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Robert Schlosser

Über Ontologie und Kritik der Politischen Ökonomie

Aus Anlaß von Moishe Postones neuer Interpretation der Kritik der Politischen Ökonomie

Vorbemerkung

Als Beginn meiner Auseinandersetzung mit Postones Schrift erhaltet Ihr Thesen mit ein paar grundlegenden Gedanken über das Verhältnis von Ontologie und Kritik der Politischen Ökonomie. Es werden weitere Thesenpapiere in loser Folge folgen, in denen ich mich mit anderen Detailfragen beschäftige. Grundsätzlich mühe ich mich daran ab, Postones Grundanschauungen nachzuvollziehen, sie im Zusammenhang zu verstehen und von daher kritikfähig zu werden. Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich vorab sagen, daß ich Postones Schrift grundsätzlich als eine Streitschrift für den Kommunismus ansehe, und als Ex-Maoist sagen könnte, der Widerspruch zwischen mir und ihm gehört „zu den Widersprüchen im Volk“. Das soll die Art der Auseinandersetzung bestimmen, soweit sie öffentlich wird.

Die Kritik der „industriellen Produktionsweise“ ist ein wichtiger Teilaspekt der Kapitalkritik und notwendige Voraussetzung ihrer Überwindung. Für verfehlt halte ich dagegen den Platz, den Postone dieser Kritik im Rahmen einer zu leistenden Gesamtkritik des Kapitals zuweist. Das hängt zusammen mit seiner „Neuinterpretation“ des Marxschen Werkes, seinem Verständnis von Wert- und Kapitalkritik, in der die Zirkulationssphäre systematisch ausgeblendet wird, der „Wesenskern“ des Kapitals nicht mehr aus dem Verständnis der Einheit von unmittelbarer Produktion und Zirkulation heraus entwickelt wird. Seine Kritik am Wert wendet sich gegen alle diejenigen, die vermeintlich den Wert nur als eine Kategorie des Marktes betrachten. Tatsächlich präsentiert er uns eine Werttheorie, die ganz ohne Bezug auf die Zirkulation, den Markt auskommt. Gerade die Analyse und Kritik der Wertform, dieser zentralen Kategorie der Kritik der politischen Ökonomie weil Elementarform des kapitalistischen Reichtums, verlangt eine systematische, focussierende Bezugnahme auf den Austausch, die Zirkulation. Die Wertform kann nur aus dem Austausch abgeleitet werden. Hier ist der Ort ihrer Entstehung. Aber eine systematische Differenzierung des Wertbegriffs nach Wertsubstanz, Wertform und Wertgröße wird man bei Postone auch vergeblich suchen, zumindest im Kontext seiner „Neuinterpretation“ der Marschen Grundkategorien.

An vielen Stellen seines Werkes stellt sich die Frage, was er mit dem Begriff Wert hier meint, Wertsubstanz oder Wertform. An manchen Stellen bezeichnet er den Wert selbst als die Form, an anderen tut es schon der Begriff der abstrakten Arbeit. Wo Arbeit sich immer gleich selbst vermittelt, muß sie keine besondere von sich selbst verschiedene, verdinglichte Form (Geld) annehmen und muß dieser auch nicht weiter nachgegangen werden. Man muß aber genau wissen, was das Geld leistet, um zu begreifen, was an seine Stelle treten muß.

Die Auseinandersetzung mit Postones Positionen ist für mich auch erneut ein Prozeß der Selbstverständigung und Vergewisserung meines eigenen bisherigen Verständnisses der Kritik der Politischen Ökonomie.

