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Boris Krapp

Gerhard Scheit: Die Meister der Krise

Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand

Im Grunde geht es Gerhard Scheit in seinem Buch um einen einfachen Gedanken. Nämlich den, daß der “Wohlstand in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus und darüber hinaus – aber dadurch vermittelt – der ganzen westlichen Nachkriegswelt ... die Vernichtung zur Voraussetzung (hat), die von den Deutschen organisiert worden ist” (S.7). Das ist für das Kollektiv der deutschen Krebsgänger – nach wie vor – eine gemeine Beleidigung. Zum einen wird dadurch am Leidensmythos der deutschen Nachkriegsjahre – welcher bekanntlich von der deutschen Tüchtigkeit nieder gearbeitet wurde – gerüttelt, zum anderen ist damit eine Kontinuität angedeutet, welche Denkmuster wie Zivilisationsbruch oder historische Ausnahme als Ideologie entlarven würde. Für Menschen mit einigermaßen intaktem Realitätsprinzip ist solche Kontinuität – ob nun das Personal oder den Reichtum betreffend – nicht unbedingt eine Neuigkeit. Es geht Scheit aber auch nicht darum, den historischen Wissenschaften ein paar Seiten hinzuzufügen sondern einen Zusammenhang zwischen Menschenvernichtung und Volkswohlstand nahezulegen, um, als aufklärende Kritik verstanden, eben diesen unmöglich zu machen. Nahezulegen und nicht zu erklären, weil ein Bewußtsein über die Vermitteltheit der Besonderheit der historischen Geschehnisse mit ihrer objektiven Grundlage, dem Kapital, zu bewahren ist, um nicht in einen falschen Ge-schichtsidealismus zu verfallen. Ausgangspunkt von Scheits Überlegungen ist die Krise der kapitalistischen Produktionsweise um 1900 herum, und ihre besonderen nationalen Lösungsversuche. Dabei leuchtet in Scheits Überlegungen, zumindest in Ansätzen, ein marxistischer Krisenbegriff auf, der nicht – wie in manch anderen Köpfen – notwendig auf den totalen Zusammenbruch des Systems hinausläuft (und dann gar noch auf die “nächst höhere Stufe” hüpft), sondern eben durch “Die Meister der Krise”, gemeint sind die im Nationalsozialismus vereinten Deutschen, eine Möglichkeit zur weiteren Verwertung des Werts fand.

