ca ira-Logo

ça ira-Verlag

Dirk Kretschmer

Einmal egoexpress nach Freiburg und zurück, bitte

Kryptogramme der Macht. Philosophische Attacken” heißt das Buch, das bei einer Redaktionssitzung der farce vor mir auf dem Tisch liegt. Autor ist ein gewisser Helmut Reinicke. Mmh, schreibt der nicht Kinderbücher oder so? Nee, der ist Professor für Philosophie in Flensburg, erfahre ich aus der Kurzinfo des Freiburger Ça ira-Verlags, und daß er schon so einiges veröffentlicht hat. Etwa ein Hegel-Register und “Revolte im bürgerlichen Erbe” (was immer das auch bedeuten mag) in den 70ern oder die “Gaunerwirtschaft” in den 80ern. Zuletzt was zur “Sozialpathologie der Deutschen” und “Verdammtes Mexiko”. Warum verdammt? Eine Freundin erzählt mir dann später, daß der Reinicke nach USA geflogen ist, sich dort den Kofferraum voller Donnerbüchsen gepackt hat und damit die Zapatistas in Chiapas beglücken wollte. Sah ja auch scheiße aus, die sind teilweise mit Holzgewehren rumgerannt, als alles anfing, im Januar 1994. Hat aber nicht geklappt. In Mexiko wird sein Wagen durchsucht. Den mexikanischen Cops ist der Gringo aus Germany mit dem Buffalo-Bill-Bart wohl nicht ganz geheuer. Reinicke landet im Knast. Verdammtes Mexiko? Verdammt dämlicher Plan!

Na ja, auf jeden Fall kuck ich mir das Inhaltsverzeichnis des Buches an, als der Klaus mich auch schon fragt “Hast du Lust darüber ’ne Rezension zu schreiben?” Achselzucken, was steht da denn so? “Kleine Expeditionen ins afrikanische Bewußtsein” – klingt ja abgefahren. Im Kapitel “Descartes‘ Traum” die Frage “Philosophieren nach Auschwitz?” – interessant. “Blut, Brunft und Technik. Ernst Jüngers Rasse aus Stahl” – mein Antifa-Herz schlägt höher. Und dann noch was mit Kleist und Krieg sowie Kants “Zum ewigen Frieden”. Kann für mein Hobbythema Antimilitarismus ja nicht schaden. Warum also nicht? “Ich mach‘s”, sage ich, und vor mir steht ein verschmitzt grienender Klaus als Schaffner, der mit der Frage “Einmal Freiburg und zurück. ICE Knarf Rellöm?” auf meine Entscheidung reagiert. “Nee”, sag‘ ich, “egoexpress”, nehme den Fahrschein entgegen, lehne mich in den Zweite-Klasse-Sitz zurück und drehe meinen walkman von Telefunken auf. Die Fahrt beginnt.

track one: deep dark egoexpress

Afrikanisches Bewußtsein. Was heißt das eigentlich? Von Reinicke erfahre ich, daß es im Deutschland der kolonialen Expansion am Ende des 19. Jahrhunderts als Metapher aufgetaucht ist und für die “Entdeckung des Fremden im Eigenen” steht (7)*. Als solche steht sie erkenntnistheoretisch aber eher für eine zappendustere Höhle, als “dunkles, inneres Afrika” das das Fremde in mir selbst bleibt. Synchron verläuft die Ausbreitung dieser Höhle mit der territorialen Globalisierung jener Zeit. “Es sind Rodungswellen der Körper und des Bewußtseins”, das “proletarische Klassenbewußtsein” geht dabei futsch. Da hinter steht die “reelle Subsumtion der Menschen unters Kapital” (Marx), schreibt Reinecke. Diese Rodungswellen gehen offensichtlich bis in unsere Gegenwart. O.K., is‘ ja immer noch Kapitalismus. Aber was sagt das schon!? Puh, ganz schön viel Holz für die ersten anderthalb Seiten. Ich schaue aus dem Fenster und laß mich erst einmal in den Sound aus meinem walkman fallen. Cool, der Michael Mayer Mix stampft ja echt ganz gut ab. Der egoexpress bahnt sich unaufhaltsam seinen Weg, droht aus der Schiene zu kippen, fängt sich wieder und beginnt von neuem sich nach links, nach rechts zu neigen, findet wieder zur straighten Bass-Linie zurück, und...

