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Thomas Anz

Franz Jung: Abenteurer, Glückstechniker und Komödiant

Was für den Existentialisten Albert Camus der “Mythos von Sisyphos”, war für den anarchistischen Schriftsteller Franz Jung das Bild des “Torpedokäfers”. Die deutsche Übersetzung von Camus' Schrift erschien 1947. Zehn Jahre später legte Franz Jung einen frühen Entwurf seiner eigenen Existenzmetapher vor – in dieser Zeitung. Für sie hatte der promovierte Nationalökonom und nach New York emigrierte Börsenfachmann Anfang der fünfziger Jahre als Wirtschaftskorrespondent gearbeitet.

Am 20. August 1957 erschien in dieser Zeitung ein Artikel mit der Überschrift “Der Reisebericht”. Ein merkwürdiger Bericht. Er handelt von Bewegungen durch das Leben. Mancher Reisende sei “der Hummel zu vergleichen, dem Torpedokäfer”. Der schießt auf ein fernes Ziel zu< vermutlich auf eine Enge, die den Weg versperrt und zu durchstoßen ist. “Mit der Gewalt eines Torpedos fliegt die Hummel gegen den Widerstand an (kurzsichtig wie so viele von uns Menschen). Und fällt zur Erde, angeschlagen und betäubt.” Dort kriecht das Tier weiter, bis es von neuem losfliegt “und wieder gegen das Ziel prallt und fällt und kriecht und fliegt und fällt”. All diese Reisen enden im Tod, im Herzinfarkt oder in völliger Erschöpfung”.

Der heute vor hundert Jahren geborene Franz Jung starb am 21. Januar 1963, an einem Herzinfarkt. Knapp zwei Jahre zuvor waren seine Erinnerungen erschienen, sein seit dreißig Jahren erstes, sein wichtigstes und letztes Buch. “Der Torpedokäfer” sollte es ursprünglich heißen und damit die absurde Vergeblichkeit und den trotzigen Heroismus der eigenen Existenz illustrieren. Das Buch bekam dann den Titel, der den Abstieg einer an der Umwelt und sich selbst permanent scheiternden Persönlichkeit in ein anderes Bild faßte: “Der Weg nach unten”.

Jungs Lebensweg folgte im ständigen Wechsel von engagierten Hoffnungen und enttäuschenden Rückschlägen einem immer gleichen Muster. Eben vom Vater wegen “unordentlichen Lebens” enterbt, verliebt er sich 1909 in eine Tänzerin, heiratet sie – und erlebt die Ehe schnell als Hölle. Wohl auch zur Flucht vor ihr meldet er sich im August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. Schon im Oktober desertiert er – und wird verhaftet. 1918/19 tritt der spartakistische Novemberrevolutionär der neuen KPD bei – und wird bald von ihr ausgeschlossen. 1920 gründet er mit anderen Linksradikalen und Spontanisten die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) – und zieht sich noch im selben Jahr resigniert aus der Parteiführung zurück. 1921 reist er nach Rußland, hilft zusammen mit seiner zweiten Frau beim Aufbau der jungen Sowjetrepublik – und wendet sich schon im November 1923 enttäuscht vom russischen Experiment ab. In Deutschland besinnt er wieder zu schreiben, doch an die früheren Erfolge seiner expressionistischen und proletarisch-revolutionären Werke kann er nicht anknüpfen. Unternehmerische Projekte, oft am Rande der Legalität, enden im Bankrott.

Nach der Machtergreifung schließt er sich der Widerstandsgruppe “Rote Kämpfer” an; sie wird 1936 von der Gestapo zerschlagen. Es folgt eine Kette von Verhaftungen, Todesurteilen und Fluchten. Sie endet erst, als ihn die Amerikaner 1945 aus dem KZ Bozen befreien. Enttäuscht wurden schließlich auch die Hoffnungen, die Jung 1948 mit der Übersiedlung in die Vereinigten Staaten verband. 1960 kehrte er nach Europa zurück. Als 1961 seine Autobiographie erschien, fand sie innerhalb eines Jahres ganze 335 Käufer.

Dabei war es ein wahrhaft abenteuerlicher Weg, von dem sie erzählte. Dieses Leben gleicht einem spannenden Roman. Es reizte bisher mehr als das Werk zu fortgesetzten Deutungen, Legendenbildungen und Nachforschungen. Davon zeugt auch die “Hommage à Franz Jung”, die der derzeitige Verleger seiner Werke, Lutz Schulenburg, zum 100. Geburtstag des Autors herausgegeben hat. Als biographisches Faktenfundament enthält sie eine verbesserte und mit zahlreichen Fotos ergänzte Fassung der informativen, erstmals 1981 vorgelegten “Chronik” Fritz Miraus über “Leben und Schriften des Franz Jung”. Neben vielen Text- und Bilddokumenten bringt der lesens- und betrachtenswerte Band etliche Beiträge von Autoren, die Jung noch persönlich gekannt oder sich schon lange mit ihm und seinem Freundeskreis aus der Anarchoboheme auseinandergesetzt haben.

