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Theresa Schneider

Wider den kollketiven Wahn

Die erste Ausgabe der sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, herausgegeben von Manfred Dahlmann und Gerhard Scheit, ist im Herbst 2012 erschienen. In diesem neuen Periodikum wurden bis dato – und werden voraussichtlich auch in Zukunft – verschiedene philosophische und historische Themen ideologiekritisch, im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft, verhandelt. Von der Philosophie Adornos über die Kritik an poststrukturalistischen Positionen – sofern nach der ersten Ausgabe absehbar, insbesondere Alain Badious – und am antisemitischen Wahn in der Gesellschaft bis hin zur Geschichte des sogenannten Nahostkonflikts reicht das inhaltliche Spektrum.

Die Autorinnen – immerhin sind auch drei Frauen unter den 20 der ersten Ausgabe – sind teilweise durch Artikel in der Zeitschrift Bahamas bekannt; sans phrase als Spaltprodukt zu bezeichnen, trifft zumindest insofern zu, als der Zeitschriftengründung Diskussionen im Bahamas-Umfeld vorangingen, ausgetragen u.a. auf der Konferenz »Die Kunst der Freiheit. Autonomie und Engagement nach Sartre und Adorno« 2011 in Wien. Das erste Heft besteht aus zehn Essays und dreizehn, unter der Überschrift Parataxis firmierenden, kürzeren Artikeln. Die ersten vier Beiträge wurden auf der bereits erwähnten Wiener Konferenz vorgetragen. Entsprechend geht es primär um das gesellschaftskritische Potential von Theodor W. Adornos ästhetischer Theorie sowie den Autonomie- und Freiheitsbegriff Jean-Paul Sartres; die Bedeutung und Relevanz von Letzterem war u.a. Gegenstand der internen Debatten gewesen. Daran anschließend folgen kritische Interventionen zu Alain Badiou und Carl Schmitt, sowie allgemeinere rechtsphilosophische Beiträge zur kritischen Theorie insgesamt. Den Abschluß des ersten Teils bildet ein Artikel von Stephan Grigat über »20 Jahre Friedensprozeß gegen Israel«. In der Abteilung Parataxis finden sich stärker gegenwartsbezogene, kürzere und in der Form freiere Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Ereignissen. Mit ungefähr 230 Seiten ist das erste Heft für ein solches Medium zwar recht umfangreich, aber die Zeitschrift wird halbjährlich erscheinen, was die Fülle rechtfertigt. Die nächste Ausgabe ist für das Frühjahr 2013 angekündigt.

In einem ersten Eindruck versteckt sich der rote Faden der Zeitschrift leider ein wenig, zumindest für unbedarfte Leserlnnen. Abhilfe verschafft ein Blick auf die Website (www.sans­phrase.org), wo es explizit heißt, daß kein Programm verfolgt werde, sondern das Gemeinsame der Artikel einzig die Ideologiekritik sei. Ziel sei es, dem »kollektiv wirksamen Wahn zu widersprechen« und – sehr verkürzt hier wiedergegeben – die Rückkopplung gesellschaftlicher Verhältnisse und der Konstitution des Subjekts an das Kapitalverhältnis auf verschiedenen Ebenen sichtbar zu machen und sich dabei zugleich gegen »deutsche Ideologie und ihre djihadistische Fortsetzung« zu wenden. Ist diese Information gefunden, ist die erste Irritation aufgehoben. Die Trennung der Beiträge in einen ersten, thematisch konzentrierteren Teil und die lose verbundenen Essays unter dem Titel Parataxis mag jedoch nicht vollkommen einleuchten; zu heterogen erscheinen bereits die Texte des Hauptteils. Auch mutet etwas problematisch an, daß die Artikel, trotz unterschiedlicher Entstehungskontexte, weitgehend kommentarlos nebeneinander stehen. Insbesondere Jean Amerys Aufsatz von 1967, Der abgeschaffte Mensch. Blick in die Welt des Strukturalismus, der hier – so viel wird zumindest verraten – zum ersten Mal abgedruckt wurde, findet sich unmittelbar in einer Reihe mit den anderen Beiträgen. Daß die Zeit- und Reflexionsebenen etwas durcheinander gehen, scheint die Redaktion nicht weiter zu stören. Leider erschließt sich die Ordnung der verschiedenen Artikel so zumindest für Außenstehende nur schwer.

Trotz solcher Details sind die einzelnen Artikel theoretisch anspruchsvoll und bemüht um Aktualität; zuweilen allerdings stark exegetisch und überladen von Fußnoten. Das Spektrum ist zwar breit gefächert, allerdings erschließt sich, mindestens auf den zweiten Blick, die gemeinsame, ideologiekritische Ausrichtung über die verwendete Sprache und den Umgang mit dem jeweiligen Gegenstand. Die Zeitschrift ist damit hoffentlich auch als ein ernsthafter Versuch zu sehen, den in den letzten Jahren doch recht ausufernd gebrauchten Begriff der Ideologiekritik wieder schärfer zu fassen. Der Anspruch von sans phrase besteht dabei wohl nicht darin, eine für alle verständliche Einführung in die verschiedenen Facetten kritischer Theorie zu geben, sondern eher darin, die Diskussion und Auseinandersetzung darum voranzutreiben, was eine kritische Theorie der Gesellschaft heute bedeuten kann. Wie sich die entsprechende Kontur der Zeitschrift entwickeln wird, bleibt abzuwarten und dürfte sich mit den kommenden Ausgaben klären.

Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität N° 45 (Frühjahr 2013)

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