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Gerhard Hanloser

Langweile und Klassenkampf

Langeweile ist konterrevolutionär, das wussten schon die Situationisten. Postones Werk zur Rekonstruktion des Marxismus ist genau dies: langweilig und nicht zuletzt deswegen auch ein wenig konterrevolutionär. Was die einen als kritische Methode der „immer wieder erneuerten Kreisbewegungen“ (Dahlmann) bezeichnen, nennen anderere schlichweg: redundant. Noch dazu wäre es besser, Marx selbst zu lesen, denn Postones „authentischer Marx“ ist bloß Postone selbst. Der will seinen Lesern verdeutlichen, daß jeder Bezug auf das Proletariat der Affirmation der Arbeit verhaftet bleibt, daß der traditionelle Marxismus die Selbstverwirklichung des Proletariats im Sozialismus angestrebt hat und daß es stattdessen um eine Kritik der Kategorie Arbeit selbst gehen muß. Schön und recht, das ist nicht wirklich neu und auch nicht wirklich richtig. Denn Postones traditioneller Marxismus ist ein Pappkamerad, und so geht der „Frontalangriff“ (Trenkle) mehr oder weniger ins Leere. Laut Postone verkündet der traditionelle Marxismus einen Sozialismus der „Verwirklichung des Proletariats“. Aber hatte nicht bereits George Lukacs, zweifelsfrei ein traditioneller Marxist, dem das Proletariat Subjekt-Objekt der Geschichte war, gemeint, es ginge um die Selbstkritik des Proletariats? „Das Proletariat vollendet sich erst, indem es sich aufhebt, indem es durch Zuendeführen des Klassenkampfes die klassenlose Gesellschaft zustande bringt“, schrieb dieser. Verwirklichen oder Aufheben – ein nicht ganz unbedeutender Unterschied... Natürlich gab es in der unseeligen Geschichte des Sozialismus, des Arbeiterbewegungsmarxismus und Stalinismus die Ontologisierung der Arbeit – auch bei Lukacs –, die Verherrlichung des Proletariats als positive Entität und das arbeitsgeile Monstrum nahmens Real-Soz, doch Postone kämpft gegen Windmühlen: diesen Prolet-Kult-Sozialismus gibt's nicht mehr und wo er sich gehalten hat, ist der schlichtweg lächerlich, er demontiert sich selbst, dafür bräuchte es nicht über 600 Seiten Papier.

Postone schreibt ein Buch als hätte es die Situationisten nicht gegeben, als hätte der Kampf der süditalienischen taylorisierten „Fabrikaffen“, wie sich ein schreibender Arbeiter selbst in kritischer Absicht bezeichnete, nicht stattgefunden. Ärgerlich und richtiggehend geschichtsvergessen ist, daß Postone Proletariat und Klassenkampf auch als negative und destruktive Kräfte in der Geschichte nicht kennen mag. Postone schließt dies über unhistorische wie autoritäre Setzungen aus. Seine Kritik der Arbeit muß die Arbeiter mittreffen, weil er Arbeit und Arbeiter wie die bürgerliche und gewerkschaftliche Vulgärökonomie als identisch behauptet. Es sind so auch keine Übersetzungsfehler, sondern der unklaren Begrifflichkeit Postones selbst geschuldet, wenn Standpunkt der Arbeit, Klassenstandpunkt, Arbeit und konkrete Arbeiter und Arbeiterinnen identitätslogisch ineinsgesetzt werden. Marx ganze Kritik zielte auf diesen Irrtum, besser gesagt, auf diese interessegeleitete Ideologie der politischen Ökonomen. In den Grundrissen hielt er schlicht fest: „Daß die Arbeit dem Kapital gegenüber als Subjekt erscheint, d.h. der Arbeiter nur in der Bestimmung der Arbeit, und diese ist nicht er selbst (!), müßte die Augen öffnen.“ Alles Augenöffnen hat nicht gebracht. Um zu erkennen, daß die Arbeit dem Kapital einverleibt und eine immanente Größe ist, die gleichzeitig eine Qual für die Arbeiterinnen und Arbeiter ist, dafür braucht man nicht einmal Marx: Wer selbst malochen gehen muß, wer mal die Nase in Industriesoziologie gesteckt hat oder mit der theoretischen wie praktischen Geschichte der Arbeiterklasse vertraut ist, weiss von diesem Zusammenhang und weiss auch, daß mit diesem Zusammenhang die einzig mögliche Hoffnung auf fundamentale Veränderung, also Zerstörung der kapitalistischen Gesellschaft, gegeben ist. Postone benutzt einen nicht wirklich spektakulären Trick, um über solche Passagen hinwegzugehen: er ignoriert sie einfach. Auch die Passagen aus dem Kapital, in denen Marx das Proletariat als die Klasse definiert „deren geschichtliche Berufung die Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise und die schließliche Abschaffung der Klassen ist“, werden einfach beflissentlich unter den Tisch gekehrt. Der Marx Postones ist ein klassenloser Marx, ein Marx ohne Proletariat – in Zeiten der postmodernen Textdekonstruktion mag dies durchaus möglich sein, doch Postone sieht sich wohl eher nicht als Dekonstruktivist.

