ca ira-Logo

ça ira-Verlag

Patrick Hagen

Moishe Postone. Deutschland, die Linke und der Holocaust

In den Neunzigerjahren ist das Verhältnis zur deutschen Vergangenheit für die Linke zu einem entscheidenden Thema geworden. Auch Debatten über Israel und linken Antisemitismus führten zu einer tiefgehenden Spaltung. Besonders einflußreich in dieser Auseinandersetzung war der Text Nationalsozialismus und Antisemitismus von Moishe Postone. Postone, der in den siebziger und achtziger Jahren in Frankfurt gelebt und studiert hat und inzwischen an der Universität von Chicago lehrt, kritisiert darin die Geschichtsvergessenheit der deutschen Linken. Sie sei unfähig, die spezifische Besonderheit des Nationalsozialismus zu erkennen – die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Der Text erschien bereits 1979 in der Frankfurter Studentinnenzeitung ‘Diskus,‘ blieb aber wie andere Interventionen Postones zum Umgang der Linken mit der Vergangenheit lange nahezu unbeachtet. Erst in den neunziger Jahren waren größere Teile der Linken bereit, sich mit dieser Kritik auseinander zu setzen. Nun sind zahlreiche von Postones bisher schwer erhältlichen Schriften unter dem Titel Deutschland, die Linke und der Holocaust in einem Sammelband erschienen.

Die Beiträge beleuchten schlaglichtartig, was zu der derzeitigen Spaltung in der deutschen Linken geführt hat, und bestechen durch ihren kritischen aber solidarischen Blick. In einem offenen Brief an die deutsche Linke zeigt sich Postone “von Grund auf enttäuscht und verbittert” über das Desinteresse, das die Linke am Besuch von Helmut Kohl und Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg zeigte, auf dem auch SS-Mitglieder begraben sind. Dieses Ereignis war von der deutschen Linken nahezu unbeachtet geblieben, während sie zu einer großen Anti-Reagan-Demonstration in Hamburg mobilisierte. “Wenn Hunderttausende bereit sind, gegen den amerikanischen Imperialismus zu demonstrieren, und nur ein paar Hundert gegen die Rehabilitierung der Nazi-Vergangenheit, denke ich schon, daß der erste Anlaß instrumentalisiert worden ist”, schreibt Postone.

Seine Texte haben nicht an Aktualität verloren. Wenn Postone die Friedensbewegung von 1991 kritisiert, könnte er auch die Bewegung gegen den jüngsten Irakkrieg meinen, so ähnlich sind die Konfliktlinien. Wer die Wurzeln der gegenwärtigen Auseinandersetzungen innerhalb der Linken verstehen möchte, kommt an dem Band nicht vorbei. Ein guter Kaufgrund ist bereits der Grundlagentext Nationalsozialismus und Antisemitismus, der ansonsten in gedruckter Fassung nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Aus: Philtrat. Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Uni Köln
N° 70 (Januar/Februar 2006), S. 10

Trennmarker

Als  bild  downloaden