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Moishe Postone. Deutschland, die Linke und der Holocaust

Das Buch ist eine Sammlung von Beiträgen des amerikanischen Historikers und Philosophen Postone aus den 70er Jahren bis zur Gegenwart. Die Herausgeber betonen in ihrem Vorwort, daß die Texte Postones gegen “den Trend der Vergangenheitsentledigung” in der Bundesrepublik verstanden werden können. Sie mögen eine “Ermutigung sein, die kritische Reflexion über Normalität und Anormalität Deutschlands und seiner Vergangenheit wieder aufzunehmen”, da diese auch und gerade der deutschen Linken abhanden gekommen sei. (7) Der erste Teil des Buches enthält u. a. eine Kritik an der Politik der RAF, die ihre Existenzberechtigung nur aus der Gewalttätigkeit der Verhältnisse begründete habe (Text aus dem Jahre 1977), eine Analyse der Diskussionen zu Rainer Werner Fassbinders “Die Stadt, der Müll und der Tod” (1985) und einen Brief an die westdeutsche Linke (1993), in dem Postone auf das Bedürfnis dieser Linken eingeht, “eine normale Opposition in einem normalen Land zu sein” (11). Aus dem zweiten Teil sticht vor allem der bekannteste Text von Postone hervor, der neu bearbeitet wurde: “Antisemitismus und Nationalsozialismus” (Original 1979). Dieser Aufsatz gilt als prägend für Diskussionen über Antisemitismus in Deutschland. Der letzte Artikel ist eine überarbeitete Fassung eines 2003 gehaltenen Vortrages, in dem Postone die deutsche Linke dafür kritisiert, daß sie die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und den islamischen Tenor im Nahen Osten mit Wut und Verzweiflung der Täter zu erklären versuchen und diese Taten damit mehr oder minder explizit rechtfertigen. Postone ist ein streitbarer und äußerst kritischer Beobachter historischer und zeitgenössischer Diskurse. Seine Texte sind nicht nur eine intellektuelle Herausforderung, sondern auch ein wichtiger Beitrag zu aktuellen Diskussionen.

Aus: Zeitschrift für Politikwissenschaft N° 3 / 2006, S. 1056

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