...und was hat es jetzt mit Reinickes afrikanischem Bewußtsein auf sich? Alles “notwendig falsches Bewußtsein”? Aber woher weiss er dann, daß wir alle in dieser dunklen Höhle sitzen? Gibt es Auserwählte, denen das Richtige im Falschen vergönnt ist, ums mal mit Teddy‘s flottem 50er-Jahre-Slang zu sagen? Unwahrscheinlich. Mal weiterlesen.

Meine Augen bleiben dann an der Stelle “Information und Kommunikation sind Blendwerke der gegenwärtigen Ideologiebildung” hängen (10). Reinicke läßt sich aber scheinbar nicht blenden. In den neuen Technologien offenbaren sich ihm die aktuellen Rodungswellen. “Noch vor kurzer Zeit ungeahnte Brutalitätswellen gehen in jeder Form von Sexismus durchs Internet.” (10f.) Mmh, habe ich letztens auch im Wartezimmer von meinem Zahnarzt gelesen. War im Spiegel oder Focus. Da ging’s vor allem um Kindesmißbrauch. Die wußten aber nicht, daß das Kapital dahintersteckt. Daß die Medien “die Lenden halbwüchsiger Mädchen zum Schönheitsideal von Frauen” machen allerdings auch nicht. Meine Hand gleitet zur Stop-Taste des walkmans. Weiter erklärt Reinicke, daß der Medien-Sexismus nix mehr mit “Männerphantasien” zu tun habe, sondern mit “gesamtgesellschaftlichen und ökonomischen Perfidien.” Das finde ich unerträglich. “Lenden halbwüchsiger Mädchen”, das hört sich an, als wenn es um die falsche Beschreibung von “Rasse-Weibern” geht – that‘s fucking bambification! Das scheint mir verdammt wenig mit den Körpererfahrungen gemein zu haben, die mir einige meiner Freundinnen mit ihrem Kampf gegen die Selbstdiziplinierungen vermitteln konnten. Und sein Hieb auf den von Klaus Theweleit geprägten Begriff der Männerphantasien hört sich doch eher wie Selbstentlastungsgequatsche an. Nach dem Alt-68er-Motto “Das Kapital is‘ schuld! Damit hab‘ ich als linker Mann doch nichts zu tun.” Davon, daß alle Männer natürlich Schweine sind, halt‘ ich auch nichts. So einfach ist das wohl nicht. In Anschluss an den Gedanken von Michel Foucault, daß die Macht durch die Subjekte hindurchgeht, ergeben sich wohl andere Möglichkeiten, Geschlechterverhältnisse zu denken. “Klick!” Der walkman ist wieder an. Der wechselhafte Acid-Loop, der Live in Helsinki langsam zum Vorschein kommt, mogelt sich bald in den Vordergrund, beschreibt dort wechselhafte Bahnen, bricht ab, setzt leicht disharmonisch wieder ein, um fröhlich-albern seine vormaligen Bahnen von neuem zu variiern, und dann, nur noch als zart wiederhallendes Moment wahrnehmbar, beendet er den track. Erstaunlich synchron zu den Bewegungen meiner Gedanken: “sex & gender, performativer Sprechakt, Körperproduktion.” Keine Statements – mille-plateaux-hopping. Als ich wieder in das aufgeschlagene Buch blicke, lese ich dort: “Die Gewaltförmigkeit von Technik und Kommunikation belegen die Abenddämmerung unserer Gesellschaft. Dies ist das dunkle Afrika, das zu entdecken wir ausreisten.” Demnach bin ich wohl sowas wie ein Kulturindustrie-Cyborg. Was soll‘s, trotz der leichten Magenverstimmung, die offensichtlich von der Überdosis Reinicke-Ökonomismus herrührt, setze ich die Lektüre fort.