Wie jede andere Gesellschaft auch, ist der Kapitalismus wesentlich nur zu verstehen als ein Reproduktionsprozess. So ist der kapitalistische Produktionsprozess als Ganzes betrachtet die Einheit von unmittelbarem Produktionsprozess und Zirkulationsprozess. Eine grundlegende und folgerichtige Kritik des Kapitals muß diesem Umstand Rechnung tragen, sonst wird sie einseitig, erzeugt Missverständnisse ohne Ende. Mehr noch, wird die grundlegende Kritik das Kapitals nicht als Kritik des Gesamtproduktionsprozesses als Einheit von unmittelbarer Produktion und Zirkulation entwickelt, dann kann auch nur eine verengte, bornierte Vorstellungen von den Aufgaben der Umgestaltung, der sozialen Revolution entstehen. Auch die kommunistische Gesellschaft kann nur als Reproduktionsprozess angedacht werden, daß heißt der unmittelbare Produktionsprozess des Kapitals muß umgestaltet werden zu gemeinschaftlicher Produktion und an die Stelle der Zirkulationssphäre des Kapital, an die Stelle des Marktes muß eine Verteilung treten, die nicht mehr auf dem Austausch von Äquivalenten beruht. An die Stelle der jetzigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die geprägt sind durch die Verwertung von Wert, die Mehrwertproduktion, müssen Produktions- und Verkehrsverhältnisse treten, die auf Gemeineigentum und bewusster, gemeinsamer Gestaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses beruhen und deren Zweck es ist, daß die frei assoziierte Individuen sich ihre eigene allgemeine Produktivkraft aneignen. An die Stelle des kapitalistischen Privateigentums mit Befehl und Gehorsam muß Gemeineigentum mit Kommunikation und gemeinsamer Entscheidung über die Produktion treten und an die Stelle des Geldes gesamtgesellschaftliche Kommunikation und gemeinsame Entscheidung über die Verteilung (auch der Produktionsmittel und der Arbeit). Das Geld durch gesamtgesellschaftliche Kommunikation und gemeinsame Entscheidung zu ersetzen ist die größte aller Herausfordungen bei der sozialen Emanzipation!

Der „reale Sozialismus“ mit seinem Zwangskollektivismus, seiner staatlich-zentralistischen Planung, hat uns einen gigantischen Scherbenhaufen hinterlassen. Zugrunde gegangen ist er an seinen Produktions- und Verkehrsverhältnissen selbst, an der Art der Gestaltung der gesellschaftlichen Reproduktion. Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß die Gestalter dieser Verhältnisse ursprünglich mit dem Anspruch angetreten sind, eben die Gesellschaft der frei assoziierten Produzenten ins Leben zu rufen. Diejenigen, die Anspruch auf soziale Emanzipation auch heute noch mit sich herumtragen, haben also einen gewaltigen Ballast auf ihren Schultern. Solange es KommunistInnen nicht gelingt, diesen Ballast, diesen Alp theoretisch zu bewältigen haben sie keine Chance, sich auf Dauer auch nur theoretisch zu behaupten. Ohne angemessene Rezeption der Kritik der Politischen Ökonomie kann die Bewältigung nicht gelingen.

Postones Beitrag ist für mich nicht fatal, weil er etwa anti-emanzipatorisch wäre, er ist fatal, weil er dazu angetan ist, den Blick auf den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zu verstellen, sowohl im Hinblick auf die Kritik des Kapitals, wie auch im Hinblick auf die zu eröffnende sozialrevolutionäre Perspektive.

I.

Die Kritik der Politischen Ökonomie durchzieht wie ein roter Faden die Abarbeitung am Doppelcharakter aller Erscheinungen der kapitalistischen Ökonomie. Grundlegend dabei sind:

In diesen grundlegenden, prozessierenden Widersprüchen, der auf dem Wert beruhenden Produktion, kommen zugleich wesentliche Momente der gesellschaftlichen Dynamik zum Ausdruck.

