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Karl Klöckner

Gerhard Scheit. Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus

Sollte der Leser zögern, 600 Seiten Theaterwissenschaft überhaupt zur Hand zu nehmen, so wird er nach den ersten Seiten eines Besseren belehrt und kommt von der Lektüre nicht mehr los. Es geht um Theater, Literatur, Musik und Film, aber nicht darum, eine “Sozialgeschichte des Antisemitismus mit effektvollen Bühnenszenen zu illustrieren”. Es geht Scheit auch nicht darum, “eine ‘fehlerhafte‘ oder ‘fehlgeleitete‘ Widerspiegelung zu korrigieren und ‘Vorurteile‘ zu widerlegen, sondern die Wünsche und Interessen auszumachen, die der negativen Mythisierung des Judentums zu Grunde liegen. Die Methode hat sich demnach eher an der Psychoanalyse zu orientieren: Sigmund Freud begriff Religion als ‘universelle Zwangsneurose‘, und insofern – also nicht nur historisch – ist der Antisemitismus religiösen Ursprungs”. Welche Gestalt diese Zwangsneurose – Unterabteilung Antisemitismus – im Laufe von 2000 Jahren angenommen hat und wie ihre konstitutive Rolle für die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft aussieht, wird in der hier anzuzeigenden Monographie thematisiert. Religion, Mob, Staat und Kapital stehen in diesem Stück Aufklärung im Hintergrund, die Hauptrollen allerdings spielen die Intellektuellen. Marlowes und Shakespeares Juden finden ebenso Erwähnung wie Lessings Nathan – Heine, Borne, Marxens Schriften zur Judenfrage, Karl Kraus, an prononcierter Stelle Wagner und unzählige mehr haben ihren Auftritt in dieser differenzierten und detaillierten Abhandlung, die – verankert in der gesellschaftlichen und ideengeschichtlichen Entwicklung Europas – fast schon enzyklopädische Ausmaße annimmt.

Scheit schlägt einen großen Bogen von den mittelalterlichen Spektakeln der Passions- und Fastnachtsspiele über die Veräußerung (und Verinnerlichung) des Antisemitismus in Possen, Theaterstücken und Oratorien bis hin zu seiner Ausprägung in Klassik, Romantik und Moderne, um schließlich bei der Nazi-Propaganda und in der Gegenwart etwa bei Faßbinder, Syberberg oder Spielberg anzukommen. Dominiert bei den Passionsspielen des Mittelalters noch das rituelle Element – Scheit spricht vom Juden als “negativen Opferpriester” –, so endet “der Jude” auf der Bühne als blut- und geldgieriger Außenseiter, der die christliche Gemeinschaft zerstören will. Schon für die Fastnachtsspiele wird eine Säkularisierung des Antisemitismus konstatiert, die sich mittels Fäkal-Komik niederschlägt im Lachen über das legitimierte Verbrechen an den Juden.

Diese Verschiebung weg von unmittelbar religiösen Implikationen kulminiert schließlich in einer Dramaturgie, die mit bestimmten Attributen wie Name, Aussehen oder Sprache versehen den Typus und das Klischee des Juden festlegt. Die sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen lassen die offensichtlich religiöse Dominanz in den Attacken auf die Juden zugunsten der Schaffung subtil festgelegter Charaktere verblassen. Was bleibt, und vom Autor differenziert freigelegt wird, ist eine Akkumulation antisemitischer Bilder, die in einer im Christentum verwurzelten intellektuellen Kontinuität Europas zuhause ist und in einen “strukturellen Antisemitismus” mündet. Immer wieder dokumentiert Scheit den gesellschaftlichen Schnittpunkt dessen, was er mit “Mythisierungsschub” umschreibt, also die jeweils erneute Sammlung, Wiederaufnahme und Zuspitzung der bereits akkumulierten antijüdischen Ressentiments durch und für die Mehrheit. Die alten Facetten und Versatzstücke “des Juden” erhalten neue Ausprägungen, um als Verschwörung gegen die christliche, bürgerliche Welt aktuell zu bleiben. Das Andere wird in seiner intendierten Gefährlichkeit für die Mehrheit aufpoliert und auf die Bühne gestellt. Es gelingt Scheit, diese Entwicklung genau zu konturieren, nicht zuletzt durch den Nachweis, daß selbst das Angehen gegen den Antisemitismus in den Beschränkungen der Vorgaben gefangen bleibt. Sowohl das Spiegelbild des Antisemitismus, der Philosemitismus, aber auch die Bemühungen der Aufklärung, fallen somit noch herein auf die tradierten antisemitischen Bilder. Nur am Rande sei vermerkt, daß in diesem Zusammenhang der richtige Satz gegen engagierte Kunst fällt und expliziert wird, nämlich politisch intendierte Kunst instrumentalisiere immer die Opfer. In “Prosperos Zauber, Calibans Arbeit”, dem Anhang an den Streifzug durch die Jahrhunderte, entwickelt Scheit anhand der Analyse von Shakespeares “Sturm” schließlich eine Dialektik von Arbeit und Natur, die auch die Erfindung der Rassen verhandelt.

