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Alexander von Pechmann

Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Logik

Der Autor ist emeritierter Professor für Soziologische Theorie an der Universität Bremen sowie im Wissenschaftlichen Beirat der “Beiträge zur Marx-Engels-Forschung” tätig. Das vorliegende, in erster Auflage schon 2008 erschienene Werk ist gleichsam die Zusammenfassung und das Resultat seiner theoretischen Bemühungen um die Konstitutionsbedingungen von Gesellschaft, die mit Reichelts bei Adorno verfasster Dissertation “Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx” (1970) begannen – seinerzeit Pflichtlektüre der 68er Avantgarde.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen sowie zugleich der sog. “Neuen Marx-Lektüre” seit den 60er Jahren ist der Wert als zentraler Begriff im Kapital von Marx. Dieser Begriff hat das Schillernde, dass er einerseits als Produkt des Austauschs zu verstehen ist, in dem die Tauschenden ihre verschiedenartigen Waren einander gleichsetzen (“x Ware A = y Ware B”); dass er andererseits jedoch als etwas Objektives, dem Tausch Vorausgesetztes erscheint, so dass im Tausch der Wert realisiert wird, den die Waren schon haben. IN der einen Hinsicht also erscheint der Wert als etwas Subjektives, als Resultat der Tauschhandlung; in der anderen Hinsicht als etwas Objektives, als ein Zwang, dem die Tauschenden genügen müssen. Geht man mit Marx nun davon aus, dass die (bürgerliche) Gesellschaft sich im und durch den Austausch der Produkte als Waren konstituiert, so wird einsichtig, dass die Frage nach dem Wertbegriff aufs Engste mit der Frage nach dem Wesen und Ursprung von Gesellschaft zusammenhängt. Ist die Gesellschaft Resultat agierender Subjekte, oder ist sie etwas Gegebenes, dem die Individuen sich anzupassen und unterzuordnen haben?

In diesem Spannungsfeld bewegen sich die insgesamt 15 Kapitel, die zum Teil neuere, zum Teil schon früher publizierte Beiträge sind. In der Einleitung beschreibt Helmut Reichelt den roten Faden, der das Gesamtwerk durchzieht. Es setzt ein mit der “Kritischen Theorie als Programm einer neuen Marx-Lektüre” bzw. mit Adornos Überlegungen zur “Tauschabstraktion” bzw. der “Realabstraktion”. Diese stehen in gewisser Weise in Analogie zum Universalienstreit des Mittelalters, ob nämlich Abstrakta, wie der “Wert”, unsere nachträglichen Abstraktionen im Denken sind, oder objektiv, d.h. den Dingen selbst inhärieren: “post rem aut in re”.

Reichelt interpretiert im Weiteren dieses Problem insbesondere in Auseinandersetzung mit Georg Simmel anhand der Begriffe der Geltung und Akzeptanz, die beide das Schillernde haben, weder eindeutig aufs Subjekt und dessen Wertung noch auf objektiv verbindliche Werte zurückgeführt werden zu können. “Kann Simmel”, so die Frage, “die Form der Objektivität selbst noch genetisch entwickeln, also deren subjektive Konstitution, oder aber verabsolutiert er den ‘objektiven Wert’ als ein Vorgefundenes, als ‘Tatsache’, und reiht ihn ein in das Reich der Werte, die allesamt nach diesem Muster konzipiert sind” (128).

Ähnlich verhält es sich mit der dialektischen Formulierung der “objektiven Gedankenformen” bei Marx, welche weder bloß subjektive Gedanken noch objektive Formen sind, sondern, paradox, eben beides. Im Kapitel über die “dialektische Darstellung als Kritik ökonomischer Kategorien” arbeitet Reichelt heraus, wie für Marx die (objektive) Darstellung des Systems kapitalistischer Produktion zugleich mit der (subjektiven) Kritik dieses Systems bzw. das gesellschaftliche Handeln mit dessen begrifflicher Erkenntnis in der Wissenschaft miteinander verschränkt sind und aufeinander verweisen. Diese Verknüpfungen von Handlung und Struktur wird anhand des Kapitalbegriffs und insbesondere des Zinses nachgezeichnet.

Am deutlichsten wird seine Kritik an Marx an dessen Denkfigur einer “weltgeschichtlichen Kulminationspunkts”. So sehr Marx auch das Rüstzeug bereit gestellt habe, die objektiven gesellschaftlichen Formen hinsichtlich ihres Geworden- und Produziertseins zu untersuchen, so sehr sei er letztlich doch dem Hang zur Objektivierung und Substanzialisierung erlegen. Verantwortlich dafür sei die Denkfigur eines Kulminationspunkts, der sich gleichsam in Marx konzentrierte. In seiner frühen Dissertation habe Marx zeigen wollen, dass in der griechischen Welt nicht Aristoteles und dessen Philosophie den Höhepunkt markiere, sondern die Philosophie Epikurs. In Bezug auf die Philosophie Hegels bedeutet dies: “Wenn es ihm [Marx] gelingt, die Daseinsberechtigung der Epikureischen Naturphilosophie nach Aristoteles nachzuweisen, dann ist ihm zugleich auch der Triumph über die Hegelsche Philosophie sicher” (345). Dies aber, so Reichelts Kritik, setze ein Verständnis eines (objektiven) Gangs der Geschichte voraus, die eben in Marx als Sozialisten bzw. Kommunisten kulminiere. Für diese Idee der Verwirklichung der Philosophie bestehe heute jedoch kein Anlass mehr.

Den Abschluss bildet eine, wie ich finde, faire Auseinandersetzung mit Habermas bzw. dessen Theorie, welche die von Reichelt ins Zentrum gestellte Einheit von Handlung und Struktur dahingehend auflöst, dass sie diese Einheit in die von kommunikativer Rationalität geprägte Lebenswelt einerseits und das von instrumenteller Vernunft geprägte System auflöst, dass damit aber der einheitliche, ökonomische Basis und geistigen Überbau verbindende Zusammenhang zugunsten einer ideellen Praxis aufgelöst wird.

Das Spezifische dieses Werkes ist in er Tat eine “neue Marx-Lektüre”. Sie versteht sich allerdings nicht als ökonomische Rekonstruktion des Kapitals, sondern als eine an Marx geschulte “Kritik sozialwissenschaftlicher Logik”, die höchst facetten- und kenntnisreich der alten und immer wieder neuen Frage nachspürt: Was ist der Gegenstand der Sozialwissenschaften, was ist – Gesellschaft?

Aus:Widerspruch - Münchner Zeitschrift für Philosophie Nr. 59

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