Bei den allgemeinen Kategorien Gebrauchswert, konkrete nützliche Arbeit, technisches Arbeitsmittel/Produktionsmittel handelt es sich bei Marx durchgängig um primär ontologische Kategorien, in denen Zusammenhänge gefasst werden sollen, die für alle bisherige menschliche Gesellschaft Gültigkeit beanspruchen. Der Kapitalismus muß auch als historisch-spezifische Produktionsweise elementare Grundbedingungen menschlicher Existenz erfüllen, und er wird auch erst dann verschwinden, erfolgreich abgeschafft werden können, wenn er sein Entwicklungspotential erschöpft hat und diese Grundbedingungen nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt erfüllen kann, also die Reproduktion der Masse der Menschen praktisch durch Krise der Verwertung in Frage gestellt ist. Der Kapitalismus ist erst dann in Frage gestellt, wenn die Verwertung von Wert nicht mehr funktioniert. Wenn die Verwertung von Wert nicht mehr funktioniert, verliert der Kapitalismus zugleich seine Fähigkeit grundlegende Erfordernisse der menschlichen Reproduktion zu erfüllen. Solange er diese Erfordernisse, wenn auch in den oft unerträglichen Formen der Lohnarbeit, erfüllen kann, wird es keine erfolgreiche soziale Revolution geben. Daraus folgt nicht, daß der Inhalt der sozialen Revolution durch Bezugnahme auf schon immer vorhandene menschliche Grundbedürfnisse und Fähigkeiten, sozusagen ontologisch, gewonnen werden könnte. Der Inhalt der sozialen Revolution kann nur gewonnen werden aus der Kritik der historisch-spezifischen Form der kapitalistischen Vergesellschaftung, durch die Entwicklung radikaler Bedürfnisse und neuer Fähigkeiten, die erst ermöglicht werden durch einen Entwicklungsstand der Produktivkräfte auf dem Niveau eines vollständig entwickelten Kapitalismus. Die Widergewinnung der elementaren Bedingungen für menschliche Existenz verlangt dann neue, kommunistische Produktions- und Verkehrsverhältnisse.

Schaut man sich einen einzelnen Gebrauchswert, eine einzelne konkrete Arbeit, ein einzelnes technisches Arbeitsmittel an, dann sind diese oft ganz einer historisch-spezifischen Gesellschaftsformation zugeordnet. Z. B., Die römische Sklavenhaltergesellschaft konnte kein Auto produzieren, die konkrete Arbeit etwa eines Energie-Anlagen-Elektronikers kam nicht vor und computergesteuerte Werkzeugmaschinen ebenfalls nicht. All dies gehört eindeutig dem Kapitalismus an, ist also von historisch-spezifischer Qualität. Die Frage ist aber nun, macht das Kapital das Auto, den Computer etc. oder machen Auto, Computer etc. das Kapital. Dahinter steckt die Frage nach dem Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Die Traditionsmarxistische Antwort ist klar: Nicht der einzelne Gebrauchsgegenstand, die einzelne Arbeit oder das einzelne Produktionsinstrument bringen das Kapital hervor, wohl aber der in der Summe dieser Dinge zum Ausdruck kommende Entwicklungsstand der Produktivkraft menschlicher Arbeit. Hier wieder das gleiche, denken wir an einen bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte, dann gehört dieser ganz einer historisch-spezifischen Gesellschaftsformation an. Benutzen wird den Begriff der Produktivkräfte allgemein, so haben wir es wieder mit einer ontologischen Kategorie zu tun, der für die ganze menschliche Geschichte Gültigkeit beansprucht.

Wenn man den Begriff der „konkreten Arbeit“ allgemein benutzt, nicht mit Bezug auf eine spezielle, einzelne Arbeit, sondern mit Bezug auf die Summer aller konkreten Arbeiten, dann ist er deckungsgleich mit dem Begriff der abstrakten Arbeit oder menschlichen Arbeit schlechthin. Folgen wir Postone, dann gibt es nur ein entweder oder: entweder diese Kategorie ist gesellschaftlich bestimmt oder physiologisch und damit natürlich ontologisch. Beides kann seiner Meinung nicht sein. Und weil Marx eben eine Kritik des Kapitals, der „Moderne“(???) geschrieben habe, würden alle ontologischen Bezüge der Mystifikation des Kapitals Vorschub leisten, indem es als ewiges Naturverhältnis erscheinen müsse.

Meiner Meinung nach kann aber das historisch-spezifische des Kapitals überhaupt nicht als solches sozusagen monologisch entwickelt werden. Das historisch-spezifische des Kapitals kann überhaupt nur im Dialog mit der Ontologie des gesellschaftlichen Seins der Menschen begriffen werden. Es bedarf der Abgrenzung, der ständigen Spannung zwischen diesen beiden Polen mit denen wir es in jeder Gesellschaftsformation, auch der des Kapitalismus, zu tun haben. Die Kritik der Politischen Ökonomie ist geprägt von dieser Spannung., die Postone mit seiner Neuinterpretation gern aus der Kritik der Politischen Ökonomie verbannen möchte, in dem er die „Basiskategorien“ „rein entwickeln“ will.

