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Alp Kayserilioglu

Rezension zu Georg Lukács, Verdinglichung, Marxismus, Geschichte

Es ist lobenswert, fast 90 Jahre nach dem Erscheinen von Lukács berühmter Aufsatzsammlung Geschichte und Klassenbewußtsein (GuK) einen Essayband zu diesem Werk herauszubringen, in dem auch zwei der ursprünglich acht Aufsätze aus GuK wieder abgedruckt sind. Selbstverständlich steht das Werk im Kontext seiner Zeit (1919 als Entscheidungsjahr zwischen Faschismus und Weltrevolution), trotzdem weist es über diese Zeitgebundenheit hinaus. Seine Bedeutung besteht in der Re-Aktualisierung des Marxismus als einer revolutionären Gcsellschaftstheorie und einer Verteidigung des dialektischen Denkens gegen das mechanistisch-deterministische und positivistische Denken, ohne dabei in den Idealismus Hegels zurückzufallen.

Lukács bietet kein en detail ausgearbeitetes System, stattdessen entwickelt er einige grundlegende Kategorien und Denkmodelle, deren Verständnis dadurch erschwert wird, daß sich in ihnen verschiedene Tendenzen durchkreuzen. Lukács selbst hat (im neuen Vorwort von 1967) diese “Tendenzen weitgehend verdeckt, eine bestimmte Lesart “sanktioniert” und gleichzeitig als Grund für die Verwerfung des ganzen Werks genannt. Ins Bewußtsein zu rufen sind daher zuerst die Tendenzen und ihre Bewertungen, wie sie Lukács selbst in seinem erst 1996 zugänglich gemachten Manuskript Chvostismus und Dialektik, einer Replik auf die Kritiken von Rudas und Deborin aus dem Jahre 1924 oder 1925, vorgenommen hat. In diesem Werk befinden sich, nebst einer Ausarbeitung seines Bezugs zu Lenin, eine Reihe von bemerkenswerten Ausführungen zur (Natur-) Dialektik, zum Begriff der Totalität oder zum Unterschied zwischen Hegelscher und Marxscher Dialektik; also gerade zu den Themen, die zu viel Diskussionen geführt haben.

Von all dem wollen weder Herausgeber noch Essayisten etwas wissen. Sie machen von vornherein klar, daß sie GuK nicht “für heute nutzbar ... machen”, also “aktualisieren” wollen. Unter dem Deckmantel einer sich radikal gebärdenden “rückhaltlosen Kritik” wird ein Zerrbild von GuK vermittelt, Lukács des Dogmatismus, des Gebrauchswertfetischismus, des regressiven “Wunsches nach Unmittelbarkeit in einer total vermittelten Gesellschaft” und (an einer Stelle sogar) der strukturellen Nähe zu Hitlers Mein Kampf bezichtigt. Gelobt werden die Ansätze eines bei Lukács nicht vorhandenen Theorems des Kapitals als Totalität, was verstanden wird als die Substanz, die Subjekt ist und als identisches Subjekt-Objekt die (kapitalistische) Geschichte konstituiert und das Phänomen der Verdinglichung erzeugt, von dem alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen betroffen sind. Mit diesem “einzigen strukturierenden Prinzip” reproduzieren die Herausgeber und Interpreten dann allerdings alle bahnbrechenden salti mortali der prä-kritischen Metaphysik.

