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Martin Kloke

“Der Antisemit nimmt dem Juden prinzipiell alles übel, auch das Gegenteil.”

“Was an vielen Argumentationen gegen Israel auffällt, ist eine eigentümliche Realitätsblindheit hinsichtlich des bestehenden Kriegszustandes. […] Die von arabischer Seite immer wieder geäußerten Drohungen, Israel total zu vernichten, werden so wenig real genommen, wie die pazifistische Welt von 1933 die in aller Unumwundenheit erklärten Kriegsabsichten Hitlers real nahm. In Wahrheit beruht ein gut Teil von dem, was man Israel vorwirft, ausschließlich auf dem Kriegszustand und auf diesen Drohungen, die mit einer leichten Geste beiseite zu schieben schuldhafte Verantwortungslosigkeit ist. So die vielgerügte ‘einseitige Bindung an den Westen’, die militärische Rüstung, das Besetzthalten der eroberten Gebiete bis zu einem Friedensschluß […]. Diese einzelnen Tatsachen aus ihrem Kontext zu lösen, ihre Ursache zu verschweigen und ihretwegen einseitig Israel zu bezichtigen, ist Demagogie.”

Beim Lesen dieser Zeilen des Philosophen Michael Landmann könnte man meinen, es handle sich um eine Abrechnung mit jener “Israelkritik”, die in unseren Tagen mit notorischer Selbstgewißheit den jüdischen Staat in die Paria-Rolle der Staatenwelt drängt. In Wirklichkeit hat der aus der Schweiz stammende und seinerzeit an der FU Berlin lehrende jüdische Sozialist Landmann diese Sätze bereits vor über 40 Jahren formuliert. 1969/70 sah sich die westdeutsche Bundesrepublik mit einer bis dato undenkbaren antizionistischen “Krawall- und Terrorwelle” konfrontiert. Allerdings waren die Täter keine ewig-gestrigen Rechtsradikale, sondern kamen aus der sog. Neuen Linken – jenen studentisch geprägten Aktivisten, die 1967 ihre kurzzeitigen proisraelischen Sentiments in noch kürzerer Zeit gegen einen hinterhältigen Antizionismus eingetauscht hatten. Landmanns 1971 erstmals veröffentlichte Streitschrift wider die ideologische Verwahrlosung nicht weniger APO-Aktivisten markiert neben ähnlich kritischen Essays von Jean Améry und Helmut Gollwitzer eine der ersten intellektuellen Einsprüche gegen die Israelfeindschaft linksdeutscher Provenienz.

Rückblickend muss ernüchtert festgestellt werden, dass Landmanns Kernthesen wenig bewirkt haben und insofern unvermindert aktuell geblieben sind. Progressive “Israelkritiker” lehnen beinahe jede israelische Grundposition und erst recht jede Selbstverteidigungsmaßnahme a priori ab, während sie palästinensische Terroraktionen geflissentlich ignorieren, verharmlosen oder relativieren, manchmal sogar begrüßen.

Einige deutsche Israel-Phobiker sehen keine Bigotterie darin, der sog. “Reichskristallnacht” zu gedenken oder Stolpersteine für ermordete Juden zu polieren und gleichzeitig das iranische Recht auf atomare Aufrüstung zu verteidigen oder israelische Produkte aus der Westbank unter der Hand zu boykottieren, genauer: sie zu “kennzeichnen”, um “informierte Kaufentscheidungen” zu ermöglichen.

Gleichwohl ändern die Fehler israelischer Regierungen – etwa in der teilweise religionspolitisch aufgeladenen Siedlungspolitik – nichts am grundsätzlichen Wahrheitsgehalt der simplen Tatsache: Die trotz israelischer Teilrückzugsversuche nunmehr seit 46 Jahren andauernde Besatzungspolitik ist ursächlich die logische Folge der arabischen resp. palästinensischen Weigerung, Israel als jüdischen und demokratischen Staat anzuerkennen – vor, während und nach dem Sechstagekrieg von 1967.

Mag es in der islamischen Welt der Gegenwart auch mutige, vom streng antizionistischen Kurs abweichende, Stimmen geben, so ist der arabische Mainstream nach wie vor von der vermeintlichen Illegitimität der Existenz Israels als jüdischer Staat überzeugt. Dieser unerbittliche Diskursrahmen würde sich selbst dann nicht ändern, wenn der Staat Israel sein Territorium auf den Strand von Tel Aviv beschränken würde.

Dennoch halten hierzulande viele Feuilletonisten und “Nahost-Experten” an der Überzeugung fest, die palästinensische Gesellschaft habe sich inzwischen mit der Existenz des jüdischen Staats abgefunden und strebe lediglich einen eigenen Staat an der Seite Israels an. Dieses Wunder soll an jenem Tag stattfinden, an dem die Israelis ihre Siedlungen im Westjordanland aufgeben und sich aus diesen Gebieten vollständig zurückziehen.

Die Faktenlage ist freilich nicht dazu geeignet, derartige Fata Morganas zu bestätigen. Bis heute zirkuliert nicht nur im von der Hamas beherrschten Gazastreifen, sondern auch innerhalb der palästinensischen Autonomiegebiete, in der die “gemäßigte” Fatah regiert, ein eliminatorischer Antisemitismus, den letztlich auch die politische und religiöse Führungsspitze duldet oder hinter vorgehaltener Hand gar teilt: Der ranghöchste Mufti der Autonomiebehörde, Muhammad Hussein, hat im Januar 2012 – am 47. Jahrestag der Fatah-Gründung, etwa zeitgleich zum Gedenken an die Wannseekonferenz vor 70 Jahren – eine Rede gehalten, in der offen zum Mord an allen Juden aufgerufen wird. Kein Geringerer als Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte Hussein 2006 zum obersten geistlichen Führer ernannt. (http://www.youtube.com/watch?v=kDoV8ZL9Xkc&feature=player_embedded) Von Protesten aus der palästinensischen “Zivilgesellschaft” oder von seiten der Autonomiebehörden gegen derartige Brandreden ist nichts bekannt.

Derweil ist auch das iranische Israel-Bild von fanatischen Vorstellungen geprägt. Ungeachtet der erfolgreichen Charme-Offensive gegenüber den USA und Europa, wie sie Ahmadinejad-Nachfolger Hassan Rohani betreibt, ist der jüdische Staat für Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei nach wie vor nichts anderes als ein “tollwütiger Hund”. Das “zionistische Regime” sei “zum Verschwinden verurteilt”, rief das geistliche Oberhaupt erst am 20. November 2013 vor etwa 50.000 Mitgliedern der Bassidsch-Miliz in Teheran aus (http://www.stern.de/news2/aktuell/scharfe-toene-aus-teheran-vor-neuem-treffen-im-atomstreit-2072501.html)

Umso verdienstvoller ist es, dass Jan Gerber und Anja Worm für die Hallenser “Materialien zur Aufklärung und Kritik” Michael Landmanns längst vergriffenes Buch nach über 40 Jahren neu herausgegeben und mit einer sowohl zeitgeschichtlichen wie gegenwartsrelevanten Kontextualisierung versehen haben. Henryk M. Broder deutet bereits im Titel seines Vorworts an, welche Hindernisse sich jedweden aufklärerischen Bemühungen entgegenstellen: “Der Antisemit nimmt dem Juden prinzipiell alles übel, auch das Gegenteil.”

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