Die Kritik der Politischen Ökonomie konnte aber überhaupt erst Gestalt annehmen, nach dem sich Marx und Engels über ihre historisch-materialischen Grundanschauungen verständigt hatten. Der darin gewonnene „Begriffsapparat“ blieb in der Kritik der Politischen Ökonomie erhalten und wurde weiterentwickelt.

Der Kategorie der „abstrakten Arbeit“ kommt bei diesem Spannungsverhältnis von Ontologie und historisch-spezifischer Gesellschaftsformation eine Schlüsselrolle zu. Sie drückt zugleich eine uralte Beziehung aus und wird doch erst praktisch wahr in der modernen bürgerlichen Gesellschaft. (vergl. Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie in den Grundrissen.)

Postone sagt, entweder oder, entweder physiologische Kategorie oder gesellschaftliche. Beides geht nicht. Wieso eigentlich nicht? Ich flüchte erst einmal in ein Beispiel:

Keine Frage, daß die Begriffe Mann und Frau, sowohl eine (uralte) biologische, wie auch eine historisch-spezifische gesellschaftliche Bedeutung haben. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind sowohl gesellschaftlich (Patriarchat) als auch natürlich bestimmt. Die natürlichen Unterschiede von Mann und Frau erklären nicht das soziale Verhältnis des Patriarchats, aber sie erlangen im Patriarchat gesellschaftliche Bedeutung. Die Gebärfähigkeit der Frau z.B. erklärt nicht die gesellschaftlichen Einschränkungen, denen Frauen unterworfen sind, aber diese Einschränkungen werden u.a. mit Bezugnahme auf diese Gebärfähigkeit gerechtfertigt.

Die produktiven Fähigkeiten des Menschen, sein lebendiges Arbeitsvermögen wie dessen Betätigung gehören zu seinen natürlichen Begabungen, sind physiologisch bestimmt. Die Anwendung, Nutzung dieses Arbeitsvermögens geschieht unter ganz bestimmten gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, hängen also von konkreten gesellschaftlichen Beziehung ab, die die Individuen bei der Reproduktion ihres Lebens eingehen. Daß menschliche Arbeit Werte schafft und Wertform (bis hin zum Geld) annimmt, liegt nicht an der Arbeit selbst, sondern an den Produktionsverhältnisse unter denen sie verausgabt wird. In der Wertform nimmt eine „Naturkraft“ gesellschaftliche Form an. Dies widerfährt übrigens nicht nur der Betätigung des menschlichen Arbeitsvermögens, sondern auch der Produktivkraft „Boden“, wenn seine unterschiedliche Fruchtbarkeit sich in Differenzialrente niederschlägt. (vergl. Kapital Bd. III) Und eigentlich geschieht es mit jedem Stückchen bearbeiteter Natur, das Ware wird. Eigentlich müßte Postone auch hier ausrufen: eins geht nur, entweder nützlicher Gebrauchsgegenstand oder Wert, beides geht nicht. Hier rettet er sich dadurch, daß er den Gebrauchswert auch in seiner allgemeinen Bedeutung als historisch-spezifische gesellschaftliche und nicht als ontologische Kategorie interpretiert.

Ganz allgemein lässt sich sagen, daß die Natur Objekt der „Inwertsetzung“ ist und das Natur nicht aufhört Natur zu sein, nur weil sie in Wert gesetzt ist. Mit dem Widerspruch haben wir es in Ökonomie und Ökologie zu tun und die Kritik der Politischen Ökonomie muß diesem Spannungsverhältnis Rechnung tragen, will sie nicht in blutleeren Abstraktionen erstarren.

Abschließend hierzu : Abstrakte Arbeit ist nicht spezifische gesellschaftliche Form der Arbeit im Kapitalismus, sondern zunächst bestimmt als formlose Substanz des Wertes. Der Begriff der abstrakten Arbeit hat gerade das absehen von jeder spezifischen Form der Arbeit zum Inhalt. Abstrakte Arbeit als Form ist ein Widerspruch in sich. Sie nimmt Gestalt an gerade nicht als Form von Arbeit, sondern als Form von Wert, Wertform, letztlich Geld.