Die Kritik an Lukács, die sich durch den gesamten Aufsatzband hindurchzieht, ist erstens der Vorwurf, daß Lukács im Gegensatz zu Marx das Verhältnis von Gebrauchswert und Wert als widersprüchliches Verhältnis fasse und den Wert als Abstraktion begreife, der “abstraktive” Folgen für das konkrete Feld der Gebrauchswerte zeitigt, wodurch ein Dualismus zwischen Qualität/Gebrauchswert/Materie und Quantität/Wert/Form entstehe. Das bringt zweitens die Eigentümlichkeit mit sich, daß Lukács bestimmte Arbeitsprozesse oder Formen der Arbeitsorganisationen mit dem Wert resp. der abstrakt-menschlichen Arbeit identifiziere, obwohl bei Marx der Wert doch nur die Form der gesellschaftlichen Vermittlung darstelle. Drittens werde so der Gebrauchswert, der dem Wert entgegensteht, zu einer transhistorischen Kategorie mit subversivem Potenzial. Schließlich begreife er das Proletariat als das einzige Subjekt, in dem noch unverdinglichte und ergo subversive Reste vorhanden seien, was aber inkonsistent sei, da von der Verdinglichung doch eigentlich niemand verschont bleibt.

Lukács fängt seinen Verdinglichungsessay zwar mit dem Begriff der Ware an; er entwickelt das Ganze der Gesellschaft aber nicht aus der Form der Ware heraus. Keinem der Essayisten fällt auf, daß Lukács im grundlegenden Teil zur Verdinglichung seine zentralen Begriffe aus der Produktion des relativen Mehrwerts, d.h. aus dem Prozeß der Subsumtion der Arbeit unter das Kapital herleitet, wie ihn Marx im ersten Band des Kapitals beschrieben hat. Keinem fällt auch auf, daß Lukács seine These der “Unerfaßbarkeit des Gebrauchswerts” in Marx' Analyse des Auseinanderfallens von Zirkulation der Waren als Gebrauchswerte und Akkumulations-Prozeß des Kapitals (aus dem zweiten Band des Kapitals) gründet, der Erklärung von Überproduktionskrisen und also nicht dem transhistorischen Charakter des Gebrauchswerts. Ähnlich könnte aufgezeigt werden, daß Lukács die selbstbewußt-revolutionäre Einheit des Proletariats gerade nicht voraussetzt, sondern deren Gegenteil: eine Zerstückelungl der Arbeiterklasse in eine Summe sich gegeneinander abgrenzender Partialinteressen, die erst durch lange ökonomische, politische und kulturelle Kämpfe zu einem einheitlichen Klasseninteresse zusammengeschmiedet werden.

Eine wirklich interessierte Diskussion um zentrale Begriffe und Denkmodelle der GuK läßt sich im besprochenen Aufsatzband nicht finden. Daß nur zwei der acht Essays und keines der wichtigen Vorworte abgedruckt sind und auch auf Chvostismus und Dialektik nicht eingegangen wird, in dem Lukács auf zentrale Begriffe und Konstellationen zurückkommt und verteidigt, läßt sich nur als Desinteresse an einer ernsthaften Auseinandersetzung deuten. Einige wenige Essays möchte ich freilich von dieser Kritik ausnehmen. Timothy Halls Essay etwa beleuchtet sachlich und abwägend die Einwände Adornos gegen GuK, die er in seiner Negativen Dialektik vorbringt. Der Essay von Fabian Kettner sticht insofern heraus, als er sich als einziger komplett gegen das Verdinglichungstheorem stellt, Leider beschränkt sich die Argumentation auf eine Rekonstruktion gewisser Themen der sog. “Neuen Marx-Lektüre”, die so dogmatisch daherkommt, wie es den Verteidigern des Verdinglichungstheorems oftmals vorgeworfen wird. Der Essay von Baumeister/Zwi/Negator ist originell und interessant. In ihm wird versucht, die Gemeinsamkeiten zwischen der Situationistischen Internationalen, vor allem Guy Debords Gesellschaft des Spektakels und Lukács' GuK herauszuarbeiten, Differenzen festzustellen, zu fragen, wo die Grenzen beider Ansätze liegen, und wie und ob man diese unterschiedlichen Herangehensweisen miteinander kombinieren könne. Leider krankt der Essay daran, daß der rote Faden in zahlreichen Nebenbemerkungen und nebensächlichen Diskussionen oft verloren geht.

Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie Nr. 57 (2013)

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