Auffallend ist die durchgehende Vernachlässigung des begrifflichen Unterschiedes zwischen dem religiös motivierten Anti-Judaismus und dem modernen, auf den Rasseideologien der Neuzeit basierenden Antisemitismus. Und in der Tat lassen die von Scheit freigelegten Paradigmen des Antisemitismus in der Kunst diese Unterscheidung völlig in den Hintergrund treten. Im Vordergrund standen und stehen vielmehr: Blut und Geld. Die Zinsrate ist so durchgehendes Motiv, nicht bei Scheit, sondern in der von ihm zitierten Literatur selbst: Zinsfüße von 3%, 7%, 10%, 50% werden auf die Bühne gebracht und personifiziert im Juden, eben als “lebendiges Geld”. Diese “Personifikation einer Verdinglichung” basiert, wie der Autor ausführlich darlegt, auf der okkulten Qualität des zinstragenden Kapitals selbst, dem Geheimnis des sich selbst verwertenden Wertes. So heißt Antisemitismus letztlich, “den dinglichen Schein eines Undings in den ‘menschlichen‘ Schein eines ‘Unmenschen‘ zu verwandeln”. Blut spielt seine Rolle nicht erst im Sinne des spät aufkommenden Rassegedankens, sondern schon bei der Ausstaffierung der Legenden von Ritualmord und Hostienschändung, nicht zuletzt in Verbindung mit Sexualität. Das wirft die strukturelle Frage des Christentums als Opferreligion auf, die sich geradewegs eine Projektionsfläche suchen muß und in den Juden gefunden hat. Die Kehrseite der christlichen Gemeinschaft und ihrer sich entwickelnden Reichtumsproduktion ist der Antisemitismus. Die Ansprüche an einen Gemeinschaft und Kapital verpflichteten Staat changieren ebenso wie die Rolle des Staates auf der Bühne: So definiert sich ein von der Kirche geregelter Alltag mit Himmel, Hölle und Teufel anders als dies die säkularen Vorgaben in Zeiten des Nationalstaates, schließlich der nazistischen Volksgemeinschaft tun. Tod, Konversion und Enteignung schälen sich heraus als die liebsten antijüdischen Lösungen auf der Bühne wie auch im richtigen Leben, für eine Zuschauerschaft, die bei Hetze, Mord und Plünderung auch selbst zum aktiven Part wurde.

Es ist unmöglich, mit jeder einzelnen Einschätzung dieses Buches übereinzustimmen – dazu ist das von Scheit entworfene Panorama einfach zu gewaltig. Hier macht sich übrigens da fehlende Personenregister als wirkliches Manko bemerkbar. Der scharfen Konturierung des Antisemitismus in der europäischen Geschichte allerdings ist nach der Lektüre nicht auszuweichen – trotz aller Ergänzungen und Modifikationen zeigt der Kern des intellektuellen Judenbildes eine erstaunliche Kontinuität. Der Leser beginnt zu verstehen, daß Antisemitismus nie die Ausnahme war, sondern vielmehr konsumtiv dazu gehört; und am Ende dieser “Kulturgeschichte der Barbarei” bleibt ihm die Erschütterung über die Stringenz eines Antisemitismus, dessen hier dokumentierte Versatzstücke heute jederzeit in einer alltäglichen antisemitischen Dramaturgie abrufbar sind.

Aus: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstandes N° 16 (2001), S. 739 - 741

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