Die abstrakte Arbeit nimmt die Wertform nicht in der Produktion an sondern im Austausch. Schon die elementare Wertform setzt mindestens das Verhältnis einer Ware zu einer andern voraus, ein Verhältnis, daß so nur im Austausch und nicht in der Produktion zustande kommen kann. Wertform ist nur ein anderer Ausdruck für Tauschwert, dessen verselbständigter Ausdruck das Geld ist.

Geld ist spezifische Form der abstrakten Arbeit. Das die abstrakte Arbeit nicht unvermittelt erscheint, also solche formlos ist, sondern uns nur in der verdinglichten Form des Geldes begegnet, das ist eine wesentliche Besonderheit und zugleich ein schwer zu durchschauendes Rätsel des Wertverhältnisses. Der Versuch einer Rekonstruktion der Werttheorie (noch nicht Kapitaltheorie! wozu später mehr), die diesen besondern Zusammenhang zwischen abstrakter Arbeit und Geld, zwischen Wertform und Austausch nicht herausstreicht, gilt für mich als von vornherein gescheitert.

Exkurs: Michael Heinrich („Die Wissenschaft vom Wert“) und Postone

Die Wertformableitung bei Heinrich ist grundsätzlich richtig, aber er behandelt die einzelne Ware nicht als kapitalistische Ware in seinem Feldzug gegen die Wertsubstanz, gegen die „abstrakte Arbeit“ als Äußerung einer Naturkraft, die gesellschaftliche Eigenschaften erhält.

Die Zirkulationsformel des Kapitals heißt G-W-G’. Während Marx bei seiner Analyse der Ware immer schon unterstellt, daß ihr Erzeugung Geld gekostet hat, sie also Träger von Wert (in einer vorausgegangenen Periode realisiertem Wert) ist, ist davon bei Heinrich nicht die Rede. Die einzelne Ware ist bei ihm nur noch Gebrauchswert, weil der Wert an ihr nicht erscheinen kann. Tatsächlich kann der Wert nicht an ihr erscheinen, sondern nur in ihrem Verhältnis zu einer anderen Ware, bzw. allen anderen Waren, also im Austausch. Der Umkehrschluss, daß sie deshalb, weil sie als solche keine Wertgegenständlichkeit besitzt, kein Träger von Wert ist, ist jedoch falsch.

Wertgegenständlichkeit ist eine gesellschaftliche Eigenschaft, die sich im Geld sozusagen materialisiert. Das Geld ist die gesellschaftliche Form der abstrakten Arbeit, ihr gegenständlicher Ausdruck. Eine Ware, deren Produktion Geld gekostet hat, ist also auch die Verkörperung einer bestimmten Menge von abstrakter Arbeit, die in der Vergangenheit verausgabt wurde. Das eine einzelne Ware Verkörperung vorausgegangener abstrakter Arbeit und damit Träger von Wert ist, einer bestimmten Wertgröße, merkt der Produzent resp. Eigentümer dieser Ware spätestens, wenn er diese Ware nicht verkaufen kann. Dann hat er nämlich in doppeltem Sinne Verlust erlitten, er kann den zugesetzten Neuwert nicht realisieren und er kann den in der Ware enthaltenen Altwert nicht realisieren.

Was den Neuwert anbetrifft, so kann man natürlich sagen, das ist überhaupt kein Wert gewesen, weil die Arbeitsproduktivität zu stark unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt gelegen hat. Der Altwert aber war ja bereits realisierter Wert, Geld das der Produzent aus dem Verkauf von Waren erlöst und besessen hat, und das eine bestimmte Wertgröße repräsentiert. (Geld, das aus dem Verkauf von Waren stammt, ist immer realisierter Wert!