Wie kein anderes Ereignis habe die Teilnahme an der Entführung des Fischkutters “Senator Schröder” Jungs Ruf als Abenteurer geprägt, schreibt Schulenburg und dokumentiert das auch politisch hochbrisante Piratenstück vom April 1920 aus unterschiedlichen Quellen. Im Hamburger Polizeibericht hieß es: “Als der Dampfer sich abends gegen 10 Uhr zwischen dem Feuerschiff Elbe l und Helgoland befand, überwältigten zwei zur Besatzung gehörende Matrosen – Knüfken und Heyde – gemeinsam mit 3 Männern – Appel, Klahre und Jung (auch de Voss genannt) –, die sich als blinde Passagiere an Bord eingeschlichen hatten, die beiden Kapitäne, den 1. Steuermann und den 1. Maschinisten, sperrten sie in den Mannschaftsraum und zwangen den 2. Steuermann, nördlichen Kurs beizubehalten.. Nach Aussage des Knüfken sollten die beiden Delegierten der russischen Sowjet-Republik nach Rußland befördert und der Dampfer dann wieder freigegeben werden.”

Wer war dieser Mann, der sich hinter Decknamen verbarg, mit gefälschten Pässen reiste oder sich als Simulant dem Militärdienst entzog? Wie sehr das Täuschen und Getäuschtwerden zum Leben dieses “unsagbar verzweifelten Komödianten” gehörte, skizziert ein Beitrag von Kurt Kreiler. Daß man sich nicht einmal auf seine Täuschungen verlassen konnte, sondern daß Jung von zuweilen frappierender Offenheit war, konstatiert Walter Fähnders. Und an einer unveröffentlichten “Grabrede”, die Oskar Maria Graf 1953 für seinen langjährigen Freund (zehn Jahre vor dessen Tod) schrieb, zeigt Gerhard Bauer, wie sehr “die Bloßstellung der persönlichen Substanz” und die Ehrlichkeit zu sich selbst als charakteristische Eigenarten dieses so abstoßenden wie anziehenden Mannes galten.

“Ich verachte die Schnüffler, die sich um mich kümmern wollen... Außerdem will ich nie festgestempelt werden.” Das soll er zu Emil Szittya gesagt haben, als dieser in seiner Lebensgeschichte herumzustöbern begann. Hinter den Sätzen steht die Lebensangst eines Mannes, der sich ständig verfolgt sah: von den Ansprüchen des bürgerlich-katholischen Elternhauses, von den Frauen, die er liebte, heiratete und haßte, von den politischen Feinden, den Freunden und der Wut auf sich selbst. .Schon die expressionistische Prosa, die jetzt gesammelt im achten Band der seit 1981 erscheinenden Werkausgabe vorliegt, entwarf deprimierende Bilder in sich zerrissener Existenzen und deformierter Beziehungen.

In Franz Jungs erster Buchveröffentlichung, der Novellensammlung “Das Trottelbuch” (1912), und in seinen Kurzromanen “Kameraden...!” (1913) oder “Opferung” (1916) stehen destruktive Formen des Geschlechterkampfes im Zentrum; mit seinem wohl besten Prosastück aus dieser Zeit, “Der Fall Gross” (1920), verarbeitete Jung die Aufzeichnungen eines unter paranoidem Verfolgungswahn leidenden Mannes namens Anton Wenzel Gross, auf den ihn der kulturrevolutionäre Psychoanalytiker Otto Gross aufmerksam gemacht hatte. In Übereinstimmung mit den vom Expressionismus (einschließlich Kafka) immer wieder artikulierten Erfahrungen der Ohnmacht, Entfremdung und Angst versuchte Jung mit seiner Novelle eine überindividuelle Wahrheit des Falles zu vermitteln: “Die Existenzbedrohung des täglichen Lebens schreitet fort. An dem scheint's simplen Zeichner der Garrison Foundry in Pittsburgh-East (A. W. Gross) vollzieht sich das Geschick der Allgemeinheit, bedroht zu sein in den Netzen einer Bande von Räubern und Mördern, die niemand kennt und deren bröckelndes Wirken jeder tagtäglich hören kann.” Zu manchen Ärgernissen, die einem diese Werkausgabe bereiten kann, gehört, daß “Der Fall Gross” in Band 8 nicht zu finden ist.