Auf den nächsten Seiten geht‘s weiterhin um “die Verdunkelung des Bewußtseins.” Daß eben alles noch viel schlimmer ist, als ich es mit meiner Vermutung, ihm ginge es um dieses notwendig-falsches-Bewußtsein-Ding, erfahre ich. Unser gesamtes Sein ist immer schon falsch produziert. Kulturindustrie und die Medien sind die ideologischen Helfershelfer des Finanzkapitals usw. und vernebeln uns nicht nur am Arbeitsplatz sondern rund um die Uhr. “I think I‘m paranoid!” höre ich Shirley Manson in meinem Kopf singen. Was hat der denn für Drogen eingeworfen? Wirklich abgefahren. Das scheint mir auch die einzig plausible Antwort zu sein, wie der Typ darauf kommt, daß alle außer ihm vernebelte Blödis sind.

track two: Schizo-Brothers!

Ob ich‘s riskieren kann, im Abteil eine zu rauchen? Der HipHop-Typ, der, vor einer halben Stunde zugestiegen, auch gleich eingepennt war, wird schon nix dagegen haben. Ein erster tiefer Zug. Das Magendrücken löst sich in eine angenehme Ganzkörperentspannung auf. Der wirklich vernebelte Blödi, der ich nun zu sein bereit bin, dreht den walkman noch ein wenig auf. Uh, Schlammpeitziger Mix! Diese Orgel, synthetisches Rumgeschwabbel, asian-melody-line, Bruch, Unruhe, Bruch, go Orgel go..., Bruch, wieder langsamere aber noch vertrackter erscheinende Neuvariation, das Tempo nimmt ab, Harfe im traumartigen Nebelsound... Wie psychedelisch der ist, habe ich vorher noch gar nicht wahrgenommen. Ich nehm‘ mir wieder das Buch vor. Und da lese ich “Das Abenteuer ist überall, gerade wenn hier, im abenteuerlosen Raum, eine bestimmte Zigarette geraucht oder im Wohnblock die verwaltete Welt als tropische Insel erlebt wird. Das Abenteuer ist da, wo keines mehr sein darf, deshalb ist Afrika allüberall” (13) Endlich verstehe ich, was er meint. “No sleep til Freiburg!”, schreit es aus mir heraus. Erschrocken über mich selbst, schaue ich nach dem Typen, der mich aus halb geöffneten Augen zunächst verdutzt anschaut. Ich reich‘ ihm den Joint. Sein verknittertes Gesicht formt sich zu einem erwartungsfreudigen breiten Lächeln, dem die Laute “Yo man!” entweichen. “Was liest ’n da?”, fragt mein Mitreisender nach ’ner Weile, der sich als Tom vorgestellt hat. Ich erzähle ihm die Story des abgespacten Cowboys, der in Dänemark auf ’ner Ranch lebt (auch das hat mir meine Freundin erzählt). Und das ich jetzt entdeckt habe, daß der da adornitisch-psychedelische Schriften verfaßt. “Klingt ja abgefahren”, findet auch Tom und setzt sich neben mich. Nach einem kleinen Was-bisher-geschah-Bericht, biete ich ihm einen der beiden walkman-Ohrstecker an. Wir lächeln uns an und lesen gemeinsam weiter. Bild- und