Der Begriff der Wertrealisierung, die Unterscheiden zwischen der Produktion des Werts und seiner Realisierung, macht bei Heinrich überhaupt keinen Sinn mehr, weshalb er damit auch auf Kriegsfuß steht!) Dieser Wert kann jetzt nicht erhalten werden, er wird vernichtet. Eine solche Wertvernichtung, Entwertung, kann aber bei Heinrich überhaupt nicht passieren, weil die Wertgröße bei ihm überhaupt nur in Betracht kommt beim Übergang von W zu G’. Die Metamorphose von G zu W wird bei ihm ausgeblendet Seine Analyse der Ware ist die Analyse einer Ware, deren Produktion kein Geld gekostet hat, also einer nicht kapitalistisch erzeugten Ware.

Gerade eine „monetäre Werttheorie“ verlangt das Festhalten am Marxschen Begriff der Wertsubstanz. Sonst macht auch der ganze Begriff der Verwertung von Wert keinen Sinn mehr, der unterstellt, daß der Wert Ausgangs- und Endpunkt der Kapitalreproduktion ist. Um sich verwerten zu können und indem er sich verwertet, muß der Wert, nämlich eine gestimmte Größe desselben, sich erhalten. Innerhalb seiner Metamorphose unterstellt das, daß die einzelne Ware Träger von Wert wird. Eine monetäre Werttheorie, die das nicht berücksichtigt, kann kein integraler Bestandteil der Kapitalkritik mehr sein.

Man wird sehen, daß Heinrich Ausführungen zur einzelnen Ware, seine Ablehnung eines „substantialistischen Wertbegriffs“, weitreichende Auswirkungen auf seine Kapitalkritik hat (vor allem die Akkumulationstheorie und die damit verbundene Theorie vom Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate hat, sowie Krisen- und Zusammenbruchstheorie). Seine Ablehnung eines „naturalistischen Arbeitsbegriffs“ als Wertsubstanz, seine Vorstellung davon, daß „abstrakte Arbeit“ nicht zugleich „naturalistisch“ und gesellschaftlich bestimmt sein kann, sein Unverständnis dafür, daß im Geld eine Naturkraft eine historisch-spezifische gesellschaftlich Form annimmt, verbindet ihn mit Postone. Seine Ausführungen zur Wertform und zum Geld und seine Focussierung auf den Austausch, das unterscheidet ihn von Postone.

II

Was ja unseren „Wertkritikern“ und Rekonstrukteuren von Basiskategorien in ihrer Reinheit allenthalben abhanden gekommen ist, das sind die folgenden grundlegenden Fragestellungen:

Alle diese Begriffe verweisen auf etwas zugrunde liegendes anderes, eine Substanz die geformt wird, etwas konkretes von dem abstrahiert wird etc..

In der Ware wird Naturstoff zu einem Gegenstand, der ein beliebiges menschliches Bedürfnis befriedigt und dieser Gebrauchsgegenstand erhält zugleich eine spezifische gesellschaftliche Form.

In der Verdinglichung erhalten zugrunde liegende soziale Beziehung, die Menschen bei der Reproduktion ihres Lebens eingehen, eine (wert-)gegenständliche Form und treten ihnen als solche sinnlich fassbar und als fremde, beherrschende Mächte gegenüber. Wert und Kapital sind Ausdrücke für die verdinglichte Hülle, die sich über zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse (unabhängig von einander verausgabte Privatarbeiten, Ausschluss der großen Mehr vom Besitz an Produktionsmitteln, Kommando der Produktionsmittelbesitzer und ihre Offizieren und Unteroffiziere über fremde Arbeitskraft) stülpt.

Das aller menschlichen Gesellschaft gemeinsame erhält eine spezifische Form, hier und heute Wert- und Kapitalform. Die Beziehungen, die Menschen bei der Reproduktion ihres Lebens eingehen (welche bitte schön sind das? Schweigen im Walde der Wertkritik, weil Produktionsverhältnisse bei Ihnen nicht vorkommen, es sei denn wieder in der erst aus ihnen abzuleitenden Form der Abstraktionen Wert und manchmal sogar Kapital!) werden verdinglicht, Das Konkrete wird mit dem Abstrakten konfrontiert, was nicht mehr bloß gedankliche Abstraktion bedeutet, sondern reale Abstraktion, die Gestalt annimmt, gegenständlich wird.

