoch lediglich ein “Soll-Zustand”, nicht aber die Realität wiedergegeben wird, ergibt sich aus einer weiteren wichtigen Erkenntnis dieser Studie. Demnach sind auch heute noch rund 20 Prozent der Deutschen – und zwar bis weit in das bürgerliche Spektrum hinein – als zumindest “latent antisemitisch” zu bezeichnen.

Analyse einer antisemitischen Hetzschrift

Was sind die Gründe, was sind die Ursachen, warum es damals wie heute dem antisemitischen Lager in so erschreckender Art und Weise gelingt, ihre Hirngespinste unter das Volk zu bringen? Mittel zum Zweck hierzu sind nach wie vor antisemitische Publikationen, von denen eine damals wie heute eine besondere Bedeutung zukommt: die “Protokolle der Weisen von Zion”. Diese antisemitische Hetzschrift, von unbekannten Redakteuren auf Grundlage mehrerer fiktionaler Texte erstellt, wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Fälschung entlarvt und in einem Gerichtsverfahren 1934/35 in Bern auch offiziell dazu erklärt.

Nun tauchte bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter liberalen Publizisten die These auf, dass sich die Antisemiten offenbar genau an den Maximen zu orientieren scheinen, die sie den Juden unterschoben und die letztendlich in den angeblichen Plänen des Weltjudentums, die Weltherrschaft zu übernehmen und ein künftiges jüdisches Weltreich zu errichten, kulminierten. Auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt und in einer textvergleichend vorbildlichen Weise analysiert hat diesen Zusammenhang der sozialdemokratische Journalist und Publizist Alexander Stein in seiner 1936 im Karlsbader Graphia Verlag erschienen Arbeit “Adolf Hitler, Schüler der Weisen von Zion”.

Prognosen eines prophetischen Autors

Anhand von 106 Zitaten aus den “Protokollen” und Hitlers “Mein Kampf”, sowie Alfred Rosenbergs “Mythus des 20. Jahrhunderts” arbeitete er heraus, wie sich die “jüdische Weltverschwörung” in den Weltherrschaftsphantasien der Nationalsozialisten gleichsam widerspiegeln. In beeindruckender Art und Weise gelingt dem Autor der Nachweis, dass es nicht die Juden sind, die die Welteroberung vorbereiten, sondern die Antisemiten. Die sogenannten Protokolle dienen den Ariern lediglich als Lehrbuch und Handlungsanweisung, um die Vernichtung der “jüdischen Gegenrasse” in die Tat umzusetzen.

Alexander Stein, als Alexander Rubin┼ítejn in Lettland 1881 geboren, flüchtete, als Mitarbeiter der russisch sozialdemokratischen Partei stets von Verhaftung bedroht, Anfang 1906 nach Ostpreußen. Nach einem kurzen Studium der Nationalökonomie und Geschichte zog er 1907 nach Berlin und arbeitete dort u.a. für die  SPD-Parteizeitung Vorwärts. Sein Hauptinteresse galt dem Sozialismus, der Demokratie, der Gefahr autokratischer Tyrannen und dem Schicksal der Juden.

Stein gehört zu den ganz wenigen Autoren, die bereits vor dem zweiten Weltkrieg und lange vor der Wannseekonferenz den “Ausrottungsfeldzug gegen die Juden” prognostizierte und in seinem Aufsatz “Antisemitismus und Reaktion. Die Nazis als Schüler der ‘Weisen von Zion’”, in der “Sozialistische Aktion” 1937 publizierte. Heute ist dieser bedeutende und prophetische Autor längst vergessen und seine wissenschaftlichen Analysen, allen voran sein Hauptwerk, erlangten seinerzeit leider nicht ansatzweise die Aufmerksamkeit, die ihnen unbedingt gebührt hätte.

Neuauflage nach 75 Jahren

Es ist das Verdienst des Freiburger ça ira-Verlags, dieses Buch fast 75 Jahre nach seinem Erscheinen in dem sozialdemokratischen Exilverlag nun wieder aufgelegt und herausgegeben zu haben. Hanna Papanek, Tochter Alexander Steins, vor sechs Jahren mit ihrer Autobiographie “Elly und Alexander: Revolution, Rotes Berlin, Flucht, Exil” in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten, hat dieses Buch dankenswerterweise mit einem Geleitwort versehen.

In einer ausführlichen “Einleitung”, die, nicht allein, weil sie auf Seite 169 beginnt und hundert Seiten umfaßt, treffender als analytischer Epilog zu kennzeichnen gewesen wäre, werden Steins Vita und seine Arbeiten “zwischen praktischer Abwehr und theoretischer Kritik des nationalsozialistischen Antisemitismus” fachkundig und kenntnisreich analysiert. Besonders hervorzuheben ist hier zum einen die Darstellung, wie Steins Buch Hannah Arendts politiktheoretische Interpretation, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, beeinflußte und zum anderen die Frage nach dem Verhältnis zwischen Steins Texten und den im amerikanischen Exil entstandenen Antisemitismusstudien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Bleibt zu hoffen, dass die Neuauflage des hoch aktuellen Buches viele Leser findet und nun endlich auf die Resonanz stößt, die dem Werk gebührt – damit der anti-antisemitische Grundkonsens der Gesellschaft vom Soll-Zustand endlich zum Ist-Zustand wird.

Aus: Vorwärts.de vom 14. Februas 2012

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