ca ira-Logo

ça ira-Verlag

Rüdiger Dannemann

Rezension zu Lukács: Verdinglichung, Marxismus, Geschichte

Hg. setzen sich mit ihrem Sammelband bewusst ab von primär historisch-philologischen Auseinandersetzungen mit Lukács’ bahnbrechender Studie über die Verdinglichung, die ja – um eine Formulierung des Schriftstellers Uwe Timm aufzunehmen – nicht zu den »Grotten­olmen« revolutionären Denkens zählt. Sie wollen Geschichte und Klassenbewußtsein, den »im­mer noch faszinierenden Text« (12) des L. der 20er Jahre, ganz ernst nehmen und würdigen, indem sie ihn einer erklärtermaßen »rückhaltlosen Kritik« unterziehen wollen (15). Damit grenzen sie sich ab von Versuchen, die Aktualität des Paradigmas aufzuzeigen oder mit den Mitteln gegenwärtig aktueller sozialphilosophischer Paradigmen zu reformulieren. Die Beiträge des Bd. sind sehr unterschiedlich, sie spiegeln, wenn auch keineswegs umfassend, immerhin andeutungsweise die Vielfalt der L.-Rezeption der letzten Jahre wider.

So monieren die Repräsentanten der sog. »situationistischen Spektakelkritik« die un­zu­reichende Einlassung auf den Diskurskontext einer historisch-genetischen Ontologie beim späten L. (455), während die Hg. behaupten, in den Spätschriften sei vom »scharfsinnigen Kri­ti­ker des orthodoxen Marxismus nur noch der orthodoxe Marxist übrig« geblieben (14). Ein Strang der angekündigten rückhaltlosen Auseinandersetzung ist die Kritik an L.s dialektischem Ansatz aus der Perspektive der neueren Marx-Forschung. L.s berühmte Untersuchung der Phä­­no­me­nologie der Verdinglichung, die vom Fetischkapitel des 1. Bd. des Kapital ausgeht, wird vor dem Hintergrund neuerer Kapital-Untersuchungen kritisch hinterfragt. Wie schon dereinst das Projekt Klassenanalyse oder neulich F.O. Wolf im Lukács-Jahrbuch 2012/13, werden die Verkürzungen von L.s Verständnis der Warenproduktion an den Pranger gestellt. F. Kettner (und ähnlich G. Scheit) kritisieren L. aus der Perspektive der Arbeiten von Backhaus, Reichelt u.a. L. habe nicht erkannt, daß die Wertformanalyse eine Kritik prämonetärer Werttheorien und keineswegs die Totalität der kapitalistischen Form gesellschaftlicher Synthesis darstelle (396); er habe seine Kritik der Verdinglichung lebensphilosophisch angereichert (382), indem er Marx’ Begriff der abstrakten Arbeit konkretistisch mit Formen entfremdeter Arbeit iden­ti­fizierte (402). Ein anderer Strang der Kritik wird durch inzwischen klassische Argu­men­ta­ti­ons­mu­ster der Kritischen Theorie munitioniert. So moniert D. Meier L.s historisches Denken als eine »Theodizee der Weltgeschichte«, der – nicht unerwartet – Benjamins Sicht auf die Geschichte als Schädelstätte des Geistes entgegengestellt wird. Es sei gerade diese Tendenz des Idealismus zu trösten und Sinn durch menschliches Leid zu stiften, die L. in seinem Hegel­marxismus unternehme und der Benjamin sich verweigert habe (300). St. Grigat, der schon vor Jahren fragte: Was bleibt von »GuK«?, skizziert ganz in diesem Geiste die Entwicklung von der falsch-positiven Dialektik L.s zur endlich »negativen« Dialektik Adornos. Er betont, das größte Problem bei »GuK« bestehe im behaupteten Erkenntnisprivileg des Proletariats, das L. kontrafaktisch nur mit seiner weberianischen Lehre vom »zugerechneten Klassenbewußtsein« habe stützen können (356). Das Scheitern von L.s allzu optimistischer Klassen­bewußt­seinstheorie habe spätestens die Erfahrung des Nationalsozialismus manifest gemacht, sie sei erst von Adorno/Horkheimer adäquat reflektiert worden, für die L. zwar als eine Art Stich­wortgeber fungierte, die aber im Angesicht der Katastrophe Dialektik neu, u.d.h. als negative bestimmten (361). Aus dem skizzierten Rahmen fallen vor allem drei Beiträge. G. Stapelfeldt bemüht sich darum, dem historischen Stellenwert von L.s inzwischen klassischen Studien zu einer undog­matischen marxistischen Dialektik gerecht zu werden. Von M. Postone, der ja offen bekundet, von L. gelernt zu haben und dessen Antisemitismus-Studie von Kettner als Ver­innerlichung der »Methode von L. und Sohn-Rethel« (394) gekennzeichnet wird, wird eine sensible Abwägung des theoretischen Gewinns von L.s Projekt vorgelegt, das er dann durchaus einer kritischen Sich­tung unterzieht und im Sinne einer die Bahnen des traditionellen Marxis­­mus hinter sich las­senden »kritischen Theorie des Kapitals« weiterentwickeln