Dabei wusste es Postone mal besser. Zusammen mit Helmut Reinicke stellte er Mitte der 70er Jahre Überlegungen über „Dialektik und Proletariat“ an: „Das Proletariat – als Klasse im allgemeinen – stellt eine historisch bestimmt Kategorie der Entfremdung dar und sollte nicht als Subjekt, sondern als Noch-nicht-Subjekt begriffen werden – das in dieser Form als entfremdetes Subjekt das Kapital konstituiert. Der Übergang von der Klasse an sich zur Klasse für sich heißt, daß indem das Kapital über den Haufen geworfen wird, auch die Weise der Arbeit abgeschafft wird, auch die Weise der Arbeit abgeschafft wird, die dem Kapital wesentlich ist: die proletarische Arbeit. Das ist die konkrete Bedeutung der Selbstabschaffung der Klasse.“ Die Selbstabschaffung der Arbeiter als arbeitende Klasse – die ganze Wahrheit des revolutionären Marxismus liegt in diesem Begriff beschlossen, warum sollte man sich durch ein nichtssagendes, 600 Seiten-Werk durchquälen, wenns der gleiche Autor schon mal besser wusste? Dahlmann irrt sich also ganz und gar, wenn er weihe- und würdevoll betont, man müsse sich „auf den Gegenstand in der gleichen Intensität einlassen“ wie Postone dies vorgegeben habe. Muß man eben nicht.

Wie konnte es zu einem solchen Erkenntnisverlust kommen? Der Erkenntnisverlust korrespondiert mit einem Erfahrungsverlust. Nicht nur für Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit auch für Moshe Postone gilt, daß der jeweilige Protagonist um so schlauer, sprich rebellischer war, je weiter man in seiner Biographie zurückgeht und je mehr man sich 1968 nähert – dem bisher letzten Aufstand gegen die kapitalistische Ordnung. In den antagonistischen Bewegungen nach 1968 musste der Zusammenhang von negativem Klassenbegriff, subversivem Klassenkampf und marxistischer Kritik gar nicht lang und breit begründet werden. Es war evident, daß die Arbeiterinnen und Arbeiter, für die sich die an Marx und Freud theoretisch sich bildenden Aktivistinnen und Aktivisten auch interessierten: eben die rebellischen, mit ihrer Bestimmung als variablem Kapital alles andere als einverstanden waren. Man lese nur Peter Paul Zahls Die Glücklichen. Postone selbst kennt diese Debatten, in seiner Frankfurter Zeit schrieb er in einer Zeitschrift, die sich „Autonomie – Materialien gegen die Fabrikgesellschaft“ nannte – und die genau von den Kämpfen zwischen Arbeitern und Arbeit berichtete. Postones Erkenntnis, daß radikale Kritik eine „Kritik der Arbeit“ zu leisten habe, ist weniger seiner bienenfleisigen Marxlektüre geschuldet, als dieser historischen Erfahrung, die er aber recht schnell – im Zuge eines Marsches durch Marx als Institution – zu ungunsten eines identitätslogischen und strukturalistischen Seminarmarxismus verdrängen musste.