Wortreich wird das Szenario weiter ausgemalt: “Freiwillige Verzüchtigung”, die über die Gesundheitsideologie der “Bewußtseinsindustrie” funktioniert und sich in einer “Verjugendlichung” zeigt. “Pervertierte Erfüllung”, das ist z.B. Musik hören, Bier trinken, parfümierte Kondome benutzen, surfen im Internet oder Parties feiern. Mit charmant gespielter Empörung wirft Tom ein, “So einer bist du also, verführt mich hier mit pervertierter Erfüllung. Willste ’n Bier?” Zosch, und weiter geht‘s mit der Erklärung, warum wir uns so umstandslos pervertiert verführen können. Der “Sinn des Lebens”, manipuliert verordnet zur Ware geworden, kann je nach Kleingeld eingesackt werden. Ergebnis: “Pervertierung unkenntlich”. Widerstand ist zwecklos. Das sollen “die Kampagnen der Deschizophrenisierung”, etwa vom Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) in den Siebzigern, gezeigt haben. Deren “Zurschaustellung von Beschädigungen” hätten es bewußtseinspolitisch nicht so gebracht. Immerhin “offenbaren sich Züge des Grauens, die der gesellschaftlichen Totalität immanent sind.” Mit einem “Oh shit” befördere ich das Buch auf den Boden des Abteils. Vielleicht hätte ich beim kiffen bleiben sollen? Egal. “Der hat doch ’n Knall. Der pathologisiert das SPK doch selber, dieser blöde Wahrheitsapostel.” “Stimmt”, antwortet Tom. “Bei der Antipsychiatrie gings wohl eher um die Sichtbarmachung abweichender Lebensweisen, sein Schizo-Sein aus dem inneren Gefängnis zu befreien, zu leben eben. Hey, das ist doch...äh? Mach‘ mal lauter.” Die Scratches von DJ Kotze fahren uns erst durch den Oberkörper. Dann die fetten Beats. Shake your hipps. Und diese acid-mäßige Soundlinie. Die Arme fliegen durch die Luft. “Mh, ähm. Haben sie Telefunken? ... Telefunken ... Te-Telefunken” Das ist MC Hanayo. Der Sound hebt völlig ab und wir auch. Bald wird das Abteil zu klein für unser wirres Rumgezucke. Ab geht‘s durch den Gang. Der Schlauch verpaßt unseren Bewegungen einen straighten Vorwärtsdrall. Da uns zudem die kurzen Kabel des Kopfhörers eine gewisse Körpernähe nahelegen, kommt das ganze wohl ziemlich Blues-Brothers-like rüber. Kurz vor dem Wagonende kommt uns so ’n griesgrämiger Armanianzug, Modell Fischer, entgegen. “Ihr werdet wohl nie erwachsen.” Schlängelt sich mit markantem Blick auf den Boden der Tatsachen an uns vorbei und hastet in Richtung erste Klasse weiter. “So ist es nicht, mein Herr”, quakt es mit shakespearhaftem Ernst aus mir heraus, und Tom ergänzt nicht minder theatralisch, “Es offenbaren sich hier Züge des Grauens, die der gesellschaftlichen Totalität immanent sind.” Ich korrigiere: Schizo-Brothers!