Das Begreifen dieser historisch besonderen Form, die Herausarbeitung der Besonderheiten, verlangt den Bezug auf das Ontologische, kann ohne diesen Bezug nicht gelingen bzw. erschöpft sich in der ständigen Widerholung des Hinweises darauf, das die Formen historisch-spezifisch seien und eben nicht allgemein und unvergänglich. Eine wichtige Erkenntnis, in der sich aber die Kritik der Politischen Ökonomie nicht erschöpft und nicht erschöpfen kann!

Die Kritik der Politischen Ökonomie kommt ohne Begriffe, die das ontologische, natürliche, konkrete erfassen überhaupt nicht aus. Die Kategorien „in ihrer Reinheit“ erklären nichts, sondern sind blutleere Abstraktionen, hinter denen die menschliche Gesellschaft, die Subjekte verschwinden oder aber selbst wieder nur als Abstraktionen gefasst sind. Von daher muß auch alles systematisch ausgeblendet werden, was diese Subjekte als Individuen so treiben und nicht unmittelbar aus den Kategorien „in ihrer Reinheit“ ableitbar ist.

Der Wert wird nicht nur zur Form von Natur, er bricht sich auch an bestimmten natürlichen Schranken, z.B. die absolute Mehrwertproduktion. Zum Überleben muß mensch nicht nur ein Minimum an Nahrung aufnehmen, was Zeit und Aktivität in Anspruch nimmt, mensch muß auch eine bestimmte Anzahl Stunden schlafen. Das viele Menschen nachts arbeiten müssen und tags über schlafen, ist ganz typisch für den Kapitalismus, aber daß sie schlafen müssen mit Sicherheit nicht.

Wenn wir die Nachtarbeit kritisieren und abschaffen wollen, dann geschieht die Kritik an dieser extremen Art von Mehrwertproduktion unter Bezugnahme darauf, daß sie gesundheitsschädlich ist, soziale Beziehungen und den Körper ruinieren (Biorhythmus). Wie soll man diese historisch-spezifische Form der Mehrwertproduktion kennzeichnen und kritisieren, ohne Bezugnahme auf die Natur des Menschen? Wie soll man das asoziale dieser Art der Mehrwertproduktion fassen, ohne ontologische Kategorien zu benutzen?

Die menschliche Arbeitskraft ist ein Stück Natur, natürliches Vermögen der Menschen. Im Kapitalismus nimmt dieses natürliche Vermögen die Form einer Ware an, Ware Arbeitskraft und wird entsprechend ausgebildet und zugerichtet. Man kann das historisch besondere der Ware Arbeitskraft nicht erfassen, ohne einen Begriff von der Arbeitskraft als natürlichem Vermögen zu haben. Der Begriff von der menschlichen Arbeitskraft als natürlichem Vermögen ist eben eine ontologische Kategorie. Die Arbeitskraft als Ware bleibt natürliches Vermögen, ein Stück Natur in bestimmter gesellschaftlicher Form.

Nein, man muß nur möglichst oft sagen, daß die Herrschaft abstrakt sei, daß der Wert eben Mensch und Natur vernutzt ... usw. Der Gipfel der Erkenntnis ist immer, daß da etwas abstrakt, verdinglicht, entfremdet und somit historisch-spezifische gesellschaftliche Form ist. Damit habe ich das Übel beim Namen genannt und auch gleich benannt, was zu beseitigen ist, die abstrakte Herrschaft ... die Verdinglichung etc. pp. Was da verdinglicht ist, etc. interessiert eigentlich nicht mehr, und damit bleibt das soziale Grundübel der „modernen Gesellschaft“, aus dem sich abstrakte Herrschaft, Verdinglichung etc. ableiten, die kapitalistischen Produktionsverhältnisse als soziale Beziehungen der Individuen zueinander, ausgeblendet, nebulös! Die Verdinglichungen erscheinen ihnen bereits als die Beziehungen selbst und das Abstrakte ist immer auch gleich das Konkrete! Das Abstrakte (vor allem abstrakte Arbeit) ist aber nur in seiner Wertgegenständlichkeit konkret und steht in dieser Gegenständlichkeit den Menschen als sie beherrschende, fremde Macht gegenüber, auch wenn wir Unglücklichen diese besondere Art unserer Gesellschaftlichkeit in Gestalt des Geldes in der Tasche mit uns herumschleppen! Die verallgemeinerte Wertgegenständlichkeit unserer Arbeitsprodukte erwächst aus den Produktionsverhältnissen, also sozialen Beziehungen und wirkt auf sie zurück, wodurch sich die Produktionsverhältnisse reproduzieren. Die Menschen reproduzieren mit ihrer Arbeit nicht nur sich selbst sondern auch diese antagonistischen Produktionsverhältnisse, das Kapital. Mehr noch, sie können sich nur reproduzieren, indem sie das Kapital reproduzieren. Leisten sie das nicht, schafft ihre Lohnarbeit keinen Mehrwert, dann ist es auch mit ihrer eigenen Reproduktion Essig in dieser famosen „modernen Gesellschaft“.

