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Peter Ullrich

Rezension zu: Léon Poliakov, Vom Antizionismus zum Antisemitismus

Die Schrift von Léon Poliakov, die 1992 zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht wurde, ist ein Essay aus dem Jahr 1969. Sein Ausgangspunkt ist das Umschlagen der damaligen linken Stimmungslage, in deren Verlauf Israel vom Identifikations- zum Hassobjekt wurde. Poliakov nimmt dies zum Anlaß für einen Rückblick auf die vielfältigen Verquickungen von Antisemitismus und Antizionismus. Eine systematische und theoretisch überzeugende Aufklärung hat er nicht zu bieten, jedoch kann er für sich beanspruchen, schon frühzeitig auf die Relevanz dieser problematischen Verquickung hingewiesen zu haben. Zudem gibt er einen gut lesbaren Überblick zur Entwicklung von Antisemitismus und Antizionismus, insbesondere in der Sowjetunion. So beschreibt er die Auseinandersetzungen innerhalb der russischen Sozialdemokratie, in der es unterschiedliche Einschätzungen zum Zionismus und zur Frage der jüdischen kulturellen Autonomie gab. Er berichtet von Phasen nach der russischen Revolution, in denen die jüdischen Gemeinden kulturell prosperierten, und von Phasen der Judenverfolgung in der Sowjetunion, und zeigt, wie der heraufziehende großrussisch-nationalistisch grundierte Antisemitismus schließlich in den Schauprozessen gipfelte, die sich vordergründig gegen den Zionismus wandten – und doch konkret gegen Jüdinnen und Juden gerichtet waren. Insbesondere verweist Poliakov darauf, daß die in dieser Zeit herausgebildeten verschwörungstheoretischen Wahngebilde und -vorstellungen auch nach der Entstalinisierung und dem Ende der Prozesse gegen Titoismus, Kosmopolitismus und Zionismus nicht verschwanden, sondern immer wieder geschürt werden und hervorbrechen konnten. Kürzere Kapitel analysieren Antizionismus und Antisemitismus im arabischen Raum, unter Frankreichs Intellektuellen sowie während der antijüdischen Kampagne in Polen in den Jahren 1968/69.

Interessant ist das Buch auch wegen zweier zusätzlicher Texte. In einem Vorwort weist Detlev Claussen auf verschiedene Widersprüche und Unzulänglichkeiten des anekdotischen Vorgehens von Poliakov hin. Der Beitrag von Thomas Haury am Ende des Bandes gilt mittlerweile als ein Klassiker der Kritik des Antizionismus innerhalb der westdeutschen Linken. Er erklärt diesen als eine Denkform, die in einem Nationalismus von links, sekundärem Antisemitismus (Antisemitismus wegen Auschwitz) und insbesondere dem antiimperialistischen Weltbild wurzelt. Im Zusammentreffen der Abwehr einer angemessenen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und der Struktur dieses Weltbildes (das für große Teile der westdeutschen Linken, insbesondere K-Gruppen, prägend war) liegt eine brisante Mischung begründet. Die Strukturprinzipien dieses linken Weltbildes lägen in einer vereinfachenden Sicht auf «Herrschaft als Fremdherrschaft und Ausbeutung als fremde Machenschaft, in seinem binären Denken, [in der] unkritischen Identifizierung mit dem Volk, und schließlich in seiner Tendenz, Politik und Ökonomie zu personalisieren» (141). Haury konstatiert eine strukturelle Affinität zwischen Antiimperialismus und antisemitischem Weltbild, die in der Übertragung auf den Nahostkonflikt auch zu einer inhaltlichen Affinität würde (8 ff.). Dieses Konzept wurde später als «struktureller Antisemitismus» zu einem zentralen Topos der antideutschen Diskurse. Allerdings ist es dort immens ausgeweitet worden zu einem «Antisemitismus ohne Juden» (bei Linken, Nazis, Dschihadisten und anderen), während Haury in seiner Analyse eine klare Eingrenzung des Phänomens auf die Anhänger/ innen eines binären, streng antiimperialistischen Weltbildes vornimmt.

Aus:

Ders., Linke, Nahostkonflikt, Antisemitismus. Wegweiser durch eine Debatte, eine kommentierte Bibliographie. Hrsg: Von der Rosa Luxemburg-Stiftung, Berlin 2012, S. 9f.

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