Expressionistische Prosa Jungs enthält freilich auch Band l dieser unübersichtlichen Edition. Hier begegnet der Suchende immerhin dem Hinweis, auf den Abdruck der Novelle sei verzichtet worden, weil sie mittlerweile in drei anderen Ausgaben vorliegt. Wo diese nicht eben leicht zugänglichen und womöglich bald vergriffenen Abdrucke erschienen sind, erfährt der Leser nicht. Mit demselben Argument hatte der Verlag bei der Planung auch darauf verzichtet, die Autobiographie Jungs in die Werkausgabe mit aufzunehmen. Damit fehlen in ihr die beiden wohl wichtigsten Werke Jungs. Immerhin ist “Der Weg nach unten” vom Verlag mittlerweile ohne Bandnummer als “Sonderausgabe” neu gedruckt worden.

Der Misere des verlegerischen Umgangs mit dem qualitativ sehr unterschiedlichen, aber in jeder Phase interessanten Werk Franz Jungs macht auch diese bislang umfangreichste Edition kein Ende. Sie ist ein verdienstvolles, aber dilettantisches Unternehmen, durchgeführt von Kennern und Enthusiasten, doch ohne überzeugendes Konzept. Den Aufwand kommentierender Verständnishilfen für den häufig überforderten Leser hat man gescheut.

Der als Band 10 aus dem Nachlaß herausgegebene neusachliche “Industrieroman” von 1927, “Gequältes Volk”, mit dem Jung nach eigenem Bekenntnis (vergeblich) seine “Rückkehr in den deutschen Literaturbetrieb hatte einleiten wollen”, enthält ein vorzügliches Nachwort von Walter Fähnders. Im Band 8 mit der expressionistischen Prosa hingegen hat man auf ein Nachwort verzichtet. Statt dessen finden sich hier unvermutet Dinge, die andere Bände wiederum nicht bieten: eine “Tabelle”, mit der die Figuren dieser Prosa in Beziehung zu Jungs Frauen, Verwandten und Bekannten gesetzt Werden, und vor allem einen dokumentarischen Anhang mit Rezensionen von Robert Musil, Walter Serner, Kurt Pinthus und etlichen anderen.

Freilich paßt diese chaotische, vielfach unzulängliche und doch immer wieder mit positiven Überraschungen aufwartende Edition zur anarchischen Spontaneität eines Autors, der über sich sagte: “Soviel ich weiß, verlangt man von einem Schriftsteller, daß er das, was er schreibt, durcharbeitet und feilt, auswägt und den Leser oder Hörer hineinzuziehen bestrebt ist. Ich habe das nicht getan .Ich stoße eher den Leser ab. Mir fehlt von vornherein die Distanz.”

Die Vorzüge der Edition liegen vor allem darin, daß sie bislang nur schwer zugängliche, doch für das Verständnis von Jung grundlegende Texte vorlegt. Dazu gehören die späten, spannenden und in ihren ökologischen Denkansätzen nach wie vor brisanten Beiträge über die Querdenker Wilhelm Reich und Ernst Fuhrmann oder das Ketzertum der Albigenser. Dazu gehört vor allem auch jene Schrift, die schon mit ihrem Titel ein Projekt entwarf, das Jung sein Leben lang nicht losließ: “Die Technik des Glücks. Psychologische Anleitung in vier Übungsfolgen”.

Die Schrift erschien nach längeren Vorarbeiten 1921 im Malik-Verlag und fand zwei Jahre später unter dem Titel “Mehr Tempo! Mehr Glück! Mehr Macht!” noch eine Fortsetzung. “Jeder Mensch ist glücksfähig. Das Glücksbewußtsein ist als Lebendigkeitsmerkmal, vorhanden, auch wenn der Mensch im Leid verstrickt ist.” So lautet eine Prämisse dieser Lebens- und Revolutionsphilosophie.

Sie ist, wie Jungs gesamtes Werk, geprägt von Erfahrungen der Vereinzelung und von der Sehnsucht nach einer glücklichen Einheit mit der Natur und einer sozialen Gemeinschaft. Als therapeutische Glückstechniken sieht Jung eine Intensivierung individueller Lebensenergien vor, die in der kompromißlosen Zuspitzung psychischer und sozialer Konflikte alle trennenden Hemmungen, Zwänge und Widerstände beiseite räumt.

In einer der wenigen Gesamtdarstellungen über “Leben und Werk Franz Jungs” zeigt Wolfgang Rieger überzeugend, wie Jung hier die Konflikttheorie des Psychoanalytikers Otto Gross mit dem Vitalismus des Biologen Raoul H. Francés verbindet. Wenn er dann freilich Jungs Glückstheorie aus einer traumatischen Trennung des Kindes von der Mutter ableitet, übersieht er, daß Jungs Probleme und Projekte die einer ganzen Schriftstellergeneration waren.

Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.11.1988

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