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Matthias Becker

Moishe Postone. Deutschland, die Linke und der Holocaust

Schon das zweite Buch von Moishe Postone, das in diesem Jahr erscheint. Diese Sammlung “politischer Interventionen” enthält verschiedene Zeitungsartikel und Interviews, auch aus der Zeit, als Postone noch in Frankfurt lebte und vehement den deutschen bewaffneten Antizionismus kritisierte. Später attackierte er die Ignoranz der Linken gegenüber den Normalisierungs- und Versöhnungsbestrebungen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, die in den achtziger Jahren mit Macht einsetzten. Diese Texte atmen durchaus den Geist ihrer Zeit. Nun war Postones Kritik am völkischen Antiimperialismus während der Flugzeugentführungen von Mogadischu und Entebbe eine recht einsame Stimme der Vernunft, heute sind die meisten seiner Positionen – zumindest in der veröffentlichten Meinung – mehrheitsfähig. Und auch die eingeforderte Hinwendung zur Vergangenheitspolitik hat die deutsche Linke mit Macht vollzogen.

Nach wie vor lesenswert ist Postones wichtigste Arbeit: der Aufsatz “Nationalsozialismus und Antisemitismus”, erstmals 1979 erschienen und nach der Wiedervereinigung ein richtungsweisender Text für die zögerliche Kritik am Antisemitismus. Postone selbst verstand ihn als “Gesprächsangebot an die deutsche Linke”. Er verknüpft Motive der reaktionären antimodernen Kritik zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Antisemitismus und erklärte beide systematisch aus dem Doppelcharakter der Ware als Gebrauchsgegenstand und Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, wie Marx es im Kapital beschreibt. Die antisemitische Bewegung eskalierte zur Shoah: Die Nazis versuchten, die abstrakte, “schlechte” Seite des Kapitalismus, seine Unberechenbarkeit und Krisenanfälligkeit, zu vernichten, um seine konkrete, “nützliche” behalten zu können. Ihre Untaten waren ihnen ein utopisches “antikapitalistisches” Projekt.

So brachte Postone das Selbstverständnis der Nazis auf den Begriff. Aber so genial diese ideologiekritische Skizze, so holzschnittartig und oberflächlich argumentiert Postone, wenn es um Gegenwärtiges geht. Sein aktuellster Text – über arabischen Antisemitismus nach dem 11. September und das Dilemma der Friedensbewegungen seitdem – scheitert an einer anderen Abstraktionsebene. Hier wird nur wiederholt, daß nicht alles, was sich als “antikapitalistische Revolte” versteht, auch fortschrittlich sein muß. Postones Kritik an der Antiglobalisierungsbewegung kommt ohne Beispiele oder Belege aus und ist nicht mehr als eine Meinungsäußerung, und auch seine Einschätzung der islamistischen Bewegung als “Gegenglobalisierung” ist, gelinde gesagt, zweifelhaft.

Insofern ist die kraftmeierische Forderung der Herausgeber nach “einem endgültigen und radikalen Bruch” mit antiimperialistischen Überbleibseln möglicherweise gut gemeint, bestimmt aber lassen sich in diesem Buch für einen Neubeginn keine Hinweise finden. Es hört da auf, wo es interessant wird.

Aus: Konkret N° 12 / 2005, S. 57

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