Das Buch von Scheit ist in zwei Teile unterteilt. Der erste ist mit “Deutsches Volk”, der zweite mit “Deutsches Denken” überschrieben. Im Vordergrund des ersten Teils steht das zunehmende Eingreifen des Staates in den nationalen Markt – als Versuch die Krise zu lösen – und die damit einhergehende Identifizierung der Bürger mit dem Staat. Innerhalb der internationalen Krise des Kapitals nahm Deutschland eine besondere Rolle ein. “Worin die Deutschen und Deutschösterreicher jedoch der ganzen Welt voraus waren, das läßt sich nicht quantifizieren, darüber läßt sich nur spekulieren: eben jenes Ausmaß, in dem die Bevölkerung mit Staat und Kapital sich eins wußte” (S.34). Bezeichnet ist damit der deutsche Versuch, “völkische Homogenität durch “Einfühlung in den Tauschwert” (Walter Benjamin) zu gewinnen” (S. 12). Nationalreichtum (A. Smith) wurde daher in Deutschland konsequent als Volkswohlstand übersetzt. Das ließ für die notwendig mit abstraktem Reichtum einhergehende Armut zwangsweise nur Platz im Nicht-Volk, d.h. die anderen Nationen wurden dadurch zu rassisch unterlegenen Völkern, denen kein Reichtum zustand. Die zentrale Krisenintervention des nationalsozialistischen Staates sieht Scheit in der militärischen Aufrüstung. Die Krise war aber mit noch so großer Rüstungsproduktion nur aufzuschieben, nicht jedoch zu bewältigen oder zu lösen. So zeichnete sich Aufrüstung nur als Übergangslösung ab. Das endgültige Mittel zur Lösung der Krise war, die bereits in der extremen Aufrüstung antizipierte Vernichtung durch den totalen Krieg. Gelungener Weise übersieht Scheit bei seinen Überlegungen nicht die “notwendige Gegenbewegung zur Einfühlung in den Tauschwert und zur Identifikation mit dem Staat: die antisemitische Abspaltung und Personifizierung des real Abstrakten” (S.66). Das nämlich erst die Ideologie des Antisemitismus und die projektive Erschaffung einer »Gegenrasse« die Deutschen zu jenem »tausendjährigen Reich« zusammenschweißte, welches immer schon die totale Vernichtung zum Ziel hatte. Damit wurde die Vernichtung der Juden und das Fortbestehen des deutschen Volkes, d.h. die Lösung der Krise, in eins gesetzt. Die gigantische Vernichtung, die der Nationalsozialismus nach sich gezogen hatte, bereiteten für die Nachkriegsjahre den Boden, auf dem sich das sogenannte “Wirtschaftswunder” entfalten konnte. Dieses beruhte “auf der Beute, die man im Zweiten Weltkrieg und im Massenmord an den Juden gemacht hatte, ebenso wie auf der Zwangs- und Sklavenarbeit” (S. 85). Aber auch auf der Steigerung der Produktionsmittel, die sich durch das wahnhafte Rüsten ergeben hat. Zum Abschluß des ersten Kapitels stehen Überlegungen zur Gegenwart des postfaschistischen Deutschland. So die Frage, ob und wie sich die Wiederkehr des verdrängten Zusammenhangs heute ankündigt bzw. bereits wieder ausdrückt. Der zweite Teil des Buches (“Deutsches Denken”) geht der Bearbeitung der Krise im Denken der deutschen Philosophie seit Kant nach. Die Beschäftigung mit der drohenden Krise der bürgerlichen Gesellschaft, und damit zugleich auch mit der antisemitischen Denkform, durchzieht – nicht-bewußt – die Philosophie aller bedeutenden deutschen Philosophen. Die Lösung wird entweder in der Vernichtung des schlechten Abstrakten, das sich in den Juden personifiziert, gesucht oder – im besseren Falle – zumindest in dem Versuch, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu dechiffrieren. Der zweite Teil erinnert an die Literaturanalysen in Scheits Buch “Verborgener Staat, lebendiges Geld” (ça ira, 1999). Das ist sicherlich kein Zufall, denn beide Bücher liegen quasi in der selben Richtung des Gedankens.

Wer scharfe Begriffe mag, zudem Freude am Detailreichtum hat und dazu sein Denken gern und häufig auf die Kritik am falschen Bestehenden konzentriert, ist nicht nur verrückt, sondern wird auch dies Buch mit Lust lesen und als Bereicherung empfinden. Der darin entfaltete Gedanke schien geradezu nach Manifestation auf Papier zu rufen und ist trotzdem von Scheit mit aller Vorsicht und Behutsamkeit, die der Gegenstand fordert, behandelt worden. Das Buch ist im besten Sinne Kritik und in seiner Aktualität fast unheimlich. Nachdem Scheit am Ende seines Buches allen ideologischen Versuchungen ausgewichen ist – weder ein Loblied auf die Zivilgesellschaft singend, noch die Ehrenrettung des Proletariats anstrebend – stockt dem Leser in der Nachbemerkung kurzzeitig der Atem. Scheint es doch, als wolle er Walter Benjamin zitieren, in der Absicht etwas über eine Gesellschaft ohne Kapital und Staat auszusagen. “Aber es handelt sich ja eben darum, durch die praktikablen Erkenntnisse desselben (des Kommunismus) die unfruchtbare Prätension auf Menschheitslösungen abzustellen, ja überhaupt die unbescheidene Perspektive auf ,totale' Systeme aufzugeben, und den Versuch zu unternehmen, den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzubauen, wie ein gutausgeschlafener, vernünftiger Mensch seinen Tag antritt” (S.223). Ich denke: ein ausgeschlafenes Buch.

Aus: Psychologische Revue. Rezensionszeitschrift für Psychologie und Sozialwissenschaften N° 1 / 2002

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