möchte. L. habe mit dem duali­stischen Basis-Überbau-Schema gebrochen und eigne sich mehr noch als Gramscis Ansatz auch als Ausgangspunkt für eine Analyse der modernen kapitalistischen kulturellen Formen (480). Auch er rezipiert L.s Analyse der Ware(nstruktur) nicht vorbehaltlos: L. habe die Ware nur im Hinblick auf ihre abstrakte Dimension verstanden, während Marx sie abstrakt und kon­kret zugleich analysiert habe. L.s Analyse verfalle darum einer Fetischform: sie naturalisiere die konkrete Dimension der Warenform (502). Sein Resümee betont gleich­wohl den Nutzen des Ansatzes von L.: »Marx mit Lukács neu zu durchdenken, er­möglicht eine kritische Theorie, die L.s Beschreibung des Kapitalismus und seiner Vorstellung von strin­genter kategorialer Ana­lyse gerecht zu werden vermag, und gleichzeitig seine traditio­na­li­stischen Voraussetzungen überwindet.« (507) Ähnlich umsichtig verfährt T. Hall, der ja erst kürzlich einen mit Erfolg um Differenziertheit bemühten Sammelband vorgelegt hat (vgl. Argument 297, 2012, 458ff). Hall zeichnet in der notwendigen Tiefenschärfe die Spuren nach, die L. in Adornos Negativer Dia­lek­tik nicht nur im Abschnitt »Objektivität und Ver­dinglichung« hinterlassen habe. Adornos Be­schäf­tigung mit und Kritik an L. durchziehe Ador­nos philosophisches Hauptwerk (306). Gegen die kurzschlüssigen und widersprüchlichen Vor­würfe von Idealismus und Roman­tisie­rung nimmt Hall L. in Schutz, indem er u.a. auf »Adornos offensichtliche Ambivalenz gegen­über dem Idealismus« (320) verweist und daran erinnert, daß die Romantik und ihre Kritik am Kapital eine Bewegung darstelle, die der Aufklärung innewohnt (321). Hall weist unter Be­rück­sichtigung des zu selten rezipierten Vortrags »Der Funktionswechsel des historischen Materialismus« nach, daß L. die Argumente, die immer wieder gegen seinen Ansatz vorgetra­gen werden, durchaus »geläufig« waren (321), legt aber auch Probleme von L.s Gegen­wartsanalyse und Idealismus-Kritik dar: L., obwohl sich der totalisierenden Tendenzen der Gegen­wart bewusst, habe sich nicht zu einer konse­quenten kritischen Reflexion »identitärer, d.h. idealistischer Kategorien« (326) durchringen können. Gegen L. entwickele Adorno eine Theorie sozialer Praxis, die »die Vorstellung reiner Produktivität als Basis moderner Subjektivität als an sich idealistisch« zurückweise (326). Auch Scheit bestätigt übrigens, das ganze Spätwerk Adornos sei durchzogen von einer unter­gründigen Polemik gegen den Verding­lichungsbegriff (471), eine Einsicht, die man im 2011 erschienenen Adorno-Handbuch vermißt. Der voluminöse Band macht zwei zentrale Texte aus Geschichte und Klassenbewußtsein (neben dem Verdinglichungsaufsatz ist der Essay »Was ist or­tho­doxer Marxismus?« abge­druckt, der die Methodenfrage ins Zentrum rückt) wieder zugänglich. Über den Sinn der Aus­wahl kann man natürlich streiten. Der Versuch, L.s Projekt, das Scheit mit einem »Schacht, durch den man die gewaltigen Schichten sozialdemokratischer und materialistischer Phrasen hinter sich lassen konnte«, vergleicht (460) und das die Hg. »in eine Geschichte der Kata­stro­phen und des Scheiterns der Emanzipation« seit dem Scheitern der Novemberrevolution ein­reihen (15), umfassend zu kritisieren, bleibt naturgemäß Stückwerk, bleiben doch wesentliche Richtungen der Rezeption, die immerhin mit Namen wie Ernst Bloch, Lucien Goldmann, Maurice Merleau-Ponty oder Jürgen Habermas verbunden sind, prak­tisch unbeachtet. Beim Versuch der Orthodoxie-Kritik (inkl. der eines orthodoxen Lukácsianismus, der – so Kettners Be­fürchtung (375ff) – die Kritik der Verdinglichung in eine Verdinglichung der Theorie transformiere) entsteht nicht selten der Eindruck einer neuen Marx-Orthodoxie, für die dann L.s Weber-Rezeption nur noch als anthropologischer Rückfall (so R. Fechner, 226) erscheint und die Versuche einer aktualisierenden Reformulierung im Umkreis der neueren Kritischen Theorie (Honneth, Stahl, Quadflieg, auch Selk) auf dem Altar der überkommenen negativen Dialektik geopfert werden. Dabei hat doch Postone schon 2003 festgestellt, der Versuch, Marx mit L. neu zu durchdenken, »könnte den Ausgangspunkt einer kritischen Theorie der kapita­li­sti­schen Ordnung zu Beginn des 21. Jahrhunderts bilden.« (507)

Aus: Das Argument 300 (2012), S. 926 f.

Trennmarker

Als  bild  downloaden