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Peter Winterling

Dämon der Menschheit

Gerhard Scheit las zum Thema Antisemitismus in der Kunst

Im Keller der Katholischen Hochschulgemeinde Freiburg ist man unter sich. Stühlerücken, Geplauder, dann beginnt die Vortragsreihe der “initiative sozialistisches forum” mit einer eher schlappen Begrüßung. Referent ist der Kulturwissenschaftler Gerhard Scheit aus Wien, sein Thema “Blonde Bestie, ewiger Jude” zielt auf die Inszenierung des Antisemitismus in der Kunst. Erstaunlich, mit welchem Gleichmut der Referent ohne viel Umschweife seinen soeben in Freiburg erschienenen 600-Seiten-Wälzer “Verborgener Staat, lebendiges Geld” aufschlägt und mit dem Kapitel über Richard Wagner beginnt.

Das Bild vom “Ewigen Juden” festigte deutsches Staatsbewußtsein

Mime im “Ring des Nibelungen”, der unbeholfene Betrüger Beckmesser der “Meistersinger”, die verführerische Kundiy im “Parsifal”: Scheit deutet sie als Judenkarikaturen. Wenn bei Wagner das Gold zum “Dämon der Menschheit” gemacht werde, so verwandle sich das “real Abstrakte” bürgerlicher Tauschverhältnisse in das “irreal Konkrete” von Figuren, in denen das bürgerliche Publikum die entfremdete Gestalt seiner ökonomischen Wirklichkeit wiedererkennt. Natürlich – Theodor W. Adornos Wagner-Aufsatz stand bei diesen Überlegungen Pate, doch Scheit liefert auch aus jüngeren Epochen eine große Fülle an Material zu seiner beklemmenden These: Daß nämlich die Konstruktion eines “Ewigen Juden” den “Weltzustand des Kapitalismus” verallgemeinern hilft und auf diese Weise auch das “Staatsbewußtsein” in Deutschland gefestigt hat.

Den notorischen Problemen der dialektischen Vermittlung zwischen Kultur und politisch-ökonomischer Realität stellt sich das Publikum in der Diskussion jedoch nicht. Räumlich geborgen im Keller, bewegt man sich gedanklich ausschließlich im Überbau – wie echte Kulturbürger. Aber die Dialektik liebt das Treppensteigen.

Aus: Badische Zeitung v. 27. 10. 1999

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