track three: join kanak attak!

Zurück im Abteil begrüßt uns eine Frau in ’nem originellen Techno-Look. “Hi Jungs, nennt mich Boh.” Es folgt der übliche smalltak. Wie man heißt, wo man gerade hinfährt und so. “Was geht ab? Ihr habt da ja gerade ’ne schräge Show abgezogen, mit ’Totalität des Grauens‘ oder irgentwie sowas. Seid ihr auf Pilze?” Tom und ich schildern ihr, daß es eher um ein intellektuelles Problem geht. Was Reinicke mit seinem afrikanischen Bewußtsein eigentlich aussagen will; sein Zugang zum Thema Geschlechterverhältnisse recht antquiert ist; ebenso das Ding mit der Kulturindustrie als reiner Brutalitätszusammenhang. “Dreht es sich um das hier?” Boh greift sich den immer noch am Boden liegenden Ça ira-Band, der doch sichtlich von der kleinen Session in Mitleidenschaft gezogen worden ist und beginnt darin zu blättern. “Ah ja, ich verstehe was ihr meint. Hier ist eine Stelle, an der die soziale Funktion von Musik ’in der fernen Barbarei‘ verhandelt wird, gewissermaßen als anthropologische Konstante. Es geht um Ein- und Ausschlüsse und, haltet euch fest, der Beleg dafür ist echt der Hammer!” Sie erläutert uns weiter, daß Reinicke einen hessischen Söldner, der im 16. Jahrhundert “in Brasilien sein Wesen trieb”, als authentische Quelle heranzieht. Der Söldner wird von Kannibalen gefangengenommen, was dieser folgendermaßen schildert: “Es fanden sich die Frauen aus allen sieben Hütten ein und ergriffen mich, während die Männer weggingen. Die Frauen zerrten mich dabei – einige an den Armen, einige an den Strikken, die ich um den Hals hatte – so hart, daß ich kaum atmen konnte. ... Sie bildeten einen Kreis um mich, und zwei Frauen banden Rasseln an ein Bein und einen Fächer aus Volgelfedern hinten auf den Hals, so daß er mir über den Kopf ging... Nun stimmten alle einen Gesang an, und ich mußte im Takt stampfen, so daß das Rasseln mit dem Gesang zusammenstimmte.” (29) “Wenn das keine Männerphantasie von der verschlingenden Frau ist...”, werfe ich ein. “So etwas kennt dieser Reinicke wohl nicht”, stellt Boh fest, “der lebt sie wahrscheinlich. Gleichzeitig verstärkt sich auch der rassistisch-koloniale Blick, von wegen ’dunkles Afrika‘.” Inzwischen hat Tom mit dem Querlesen weitergemacht. “Ich hab‘ hier noch was zur Kulturindustrie gefunden.” Das ist das Stichwort. Boh kramt ’nen kleinen Casi aus ihrer Reisetasche, sieht stark nach Achtziger aus das Teil, und befördert mit freundlich-fragender Geste das Tape aus dem walkman in den Recorder. Ich lach‘ mich schlapp, der ist ja von Telefunken. Nachdem wir smoke-technisch noch mal nachgelegt haben, im Hintergrund stampft der egoexpress mit der LP-version, und es uns bequem gemacht haben, legt Tom los. “Mmh, ist gar nicht so einfach zusammzufassen. Es geht hier um die ’Schwerhörigkeit‘ in Adornos Theorie über den Jazz. Die besteht nach Reinicke darin, daß die Genealogie von Musik ’völlig im geltenden Warencharakter‘ aufginge und Adorno so das Nicht-Identische, das Subversive in der Musik vernachlässigt. Er lasse als ’Exilant ... andere Weisen‘ nicht an sich ran.” Das läßt mich aufhören, erst recht als Tom zitierend fortfährt: “Auch kann nur der bürgerliche Ästhet davon träumen, daß die Gesellschaft derart verblendet sei, wie er immer kritisiert.” (43) “Der sollte sich selbst mal reden hören”, denke ich laut. “Jedenfalls”, fährt Tom fort, “hat der das mit dem Subversivem anscheinend von Marcuse. Und jetzt kommt‘s, the real-frankfurt-psychedelic-school.” Andere sagen dazu wohl Dialektik. “Die läßt sich hier als einen Prozeß herauslesen, in dem das Subversive selbst Bestandteil der ’herrschaftlichen Komponente der Musik‘ ist. Das Nicht-Identische werde ’durch den Überhang der Musikform als Wiedererkennungmelodie‘ ausgetrieben. Das Ganze ist also in Bewegung und verbleibt trotzdem im ’Kontinuum der Geschichte‘. Und das bedeute in der Kulturindustrie: ’Das Kommando wird freiwillig befolgt.