Warum kritisiert Postone eigentlich den „Pessimismus“ der Kritische Theorie? Man weiss es nicht, aber man hat das Gefühl, daß ihm der existenzialistische Aufschrei des frühen Horkheimers, der gegen die komplett okkupierte Gesellschaft des „autoritären Staates“ die revolutionäre Tat hochhielt, nicht passt. Hier wird Postones Aufruf zur „immanenten Kritik“ zum Attentismus. Doch in den 30er und 40er Jahren war Existenzialismus, der Aufruf zur revolutionären Tat, die einzig richtige Postionen – umgesetzt allein von Marinus van der Lubbe und Georg Elser. Der „Pessimismus“ der Kritischen Theorie war viel eher in den 60er Jahren ein Problem und wurde bereits vom Frankfurter SDS-Aktivisten Hans-Jürgen Krahl einer adäquaten Kritik unterzogen. Im Gegensatz zum ressentimenthaften Adorno-Bashing der Kommune II, die dem „Großen Zampano der Wissenschaft“ bereits 1967 eine Absage erteilten, weil sie nur noch den Worten Maos lauschen wollte und im Gegensatz zu den so antisemitischen wie antiintellektuellen und proletkultigen K-Gruppen der 70er Jahre, versuchte sich Krahl an einer Reaktivierung der revolutionären Thesen der Kritischen Theorie und musste gegen die Revoltfurcht ebendieser in den 60ern polemisieren: „Adornos gesellschaftstheoretische Einsichten derzufolge das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie anzusehen sei, liess seine progressive Furcht vor einer faschistischen Stabilisierung des restaurierten Monopolkapitalismus in regressive Angst vor den Formen praktischen Widerstands gegen diese Tendenzen des Systems umschlagen.“

Hier ist das Problem angedeutet, daß Faschismuserfahrung bei Adorno wie bei Horkheimer, anders als bei Herbert Marcuse, in Konservativismus kippte. Postone geht erstaunlich lapidar mit der historischen Bedingtheit der Kritischen Theorie und ihrer Reflektion auf Auschwitz und den Faschismus um, er meint den „Pessimismus“ der Frankfurter in überhistorischen Kategorien verorten zu können. Aber auch auf der theorieimmanenten Ebene war Hans Jürgen Krahl schon weiter, sah er doch einen dringenden Bedarf, die Kritische Theorie zu überschreiten, da sie die kapitalistische Totalität nicht in ihrer „klassenantagonistischen Dualität“ wirklich begreifen konnte.

Genau hiermit hat Postone auch das geringst Problem. Der Antagonismus in der Ausbeutung ist ihm ein beliebiger Widerspruch und nicht der den Kapitalismus konstituierende. Sartre hatte ganz Recht, als er den strukturalistischen Marxismus eines Althusser als „die letzte Barriere, die das Bürgertum noch gegen Marx errichten kann“, bezeichnete. Diese Funktion hat nun Postone eingenommen. So eignet er sich eben bestens zum Alibi-Marxist all derer, die am Anfang des 21.Jahrhunderts, einer Zeit der brutalen Restauration des weltweiten Kapitalverhältnisses, nichts als wichtiger erachten, als an der „Möglichkeit einer zumindest gedanklichen Resititution des Bürgers auch unter den aktuellen Bedingungen“ (Dahlmann) festzuhalten – ganz für sich allein, als Vereinzelter im stillen Kämmerlein, immerhin mit einem 600 Seiten dicken Buch auf dem Schoß... Sollte man wirklich abermals die „Trauer um den Tod des bürgerlichen Individuums“ zelebrieren? Wäre es nicht lohnender, in Zeiten, in denen Klassenkampf und radikale Kritik der Arbeit praktisch von der Bühne verschwunden zu sein scheinen, an historische Phasen zu erinnern, in denen Klassenkampf, Revolte, Kritik des Alltagslebens und Kritik der Arbeit zusammenfielen? Nachts kann man dann immernoch einen aufregenden, bürgerlichen Bildungsroman des 19.Jahrhunderts – gerne auch 600 Seiten dick – verschlingen.

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