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ça ira-Verlag

Dirk Farke

Entlarvende Wiedererscheinung

Ein wichtiges Ergebnis des ersten deutschen Antisemitismusberichts lautet, dass der Antisemitismus bis heute eines der zentralen ideologischen Elemente im Rechtsextremismus darstellt. Rund 20 Prozent der Deutschen sind, so die Studie, als »latent antisemitisch« zu bezeichnen, und zwar bis weit in das bürgerliche Spektrum hinein. Zu fragen ist nach Gründen und Ursachen, warum es früher wie heute dem antisemitischen Lager in so erschreckender Weise gelingt, ihre Hirngespinste unter das Volk zu bringen. Ein wichtiges Mittel zum Zweck dazu sind nach wie vor antisemitische Publikationen, von denen einer bis heute besondere Bedeutung zukommt: die sogenannten »Protokolle der Weisen von Zion«.

Nun tauchte bereits in den 1920er Jahren unter liberalen Publizisten die These auf, die Antisemiten orientierten sich genau an den Maximen, die sie den Juden unterschoben. Auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt und in einer textvergleichend vorbildlichen Weise analysiert hat diesen Zusammenhang der sozialdemokratische Journalist und Publizist Alexander Stein in seiner 1936 im Karlsbader Graphia Verlag erschienen Arbeit, die nun wieder aufgelegt wurde. Anhand von 106 Zitaten aus den »Protokollen« und Hitlers »Mein Kampf« sowie Rosenbergs »Mythos des 20. Jahrhunderts« arbeitete er heraus, wie sich die angebliche »jüdische Weltverschwörung« in den Weltherrschaftsphantasien der Nationalsozialisten gleichsam widerspiegeln. In beeindruckender Weise gelingt Stein der Nachweis, dass es nicht die Juden sind, die die Welteroberung vorbereiten, sondern die Antisemiten. Die »Protokolle« dienen den Ariern lediglich als Lehrbuch und Handlungsanweisung, um die Vernichtung der »jüdischen Gegenrasse« in die Tat umzusetzen.

Stein gehört zu den ganz wenigen Autoren, der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg und lange vor der Wannseekonferenz den »Ausrottungsfeldzug gegen die Juden« prognostizierte. Dieser bedeutende und prophetische Autor ist heute längst vergessen und seine wissenschaftlichen Analysen erlangten seinerzeit leider nicht ansatzweise die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt hätte.

Es ist das Verdienst des Freiburger ça ira Verlages, dieses Buch fast 75 Jahre nach seinem Erscheinen in dem sozialdemokratischen Exilverlag nun wieder aufgelegt zu haben. Hanna Papanek, Tochter Alexander Steins, hat das Werk dankenswerterweise mit einem Geleitwort versehen. Auch gelingt es den Herausgebern, Steins Vita und seine Arbeiten »zwischen praktischer Abwehr und theoretischer Kritik des nationalsozialistischen Antisemitismus« kenntnisreich darzustellen. Besonders hervorzuheben ist hier zum einen die Darstellung, wie Steins Buch Hannah Arendts politiktheoretische Interpretation, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft beeinflußte, und zum anderen die Analyse des Verhältnisses zwischen Steins Texten und den im amerikanischen Exil entstandenen Antisemitismusstudien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Bleibt zu hoffen, dass die Neuauflage des hochaktuellen Buches viele Leser findet und nun endlich auf die Resonanz stößt, die ihm gebührt. Damit der postulierte anti-antisemitische Grundkonsens der Gesellschaft vom Soll-Zustand endlich zum Ist-Zustand wird.

Aus: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums 4/2012

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