‘” Nach dem Input-Overkill kehrt erst mal schweigen ein. Moh ist es, die dann als erste die grübelnde Stille durchbricht. “So im Allgemeinen mag das ja alles so stimmen, aber ist das nicht einfach zu hermetisch gedacht?” Tom und ich nicken ihr zustimmend zu. “In diesem Prozeß finden doch auch gesellschaftliche Kämpfe statt”, setze ich an, “und man kann doch wohl zwischen verschiedenen Praktiken und Rezeptionsweisen unterscheiden.” Ein wenig skeptisch dreinschauend meint Tom, “Vielleicht sollte man die subversive wie auch die herrschaftliche Seite von Popkultur zur Erklärung der Welt nicht überstrapazieren.” “Si, die große Illussion von Subkultur als das kleine gallische Dörfchen, das dem Kulturimperium trotzig die Stirn bietet, können wir spätestens seit Nirvana vergessen”, führt Moh weiter aus. “Selbst die kleinen Labels mit den coolsten DJanes sind ja heute ökonomisch von den großen Labels abhängig. Aber die Vorstellung von Indie-Subversion, die über so ’ne Das-ist-unsere-Band-Identifikation läuft, finde ich sowieso öde.” “Correct! Ich denke, Subversion muß ständig neu erfunden werden. Wenn so ’n DJ den Sprung zu ’nem Major schafft, schön für ihn. Wenn er auf ’m Teppich bleibt und trotzdem noch coole Sounds hinkriegt, auch gut. In die schweineteuren Läden werde ich ihm dann trotzdem nicht folgen. Dann gibt ’s eben in den kleineren Clubs wieder Raum für was neues...” Tom schüttelt Moh und mir in übertrieben förmlicher Pose die Hand. “Welcome to the later nineties. Mrs. Adorno and Mr. Marcuse.” Wir brechen in ein wildes Lachen aus, das nicht mehr enden will. Die trancig-monotonen Beats im Christian Morgenstern Mix sind unsere Rettung. Sie fahren uns als rythmisches Achselzucken in die Körper. Dazu weit aufgerissene Augen – ernste Minen, die sich mit Grinsefratzen abwechseln. Na, wer schafft ’s am längsten...? Noch ein wenig ausser Atem, wirft Tom ein “Äh, dazu fällt mir ein, daß ich euch noch gar nicht gesagt habe, was ich in Frankfurt vorhabe. Passt ganz gut zum Thema.” Er kramt so ’n Wisch aus seinem Rucksack auf dem fett “KANAK ATTAK UND BASTA!” draufsteht. “Das is‘ so ’n Zusammenschluß von Leuten, die kein Bock mehr auf diese rassisitischen Zuschreibungen haben. Auch nich‘ auf dieses liberale Gequatsche von ’Mein Freund ist Ausländer‘ und so. Ja und in Frankfurt gibt ’s heute fette Beats auf die Ohren und dazu soll ’s so videotechnisch noch einen auf die Augen geben. Das wird ziemlich cool!” “Da möchte ich mich doch noch mal als Mrs. Adorno zu Wort melden”, räuspert sich Moh grinsend. “Das wird die Kulturindustrie unter der Kategorie young wild turks ganz schnell aufsaugen. Dann hat Viva auch mal was ganz ghetto-mässiges made in germany.” “Das ist aber nicht zwingend so”, höre ich mich sagen. “Wenn die die kulturellen Dinger ordentlich mit Politik mixen, wird ’s für die Medienfutzies gar nicht so einfach. Und wenn dieser Mix trotz seiner politischen Aussagen immer noch groovy bleibt, warum sollte das nicht auf Viva gezeigt werden. Schön im autonomen oder Ausländer-Zentrum bleiben, das wäre Ghetto!” “Was ist Leute? Gleich sind wir in Frankfurt. Pennplätze sind kein Problem. Kanak Attak?” “Kanak Attak!!” Wir beschließen also Reinicke Reinicke und Freiburg Freiburg sein zu lassen, und uns allen möglichen Erfüllungen hinzugeben. Pervertierte, versteht sich.

“Hey Dirk, wohin so eilig. Wir haben doch noch gar nicht geklärt, wie wir zur Kanak-Veranstaltung kommen.” Diese Stimme kenn‘ ich doch... Das ist die Lu! Ich befinde mich also wieder in der Face-to-face-Sitzung der Farce. “Ach, Klaus. Für die Rezension vom Reinicke-Buch hätte ich schon so ’ne Idee...”

*Alle Seitenangaben beziehen sich auf Reineckes Buch

Aus: com.une.farce N° 2 (1998)

Trennmarker

Als  bild  downloaden