III.

Weil den Menschen ihre eigene Gesellschaftlichkeit als gegenständliche, fremde Macht (Geld) gegenübertritt und als sie äußerer, abstrakter Sachzwang beherrscht (Markt) haben sie den Begriff von Gesellschaft, ihrer eigenen Gesellschaftlichkeit verloren, besser gesagt ist ihnen das grundlegende Verständnis für tatsächliche Reproduktionszusammenhänge abhanden gekommen. Sie können Gesellschaft nicht mehr als Ganzes denken, sind vereinzelte Einzelne und denken und handeln als solche. Jede Diskussion mit „Otto Normal“ zeigt mir, daß kein Verständnis grundlegender gesellschaftlicher Zusammenhänge da ist, das die Individuen ganz in der Planung ihrer individuellen Lebensentwürfe aufgehen, Gesellschaft nur als fremde, unfassbar abstrakte Macht empfinden, die ihnen vorgegeben, aufgezwungen ist, als ein Verhängnis über ihnen existiert und die sie nicht ändern können.

Mensch kann dieses grundlegende Verständnis nur wieder erlangen, durch Besinnung auf die Ontologie des gesellschaftlichen Seins. (ich relativiere also meine Aussage, wonach die Ontologie nicht der Bezugspunkt für soziale Emanzipation sein kann)

Gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge müssen als ontologische gedacht werden, um überhaupt wieder eine Vorstellung von Gesellschaft als Ganzem – in jedem einzelnen muß dieses Verständnis des gesellschaftlichen Ganzen vorhanden sein, um gesamtgesellschaftliche Reproduktion mit Willen und Bewußtsein der assoziierten Individuen gestalten zu können – nicht fremde Macht, als elementare Gesellschaftlichkeit der Menschen, zu besitzen. Das ist ganz wesentlich für die Kritik. Eine Gesellschaft ohne Geld und Markt wird nur vorstellbar über die Aneignung ontologischer Kategorien gesellschaftlicher Reproduktion, weil die neuen, anderen Formen jenseits des Kapitals ja nicht da sind. Das ontologische Verständnis von gesellschaftlicher Reproduktion, die Rückbesinnung auf Zusammenhänge, die in jeder menschlichen Gesellschaft hergestellt werden, ist sozusagen die Basis für modernes gesellschaftliches Bewußtsein überhaupt. Wer das nicht hat, kann eine gesellschaftliche Reproduktion jenseits des Kapitals nicht einmal im Ansatz richtig denken. Die Inhalte der sozialen Emanzipation können nur gefunden werden, aus der Kritik der historisch-besonderen Form der kapitalistischen Produktionsweise, aber dem muß ein ontologisches Verständnis gesellschaftlicher Reproduktion als Ganzem zu Grunde liegen. Mit der Kritik des Kapitals arbeitet Marx zugleich wesentliche Momente allgemein menschlicher, gesellschaftlicher Reproduktion heraus. Besonders eindrücklich geschieht dies in den Abschnitten über Arbeits- und Verwertungsprozess im Kapital 1 und in seiner Reproduktionstheorie in Kapital Bd 2.

Aus: trendonlinezeitung Juni 2004

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